Perfekt, aber bitte nicht zu sehr

Man sollte Texte schreiben, solange sie noch warm sind, solange sie unter den Nägeln brennen und im Hirn herumtaumeln. Man sollte nichts anderes tun, bevor man sie nicht vom Hirn auf den Tisch gekotzt hat. Man sollte Texten den Raum geben, den sie brauchen, wie Pflanzen, und sie nicht stutzen. Keine Textbonsais (außer das gehöre zum Textkonzept und sei Absicht, natürlich).  Aber bitte nicht diese doofe Reduktion auf notierte Stichwörter und in aller Schnelle beim Autofahren aufgenommene Nuschelsätze, die nachher kaum mehr Sinn ergeben oder bestenfalls noch eine Art Gerüst für die dahinter- und darunterliegenden Ideen sind. Man sollte immer aus dem Vollen schöpfen, wenn man einen Brunnen gefunden hat, und nie und nimmer an ihm vorbeilaufen. Man sollte innehalten, wo immer man von der Muse geküsst wird. Und jeden Kuss auskosten.

Ich habs verbummelt. Gestern. Auf der Autobahn wars. Irgendwo zwischen Colmar und Strasbourg auf dem Weg zum Liebsten. Angefangen hatte es mit dem Gedanken, wie unterschiedlich doch die Fahrstile sind. So unterschiedlich wie die Menschen. Ein Blogentwurf, mindestens drei Jahre als, fiel mir ein. Übertitelt mit Sag mir wie du fährst und ich sage dir wer du bist. Darunter seit Jahren ein leeres Feld. Vielleicht ein Stichwort oder zwei. Ein ungeschriebener Blogentwuf sozusagen. Einer von vielen. Gescheitert am Alltag, am schwarzen Loch in der Zeit, am Fluch verdampfter Motivation und an der Verflüchtigung einst konkreter Ideen. Nicht, dass ich solchen Eintagsfliegen allzu viel Gewicht beimessen würde, dennoch wurmt es mich zuweilen, anderen Dingen größere Prioritäten gegeben zu haben als der Muse. Ich will sie schließlich nicht vergraulen. Ich will sie locken und zum küssen einladen.

Gestern also, auf der Autobahn wars, hatte ich meinem iPhone einen einzigen Satz ins digitale Ohr geflüstert. Der perfekte Mensch. Ein Titel eher. Mehr nicht.

Heute erinnere ich mich knapp, dass ich die Idee hatte eine Kurzgeschichte über die Klonung des perfekten Menschen zu schreiben. Dachte nach, welche Schaften ihm eigen sein sollten, diesem Perfektling. Konkrete Sätze waren es. Witzig. Frech. Originell. Und heute? Knapp erinnere ich mich an ein paar Gedanken – ausgelöst durch rücksichtvolle und weniger rücksichtvolle Autofahrerinnen und -fahrer.

Das Profil des perfekten Menschen würde ich erstellen und dieses als Anforderungsprofil in einem Stelleninserat veröffentlichen, wer sich da wohl melden würde?

Rücksichtvoll sollte unser perfekter Mensch sein, aber um Gotteswillen nicht anbiedernd.
Gewissenhaft, aber um Gotteswillen nicht kleinlich.
Ehrlich, aber kein Moralapostel.
Gutherzig, aber nicht jemand, der sich von allen um den Finger wickeln lässt.
Sensibel, aber kein Mimöschen.
Klug, aber bitte kein Fachidiot.
Gefühlsintensiv, aber bitte nicht himmelhochjauchzendzutodebetrübt.
Umweltbewusst, aber bitte ohne Wollsocken und Birkenstocksandalen.
Humorvoll, aber keine Ulknudel.
Ironisch, aber nicht zynisch.
Etc.
Etc.
Etc.

Gibt es sie, die Frau? GIbt es ihn, diesen Mann?  Und: möchte ich so sein, so „perfekt“?

So leben wir alle umgeben von Klischees und Vorurteilen (wer unter euch ohne Vorurteile sei, werfe den ersten Stein. Aber bitte auf deinen Bildschirm, nicht auf meinen!).

Wie oft ertappe ich mich, wie ich grinse, wenn ich meine läppischen Vorurteile bestätigt sehe. Ha, ich wusste es, murmle ich, wenn ich ein Auto überholen, dessen Fahrerin sich, wie gedacht, als eher älter herausstellt. Ich dachte es mir. So zögerlich, wie die den Lastwagen überholt und gleich wieder zurück auf die rechte Spur gewechselt ist.
Dabei weiß ich gar nichts. Wir alle sind nicht nur schwarz-weiß, nicht nur so oder so. Wie sind alle sowohl-als auch-als-eh-noch-viel-mehr.

miezhochzweiMan kann, wie ich feststelle, abgekühlte Ideen auch aufwärmen. Bratpfanne, Holzofen, Mikrowelle ist der Muse zum Glück manchmal egal. Hauptsache wir tun es.

Gezeiten

Ich gehe. Meistens vorwärts. Manchmal rückwärts. Aufwärts. Abwärts. Und ich gehe manchmal auch im Kreis. Aber immer im Stechschritt gehe ich. Immer schnell. Einzig, als ich krank war – zwei Monate lang – da ging ich langsam. Langsam und bewusst. Weil ich nicht anders konnte. Keine Kraft für Eile. Doch jetzt, jetzt gehe ich wieder schnell.

Schließlich bin ich wieder gesund. Wie krank ist das denn?

schräge Welt

Gezeiten, dachte ich gestern beim Spazieren. Immer das eine oder andere. Eben hatte ich Flut. Die letzten zwei Wochen galt es, ein paar zeitaufwändige Aufträge für eilige Kunden (männlich) zu erledigen. Keine Zeit für Kreativität. Dafür Aufträge, die mir viel Freude gemacht haben. Inhaltlich zum einen – aber auch, weil ich weiß, dass ich gut arbeite und meine Kunden zufrieden sein werden. Das, was ich kann, können sie nicht so gut wie ich. Ich verkaufe ihnen mein Talent, mein Gespür, mein Können für Texte. Zu andern Zeiten kaufe ich bei andern das, was ich nicht gut kann. Leben ist Austausch. Ist Fließen. Nun hat mein Geschäft wieder Ebbe. Ich atme aus. Nehme mir Zeit für meinen eigenen Dinge. Für kreative Dinge. Für meine Manuskripte. Für mein Blog. Für Besuche. Für Mails.

Flut am einen Ende meines Meeres  heisst Ebbe am andern.

Kleiner Glaubenskrieg am Spieltisch

Spät wars geworden, doch die Spielrunde so spannend, dass an ein Aufhören nicht zu denken war. Gemeinsam hatten wir vorher ein wunderbares Konzert mit Büne Hubers experimenteller Zweitband IMG_6838Meccano Destructif Commando genossen. Nun saßen wir zu viert an meinen Esstisch und spielten Wizard. Ein verflixt magisches Kartenspiel, dass dem Schweizer Jass Differenzeler ziemlich ähnlich ist. Nicht die Kartenwerte, sondern die Stiche zählen, die erreicht werden. Oder besser gesagt, kommt es darauf an, wie genau ich meine Stiche vorausgesagt habe. Für Freundin M. und mich, die wir als Schweizerinnen mit den Jassregeln groß geworden sind, diese sozusagen mit der Muttermilch aufgenommen haben, waren gewisse Regeln keiner Diskussion und Erklärung wert. Farbe bekennen – ja klar, immer! Außer wenn man einen Trumpf hat. Denn – wie beim Jass – kann selbstverständlich ein Trumpf jederzeit ausgespielt werden. Logisch! Und natürlich darf mit einer höheren Trumpfkarte eine vorher gespielte Trumpfkarte gestochen, also übertrumpft werden. So viel zur Ausgangslage.

Unsere Partner auf der anderen Tischseite – mein Liebster aus Deutschland, ihr Liebster aus Frankreich – kannten andere Kartenspiele, andere Spielregeln, andere Modi zum Thema Farbebekennen. Handhabungen, die uns zwei Schweizerinnen nicht mal im Traum einfallen würden. Handhabungen, die es so nicht geben darf. Nein, man darf doch nicht nicht übertrumpfen dürfen, und nein, man darf doch auch nicht keine Trumpfkarte spielen, nur weil man noch die ausgespielte Farbe auf der Hand hat – aber sicher nicht …

Wie an einem Schweizer Stammtisch, wenn eine bodenständige Jassrunde geklopft wird, ging es lange nach Mitternacht am ovalen Tisch laut hin und her … Französisch, hoch- und schweizerdeutsch versuchten wir uns gegenseitig von unseren je verinnerlichten Regeln zu überzeugen … Denn diese waren ja schließlich die richtigen!

Leider schweigt sich das Spielregelbüchlein über genau dieses Thema auf – weil es ja logisch ist, dass man … ja, aber was denn nun wirklich? Und wie? Gibt es denn richtig und falsch? Und müssen wir das Spiel, weil es in Deutschland hergestellt und in USA/Kanada entwickelt wurde, nun nach dieser oder jener Spielart spielen – oder, weil ich es vor zwanzig Jahren in der Schweiz gekauft habe, nach der hiesigen?

Lange Rege, kurzer Sinn: Zu viert beschliessen wir, die noch verbleibenden Runden nach deutsch-französischen Regeln zu spielen. Gar nicht mal so einfach für mich, diese Umstellung! Doch finde ich es immer spannend, über den Gartenzaun zu gucken.

Anderes ist nicht einfach deshalb, weil es anders ist, schlechter. Und nicht alles ist für alle und überall gleich oder richtig,  wie ich es und weil ich es so und so kenne.

Wir sind immer auch die andern

Montagmorgen kurz nach acht Uhr. Im Zug. Seltsamerweise liegen heute keine Gratiszeitungen herum. Es ist ungewöhnlich still. Ich habe einen Platz in einem Viererabteil gefunden. Mein Gegenüber ist eine schwarze Frau in meinem Alter mit wunderbaren Zöpfchen. Wider meine morgenmuffelige Gewohnheit habe ich sie gegrüßt. Der Zeitung lesende Nachbar im Abteil nebenan hat mir einen seltsamen Blick zugeworfen. Ob mein Guter Morgen-Gruß auch für ihn gilt, hat er sich vielleicht gefragt? Ich weiß es nicht.

Wenn er ein JA-Stimmer ist, was ich vermute – sein akurater Haarschnitt und das modische Haarzöix  im Gesicht (ist das ein Bart?) lassen Rückschlüsse auf eine gewisse konservative Weltschau zu – wenn er also ein JA-Stimmer ist, mag ich ihn nicht in meinen Gruß einschließen. Wenn ich ehrlich bin.

Der Gedanke, dass von den vielleicht vierzig Leuten in diesem Wagenteil – abzüglich die wohl ungefähr acht Reisenden ohne Schweizer Stimmrecht, obwohl sie a.) hier geboren, oder b.) bestens integriert sind oder c.) sich um eine gute Integration bemühen – item, wenn also von diesen vierzig minus acht siebzehn JA gestimmt haben, was heißt das nun? Dass die Frau mir gegenüber ihr Deutschübungsbuch, in dem sie arbeitet, zuklappen soll? Dass sie Bleistift und Gummi wegstecken und schleunigst das Land verlassen muss? Zurück in ihre Heimat, die nicht mehr Heimat ist …

Ich denke noch immer über diesen einen Satz nach, den ich gestern auf fb aufgeschnappt habe: Die Integrierten wollen wir schon, aber die andern nicht!

Wir und die andern? Ehrlich gesagt fühle und fühlte ich mich immer den andern näher. Mit diesem WIR habe ich wenig gemeinsam. Entweder sind wir alle WIR oder niemand. Naiv?

Eigentlich wäre es ja bei dieser Abstimmung nicht wirklich um AusländerInnenfeindlichkeit gegangen, sondern um Arbeitsplätze. Sprich Geld, viel Geld. Und um Futterneid, um die Angst, unsern Wohlstand teilen zu müssen. Einen Wohlstand, den wir nicht zuletzt diesen nun unerwünschten ausländischen Mitarbeitenden verdanken.

Hat dir teilen je geschadet? Hat dir teilen je Nachteile beschert? Gut, du hattest zwar weniger für dich, dafür das gute Gefühl des Teilens im Herzen. Nur: da wo das Herz sein sollte, haben viele stattdessen den Geldbeutel eingebaut.

Die SVP hat sich die Unsicherheit vieler Menschen zunutze gemacht.  Sie nützt einmal mehr die Angst vieler Menschen aus, teilen zu müssen (= weniger zu haben). Wozu auch sollen wir mit den Unbekannten, mit den Fremden, mit den Bösen, mit den Kriminellen teilen.

Gezielte angstschürende Propaganda und schon sieht ein Volk braun. Jedenfalls fünfzig Komma sieben Prozent dieses Volkes. Warum die Propaganda in der deutschen Schweiz fruchtbarer war, wo der Anteil an ausländischen MitbewohnerInnen tiefer ist als in der französischsprachigen Schweiz mit mehr AusländerInnen? Weil die Erfahrungen fehlten, respektive von manipulativen Informationen übertüncht wurden. Oder vielleicht, weil die WelschschweizerInnen ihre irrationalen Ängste längst verloren haben und weil für sie das WIR eben auch Menschen aus andern Ländern miteinschließt?

Wie es wohl heute Morgen – am Tag danach – all den Menschen geht, die keinen Schweizer Pass haben? Nicht dass sie von heute auf morgen die Schweiz verlassen müssten, nein, doch wie fühlen sie sich wohl? Unwillkommen, vermute ich.

Ich weiß nicht, ob ich Ausnahme oder Regel bin, aber ich habe eine ganze Anzahl in der Schweiz lebende FreundInnen ohne Schweizer Pass. Viele leben schon so lange hier, dass ihr Land nicht mehr Heimat ist. Wie sie sich fühlen heute? Muss ich jetzt den Koffer packen?, fragte einer von ihnen auf fb.

Wenn du, die oder der du das liest, keinen Schweizer Pass hast: Lass dir gesagt sein, dass es nicht alle sind, die JA gestimmt haben. Nur die Hälfte. Ich klammere mich an die andere Hälfte, an die neunundvierzig Komma drei Prozent NEIN-Stimmenden und gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Schweiz nicht an Rassismus zu Grunde geht.

Über Privilegien und die Wut im Bauch

Er sitzt einfach da. Der Kaffee ist kalt geworden. Später Nachmittag und er kritzelt Männchen. Und Kreise. Pfeile. Ein bisschen Voodoo auf Papier. In seinem Bauch grummelt es. Dieses Telefongespräch eben, mit seinem Vermieter. Diese Intoleranz. Zum Kotzen.

Wut. Wut ist jene Kraft, die ihn antreibt. Erfüllt. Mehr als jede andere. Wut darüber, dass die Welt nicht ideal ist. Wut darüber, dass so viele Menschen nicht sehen nicht sehen wollen! wie die Welt vor die Hunde geht. Dass die Welt auf die Hilfe jedes einzelnen angewiesen ist. Dass sie ihr Umdenken, ihre Solidarität braucht. Da ist Wut in ihm, heiße Wut, auf all jene Menschen, die mit andern, schwächeren Menschen – weil sie kein Geld haben oder weil sie zu dumm sind, es zu merken – umspringen wie mit Marionetten. Ausbeutung. Missbrauch. Und da ist auch Wut darüber, dass er zu den Privilegierten gehört, ja, auch diese Wut spürt er. Wut darüber, dass er in meiner sogenannten Privilegiertheit doch so verdammt hilflos ist. Oder vielleicht resigniert. Oder phantasielos.

Ja, da ist auch Wut darüber, dass die Welt schon so starr ist, dass sich in unserm Alltag so wenig verändern lässt, neu erfinden, neu erschaffen. Oder fehlen ihm bloß die Ideen, wie er diese Welt zu einem bessern Ort mitgestalten könnte? Oder das Selbstvertrauen … Und vielleicht ist er, geht es ihm durch den Kopf, sogar am allermeisten wütend genau darüber, dass er gar nicht so anders ist als alle andern. Er schüttelt den Kopf.

Die Wut steht ihm im Weg. Will er vorwärts, steht sie da. Will er nach links oder nach rechts, steht sie da. Und hinten? Auch da steht sie. Sie verhindert, dass er etwas tun kann. Sich zu verändern zum Beispiel. Dankbarer zu werden, wie Christa ihm einmal vorgeschlagen hat. Dankbar dafür, dass er in einem sicheren Land lebe. Dass er ein Dach über dem Kopf habe, genug Geld auf dem Konto für die Wohnungsmiete und das Brot auf dem Tisch.

Was für eine Arroganz! Er redet laut. Es hört ihn ja doch niemand. Was für eine Arroganz, zu denken, dass das besser ist als … okay. Aus den Augen der Ärmsten dieser Welt sind das gewiss Vorteile, große sogar, Vorteile, die das Leben erträglich machen. Aber dennoch ist es doch auch anmaßend, wissen zu meinen, was andere wollen oder brauchen. Schlussfolgerungen treffen wir immer aus der Warte unseres Wissensstandes, unserer Erkenntnisse, unserer Erfahrungen … Er schreibt diesen Satz auf. Er scheint ihm wichtig. Wissen. Erkenntnis. Erfahrung. Kreist die Worte ein. Fährt den Buchstaben wieder und wieder nach – solange bis die Wörter ihren Sinn verloren haben. So ist es doch. Je älter er wird, desto weniger glaubt er daran, dass unser Wissen, dass unsere Erfahrungen und Erkenntnisse wahr sind. Wahr im Sinne von allgemeingültig.

NEIN!, schreibt er groß. All sein Wissen ist doch immer nur eine Momentaufnahme – gemessen an der Ewigkeit kleiner als ein Pünktchen.

Auf einmal kann er durchatmen. So lässt sich die Wut halbwegs ertragen, sie schrumpft und wird relativ.

Seine Augen werden nass. Es tropft auf die Kritzelei. Das große NEIN verschwimmt. Sehnsucht steigt auf, denn noch immer will sein Herz an die Liebe glauben und daran, dass sie die einzige Kraft ist, die wirklich zählt, die wirklich verändern und heilen kann, die wirklich wirklich ist. Er will. Jetzt. Obwohl sie kaum mehr zu erkennen ist, so sehr wurde sie verkleidet, übermalt, mit Füßen getreten, pervertiert und ins Gegenteil verdreht.

Ist sie wirklich unkaputtbar? Wenn es denn etwas göttliches gäbe, dann sie. Wenn …

(Ausschnitt aus dem Manuskript von Loch im Eis, Rohfassung 2014, © by Sofasophia)

Der letzte Mann

Das Gewissen ist an allem schuld. Es ist unsere höchste Instanz, denke ich, wie ich am Sonntagabend von Nord nach Süd fahre. Gewoben wurde dieses alles bestimmende Ding-in-uns von vielen verschiedenen Einflüssen und Idealen. Von anderen Menschen. Von Aufgelesenen, Angelesenem, Oktroyiertem, guten und schmerzhaften Erfahrungen …

Nicht nur unser Gewissen ist ein Mix, ein Remix sogar, sondern alles was wir tun. Was wir lassen. Was wir erschaffen. Alles. Ein Zusammenschnitt aus vielen bunten Farben. Recycling at its best.

Aber an allem schuld, was wir tun, ist, wie gesagt, das Gewissen. An meinen vielen Ambivalenzen zum Beispiel (ich fahre ziemlich gerne Auto, finde es aber eigentlich eine große ökologische Sünde. Ich habe es gerne warm, finde aber das Energiethema sehr schwierig, beinahe unlösbar). Das Gewissen trägt erfreulicherweise auch zu vielen Glücksmomenten bei.

Mein Gewissen ist meine innere Landkarte. Mein Schnittmuster. Es bestimmt, dass ich bei einigen Dingen perfektionistisch bin (beim Schreiben zum Beispiel) und bei gewissen Dingen sehr sensibel (Gesichter und Stimmungen von Mitmenschen), während ich bei andern Dingen eher nachlässig (Kleiderstapel im Schrank) oder geradezu blind (Kleider anderer Menschen) durchs Leben gehe. Das arme Gewissen. Das schlechte Gewissen. Aber halt, ich will ihm nicht die Verantwortung für all mein Scheitern in die Schuhe schieben. Ich ahne nämlich, dass ich diese Landkarte in mir drin ganz alleine zusammengemixt habe.

Diese neugekaufte App fällt mir ein, mit dem man Phantombilder bauen kann. Wir haben am letzten Samstag damit Heiko Moorlander kreiert, Irgendlink und ich, jenen Künstler, den Irgendlink als dessen Chronist nun schon seit über zwei Jahren begleitet und über ihn berichtet. Neuerdings steht sogar hin und wieder in der Zeitung etwas über diesen deutsch-amerikanischen Künstler, doch wie er aussieht ahnen wir bis anhin bloß. Deshalb auch unser Versuch, wenigstens ein Phantombild des Künstlers zu erschaffen.

Dass man mit den Apps – einer für Männer und einer für Frauen – auch Phantombilder von Bekannten und Unbekannten machen kann, ist eins. Aber wie sieht es mit Phantombildern von sich selbst aus? Ja, ich habe es ausprobiert. is_it_meGar nicht soo einfach. Obwohl es hundertsechzig verschiedene Nasen und hundertfünfundsiebzig unterschiedliche Augenbrauenpaare gibt, fand ich die Augen (hunderteinundachzig Varianten) am schwierigsten. Die Größe, die Abstände, die Kopfform … wie verschieden, wie ähnlich wir uns alle doch sind (hier als .gif, mit Originalbild kombiniert).

Back dir deinen Mann! – Da gab es doch mal dieses Backset für Singlefrauen. Mit meinen neuen Apps kann ich den letzten Mann kreieren. IMG_6704Von jedem Einzelteil (Augen, Nase, Mund …) nehme ich immer das letzte. Voll easy. Last but noch least. Ich könnte aber natürlich auch den ersten Mann schaffen. Ha! Und die erste Frau.

Auf dem Rückweg durch die Nacht höre ich Musik. Mal schalte ich leiser, mal lauter, mal singe ich lauthals mit, manchmal nicht, mal ist es zu warm und ich öffne kurz das Fenster, dann wieder muss ich die Heizung ein wenig aufdrehen. Wenn ich Durst habe, trinke ich. Für die Lust am Kauen steckt ein Apfel im Rucksack auf dem Beifahrersitz und wenn ich pinkeln muss, halte ich kurz am Waldrand. Kurz: ich reagiere unmittelbar auf die äußeren und inneren Umstände und Faktoren. Geräusche, Temperatur, Hunger, Durst …

mannomann1Wie die Katze, die sich holt, was sie braucht.
Warum nur finde ich es im Alltag so schwierig, genauso achtsam mit mir umzugehen, wie wenn ich Auto fahre?

Auto, so sagte mein philosophisch begabter Fahrlehrer seinerzeit, Auto bedeutet Selbst. Wenn du übers Auto nachdenkst oder davon träumst, geht es immer um dich und dein Leben. Vergiss nicht, du hast alles in dir, was du zum Leben brauchst. Alle Weisheit. Du bist alles. Du bist und kannst vieles.

Und du bist viele – füge ich heute hinzu und zwinkere Pessoa zu.

Damals habe ich zwar mit großen Ohren gelauscht und gut aufgepasst, doch ahnen und verstehen kann ich erst heute – wenn auch immer noch nur ansatzweise.

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Appspressionismus: auf dem iPhone kreiert (mit der App FlashFace kreiert, mit GIMP zu .gif zusammengesetzt). Geschrieben &  hochgeladen ab Laptop

Die Katzenversteherin

Alle brauchen jemanden, der sie versteht. Auch Katzen. Selbst wenn sie so schlau sind wie die Mietz. Als Hunde- und Goldhamsterübersetzerin habe ich mich schon als Kind geübt – oft genug belächelt. Damit die Normalsterblichen verstanden, was die gefederten und felltragenden Zwei- und Vierbeiner sagten, habe ich ihre Blicke, Gesten und Geräusche in Menschenworte synchronisiert. Die Tiere haben es mir gedankt.

Mietz, auch Müdetze genannt (ja, sie schläft gerne) und ihr Scheff (seien wir ehrlich, mein Liebster fungiert eher als ihr Butler) mögen sich zwar sehr, aber es gibt da immer diese kleinen Grabenkriege. Um Grenzen geht es dabei, um Dein und Mein, um Nähe und Distanz. Auf den Punkt gebracht heißt der Zankapfel (keine) Katzenhaare auf Tischen und Stühlen (sind egal).

Okay, eine Katze hat nunmal ein Fell und eine Katze haart. Dass Mandarinen ohne Kerne gezüchtet werden, heißt nicht, dass es Katzen geben muss, die nicht haaren. Nein, muss es nicht.

Wie alle (Katzen) mag auch Mietze Zärtlichkeit, ungeteilte Aufmerksamkeit. Wer kann es ihr verdenken. Dass sie dabei am liebsten einem auserwählten Menschen auf den Schoß sitzt, ist naheliegend. Ich gestehe, – je nachdem, was ich trage und ob ich mit dieser Jeans noch an eine Vernissage soll – verhalte ich mich so, dass eine Landung auf meine Schoß von vornherein unmöglich ist. Dass ich mich dabei fies und mies fühle, sei zu meiner Ehre erwähnt, und darum streichle ich ihr in solchen Fällen wenigstens versöhnlich über den Kopf.

Heute Morgen hat sie es mal wieder geschafft. Ich trug Schlabberhose und Faserpelz, beides schon dicht behaart. Nach dem Frühstück, als ich noch mit einer Tasse Tee am Tisch sass und auf dem Telefon Blogkommentare schrieb, nutzte sie meine Unaufmerksamkeit auf äußere Dinge und schon saß sie am Ende ihrer Ziele, längelang auf meinem Schoß. Den Kopf beharrlich in meine Hand schiebend, auf dass die Hand sich in Bewegung setze und ihren Kopf liebkose. Was ich auch tat. Um mit der andern Hand Fotos zu knipsen.

Mietze_fBwz

Nicht mal so einfach. Irgendwann ließ ich es bleiben. Und massierte fortan hingebungsvoll und mit beiden Händen ihren kuscheligen Pelz. Beide schnurrten wir vor uns hin. Meditation pur.

Die Welt blieb stehen. Und stehen. Und stehen. Weit offener (Katzen-)Himmel. Glückseligkeit.

Wer es wohl mehr genoss? Zärtlichkeit einfordern mag wie ein egoistischer Akt erscheinen, aber Mietze hat damit auch mich beschenkt.

Und jetzt? Hat sie sich natürlich auf meinen freigewordenen Hocker gesetzt.  🙂