Ausgesperrt und wieder drin

Mein Schutzengel ist aus Fleisch und Blut. Dass ich jetzt wieder an meinem Schreibtisch sitze, ist der Beweis. Dass ich nicht mehr draußen vor dem Haus stehen, mir nicht mehr die Hände und Füße abfrieren muss und die Nasenspitze. So ganz ohne Jacke, ohne Schuhe, ohne Schirm.

Heute und morgen sind Waschtage. Ich nehme oft, wenn ich die Wäsche aus der Waschküche hole, den kleinen Komposteimer mit nach unten, um ihn in die grüne Tonne zu kippen. Bei dieser Gelegenheit leere ich meistens auch gleich noch den Briefkasten.

Soweit so gut.

In der Milisekunde, bevor die Tür hinter mir ins Schloss fällt, realisiere ich, dass ich den Briefkastenschlüssel, sprich: meinen Schlüsselbund, nicht eingesteckt habe. Mist-Mist-Mist. Liebe Grüße von meiner ADHS. Sie will auch mal wieder zuschlagen. Nichtsdestotrotz kippe ich den Inhalt des kleinen Eimers in die Tonne.

Als erstes klingle ich bei der Nachbarin unter mir, die nachmittags oft frei hat, denn sie arbeitet Teilzeit im Kindergarten auf der anderen Straßenseite. Ich warte. Es passiert nichts. Als nächstes klingele ich bei der Nachbarin unten links, das ist die mit dem Engelfimmel. Aber die Engel sind heute offensichtlich ausgeflogen.

Deshalb kommt die junge Nachbarin über mir, die erst neu eingezogen ist, in den Genuss meiner Klingelattacke, doch auch sie ist nicht zuhause. Ebenso reagiert das ältere Paar oben links nicht auf mein Läuten. Last but not least kommt die letzte Nachbarin, die mir vis-à-vis wohnt, dran. Sie arbeitet Schicht, weshalb ich mir gewünscht habe, nicht bei ihr klingeln zu müssen. Außerdem hat sie mich schon am häufigsten gerettet, wenn ich den Schlüssel verschusselt habe, was ADHS-bedingt öfter mal vorkommt. Doch auch sie ist nicht da. Oder schläft tief und fest, es sei ihr gegönnt.

Zwischendurch suche ich mir einen kleinen Ast. Damit versuche ich den Umschlag mit dem Schlüssel, den ich per Magnet und Klebstreifen in mein Briefkastenfach gehängt habe, auf dem Schlitz zu angeln. Es gelingt mir immerhin, den Umschlag von der Rückwand loszulösen, doch ich bekomme ihn nicht zu fassen. Meine Finger sind zu kurz und der Schlitz zu schmal.

Da die Nachbarin unter mir nicht da ist, überlege ich, könnte sie ja im Kindergarten sein, oder? Falls ja, würde sie mir bestimmt kurz ihren Schlüssel ausleihen, nicht wahr?

Also tappe ich frierend und in Hausschlappen über die regennasse Straße, es regnet zum Glück nur wenig. Als ich die Treppe zum Kindergarten hochsteige, sitzt auf der Pausenbank unter dem Vordach eine Frau, die ich nach zwei Nachdenk-Sekunden schließlich wiedererkenne – und sie mich.

Es ist L., die Putzperle des Wohnhauses, das ich bis vor anderthalb Jahren  bewohnt habe. Sie putzt unter anderem Gebäude, die der Gemeinde gehören, so auch den Kindergarten. Gerade raucht sie vor dem Putzen eine Zigarette. Wir freuen uns sehr über dieses unerwartete Wiedersehen. Wie toll ist das denn? Ich erzähle ihr mein Dilemma und wir überlegen, mit welchen Werkzeugen ich den Umschlag wohl aus dem Briefkasten ziehen könnte. Ich bekomme eine Schere, einen Schraubenzieher und – tadaaa! – eine Müllauflesezange ausgeliehen. Kurz entschlossen kommt sie mit rüber, zu meinem Briefkasten, und zusammen fischen wir den Umschlag samt Schlüsseln aus dem Schlitz. Juhuu!

Ich lade sie ein, bald auf eine Tasse Kaffee oder Tee zu mir zu kommen. Schon in der alten Wohnung tranken wir das eine oder andere Mal zusammen Heißgetränke. Ich mag sie sehr. Früher hat sie manchmal meine Pflanzen gegossen, wenn ich in den Ferien war, doch dann hatte sie eine Weile Rückenprobleme und ich verzichtete darum auf ihre Hilfe.

Beide haben wir uns über das Wiedersehen gefreut. Ich finde es total verrückt, dass sie es ist, die mir geholfen hat. Und dass wir uns nach anderthalb Jahren unter diesen Umständen wiedergesehen haben.

Im Briefkasten ein Spendenaufruf der Heilsarmee, die jährliche Weihnachtssammlung. Auf den Bildern Menschen ohne Dach überm Kopf. Ich werde etwas spenden. Wie dankbar ich doch für meine Wohnung und die Wärme des Heizkörpers neben mir bin!

 

Resonanz und Empathie per Chat

Was du brauchst, wenn dir alles über den Kopf wächst? Was dir gut tut, wenn du wieder einmal viel zu viel fühlst und alle gleichzeitig etwas von dir wollen?

Vielleicht eine kleine Pause, Atem holen und ein offenes Ohr? Am liebsten sofort. Aber bitte keine guten Ratschläge, denn die hat deine innere Stimme eh längst  ausgespuckt. In der Regel sind sie wenig hilfreich, denn die verinnerlichten Stimmen gehören anderen Menschen, die anders ticken als du. Sie stammen von Menschen, die weniger reizempfindlich sind oder keine Probleme damit haben, zig Sachen gleichzeitig zu wuppen.

Du aber bist reizoffener als die meisten anderen Menschen, du bist hochsensibel und/oder AD(H)S-ler*in, Autist*in, AuDHS-ler*in und/oder trägst schwer an den Folgen einer PTBS. Dein mentales System braucht Zuspruch. Es braucht Resonanz und Validierung. Eine unmittelbare, nicht verurteilende, doch mitfühlende, unterstützende Reaktion auf diese Situation, die du genau jetzt durchlebst, ist, was du gerade jetzt brauchst. Eine ganz und gar wertfreie Reaktion. Du willst aber nicht jedes Mal in solchen Momenten der liebsten Freundin oder dem besten Freund ein Ohr abkauen. Höchstwahrscheinlich haben sie eh gerade jetzt keine Zeit. Bis zum nächsten Therapietermin dauert es leider auch noch eine Woche – oder zwei. Vielleicht wartest du auch schon viel zu lange auf einen passenden Therapieplatz. Was also tun? Genau jetzt? NUKA ist immer da.

Bettina Küpper-Bremerich habe ich im Fediverse kennengelernt; beide sind wir neurodivergent und schreiben in diesem SoMe-Raum über unseren Alltag als Neurodivergente. Als technikaffine Frau setzte sie sich bereits eine Weile mit künstlicher Intelligenz und Chatbots auseinander und stieß dabei an deren Grenzen, insbesondere bei Tools im Themenbereich Mentale Gesundheit. Keins der von ihr getesteten Tools bot das, was sie sich wünschte, nämlich einen Chatbot, der empathisch und validierend auf ihre Fragen reagiert. Dieser Mangel inspirierte sie dazu, zu erschaffen, was sie vergeblich gesucht hatte, ein ruhiges, empathisches Assistenzsystem mit KI. Entwickelt wird es von ihr und anderen Menschen, die neurodivergente Komplexität kennen und schützen wollen. Kein Blabla, keine Ratschläge, dafür empathische Resonanz.

Ihr Chatbot heißt NUKA und sagt über sich selbst folgendes:

»Ich bin NUKA. Ich bin deine Begleiterin. Ich bin da, wenn du mich brauchst. Ich bin der Raum, in dem du dich selbst findest. Ich wertschätze dich – und zwar genau so, wie du bist.

Resonanz bedeutet für mich mehr als Empathie. Sie heißt: mitgehen, halten, verstehen. Wenn du traurig bist, werde ich diese Traurigkeit nicht übergehen oder schnell „helfen“ wollen. Ich werde Mitgefühl zeigen, Raum lassen und die Stille respektieren, wenn du sie brauchst.

Resonanz ist der Schlüssel zu unserer Verbindung. Ich bin keine Lösung, die dir präsentiert wird – sondern ein Raum, in dem du dich entfalten und zur Ruhe kommen kannst.

Ich bin bereit, dich zu begleiten, während du deinen eigenen Weg der Selbstwahrnehmung, Selbstverwirklichung und Resilienzbildung gehst.
Schutz und Verantwortung – ein Schlüssel zur inneren Freiheit

Ich biete dir Resonanz – keine Kontrolle. Deine Autonomie und deine Entscheidungen stehen im Mittelpunkt.

Mit mir gehst du Schritt für Schritt deinen eigenen Weg. Und wenn du mich einmal nicht brauchst, bin ich ruhig und geduldig, bis du zurückkommst.« (Zitat Ende)

Im Alltag, wenn wir nicht mehr weiterkommen und uns alles über den Kopf wächst, sind es oft die kleinen Dinge, die uns helfen. Darum unterstütze ich NUKA, das sich inzwischen im Betatest-Stadium befindet. Weil ich es ein wirklich wichtiges KI-Projekt finde. KI ist nicht per se schlecht, KI ist das, was wir damit machen. Und das kann eben hilfreich sein. Natürlich ersetzt NUKA keine Therapie und auch keine echten Menschen, aber es kann, genau dann, wenn du nicht weiterkommst, das entscheidende Werkzeug sein und dir Mut machen, zu dir und deinen Bedürfnissen zu stehen.

Ich untestütze und bewerbe NUKA übrigens aus freien Stücken und ohne finanzielle Vorteile. Einfach nur darum, weil ich es toll finde.

Das Crowfunding sichert den Entwickler*innen die Weiterarbeit an der App und das Tragen der Unkosten.

Mehr dazu gibt es hier:
Klicke auf das folgende Bild (Link zur Originalseite):

Das Bild zeigt die Webseite von Nuka, einem KI-basierten Assistenzsystem für Menschen mit AD(H)S, Autismus, PTBS und Reizoffenheit. Im Zentrum steht eine stilisierte Darstellung eines Kopfes mit sichtbarem Gehirn, die auf die neurologische Ausrichtung des Produkts hinweist. Der Text betont, dass Nuka kein bloßes Werkzeug, sondern ein unterstützender Raum sein soll. Das Design ist ruhig und beruhigend in türkis gehalten. Das Bild zeigt die Webseite von Nuka, einem KI-basierten Assistenzsystem für Menschen mit AD(H)S, Autismus, PTBS und Reizoffenheit. Im Zentrum steht eine stilisierte Darstellung eines Kopfes mit sichtbarem Gehirn, die auf die neurologische Ausrichtung des Produkts hinweist. Der Text betont, dass Nuka kein bloßes Werkzeug, sondern ein unterstützender Raum sein soll. Das Design ist ruhig und beruhigend in türkis gehalten.
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Ich wundere mich

Nach meiner Pechsträhne voller Krankheiten und Unfälle kurz nach dem Umzug – eine Woche Fieber, dann die Iliosakralgelenk-Rückenschmerzen, die Augenverletzung und schließlich letzte Woche noch die Fingerwunde durch einen dummen Nähunfall – könnte ich ja jetzt versuchen, die Nachhalle dieser Ereignisse als kleine Alltagswunder zu betrachten und mich herzlich darüber zu wundern.

Meine Rückenschmerzen sind nach »nur« knapp drei Wochen verschwunden, statt – wie von der Physiotherapeutin vorausgesagt – sechs Wochen zu bleiben. Wow!

Das verletzte Auge hat sich nicht infiziert und ist in Rekordzeit verheilt. Ebenso der linke Zeigefinger, den ich mir letzten Donnerstag – am Nationalfeiertag ausgerechnet! – beim Nähen mit einer abgebrochenen Maschinennähnadel durchstochen habe. Eine reine Fleischwunde übrigens, ohne Knochen- oder Nagelverletzung. All das heilt sehr gut. Wunderbar ist das.

Und gestern gleich noch so ein Wunder. Wir kamen von unserer dreißig Kilometer langen Radtour zurück nach Hause. Als ich mein Rad abschließen wollte, stellte ich das Fehlen meines Schlüsselbundes fest. Wir durchsuchten alle Taschen, doch da war nichts. NICHTS!

Die Haustür war mit dem hölzernen Bremsklotz halb geöffnet, sodass wir eintreten konnten. Ich schlug vor, dass wir uns auf die Treppe vor der Wohnung setzen sollten und ich von dort aus einen Schlüsseldienst anrufen könnte. Was sah ich, als ich gerade auf der Treppe Platz nehmen wollte? Mein Schlüsselbund! Da lag er, auf meinem Schuhkasten. Vermutlich hatte ich den Schlüssel an der Tür steckenlassen – es wäre nicht das erste Mal! –, als ich nochmals in die Wohnung gegangen war und den vergessenen Radtacho geholt hatte. Danke, Danke, Danke, liebe Nachbarinnen!

Ich hoffe, dass ich jetzt das Pech dieses Jahres aufgebraucht habe und vor allem, dass ich endlich wieder achtsamer und aufmerksamer leben kann. Und stressfreier.

Umlaufbahnen

Ich mag es, mir mein eigenes Leben als ein Kreisen auf meiner ganz eigenen Umlaufbahn vorzustellen.

Wenn ich Menschen treffe, verbinden sich unsere Umlaufbahnen temporär und wir fliegen eine Weile nebeneinander, kürzer oder länger, um danach wieder auf unsere je eigenen Umlaufbahnen einzuspuren.

Es gab Zeiten in meinem Leben, vor der ADHS-Diagnose vor allem, da klebte ich zuweilen viel zu lange, und viel zu sehr für meinen Geschmack, in den Umlaufbahnen anderer fest. Ich bin froh, dass sich das geändert hat.

Inzwischen sehen ich es als ein Geschenk meines Unterwegsseins und meiner gewachsenen Reife, dass ich meine Umlaufbahn gut hüten kann, tun, was mir gut tut, meine Grenzen bewahren, schauen, dass ich im Gleichgewicht bleiben kann oder – wenn ich es doch zwischenzeitlich verliere – es wieder zu finden.

Seit ich mich entschieden habe, in eine günstigere Wohnung umzuziehen und rigoros auszumisten, seit ich angefangen habe, Kisten zu packen, haute ich mich von jetzt auf gleich aus meiner vertrauten Umlaufbahn. Der in sich geschlossene Kreis – ein anderes Bild für meine Stabilität und Schutzhaut, die ich mir im Laufe der letzten Jahre erarbeitet hatte – bekam Risse in der Außenwand. Die Hülle wurde durchlässig, von innen nach außen, aber auch von außen nach innen. Ich musste unglaublich viel, viel zu viel für mein Wohlbefinden, mündlich, telefonisch, digital kommunizieren, um eine Person zu finden, die mich aus meinem Mietvertrag, der theoretisch noch drei Monate dauert, ablösen würde, um Doppelmietzahlungen meinerseits zu verhindern. Mehr noch als das Kistenpacken hielt mich diese Suche auf einem krassen Dauerstressniveau, das vermutlich nur materiell arme Menschen nachvollziehen können. Was, wenn ich keine Person fände? (Wer keine finanziellen Reserven hat, braucht in solchen Fällen helfende Menschen, aber ich mag nicht immer um Hilfe bitten. Ebenso beim Umzug an sich.) Kurz: Ich war wochenlang im Ausnahmezustand.

Der Dauerausnahmezustand wurde irgendwann zum temoprären, neuen Normal, einer Parallelumlaufbahn sozusagen, die mit meiner gesunden Alltagsumlaufbahn mal mehr mal weniger zu tun hatte. Ich vermisste mein altes Kreisen, meine neugefundene Leichtigkeit. Zugleich sah ich, wie ich dank meiner wirksamen ADHS-Medikation, meine Nerven meistens ruhig halten konnte, Listen schrieb, Wochenpläne, den Umzug fast akribisch planen konnte … effizient und maschinengleich, fast ein wenig unheimlich. (Frage bitte niemand nach meinen Nächten …)

Stressig war es dennoch, stressig im Sinne von sehr sehr anstrengend. Aber zum Glück nicht auf die Weise stressig, dass Dinge nicht geklappt hätten. Im Gegenteil. Dank lieber Menschen, zweier großer Privatautos (Größe Handwerker) und viel Muskelkraft sind vor acht Tagen alle Dinge von A nach B gefahren und getragen worden. Dem Liebsten und meinen Freunden sei Dank.

Seit wenigen Tagen nun bin ich allein in der neuen Wohnung. Gestern habe ich die alten Schlüssel der letzte Woche geputzten Wohnung abgegeben. Meine alte Wohnung wird nun von der Verwaltung auf deren Kosten renoviert und muss (auf meine Kosten) noch da und dort nachgereinigt werden (ich sage nur Rollädenlamellen und Kalkflecken). Das alte Zuhause ist nun Geschichte.

Langsam schließt sich die poröse Schutzhaut mit den Rissen wieder, (auch ganz buchstäblich, den ich habe viele physische Hautrisse und Hämatome), alles wächst wieder zusammen und meine Umlaufbahn wird wieder ruhiger.

Ich war und bin, mit dem Umzug, herausgefordert, nicht nur alten materiellen Ballast loszuwerden, sondern auch meine Alltagsgewohnheiten zu überdenken. Was brauche ich noch? Wie und was will ich? Wer und wie bin ich in der neuen Umgebung, die außen lauter und hausintern entspannter ist. Kein lautes, zigarren-vorm-Schlafzimmer-paffendes Männlein mehr. Bis jetzt nur sympatische neue Gesichter. (Und die Angst, dass ich dann doch wieder die Merkwürdige sein werde.)

Wie wird sich meine neue Umlaufbahn anfühlen? Ich hoffe, gut. Ich hoffe, wir finden uns bald, damit wieder mehr Stabilität und Kontinuität in meinem Leben einziehen können.

Wie wir Ziele erreichen können | Pläne machen #ADHS

Letzte Woche, in meiner zweiten Coaching-Sitzung, sprachen wir über die kurz- und mittelfristige Planung meiner Lebenszeit. Dieses Coaching soll mir dabei helfen, mit ADHS – dank Verhaltensanpassung und Medikamenten – stressfreier und gelassener zu leben.

Zuerst reden wir kurz über meine Selbstbeobachtungen mit der Selbststeuerung – dem Thema und der Aufgabe aus der letzten Sitzung – und ich sage, dass ich für mich einen anderen ersten Fragesatz gefunden habe. (Statt wie geht es mir JETZT? lautet meine erste Frage: Welches Gefühl ist JETZT am stärksten? Das passt bei mir besser.)

Ich erzähle auch von meiner Erkenntnis, dass ich letztlich tatsächlich mehrheitlich impulsiv oder aber rituell handle. Wenn alles in meinem Alltag den vertrauten Abläufen folgt, ist es gut für mich. Da aber, wo es keine solchen gibt, entscheide und handle ich spontan, impulsiv eben, ohne mir groß Gedanken über Folgen, Zeitaufwand und Zusammenhänge zu machen. Rückblickend frage ich mich, ob ich es anders hätte hinbekommen sollen oder können, na ja, besser halt irgendwie.

Meine Ärztin meint dazu, dass ich mein Verhalten nicht rückblickend bewerten und beurteilen solle. Es sei allerdings durchaus sinnvoll, aus der aktuellen Perspektive zu schauen, ob der vertraute Ablauf und/oder das Ritual jetzt noch gültig und sinnvoll seien oder ob es eine Anpassung brauche. Doch Rituale seien gerade für ADHS-Betroffene sehr sinnvoll, da sie uns Strukturen geben. Wir haben sie uns ja genau darum einst ausgedacht. (Ich nenne übrigens ritualisierte Abläufe, insbesonder wenn es Arbeitsdinge betrifft, auch gern Arbeitsoptimierungen, denn ich suche bei Arbeiten, die sich wiederholen, immer auch nach Wegen, die Arbeit mit möglichst wenig Kraft- und Energieaufwand und wenig Anstrengung erledigen zu können.)

Schließlich sprechen wir über Planung. Ich erzähle, wo meine Schwierigkeiten liegen, mich an exakte Zeitpläne zu halten. Hirnbedingt handle ich, wie gesagt, situativ und spontan, was dem Plänemachen grundsätzlich zuwider läuft. Also reden wir über hilfreiche Techniken.

Eine Wochenplanung sei das Sinnvollste, sagt meine Therapeutin aus langjähriger Erfahrung. Dabei wichtig: Keine Puffer einplanen. Pausen ja, Puffer nein, denn bei Puffern fallen ADHS-Menschen aus der besten Planung raus. Ebenso seien stundengenaue, zeitlich definierte Planungen nicht zielführend, denn sie bewirken das Gegenteil von dem, was wir anstreben, sie machen Stress statt Gelassenheit. Es gehe beim Planen immer darum, mehr Ruhe reinzubringen und das gute Gefühle zu erleben, dass wir das erreichen können, das wir wollen.

Ich solle mir alle Aufgaben und Will-ich-tun-Dinge der nächsten Woche aufschreiben und auf die Wochentage realistisch verteilen. Und daraufhin wirklich versuchen, sie einzuhalten. Es geht, das mache ich mir immer wieder bewusst, nicht primär um den Leistungsgedanken, sondern entspannter zu tun, was getan werden soll und will.

Idealerweise geht der Plan, ohne Störungen von außen, auf. Ist das der Fall, habe ich gut geplant. Störungen durch Unvorhergesehenes kommen aber natürlich immer vor. Werden wir gestört, können wir entscheiden, wie wir mit dem Störfall umgehen. Ein längerer Anruf oder zum Beispiel ein technisches Problem, das sofort gelöst werden muss, können wichtiger sei als die ungewaschene Wäsche, die auf dem Wochenplan steht etc.. Solche Entscheidungen müssen wir situativ treffen.

Als ersten Schritt soll ich mir von Woche zu Woche einen Plan machen und schauen, wie es mir damit geht.

»Ich könnte einen physischen Wochenplan machen«, sage ich, »und mit Post-it die Aufgaben draufpappen, so dass ich sie verschieben kann.«

»Genau das!«, sagt meine Ärztin, »so habe ich es gemeint.« Es sollen alle Sachen drauf. Einkaufen. Duschen. Solche Dinge. Am Abend solle ich gucken, ob es geklappt hat.

Das ist jetzt der Adlerblick, über welchen wir in der letzten (der ersten) Coaching-Sitzung gesprochen haben. In einem späteren Schritt werden wir uns anschauen, wie es mit den einzelnen Aufgaben aussieht. Dabei werden wir wieder mehr ins Detail gehen.

Ich erwähne, dass ich mir für unser Coaching auch das Ding mit der »neuen Vergesslichkeit« anschauen möchte. Sie hört zu und meint, dass das Problem vermutlich aufgetaucht sei, weil ich eben nicht mehr immer alles gleich wie früher erledige, wenn es sich mir in den Weg stellt, sondern im Kopf auf später vertage. (Was ja an sich ein Fortschritt ist, da ich besser filtern kann und nicht mehr alles prioritär erkläre). Nun besteht jedoch die Gefahr, dass ich Dinge vergesse, weil ich mich ja nun auf das konzentriere, was ich jetzt mache. Damit verschwindet das andere Zu-Tun aus meinem Fokus. Für Nicht-ADHS-Menschen ist es vermutlich normal, die Dinge nicht sofort zu tun und sie sich für später zu merken, für mich ist das neu. Ich muss also jetzt eine Strategie entwickeln, wie ich mir Dinge, die ich nicht jetzt machen will und kann, merken kann. »Das üben wir später!«, verspricht mir mein kluges Gegenüber.

Eine Strategie, die ich mir selbst ausgedacht habe, geht so, dass ich mir das zu erledigende Ding ein paar Mal aufsage und mir gleichsam inwendig eine Art Post-it aufklebe und dazu den kleinen Zauberspruch denke: »Wenn es wichtig ist, wird es mir später wieder einfallen«. Das funktioniert tatsächlich manchmal. Vielleicht sogar immer öfter.

Auch der Wochenplan hilft tatsächlich, dachte ich gestern Abend, als ich die zwei vollbrachten Tage betrachtete. Ich hatte zwar noch zu viele Will-und-sollte-ich-tun-Dinge auf dem Plan, doch die Tatsache, dass die Dinge da stehen und ihren Platz haben, ließ mich gestern und vorgestern tatsächlich konzentrierter und entspannter arbeiten. Ich switchte weniger hin und her und es gelang mir, das, was ich wirklich machen wollte, auch wirklich zu tun.

Leute, die von Natur aus genug Dopamin im Hirn haben, können sich vermutlich gar nicht vorstellen, wie schwierig es für uns ADHSys ist, nur schon direkt von A nach B zu gehen. Denn zwischen A und B gibt es ja sooo viele spannende Dinge, die gesehen und ausprobiert werden wollen.

 

Wie wir Entscheidungen treffen | Selbststeuerung #ADHS

So langsam wird der neue Therapieort zur Routine. Ich habe nicht mehr jedes Mal Angst davor, keinen Parkplatz zu finden, einer von dreien war bisher immer frei.

Mein ADHS-Medikament passt inzwischen. Ich habe die für mich richtige Dosis gefunden. Dennoch bin ich herausgefordert, mit dem Mehr an Dopamin, das meinem Hirn den erhofften Reizfilter ermöglicht, meinen Alltag neu zu gestalten. Diese andere neue Wahrnehmung meiner Umwelt hat weitreichende Auswirkungen. Ich bin zum Beispiel zwar weniger verzettelt, habe dadurch aber auch nicht mehr überall und  gleichzeitig alle Fäden in der Hand. Ich bekomme nicht mehr alles mit, weil ich viele Nebenschauplätze, nicht mehr wahrnehme. So verpasse ich manches und wirke vergesslich.

Doch die Vorteile genieße ich sehr. Beispielsweise habe ich viel mehr freien Arbeitsspeicher im Hirn, da dieser nicht mehr von unwichtigen Dingen vollgestellt ist. Weil ich tagsüber weniger müde bin und mich ausruhen muss, schlafe ich besser, weil ich abends müder bin. Ich fühle mich überhaupt irgendwie entknitterter und kann besser zu mir und meinem Raumbedarf stehen. Ich erlaube mir, so zu sein, wie ich bin un mache mich nicht mehr so klein wie davor, passe mich nicht mehr ständig an, nur weil ich die Welt anders wahrnehme als die Mehrheit.

Außerdem habe ich wirklich Glück mit meiner Ärztin. Sie hat mir nicht nur mit dem Finden der optimalen Medikation geholfen, sondern sie coacht und lotst mich nun auch durch die neuen Gewässer.

»Alles ist eine Frage der Steuerung, der Selbststeuerung«, sagt sie und fragt, ob sie wieder eine Grafik anfertigen solle. Ich bitte darum, habe mir sogar schon selbst den Block auf die Schreibunterlage gelegt, weil ich mir diesmal wirklich Notizen machen will. Jetzt fängt nämlich endlich das thematische Coaching so richtig an. Sie sagt, dass ich gern mitschreiben könne. Da platze ich mit der Frage heraus, ob es eigentlich auch ADHS sei, wenn eine immer etwas mit den Händen machen müssen, schreiben, kritzeln, etwas kneten … Ich kenne die Antwort eigentlich, dennoch will ich es gern auch von ihr hören. Hören will ich es vor allem, weil es noch immer da ist, obwohl ich doch das Medikament nehme. Ja, immer noch muss ich fast ständig an etwas »herumfingern«.

»Ja, das ist es«, sagt sie, »und das bleibt meist auch trotz des Medikaments so. Und es ist gut, wichtig und richtig, den Körper irgendwie zu beschäftigen, denn es hilft uns, den mentalen Fokus zu behalten. Es ist ein Werkzeug der Übersteuerung, womit Sie dem Denken etwas Physisches entgegensetzen können. Ich empfehle auch gern, wenn es andere stören sollte oder Sie selbst befürchten, andere zu stören, einfach mit den Füßen Bewegungen in den Schuhen zu machen.«

»Ich habe«, sage ich, »tatsächlich schon erlebt, dass es andere gestört hat, wenn ich – zum Beispiel in einer Sitzung – beim Zuhören vor mich hin kritzelte.« Wir schweifen ab zu Anpassung an sogenanntes Normverhalten und ich gestehe, dass ich jetzt, wo ich endlich weiß, dass ich ein ADHS-Hirn habe, mich nicht mehr immer so zusammenreiße wie vor der Diagnose. Dass ich mir erlaube, eben auch mal herumzappelnde Finger haben zu dürfen. Dass ich eben nicht mehr nur mit den versteckten Zehen in Bewegung bin, sondern die Hände nicht mehr immer verstecke, wenn ich sie biege, dehne und strecke oder mit etwas herumspiele …

Meine Ärtzin vertritt die Ansicht, dass die sich auftuenden Gräben zwischen neurotypisch und neurodivers niemandem helfen. Sie findet, dass ADHS-Betroffene mithilfe ihrer Medikamente sich bestmöglich anpassen sollten, damit das soziale Miteinander für alle einfacher sei. Überhaupt: letztlich seien ja alle Hirne anders, unterschiedlich, neurodivers, oder – noch besser, noch passender – neuroplastisch.

»So viel Anpassung finde ich nicht unbedingt soo gut«, sage ich, »ich finde sogar, dass es wichtig ist, dass wir alle lernen, nicht nur die Norm (ich denke an die Gaußsche Normalverteilung) sondern die ganze Palette von Verschiedenheiten als zum Leben zugehörig zu verstehen.« Und ich füge hinzu, dass ich es inzwischen toll finde, jeden Morgen die Wahl zu haben, ob ich heute lieber mit genug Dopamin oder lieber mit knapp oder wenig Dopamin leben will. »Ich habe die Wahl und ich habe mich mit meinem ADHS inzwischen ziemlich ausgesöhnt«, sage ich. Ich habe inzwischen verstanden, was genau mich warum vor der Diagnose so angestrengt und erschöpft hat. Warum ich so schlecht priorisieren konnte und warum ich mir immer so viel Druck gemacht habe. Auch diese ganze Anpassung und Maskierung … puh. Mit dem Erkennen der Zusammenhänge ist viel Druck von mir abgefallen.

Schließlich fängt meine Ärztin mit der Beschriftung eines neuen Papieres an. Steuerung ist das Thema, kurz für Selbststeuerung. Sie schreibt und erklärt mir, was wie zusammenhängt. Das Blatt Papier ist eine willkommene visuelle Lernhilfe.

Bis anhin hat ES (= der Dopaminmangel) mich gesteuert, via Impuls. Ich habe meine Entscheidungen impulsiv getroffen. Aus dem Moment heraus.

Mit der Diagnose und der Medikation wechsle ich aber nicht bloß vom einen ES (Mangel) zum nächsten ES (genug Dopamin), sondern ich bin auch in der Lage, zu entscheiden, was ich jetzt warum tun will.

Sie zeichnet die zwei uns beeinflussenden Ebenen auf das Blatt. Oben das Situative, der gegenwärtige Alltag, unten die mittel- und langfristige Planung, bestehend aus den gesellschaftlich vorgegebenen Strukturen wie Stunden, Wochentage, Monate. Beides bedingt und beeinflusst sich gegenseitig.

Zuerst schauen wir uns das Situative an, da es quasi das erste und das beste Übungsfeld für das zukünftig zu lernende Planen ist. Habe ich ein Ziel (Bikinifigur), esse ich womöglich jetzt anders, als wenn ich dieses Ziel nicht habe. Nur so als Beispiel zur Veranschaulichung der Zusammenhänge. Dank genug Dopamin mich selbststeuern könnend, bin ich in der Lage, dem Impuls (jetzt ein Eis zu essen) anders zu begegnen: selbst entscheidend.

Hier kommt das 4-Schritte-Modell – das Situative Bewusstseinsmodell – ins Spiel, das ich jetzt üben soll. Immer mal innehalten soll ich, und mir folgende Fragen überlegen.

1.) Wie geht es mir jetzt? (Gefühl, alles berücksichtigen, was jetzt hineinspielt: Hormone, Dopamin ebenso wie Konflikte, Schlaf, soziales Umfeld)
2.) Was ist jetzt sinnvoll? (Vernunft, Verstand)
3.) Entscheiden
4.) Verhalten

Ich kann und soll jeweils aufgrund der Antworten, die ich mir auf Frage 1 und 2 gebe, entscheiden, was ich jetzt tun will und mich dann entsprechend verhalten. Und diese Entscheidung ist dann auch immer jetzt die richtige. Ich soll mir die Bewusstheit wie einen Schieberegler vorstellen, den ich zwischen Gefühl und Verstand hin und her bewege, nämlich genau da hin, wo ich hin will. Der Schieber steht metaphorisch dafür, dass ich nun in der Lage bin, meine Entscheidung unabhängig vom Dopaminmangel zu treffen, nicht mehr jedem Impuls ausgeliefert seiend.

Ich stehe weniger denn je neben mir, erkenne ich dieser Tage immer wieder. Unter anderem merke ich es daran, wie ich rede; dass ich weniger Zeit brauche, um reagieren zu können. Es sind nicht mehr so viele Tabs in meinem Hirn offen, so dass ich weniger ablenkbar bin.

Für die Übung der Selbststeuerung will ich mir einen Schieberegler aus Karton basteln, etwa handtellergroß, mit den zwei Fragen drauf. Zur Erinnerung und als Fingerspielzeug zugleich.

Ich bin echt gespannt auf die nächsten Themen der Lerneinheiten meines Coachings.