»Jede noch so kleine Fläche wird mit einem Solarpanel bestückt«

Wie so ein Schutzgitter aus ganz feinem Draht fühlt es sich an, was ich da um mich herum gesponnen habe vor den Ferien. Ich nenne es nicht digitales Entgiften – weder auf Deutsch noch auf Englisch – denn es ist ja nicht alles Gift. Es war einfach alles zu viel. Im nicht-virtuellen Leben ebenso wie im virtuellen, im persönlichen ebenso wie im öffentlichen. Zu viele Informationen, zu viele Katastrophen, zu viele Eindrücke und Reize, und darum herum auch zu viel Hitze.

Es war eine leise und eher halbbewusst getroffene Entscheidung, mich während der Ferien von jeglichen Nachrichtenfluten fernzuhalten und mich einfach mal nur auf das für mich Wesentliche zu fokussieren.

Da war die Wanderung. Der nächste Schritt, immer nur der nächste Schritt. Im Kleinen ebenso wie im Größeren: Wie sieht der nächste Streckenabschnitt aus? Muss ich meine Wasserflasche ganz füllen oder kann ich mich von Brunnen zu Brunnen satttrinken? Wo picknicken wir? Wo bauen wir das Zelt auf? Wo pinkle ich, wo kaufen wir ein, wo lassen sich unsere Solarpanels hinlegen oder aufhängen, damit wir unsere Handys laden können? Solche Dinge.

Das Nachrichtenfasten ist mir ziemlich gut gelungen, ich habe nicht einmal die Nachrichtennewsletter geöffnet. Außerdem gab es ja auch vor und nach der Rückkehr ins heimische Nest genug schwierige Nachrichten im persönlichen Umfeld, die mich, die uns beschäftigt haben.

Je näher nun mein Alltag mit Terminen und Arbeit wieder rückt, desto dünner wird mein Schutzgitter aus feinem Draht, das ich mir vor den Ferien gesponnen habe. Es erinnert mich an das Blasenpflaster, das ich mir in Naters gekauft und an die Ferse geklebt hatte. Eine dünne, durchsichtige Kunststoffhaut war das und es hieß dabei ausdrücklich, dass es nicht vor seiner Zeit abgelöst werden solle, denn es löse sich von allein ab. Tatsächlich. Die vorherigen Blasenpflaster, schon älteren Datums, hatten sich jeweils nach einem Tag mit Wasserkontakt und Wanderschuhstrapazen abends wieder gelöst und ein neues Pflaster erfordert, um die Blase zu schützen, die sich hartnäckig an meinem linken Fersenknöchel hielt.

Das neue Pflaster aber hielt fast eine Woche und als ich es schließlich dann doch entfernte, hatte sich darunter bereits neue Haut gebildet.

Unter meinem dünnen Schutzgitter, in das ich mich Anfang Ferien gesponnen habe, ist womöglich auch eine Art neue Haut entstanden, die mir hilft, dem Alltag wieder gelassener zu begegnen als davor, da meine eh schon dünne Haut noch dünner geworden war.

Gestern Morgen öffnete ich das erste Mal seit Ferienbeginn den samstäglichen Republik-Wochenend-Newsletter, überflog ihn und öffnete einen Artikel. In »Das Ziel Nummer zwei« erzählt Simon Shuster, wie es Olena Selenska nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine ergangen ist und wie sie sich heute schon auf die Traumafolgen der Menschen nach dem Krieg stark macht, indem sie unter anderem Weiter- und Ausbildungen für Therapeut*innen aufgleist, die den vom Krieg traumatisierten Menschen helfen werden. Da ist so viel verzweifelte Hoffnung in diesem Ansinnen. Das Ende des Krieges wird kommen. Hoffentlich bald.

Und ic? Ich habe, beschämenderweise, auch diese Katastrophe, diesen Krieg bereits in meinen Alltag integriert, irgendwo neben all den anderen Katastrophen, weil da kein Platz mehr für noch mehr Krise ist.

Der erwähnte Text hat mich jedenfalls zutiefst berührt und ist mir unter die neue, ein bisschen nachgewachsene Haut gefahren.

Mir geht es aktuell, und sogar schon eine ziemliche Weile, ziemlich gut. In mir drin, mit mir und in meiner kleinen Blase, habe ich meistens Boden unter den Füßen – trotz der schwierigen Dinge im nahen Umfeld, die mich mitbetreffen. Dennoch, nein, habe ich wenig Hoffnung, dass die Welt sich irgendwie noch zum Guten verändern könnte, grundsätzlich, langfristig. Gucke ich auf das Kleine, sehe ich viel Schönes, Gutes, Ermutigendes, Heilsames, aber der Blick auf das Große und Ganze zeigt ziemlich viel ScheiXXe.

Es fühlt sich an, sage ich zum Liebsten, als hätte ich fast zwei Wochen unter einer Decke gelebt, mich feige vor der Realität versteckt.

Wie kann ich (wie können wir) mit der Nachrichtenflut umgehen, ohne uns entweder vor Mitgefühl selbst zu zerfleischen und kaputt zu machen oder aber zu abgestumpften, nicht mehr mitfühlenden Menschen zu entwickeln? Wie könnte der Mittelweg aussehen?

Funktionieren Mittelwege überhaupt noch angesichts all der Katastrophen; müsste ich nicht viel konkreter denken, leben, handeln? Und wenn ja, wie? An welchem kleinen Ort wäre mein Handeln möglich, für mich, und sinnvoll, hilfreich?

Die Wasserfässer in Irgendlinks Garten sind noch recht gut gefüllt. Das im Winter und Frühling vom Dach gesammelte Regenwasser hat gute Ernten ermöglicht. Was aber, wenn es einfach nicht mehr regnet (oder schneit) und die Quelle hier oben auf dem Einsames-Gehöft-Berg versiegt, wie schon manche Flüsse?

Wir haben eigentlich nur eine Chance zu überleben: Es muss den Forschenden bald gelingen, das Meerwasser trinkbar zu machen. Außerdem braucht es auf allen Hausdächern, über allen Parkplätzen, auf jedem Stück Brachland und wo immer es möglich ist, Solaranlagen, die für Energie sorgen. Und Windräder an allen möglichen Stellen. Und Bäume. Überall. Teerplätze müssen aufgebrochen und an jeder freien Stelle Bäume gepflanzt werden.

»Jede noch so kleine Fläche wird mit einem Solarpanel bestückt«, sage ich.
»Jede Glatze!«, sagt der Liebste.
»Genau Glatzen! Und Hüte. Und Schirme. Jacken. Kleider. Und überall Powerbanken, die die Energie unmittelbar speichern. Das sollte doch möglich sein.«

Neulich schrieb ich auf Mastodon:

»Die Schweizer Flüsse haben noch gut Wasser.
versus
Die Schweizer Gletscher schmelzen so unaufhaltsam und endgültig wie die Polkappen.
Fertig mit Ewiges Eis.«
(Quelle)

und

»Es hat ganz schön abgekühlt da draußen. Die ganze Nacht war Durchzug. Auch die Wohnung ist nun wieder kühl. Es riecht nach Regen.
Dankbarkeit.

Dennoch denke ich oft: „Wir leben in der Galgenfrist!“ und „Lieber Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende?“«
(Quelle)

Dennoch habe ich noch Träume:

»Ich habe heute Nacht von schweizweit (oder auch andere Länder) flächendeckenden |en Sonntagen geträumt. Also ganzjährig, immer & überall. Nur noch ÖV lief.
War echt schön!«
(Quelle)

Vielleicht sind es doch die kleinen Dinge, mit denen wir es doch noch schaffen werden? Gemeinsam. Vielleicht.

Erstens kommt es anders …

Eigentlich dachten wir ja, dass wir fünfzehn Tage auf Wanderschaft sein würden. Mach keine Pläne, Sofasophia, sie werden eh nicht funktionieren! Nicht in einer Welt voller Katastrophen, großen und kleinen. Und dann ist uns tatsächlich dieses Leben dazwischen gekommen. Das Leben mit seinen Krankheits- und Gesundheitsdingen, dazu ein fertig gelebtes Leben. Ein Tod.

Und jetzt bin ich also wieder daheim und der Alltag schließt mich wieder in seine heißen Arme.

Acht Tage lang habe ich ziemlich erfolgreich alles, was nicht unmittelbar mit unserer Ferienreise und unseren nächsten Menschen zu tun hatte, ausgeblendet. Das fühlt sich immer wieder sehr ambivalent an. Einerseits so, als würde ich verdrängen, dass es da draußen Viren, Kriege und Katastrophen, Tod und Krankheit gibt, andererseits weiß ich, dass ich das hin und wieder brauche, dieses Auf-Durchzug-Schalten, weil es einfach notwendend ist und gut tut.

Ich habe trotz der Kürze unserer Reise Kraft geschöpft. Die in der Natur erlebte Ruhe hat meinen inneren Akku aufgefüllt. Hoffentlich hält die neue Energie eine Weile vor.

Falls ihr lesen mögt, was wir so erlebt haben: Im Flussnotenblog lässt sich alles chronologisch geordnet lesen. Dazu gibt es viele Bilder, die die liebe Ulrike für uns verbloggt und in Karte und Galerie eingebettet hat.

Fluss und Mensch, Wandern und Worte | #flussnoten22

Gestern habe ich das sechs Jahre alte Flussnoten-Blog, das Herr Irgendlink und ich für unsere Rheinreise ins Leben gerufen haben, entstaubt.

Wir könnten doch eigentlich?!, hatte Irgendlink neulich gesagt, als wir uns über unsere Reisepläne unterhalten hatten.

Die Rhône! Schon seit unserer präpandemischen Aarewanderung (2019) von der Grimsel nach Bern vor drei Jahren hatte sich die Rhône immer mal wieder in unsere Reisephantasien geschoben. M. und B. sind schuld, die uns damals,  als sie uns auf die Grimsel gefahren hatten, von der Rhône, die »gleich da drüben!«, am Furkapass, entspringt, erzählt haben.

Grimsel- und Furkapass sind Wasserscheiden, hier die Aare in die eine Richtung, dort die Rhône in die andere Richtung. Das gefällt mir. Ich mag außerdem Quellen. Ich mag Anfänge.

Beim Stöbern im sechs Jahre alten Blog finde ich einen Entwurf. Keine Ahnung mehr, wann ich ihn erstellt habe.

Der Fluss und der Mensch, das Menschenleben:
Kind = Quelle
Meer/Mündung = Sterben

So schrieb ich damals, denn von der Quelle am Tomasee in den Bündner Bergen bis zum Bodensee am Dreiländereck (A/D/CH) neben einem Fluss her zu wandern, lässt viel Zeit und Raum, über das Woher und das Wohin nachzudenken.

Vom Bodensee bis zur Mündung ins Meer ist Irgendlink anschließend allein mit dem Rad gefahren. (Alles steht im Flussnotenblog.)

Und auch er schreibt über die Metapher Mensch als Fluss.

»Bin ich ein Fluss, ist der Fluss ich, Menschenfluss, Flussmensch, Lebensfluss (das, was sich sowieso schon die ganze Strecke durchs Buch zieht).«
Zitat Irgendlink

Ich mag ganz besonders seinen letzten Text, verfasst am Ende der Reise:

»Ich phantasiere, sehe die Fische und die Vögel. Wie im Traum, in dem alles möglich ist. Bin ich der Fluss? Ist der Fluss ich? Das gute am Fluss ist, dass man von der Mündung zur Quelle zurückreisen kann, je nach Belieben. Mit dem Lebensfluss geht das nicht. Der Lebensfluss kennt nur die Härte und Wucht der Gegenwart.«

»Es geht meist nur tief im eigenen Innern, Frieden zu schaffen. Frieden mit sich selbst schafft auch ein bisschen äußeren Frieden, denke ich, einen Berg hochkurbelnd.«
Zitate Irgendlink

Wir könnten doch eigentlich?!, hatte er also neulich gesagt. Und dann habe ich also. Das Blog wachgeküsst nämlich. Damit wir unsere nächste Flussreise ebenfalls im Flussnoten-Blog dokumentieren können.

Los gehts in 20 Tagen. Wenn nichts dazwischen kommt. Keine Viren und keine Kriege. Das Leben lässt sich ja heute nicht mehr so leicht planen, wie wir es damals vor sechs Jahren noch geglaubt haben.

Mehr Infos zur geplanten Wanderung gibt es hier, denn wir könnten wirklich.

Ich freue mich sehr.

Jahrestag

Heute vor dreizehn Jahren habe ich mein erstes WordPress-Blog gestartet, das Vorvorgänger-Blog dieses Blogs hier. Die ersten paar Texte hatte ich dem Weblog, das ich davor – seit 2004 – geführt hatte, entnommen, auf dass in diesem neuen Blog nicht so viel Leere sei. Denn, ja, so ein leeres Blog hat durchaus etwas Forderndes, etwas Furchteinflößendes.

Ich erinnere mich noch genau an die Gefühle dieses Neuanfangs damals, als ich das neue Blogland zu bewohnen und zu betexten begann. Und mit welcher Leidenschaft ich die ersten Texte geschrieben habe. Lustvoll. Ohne zu überlegen, ob das, was ich schrieb, gefiel. Ich hatte ja eh kaum Follower.

Ausschlagend für den Umzug war gewesen, dass ich durchs Novemberschreiben und die Schreibsszene Schweiz ein paar Blogs zu lesen begonnen hatte. Dank dieser ersten Blogs hatte ich dank deren Blogrolls weitere Blogs entdeckt und auch diese zu lesen begonnen. Eins davon gefiel mir besonders gut. Es gehörte einem deutschen Künstler, mit dem ich irgendwie und irgendwann in jenem Frühling eine Art Brieffreundschaft begonnen hatte. (Die Fortsetzung davon ist Geschichte.)

Wieso also nicht auch selbst vom alten, handgestrickten Weblog in ein neues, leichter zu bedienendes WordPress-Blog umziehen, denn neugierig auf die Software war ich schon lange.

Ich habe es nie bereut. Obwohl das Schreiben nicht mehr diese früher erlebte Leichtigkeit hat. Dennoch: Was in diesen dreizehn Jahren Bloggerei alles entstanden ist, macht mich unendlich dankbar. Aus Gedanken und Texten sind unzählige Kooperationen gewachsen, Projekte, winzige, kleine und große. Aus Kommentarsträngen sind Beziehungen geworden, kürzer- und längerfristige. Und Freundschaften sind gewachsen, die nun schon viele Jahre andauern.

Ja, das Blog ist ein wilder Garten. Eine Metapher, die ausgerechnet heute auch der liebe Herr Irgendlink in seinem Blog erwähnt.

Was sich alles verändert hat hinter den Kulissen, ist ja auch nicht nichts. Dass ich im Laufe der Jahre sogar WordPress-Kurse geben und WordPress-Seiten für Kundinnen und Kunden erstellen würde, hätte ich damals, trotz all der technischen Affinität, die ich damals schon hatte, auch nicht gedacht.

Und wie sich die Welt verändert hat. Und Social Media. Was sage ich da? Die ganzen Möglichkeiten des Sich-Vernetzens und der Kommunikation haben sich verändert. Grenzenlos. Größer. Weiter.

Vielleicht darum zieht es mich zurück zu den Anfängen. Zurück zum einfachen, zum ambitonslosen Drauflos-Schreiben.

Ich überlege sogar, ob ich die Kommetare – wie früher – wieder öffnen soll. Obwohl ich mich gut daran erinnere, warum ich sie zugemacht habe. Akribisch hatte ich das Bearbeiten von Kommentaren früher gepflegt, zeitaufwändig war das gewesen. Dennoch: es ist einen Versuch wert.

Happy Blogbirthday und auf einen neuen Anfang!

Metapheröses

Ich mag ja Metaphern aller Art. Technisches und Alltägliches ganz besonders.

Heute Nacht lief ein längst überfällige Update auf dem weniger gebrauchten Teil meines Rechners. Nnennen wir das Kind doch beim Namen: auf Windows. Viele Stunden hat der Rechner dafür geschuftet, denn es muss irgendwann im November gewesen sein, als ich das Betriebssystem das letzte Mal benutzt hatte. Warum ich es noch immer auf dem Rechner habe, weiß ich nicht mehr so genau*. Jedenfalls gabe es viel upzudaten, sehr sehr viel.

Als ich mich heute Morgen an den Rechner gesetzt hatte, war endlich alles wieder so, wie es sollte. Alles lief rund (na ja, außer dass sich alle Browser nicht mit dem Internet verbinden konnten, obwohl das Internet lief, aber da es mir ja nur ums Updaten gegangen ist, war das ja egal).

Wie gerne ich mir selbst doch auch ab und zu so ein Update verpassen würde?, blitzt es in meine Gedanken.

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Ich dualboote also. Wenn ich den Rechner einschalte, entscheide ich in den ersten Sekunden, welches Betriebssystem ich starten möchte. Kurz gesagt führt mein Rechner also ein Doppelleben. Meistens halten wir beide uns im Ubuntu-Universum auf, wo ich mich wohl und heimisch fühle; und so sicher, wie es eben irgendwie auf dieser Welt geht.

Doppelleben führe ich selbst auch irgendwie, oder gar Mehrfachleben. So füttere ich zum Beispiel zwei (oder mehr) Blogs und zwei Kurznachrichten-Dienste.

Ja, ich gestehe es. Ich habe noch ein Blog mehr. Ein weiteres Text-Blog. Ich will wieder ins fiktive Schreiben gelangen. Etwas, das mir früher so wichtig war, mir aber in den letzten Jahren mehr und mehr abhanden gekommen ist. Möglicherweise hilft es mir ja, wenn ich mich in einem neuen Gefäß ausschließlich auf kleine fiktive Texte konzentriere? Vielleicht wird sogar eines Tages etwas Ganzes daraus, denn ich habe in meinem großen Vorrat an fiktiven Texten gelesen und versuche, den roten Faden zu finden, für den es sich zu schreiben lohnt.

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Ich bin dankbar dafür, dass es Menschen gibt, die wunderbare, tolle, wichtige, nahrhafte Texte schreiben. In solchen Texten finde ich immer wieder für mich so wichtige Erkenntnisse.

Nun stelle ich mir vor, wie die tollen Erkenntnisse eines anderen Menschen durch das Aufgeschriebenwerden konzentriert und komprimiert werden – verzippt sozusagen – und wie ich dann, während ich den Text lese, diese Erkenntnisse, diess ZIP, dieses Konzentrat, in meiner inneren Festplatte entpacke, öffne, installiere, mir zu eigen mache.

Sagte ich schon, dass ich Metaphern mag?



*Früher war es wegen Word gewesen, doch inzwischen sind meine Open-Source-Schreibprogramme Word längst ebenbürtig, zumal ich davon nur eine uralte Version habe, die heute längst überholt ist.
Auch wegen iTunes, also zur Datensicherung meines iPhones, brauche ich es im Grunde auch nicht mehr, denn iTunes gibt es eh bald nicht mehr. Außerdem sichere ich ja meine Bilder regelmäßig. Alle anderen Daten auf dem Handy gibt es noch anderswo auf meinem Rechner.

Er radelt wieder

Er radelt sogar schon fast eine von geplanten knapp drei Wochen. Von Herrn Irgendlink ist die Rede. Seine Fernrad-Reiseblog-Projekte waren vor der Pandemie geradezu legendär. Mitreisen konnten alle, die Lust auf velosophische Radabenteuer zwischen Nordkap, Gibraltar, Bodens- und Nordsee und um das eine oder andere Bundesland hatten. Lesend konnten wir ihn begleiten – im Blog und auf Twitter. Und dann kam die Pandemie.

Vor dem Lockdown hatte er geplant, ein drittes Mal innerhalb von zwanzig Jahren, nach Andorra zu radeln, um herauszufinden, wie sich das Land und der Weg verändert haben. Doch dann kam ihm der Lockdown dazwischen. Diesem jedoch verdanken wir zwei fiktive Reisebücher, die sich lesen, als wäre der Reisekünstler höchstpersönlich unterwegs.

Sehr sehr lesenswert:
1. Zweibrücken-Andorra, die Dritte.
2. Radlantix

Die pandemische Lage lässt es inzwischen wieder zu, dass er das im Sommer 2019 wegen Starkregen und Überschwemmungen abgebrochene Reiseprojekt #Umsland/Bayern weiterführen kann.

Kommt alle. Reist alle mit.

Reiserad geleht an rote Metallbank auf Brücke, vor Fluss und Bergen im Hintergrund, darüber Blauhimmel

Hier gehts zum verbloggten E-Book der 3002018 und 2019 erradelten Streckentexte.

In seinem täglichen Blog servieren wir euch wieder Texte und Bilder in gewohnter Manier. Ich bin erneut als Homebase an Bord und füttere euch mit Kartenlinks und kleinen abendlichen Zusammenfassungen.

Ich stelle fest, dass mir dieses Mitreisen sehr gut tut. Ein wenig Altes im Neuen, ein Stück Heile Welt, ein bisschen Frieden im Alltag, der von Krisen geprägt ist.

Ausgelesen #40 | Blauwal der Erinnerung von Tanja Maljartschuk

Das Ende am Anfang. Eine namenlose Ich-Erzählerin hat in alten ukrainischen Zeitungen einen Nachruf gefunden. Neugierig geworden besucht sie im Nordwesten der Ukraine in einem kleinen Dorf das Museum, das ebenjenem einst berühmten politischen Philosophen und Publizisten Wjatscheslaw Lypynskyj gewidmet ist. Dieser hatte sich zeitlebens für eine freie Ukraine eingesetzt. Am Tiefpunkt einer schweren Lebenskrise findet die Erzählerin Halt darin, Lypynskyjs Leben zu ergründen, da sie trotz ihrer sechs veröffentlichten Bücher, «die kaum jemand braucht», feststeckt.

Das Buchcover zeigt im oberen Drittel die Fotografie einer Blauwalschwanzflosse, Darüber der Autorinname. Unter der Flosse öffnet sich das weiße Titelblatt wie längst aufgeschnitten. Darüber steht der Buchtitel in leichten, schwarzen Buchstaben. Die Erzählung mäandert zwischen diesen zwei Menschen, die Verluste, Krankheiten und eine selbstzerstörerische Leidenschaft für die eigenen Überzeugungen verbinden. Außerdem sind beide heimat- und wurzellos, von der Liebe enttäuscht und seelisch wund. Unvergleichlich intensiv schreibt die Autorin Tanja Maljartschuk über das Leben mit Depression und Angststörung.

Die in der Ukraine geborene Autorin, die heute in Wien lebt, erzählt in ihrem Roman sehr bildhaft zwei Geschichten von Entwurzelung, die sich immer wieder schmerzhaft berühren. Darüber hinaus ist «Blauwal der Erinnerung» auch eine hochaktuelle Geschichte vom Kampf der Ukraine um Unabhängigkeit.


Roman von Tanja Maljartschuk, 2019
Kiepenheuer & Witsch
Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck

  • Hardcover
    288 Seiten
    ISBN: 78-3-462-05220-6
    22,00 € inkl. MwSt.
  • eBook (epub)
    ISBN: 978-3-462-31958-3
    18.99 €
  • Taschenbuch
    288 Seiten
    Erscheint am 09.06.2022
    14,00 €
    ISBN: 978-3-462-00418-2

Aufbruchstimmung, Neuanfang

Es gelingt uns nicht, dauerhaft im Krisenmodus zu leben. Vermutlich, von mir auf andere schließend, versuchen wir auch unter widrigsten Umständen eine Art Routine oder Normalität herzustellen, um mental zu überleben. Vermutlich eine von vielen Strategien, um nicht durchzudrehen..

Ich denke oft, sehr oft, an all die Menschen weltweit, die im Krisenmodus leben müssen. Und wie sie das wohl tun. Und ich denke über Umverteilung nach. Über soziale Gerechtigkeit. Über Frieden und wie er erreichbar wäre.

Schon eine ganze Weile fühle ich mich auf Twitter und FB nicht mehr so wohl wie auch schon. Zwar treffe ich dort liebgewordene Menschen, doch es ist laut und voll geworden, oft auch aggressiv. Und jetzt hat doch tatsächlich so ein reicher Sack Twitter gekauft.

Doch das ist nur einer von vielen Gründen, warum ich mich nach einer Alternative zu Twitter umschaute und mich an meinen Zweitwohnsitz erinnerte.

Vor ein paar Jahren schon hatte ich mir nämlich eine kleine Wohnung auf Mastodon eingerichtet**. An sie erinnerte ich mich vorgestern Abend. Gestern dann schwang ich dort den Putzlappen und den Kehrbesen und entstaubte die Regale. Ich schuf Platz für neue Kontakte und beschloss den Umzug. Schleichend. Jedes Mal eine Kiste mitnehmen will ich. Von da nach dort. So dass vielleicht irgendwann Twitter der Zweitwohnsitz sein wird.

Klingt undankbar, ich weiß, denn ich mag Twitter. Oder besser: Ich mag das, was es mal war. Und das, was es in meiner kleinen Bubble noch immer ist. Aber ich mag den ganzen Tanz um das goldene Kalb nicht, wozu die großen Sozialen Netzwerke je länger je mehr geworden sind.

Am liebsten wäre es mir ja, wenn all die lieben und vertrauten Menschen von Twitter mit mir –besser noch: vor mir – zu Mastodon umziehen würden. Doch warum warten? Also sagte ich zu mir: Sei du selbst die Veränderung und warte nicht, bis die anderen auch kommen.

Ich mag die Umgebung auf Mastodon sehr. Optisch ist es viel ruhiger. Außerdem ist es Open Source, dezentral, außerdem unkommerziell und frei von Werbung.

Wie überall muss eine*r da natürlich erstmal reinwachsen. Und am besten nicht vergleichen. Nicht mit Twitter, nicht mit FB.

Kaum hatte ich ein paar erste Sätze getrötet – ja, so heißt das dort – wurde ich von da und dort herzlich willkommen geheißen. So geht das. Es fühlt sich so an, als wären wir alle zusammen in einem Landschulheim gelandet und würden uns jetzt umschauen und miteinander das neue Haus erforschen.

So ähnlich, ich erinnere mich, fühlte es sich damals auf Twitter an, als ich langsam dort angekommen bin. Ein bisschen desillusionierter bin ich wohl geworden seither, aber da ist dennoch eine Zuversicht. (Wider alle Vernunft, denn Menschen sind eben wie sie sind.)

Gerade ist da viel Dialog. Viel Fragen und Antworten und Sich-Kennenlernen. Aufbruchstimmung. Neuanfang. Wohltuend friedliches Zusammensein. So, wie es eben sein sollte. Und ja, natürlich wird über Weltpolitik geschrieben, nichts wird ausgeblendet.

Aber der Ton!

Ich mag das.


**Hier lang geht’s zu meinem Mastodon-Konto.

Bei Mastodon gibts nicht den einen zentralen Anbieter, die eine bestimmte Plattform, sondern viele dezentrale Instanzen. Eine Übersicht über die deutschsprachigen gibt es hier (Klick).

Eine kleine erste Einführung: joinmastodon.org

Anmelden und loslegen.

Neue Fallmaschen 115 | 2022

Damit mein Blog nicht ganz verdorrt, gieße ich heute mal wieder ein bisschen. Heute mit ein paar Links zu Texten, die ich lesenswert finde. Bald dann hoffentlich mal wieder mit dem einen oder anderen Alltagstext.

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April ist internationaler Autismus-Akezptanz-Monat. Darum schreiben Hannah C. Rosenblatt täglich über das Leben mit Autismus.

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Neulich habe ich über Herrn Buddenbohms Blog etwas, entdeckt, das mich sehr anspricht: Reerdigung (‘Werde Erde’ nach dem Tod.)

Ich wünsche mir, dass diese Bestattungsart auch in der Schweiz praktiziert wird.

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Ich habe ein  täglich neues Matherätsel, Nmbr14 heißt es, entdeckt, das ganz schön knifflig ist, aber das auch ganz schön viel Spaß macht.

Aus den Zahlen oben und aus den Ergebnissen der einzelnen Gleichungen soll die ganz zuoberst stehende Zahl errechnet werden.

Das Bild zeigt eine frühere Aufgabe samt Lösungsweg. Der Draufklick führt zum heutigen Rätsel.

>>> nmbr14.com/ <<<

Was alles nicht sein kann

Was alles nicht ist, aber sein könnte, wenn.
Unendlich viele ungelebte unlebbare Parallelleben.

Was wäre aus dem jungen Mann, der später mein Vater wurde, geworden, wenn er nicht die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges, mit 18 oder 19, zur Rekrutenschule eingezogen worden wäre, um die Schweizer Grenze im Tessin zu bewachen?

Was wäre aus der jungen Frau, die später meine Mutter wurde, geworden, wenn sie nicht jene einschneidenden, übergriffigen Erfahrungen gemacht hätte, über die sie nie gesprochen hat und die ich darum nicht wirklich ermessen kan?

Was wäre aus der jungen Frau, die ich einst war, geworden, wenn sie nicht jenem einen Menschen begegnet wäre, dessen traumatisierende Handlungen ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt haben – und zwar so nachhaltig, dass sie noch immer daran leidet?

Was wäre aus dem jungen Menschen geworden, wenn er nicht diesen schlimmen Infekt bekommen hätte, der zu einer schweren chronischen Erkrankung wurde, die ihn nun schon seit vielen Jahren ausbremst?

Was wäre aus der jungen Frau geworden, wenn bei ihrer Geburt die richtigen Maßnahmen hätten ergriffen werden können? Ob sie heute gehen könnte und wie dann ihr Leben aussähe?

Was wäre aus dieser jungen Mutter geworden, die nun mit ihren zwei Kindern in einem kleinen deutschen Dorf sitzt, fernab von ihrem Mann, dem Vater ihrer Kinder, der sein Land vor russischen Soldaten verteidigt?

Was wäre aus diesem junge Mann geworden, der mit einer Waffe ausgestattet gegen seine tiefe pazifistische Überzeugung in einen Krieg geschickt wurde, den er nicht will?

Und vergessen wir die Tiere und Pflanzen nicht, denn was wären wir ohne sie!
Was wäre aus all diesen Hühnern, Schweinen, Kälbern geworden, wenn Menschen sie nicht in Schlachthäuser gebracht hätten, um ihren Fleischhunger zu stillen?

Was wäre aus all diesen Bäumen geworden, wenn Menschen sie nicht gefällt hätten, um an ihrer Stelle Häuser, Straßen oder Monokulturen anzubauen?

Gestohlene, verlorene Leben nenne ich das für mich.

Wir alle, jedenfalls fast alle, haben gestohlene, verlorene, nicht wahrgenommene Möglichkeiten. Kleinere und größere. Und je nachdem, wann diese Ereignisse eintreten und mit welcher Wucht, kann das unsern ganzen Lebensentwurf grundlegend verändern.

Letztlich ist es Zufall, ob wir ein Leben in Würde führen können.
Es ist Zufall, wo wir geboren werden, mit welcher Hautfarbe, mit welcher gesundheitlichen Konstitution, mit welcher mentalen Ausstattung, mit welcher sexuellen Präferenz, mit welchen Talenten.
Es ist Zufall, ob wir dort, wo wir geboren wurden, entsprechend unserer Identität leben können.

Manche von uns schaffen es trotz schlimmster Voraussetzungen ein gutes, ein zufriedenes Leben zu leben.
Manchen fehlen dazu die Kraft und die Fähigkeit.
Anderen das Vertrauen.
Vielen die Perspektive
Fast allen die Liebe.

Was wohl aus all diesen Kindern wird, die heute irgendwo auf dieser Erde unterwegs auf der Flucht sind – vor einem Krieg oder weil ihr Land verdorrt ist, überschwemmt, unbewohnbar geworden?

Was wäre, wenn?
Wäre das andere, das ungelebte, das unlebbare Leben ein besseres?

Leben im Konjunktiv.
Anders geht nicht.
Leben in der Vorläufigkeit.
Weil Leben nie zuverlässig, nie vorhersehbar ist.

Der Traum vom Ideal.
Die Sehnsucht nach Freiheit.
Der Wunsch nach Zufriedenheit und HappyEnd.

Nichts davon haben wir auf sicher.