Die drei Bözberge

Das wünscht eine ja keinem und keiner: Dreimal auf den Bözberg, zweimal von dieser und einmal von jener Seite. Der arme Herr Irgendlink aber auch.

Wir waren gestern Morgen früh wach und dann auch schon vor zehn auf den Rädern, denn der Liebste wollte nach einigen Tagen mit Freund*innen im französischen Jura und einigen Tagen bei mir wieder nach Hause radeln. Etwa 320 Fahrradkilometer, je nach Streckenwahl gern auch mehr. Durchschnittlich 3 Tage nimmt er sich normalerweise Zeit für diese Strecke.

Viel Flachland aber auch ein paar Hügel und Berge gehören dazu. Unter anderem der 569 m. ü. M. hohe Bözberg, mein Hausberg sozusagen. Weil ich Lust hatte und das Wetter noch nicht auf Regen gekippt, radelte ich mit, was ich fast immer tue, wenn Irgendlink wieder heimfährt.

Diesmal lockte mich zusätzlich die Tatsache, dass das einmal jährlich stattfindende Transcontinental-Rennen diesmal von Nord nach Süd durch die Schweiz führt. Außer der Radler oder die Radlerin wählt eine andere Route, um den ersten Parcour – im Tessin/Südschweiz –, den es zu meistern gilt, zu erreichen. Die Routenführung ist den Teilnehmenden freigestellt, ebenso sind sie auch in allen anderen Belangen ganz auf sich selbst gestellt. Essen, Trinken, Schlafen etc. – alles liegt in ihren eigenen Händen. Ein hartes Rennen, das diesmal von Belgien nach Griechenland führt. (Mehr: transcontinental.cc)

An einem Kreisel noch im Tal unten, auf dem unser Radweg die Hauptstraße kreuzte, hatten wir die Radlerin Nummer 99 knapp verpasst, doch als wir auf der Passhöhe angelangt waren, kam uns ein erster Radler entgegen, kurzes Winken und Hallo. Der zweite, Philip Horton, die Nummer 279, hielt extra für uns an, erzählte ein wenig und ließ sich sogar fotografieren und filmen. Klasse!

Irgendlink und ich verabschieden uns. Ich stehe noch ein wenig rum, chatte mit einer Freundin, warte auf den nächsten Radler und will schließlich nach Hause fahren, als ich im Bushäuschen, in dessen Nähe wir gestanden haben, Irgendlinks Handy und seine Lesebrille finde. Oh nein! Ich schreibe ihm sofort eine SMS, dass ich seine Sachen gefunden habe. Sein Handy in meiner Hand bimmelt. Oh. Na ja, es war einen Versuch wert.

Was tun? Der Liebste hat einen Vorsprung von etwa einer Viertelstunde und ich weiß auch nicht genau, welche der möglichen Routen – Radweg A oder B oder vielleicht sogar die Hauptstraße wegen des Rennens? – er genommen hat. Mist aber auch. Ich radle so schnell ich kann die vermutete Strecke. Innerlich immer rufend: »Irgendlink, guck auf dein Handy und stell fest, dass du es vergessen hast. Dreh um, dreh um!«

Ich fahre ca. sechs Kilometer via Gallenkirch runter zum Effinger Bahnhof. Dort wird mir klar, dass ich ihn nicht einholen kann. Wenn es abwärts geht, nützt mir mein Motor wenig. Er hat zu viel Vorsprung. So drehe ich um, diesmal über Linn, und fahre nochmals am Bushäuschen vorbei. Hätte ich doch bloß einen Zettel, dann würde ich jetzt hier hinschreiben, dass ich sein Handy habe. Ist er womöglich bereits auf dem Weg zu mir nach Hause? Oder radelt er ohne Handy weiter? Hat er es überhaupt schon gemerkt?

Wäre ich hier ein bisschen länger stehen geblieben, hätten wir uns vielleicht getroffen, denn der Liebste hatte es bereits gemerkt und war zurück geradelt. Er hatte er sich an Leute gewandt. Da und dort um Telefone gebeten … und schließlich radelte er zur Busendstation und dem dortigen Fundbüro. Leider ohne positives Ergebnis. Er überlegt, dass ich sein Handy vielleicht doch zufällig gesehen haben könnte.

Ich fahre derweilen über die Hauptstraße den Bözberg abwärts und so schnell ich kann wieder nach Hause. Es beginnt zu tröpfeln. In einer Unterführung ziehe ich den Regenponcho über. Es regnet nun richtig stark und ich bin froh, als ich daheim anlange.

Dort entledige ich mich der nassen Sachen und suche nach einer guten Lösung. Was soll ich, was kann ich tun? Ich bezweifle, dass Irgendlink meine Handynummer auswendig kann. Ich seine ja auch nicht. Aber die seiner Mutter, die kann er auswendig. Also rufe ich seine Mutter an und informiere sie, dass ich Irgendlinks Handy habe. Also falls er dort anrufen sollte. Nur damit er weiß, dass er sich diesbezüglich keine Sorgen machen muss. Gerade als ich ihr das Problem geschildert habe, sehe ich Irgendlink, der sein Rad zu meiner Terrasse schiebt. Wow! Er ist da. Alles gut. Ich winke mit dem Handy, öffne die Terrassentür und kann auch gleich die Frau Mama beruhigen.

Nach einer kleinen Pause und kleinen Mahlzeit, das Regenende abwartend, macht sich Irgendlink wieder auf den Weg. Das dritte Mal heute, dass er den Bözberg erklimmt. Diesmal ohne mich, denn ich habe nachher einen Termin.

Meine Nerven haben ganz schön geflattert, als ich sein Handy fand, doch jetzt beruhige ich mich allmählich und fahre mit dem Auto zu meinem Termin. Unterwegs und auch auf dem Rückweg fahren mir immer mal wieder Radlerinnen und Radler des TCR über den Weg.

Gute Fahrt, murmle ich, und bin heilfroh, dass ich mir das nicht antun muss.

Am Abend, nach einem Treffen mit einer Freundin in Basel, die ihn zum Pizzaessen einlädt, radelt Irgendlink weiter nordwärts. Weiterhin kreuzen sich seine Wege mit Radlerinnen und Radlern vom TCR. Als es schon dunkel wird, ruft er mich an. Über Kopfhörer radle ich mit ihm durch die Nacht und bin dann sogar beim Zeltaufbau dabei. Das hatten wir auch noch nie. Aber ich kann mir vorstellen, dass es sich schön anfühlt, wenn man bei Nacht und Regen nicht ganz allein ist und eine vertraute Stimme im Ohr hat, die um Dunkelheit und Regen weiß.

Gute Nacht!

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