Der Saal füllt sich langsam. Es sind nahezu hundert Menschen, die sich versammeln, um mehr über das Thema Kompostbestattung zu erfahrenn. Einiges weiß ich bereits, da ich das erste Mal vor ein paar Jahren auf einer deutschen Webseite davon gelesen habe. ‚Werde Erde’* heißt der Verein, der diese Bestattungsform in die Schweiz geholt hat. Wenn auch noch nicht in der Praxis, so hoffentlich bald.
Immerhin haben sich bereits einige Städte auf eine Kooperation eingelassen. Im Laufe des Vortrags – unterstützt von Texten und Bildern auf dem großen Monitor – erfahren wir, dass das Bestattungswesen in der Schweiz uneinheitlich, also kantonal, geregelt wird – wie so vieles. Mit all den dazugehörigen Vor- und Nachteilen. So obliegt es den einzelnen Kantonen, Bewilligungen für Bestattungsarten zu erteilen. Was flächendeckende Aufklärungsarbeit herausfordernd macht.
Zuerst aber erzählt uns Angela Denkinger, wie die Idee überhaupt in der Schweiz angekommen ist. Sie stellt den Verein vor und was bisher bereits unternommen wurde. Erst etwas mehr als 600 Mitglieder zähle der Verein, doch immerhin gehe es vorwärts und das Pilotprojekt stehe kurz vor seiner Umsetzung, wenn ich das richtig verstanden habe. Es brauche Daten und Erfahrungen, damit ein solches Projekt sich etablieren könne. Und es brauche, das sagt sie später beim Beantworten von Fragen, auch Proband*innen, damit das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen werden könne. (Herzlich schallendes Lachen im Saal.) Ähnlich sei es damals, bei der Einführung der Feuerbestattung ja auch gewesen, erklärt später einer, der für das örtliche Krematorium spricht.
In den USA, wo diese Bestattungsform vielerorts schon viel etablierter ist als in Europa, gibt es unterschiedliche Techniken, die eine Kompostbestattung ermöglichen. Auf Bildern sehen wir wabenförmige Gebilde, in denen in röhrenartigen Schubladen die Verstorbenen zu liegen kommen.

Bildquelle: https://hudsonvalleycountry.com/

Bildquelle: https://www.heatherwhite.com
Etwas 4-8 Wochen dauere der Kompostiervorgang, erfahren wir. Der ganze Körper wird mit dem Zusatz von Holzschnitzeln und anderem pflanzlichem Material bedeckt. Kohlenstoff, Stickstoff, Wasser Sauerstoff und Wärme sind es, die den Prozess ermöglichen. Die notwendige Temperatur des Kompostprozesses wird künstlich erzeugt, so kommt es weder zu Fäulnis- noch Schimmelprozessen. Es sind natürliche Mikroorganismen, die den Körper in Erde umwandeln. Künstliche Knochenteile oder Implantate werden ebenso wie die Knochen nach dem Prozess entfernt. Die Knochen werden gemahlen und der Komposterde wieder zugefügt. Die so entstandene Erde kann in der Schweiz nach Belieben eingesetzt werden.
Die Energiebilanz für Terramation ist weitaus geringer als bei Feuerbestattung und auch im Vergleich zur Erdbestattung sei die Umweltbelastung unter dem Strich besser. Außerdem bleibe der Erde die Biomasse der Verstorbenen erhalten. Kremation sei – überspitzt gesagt – Biomassenverschwendung. Schön sei es, dass aus der gewonnenen Erde etwas Neues wachsen könne, aus Asche jedoch nicht. Doch mit den ethischen und philosophischen Überlegungen müssen sich die einzelnen Menschen selbst auseinandersetzen. Der Verein will schlicht diese Möglichkeit der Bestattung einführen und etablieren.
In der Fragerunde werden Zukunfsbilder entwickelt und wie das Konzept konkret umgesetzt werden könnte. Dass zum Beispiel auch Bestattungsunternehmen eine eigene Terramationsanlage im Garten aufstellen könnten. Es wird oft gelacht. Terramateur könnte eine neue Berufsbezeichnung werden, meint ein älterer Herr. Und Terramateuse, ergänzte die Vortragende, was sie mir gleich noch sympathischer macht.
Es braucht neue Verabschiedungsrituale, sagt sie später, sinngemäß. Da der Abschiedsprozess länger dauert, kann entweder nach dem Tod oder erst zum Ende des Kompostiervorganges Abschied genommen werden. Die Möglichkeit, die neue Erde auf einem Friedhof auszubringen, wird ebenso diskutiert wie andere Möglichkeiten wie die Düngung von Brachland oder des eigenen Gartens.
Es ist eine spannende Vortrags- und Gesprächsrunde. Die meisten Menschen sind über 60, doch es hat auch jüngere. In meiner Ecke sind einige wie ich ohne Begleitung. Der Mann neben mir, von einem Stuhl zwischen uns unterbrochen, macht ebenfalls Notizen und legt seinen Block auch immer mal wieder ab, auf den Stuhl zwischen uns. Das finde ich witzig. Jedenfalls fühle ich mich wohl unter all den unbekannten Menschen.
Ich bin froh, dass die Vortragende ein Mikrofon benutzt. Die Frau, die den Abend eröffnete, hat keins benutzt und ich habe sie, trotz Hörgerät auf Maximum, kaum verstanden.
Später spaziere ich durch die Grabreihen und suche das Grab von L.s Mutter. Ich finde es nicht. Macht aber nichts. Allmählich spaziere ich zurück zum Auto. Es ist halb acht und die Stadt brummt nicht mehr so sehr wie vorher, als ich um vier Uhr geparkt habe. Auch die Hitze ist nicht mehr so drückend. Ich hatte mich am Nachmittag ein wenig treiben lassen, in der Altstadt ein paar Lieblingsläden von früher besucht, mir die Stadt, in der ich einst lebte, von außen angeguckt, mich weitertreiben lassen und habe schließlich im friedhofsnahen Park gepicknickt.
Schließlich fahre ich wieder nach Hause. Die Fenster weit offen; der so lebendige Geruch von Heu, von all den gemähten Wiesen, dringt zu mir, juckt in der Nase, tut mir trotzdem gut.
Leben und Tod, Wachsen und Ernte … all diese Kreisläufe, alles hängt zusammen. Alles ist Natur.
Mehr Infos:
https://werde-erde.ch
https://recompose.life
Weitere Infos in Medien:
https://werde-erde.ch/medien
https://www.blick.ch




























