Ausgesperrt und wieder drin

Mein Schutzengel ist aus Fleisch und Blut. Dass ich jetzt wieder an meinem Schreibtisch sitze, ist der Beweis. Dass ich nicht mehr draußen vor dem Haus stehen, mir nicht mehr die Hände und Füße abfrieren muss und die Nasenspitze. So ganz ohne Jacke, ohne Schuhe, ohne Schirm.

Heute und morgen sind Waschtage. Ich nehme oft, wenn ich die Wäsche aus der Waschküche hole, den kleinen Komposteimer mit nach unten, um ihn in die grüne Tonne zu kippen. Bei dieser Gelegenheit leere ich meistens auch gleich noch den Briefkasten.

Soweit so gut.

In der Milisekunde, bevor die Tür hinter mir ins Schloss fällt, realisiere ich, dass ich den Briefkastenschlüssel, sprich: meinen Schlüsselbund, nicht eingesteckt habe. Mist-Mist-Mist. Liebe Grüße von meiner ADHS. Sie will auch mal wieder zuschlagen. Nichtsdestotrotz kippe ich den Inhalt des kleinen Eimers in die Tonne.

Als erstes klingle ich bei der Nachbarin unter mir, die nachmittags oft frei hat, denn sie arbeitet Teilzeit im Kindergarten auf der anderen Straßenseite. Ich warte. Es passiert nichts. Als nächstes klingele ich bei der Nachbarin unten links, das ist die mit dem Engelfimmel. Aber die Engel sind heute offensichtlich ausgeflogen.

Deshalb kommt die junge Nachbarin über mir, die erst neu eingezogen ist, in den Genuss meiner Klingelattacke, doch auch sie ist nicht zuhause. Ebenso reagiert das ältere Paar oben links nicht auf mein Läuten. Last but not least kommt die letzte Nachbarin, die mir vis-à-vis wohnt, dran. Sie arbeitet Schicht, weshalb ich mir gewünscht habe, nicht bei ihr klingeln zu müssen. Außerdem hat sie mich schon am häufigsten gerettet, wenn ich den Schlüssel verschusselt habe, was ADHS-bedingt öfter mal vorkommt. Doch auch sie ist nicht da. Oder schläft tief und fest, es sei ihr gegönnt.

Zwischendurch suche ich mir einen kleinen Ast. Damit versuche ich den Umschlag mit dem Schlüssel, den ich per Magnet und Klebstreifen in mein Briefkastenfach gehängt habe, auf dem Schlitz zu angeln. Es gelingt mir immerhin, den Umschlag von der Rückwand loszulösen, doch ich bekomme ihn nicht zu fassen. Meine Finger sind zu kurz und der Schlitz zu schmal.

Da die Nachbarin unter mir nicht da ist, überlege ich, könnte sie ja im Kindergarten sein, oder? Falls ja, würde sie mir bestimmt kurz ihren Schlüssel ausleihen, nicht wahr?

Also tappe ich frierend und in Hausschlappen über die regennasse Straße, es regnet zum Glück nur wenig. Als ich die Treppe zum Kindergarten hochsteige, sitzt auf der Pausenbank unter dem Vordach eine Frau, die ich nach zwei Nachdenk-Sekunden schließlich wiedererkenne – und sie mich.

Es ist L., die Putzperle des Wohnhauses, das ich bis vor anderthalb Jahren  bewohnt habe. Sie putzt unter anderem Gebäude, die der Gemeinde gehören, so auch den Kindergarten. Gerade raucht sie vor dem Putzen eine Zigarette. Wir freuen uns sehr über dieses unerwartete Wiedersehen. Wie toll ist das denn? Ich erzähle ihr mein Dilemma und wir überlegen, mit welchen Werkzeugen ich den Umschlag wohl aus dem Briefkasten ziehen könnte. Ich bekomme eine Schere, einen Schraubenzieher und – tadaaa! – eine Müllauflesezange ausgeliehen. Kurz entschlossen kommt sie mit rüber, zu meinem Briefkasten, und zusammen fischen wir den Umschlag samt Schlüsseln aus dem Schlitz. Juhuu!

Ich lade sie ein, bald auf eine Tasse Kaffee oder Tee zu mir zu kommen. Schon in der alten Wohnung tranken wir das eine oder andere Mal zusammen Heißgetränke. Ich mag sie sehr. Früher hat sie manchmal meine Pflanzen gegossen, wenn ich in den Ferien war, doch dann hatte sie eine Weile Rückenprobleme und ich verzichtete darum auf ihre Hilfe.

Beide haben wir uns über das Wiedersehen gefreut. Ich finde es total verrückt, dass sie es ist, die mir geholfen hat. Und dass wir uns nach anderthalb Jahren unter diesen Umständen wiedergesehen haben.

Im Briefkasten ein Spendenaufruf der Heilsarmee, die jährliche Weihnachtssammlung. Auf den Bildern Menschen ohne Dach überm Kopf. Ich werde etwas spenden. Wie dankbar ich doch für meine Wohnung und die Wärme des Heizkörpers neben mir bin!

 

Ich wundere mich

Nach meiner Pechsträhne voller Krankheiten und Unfälle kurz nach dem Umzug – eine Woche Fieber, dann die Iliosakralgelenk-Rückenschmerzen, die Augenverletzung und schließlich letzte Woche noch die Fingerwunde durch einen dummen Nähunfall – könnte ich ja jetzt versuchen, die Nachhalle dieser Ereignisse als kleine Alltagswunder zu betrachten und mich herzlich darüber zu wundern.

Meine Rückenschmerzen sind nach »nur« knapp drei Wochen verschwunden, statt – wie von der Physiotherapeutin vorausgesagt – sechs Wochen zu bleiben. Wow!

Das verletzte Auge hat sich nicht infiziert und ist in Rekordzeit verheilt. Ebenso der linke Zeigefinger, den ich mir letzten Donnerstag – am Nationalfeiertag ausgerechnet! – beim Nähen mit einer abgebrochenen Maschinennähnadel durchstochen habe. Eine reine Fleischwunde übrigens, ohne Knochen- oder Nagelverletzung. All das heilt sehr gut. Wunderbar ist das.

Und gestern gleich noch so ein Wunder. Wir kamen von unserer dreißig Kilometer langen Radtour zurück nach Hause. Als ich mein Rad abschließen wollte, stellte ich das Fehlen meines Schlüsselbundes fest. Wir durchsuchten alle Taschen, doch da war nichts. NICHTS!

Die Haustür war mit dem hölzernen Bremsklotz halb geöffnet, sodass wir eintreten konnten. Ich schlug vor, dass wir uns auf die Treppe vor der Wohnung setzen sollten und ich von dort aus einen Schlüsseldienst anrufen könnte. Was sah ich, als ich gerade auf der Treppe Platz nehmen wollte? Mein Schlüsselbund! Da lag er, auf meinem Schuhkasten. Vermutlich hatte ich den Schlüssel an der Tür steckenlassen – es wäre nicht das erste Mal! –, als ich nochmals in die Wohnung gegangen war und den vergessenen Radtacho geholt hatte. Danke, Danke, Danke, liebe Nachbarinnen!

Ich hoffe, dass ich jetzt das Pech dieses Jahres aufgebraucht habe und vor allem, dass ich endlich wieder achtsamer und aufmerksamer leben kann. Und stressfreier.

Drei Stuten

Stutenbissig ist sie, die eine der drei Stuten. Wiki sagt, das sei ein deutscher Ausdruck, der salopp abwertend ein Verhalten von Frauen als Akteurinnen in offenen Konflikten mit Hilfe einer Tiermetapher benenne. Es handele sich um einen Geschlechterrollen-Stereotyp. Damit werde ein empfindliches, oftmals intrigantes und hinterhältiges, aggressiv streitbares und hitziges Verhalten gegenüber anderen Frauen, die als mögliche Konkurrenz empfunden werden, beschrieben. (Quelle) Aha, Geschlechter-Stereotypen also. Wie es wohl bei Männern heißt, dieses Verhalten, Konkurrenz wegzubeißen?

Ich weiß nicht, ob die drei Stuten auf dieser Koppel am Ende der Welt davon schon einmal gehört haben, aber sie illustrieren menschliches Verhalten – ganz ohne Geschlechterzuweisung – leider bestens.

Die Koppel ist, es tut weh, ein einziges Schlammfeld. Ganz hinten, wo der Zaun des vielleicht 200 x 80 Meter großen Platzes aufhört, ist ein waldiger Bach. Irgendwo, mittendrin im baumlosen Pferch, steht eine einsame, überdachte Futterkrippe mit ein bisschen labrigem Heu. Sonst nichts. Kein Obst. Kein Getreide. Kein Unterstand. Kein Strauch. Nichts. Nur Schlamm. Das Gras ist abgegrast, auch das vorne, wo wir auf dem Wanderweg vorbeigehen.

Zwei elektrisch geladene Bänder umgeben das Gelände. Ich frage mich, was die drei Stuten tun würden, wenn ich den Zaun öffnen würde. Sie könnten ausbüxen. Ob mit oder ohne uns: ein Sprung würde genügen. Das Gras jenseits des Zauns ist tatsächlich grüner. Wir pflücken ein paar Büschel und locken die drei Stuten an. Die Dunkelbraune ist die Leitstute. Sie holt sich hungrig ihren Anteil an Gras. Die zwei anderen, Hellbrau und Schwarz, beißt sie buchstäblich weg, wenn wir sie füttern wollen. Zu zweit schaffen wir es schließlich, dass auch Hellbraun ein paar Büschel bekommt. Schwarz traut sich nicht an den Zaun.

Schlammige Wiese mit drei Pferden. Im Hintergrund, außerhalb des Zaunes Wald. Davor, auf der Wiese, ein mobiles Gebäude aus grauem Kunststoff. Das eine Pferd kommt auf die Betrachtenden zu, die zwei anderen sind noch abgewandt.

Auf dem Rückweg von unserer Runde kommen wir wieder an der Koppel vorbei. Diesmal haben wir einen ganzen Stoffsack mit Gras gefüllt und die Pferde kommen uns bereits entgegen, als sie uns sehen. Die Leitstute ist noch dreister geworden, aber diesmal lasse ich nicht locker. Der Liebste lenkt die Fiese Tante, wie ich die Leitstute nenne, ab, damit ich Hellbraun und Schwarz auch ein bisschen füttern kann.

Hellbraun ist unglaublich ängstlich. Sie legt die Ohren an, macht nur kleine, blitzschnelle Schnappbewegungen mit dem Mund, um das gereichte Gras zu schnappen und zieht ihren Kopf rasch wieder zurück, um von der Fiesen Tante nicht gebissen zu werden. Schwarz ist die, die aufgegeben hat. Sie nimmt, was sie bekommt. Die Fiese Tante beißt Schwarz weniger als Hellbraun, vermutlich weil Schwarz längst resigniert hat.

Ist es die Not oder sind es Hunger und Verzweiflung, die von diesen drei Pferden Besitz ergriffen haben? Was macht Not, was machen Hunger und Verzweiflung mit einem Pferd, einem Menschen, wenn die Lebensbedingungen nicht mehr artgerecht sind?

Artgerechte Haltung ist das nämlich nicht, doch selbst wenn ich den Zaun aufschneiden würde, ich glaube nicht, dass die drei Pferde abhauen würden. Wohin auch? Sie kennen es nicht anders.

Innen ist außen. Außen ist innen. Grenzen sind im Kopf. Im menschlichen ebenso wie im tierischen. Außerdem verschleiern und verharmlosen Gewohnheiten Leid und Schmerz.

Über das Älterwerden

In vielerlei Lebensbereichen stelle ich fest, wie ich mich verändere. Nicht dass. Dass wir uns ständig verändern, ist ja keine Frage. Ich denke über das Wie nach und über das Was.

Wie heißt es so schön? Was an neuer Musik nach 40 dazu kommt, bleibt nicht mehr hängen. Na ja, das gilt natürlich nicht nur für Musik. Es gilt für alles. Wobei 40 natürlich eine Variable ist. Bei mir ist – nicht nur in Sachen Musik – zwischen 40 und 50 nochmals richtig viel Neues dazugekommen. Es war ein Mich-einfinden-in-meinem-eigenen-Geschmack. Manches flog raus, das nicht passte, nicht mehr passte, eigentlich nie gepasst hat.

Manches blieb und wuchs. Gucken wir uns mal meine Lieblingsrockband an. Ihr ist schon vor einer Weile der Sprung in die oberste Liga (schweizweit zumindest) gelungen. Ihre Tickets kann ich mir längst nicht mehr leisten. Das letzte besuchte Konzert war nahezu am Vorabend des Lockdowns. Dann die neue CD. Die Musik hat mich weit weniger berührt als die auf den Platten davor. Die Band geht neue musikalische Wege. Abhandengekommen sind mir dieser Geschmack von wilder Jugend und dieses Gefühl von Zugehörigkeit und Zusammenälterwerden.

Ein bisschen fühle ich mich ja schon abgesägt, abgehängt, dabei hat die Band ganz einfach den Sprung zur jüngeren Generation der Fans vollzogen – sich weiterentwickelt und angepasst. An den Konzerten – früher, damals, als ich es mir noch leisten konnte – war das Publikum bunt gemischt, bestand halb aus Menschen meiner Generation wie die Band selbst, halb waren es deren Kinder … Der Funke ist von Generation zu Generation weitergesprungen, die Jungen haben aufgeholt. Sie machen mit beim Wettrennen um die Tickets, die ein halbes Jahr vorher – exakt auf Zeitpunkt terminiert – angeboten werden und innert Minuten ausverkauft sind. Ich mag da nicht mehr mitmachen. Das ist nicht mehr meine Welt.

Das ist nur ein Beispiel, eins von vielen Dingen, denen ich anmerke, wie sich in mir drin dieser Wandel vollzieht. Bewusst und unbewusst. Inhaltlich und strukturell. Laufende Prozesse.

Ich muss inzwischen nicht mehr alles verstehen und ich vermutlich bin jetzt eine von denen, die ich früher als alt wahrgenommen habe. (Auch wenn jetzt Ü70-Jährige bestimmt schmunzeln und meine noch nicht mal sechzig Jahre als geradezu jung empfinden.)

Das mag vielleicht eher sentimental oder traurig, nach Abgesang, klingen, doch ehrlich, ich empfinde es durchaus nicht grundsätzlich negativ. Eher wie eine Befreiung. Ich muss nicht mehr … Ich muss immer weniger.

So langsam kommen wieder Dürfen und Wollen in mir auf. Mich weiterentwickeln will ich gern. Aber nicht mehr in Richtung Mehr-Größer-Höher, sondern eher in die Tiefe. Und nur noch bei manchen Themen und Fertigkeiten. Bei allem mitreden muss ich nicht mehr.

Dass sich die Welt und unser aller Lebensgefühl in den letzten vier Jahren krass verändert hat, ist natürlich nicht ohne Einfluss auf mich und meine Prozesse geblieben. Alles beeinflusst uns, alle beeinflussen sich gegenseitig – auf die eine oder andere Weise. Gesellschaftliches, Persönliches, Politisches – alles ist dich miteinander verwoben. Niemand ist eine Insel.

Manchmal stelle ich mir das ganze Leben wie ein  sehr großes Tetris-Feld vor. Und die Klötzchen, die es zu stapeln gilt, sind all die Dinge, die uns bewegen, sind all Menschen, die uns begegnen, sind die Gedanken, die wir uns machen und die Gefühle, die wir empfinden … manches passt, manches sperrt sich in uns.

Unsere Herausforderung besteht darin, in uns drin die zu uns passende, uns im Wesen ausmachende Ordnung zu finden. Und den Frieden damit, ja, den auch.

Diskrepanzen

 

Triggerwarnung ||| Toxische Beziehungen. Victim blaming.
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Manche Menschen sagen: Du entscheidest selbst, wie du über diese oder jene schlimme Erfahrung denkst. Du hast immer eine Wahl. Entscheidend ist nur deine Haltung dazu, dein Umgang damit.

Andere Menschen sagen, dass eine Person, die eine toxische physisch und/oder psychisch gewalttägige Beziehung nicht schnellstmöglich verlasse, selbst schuld sei. Und sie sagen, es brauche zur Machtausübung ja immer zwei, die Machtausübenden und die, die es zuließen. Würden diese die Macht nicht mehr zulassen, würden die Machtausübenden aufgeben.

Menschen, die so denken, haben vermutlich noch nie in einer solchen Situation gesteckt. Wurden noch nie unterdrückt. Haben noch nie Mobbing, Übergriffe, Gewalt oder Ausgrenzung erlebt.

Ja, ich bin richtig allergisch auf solche Sätze. Sie sind in meinen Augen ebenfalls eine Art von Victim blaming – Täter-Opfer-Umkehr, Schuldumkehr – wie etwa der zu kurze Rock, der Schuld daran sei, wenn ein Vergewaltiger seine Hormone nicht unter Komtrolle habe.

Die Opfer werden dafür gescholten, dass sie sich nicht aus eigener Kraft aus ihrer Falle befreien. Und sie werden gern noch dafür beschuldigt, dass sie überhaupt in diese Situation geraten sind. Kurzer Rock und so.

Ich frage mich, ob Menschen, die so über andere urteilen, jemals wirkliches Leid erlebt haben.

Ein Mensch, jung oder alt, erwachsen oder Kind, ist in solchen Situationen gefangen in den Umständen, oft panisch und womöglich sogar in Todesangst.

Gewalt zu erfahren ist immer schrecklich und hört auch nicht einfach auf, wenn die akut erlebte Gewalt wieder aufgehört hat, denn später findet sie im Inneren statt und löst in der Erinnerung jedes Mal neu Angst und Schmerz aus.

Betroffene fühlen Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, oft auch Isolation, Resignation. Wie sollen sie da ausbrechen können? Wie sollen sie da an sich selbst glauben, woher die Kraft und den Mut nehmen? Und wenn sie es dann doch irgendwie herausgeschafft haben, steckt das Erlebte noch immer prägend unter ihrer Haut.

Jedes Mal, wenn ich Sprüche höre oder lese, wie dass es ja nur darauf ankomme, wie wir die Dinge bewerten und wie wir darüber denken, fühle ich diese krasse Diskrepanz zwischen dem, was viele wohl so denken und dem, was ich selbst erlebt und in Gesprächen mit anderen beobachtet habe.

Nein, wie es uns geht, ist nicht nur das Ergebnis dessen, wie wir über die Dinge denken. Es ist vor allem das Ergebnis dessen, was wir fühlen und erleben. Jetzt. Direkt und unmittelbar. Und es ist ein Ergebnis dessen, was wir bis hierher gefühlt und erlebt haben. Ganz ohne Bewertung.

Inzwischen weiß ich, dass wir traumatische Erfahrungen nur lösen können, wenn wir uns diesem Gefühl- und Erlebthaben stellen. Und das geht definitiv nicht über Rationalisierung und Anders-über-etwas-Denken.

Hört also bitte auf, zu sagen, dass Opfer auch immer irgendwie selbst schuld sind.

(Eigentlich nichts Neues) über die Liebe

Unsere Sehnsucht nach Geliebtwerden: Ich glaube, das einzige Mittel, das uns dagegen hilft, der Liebe anderer nachzurennen, ist radikale Selbstliebe. Nur damit werden wir vermutlich den ’Egoismus des Geliebtwerdenwollens’ abstreifen können.

Manchmal wird ja über Achtsamkeit als eine gut getarnte Möglichkeit das Nur-um-sich-selbst-Kreisens gestänkert. Das sei nichts als gut getarnter Egoismus. Das sehe ich ganz und gar nicht so. Gerade für Menschen, die von klein auf nicht gelernt haben, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten – und sich selbst und die eigenen Grenzen stattdessen ständig übergehen, weil ihnen niemand beigebracht hat, sich selbst wertzuschätzen, Bedürfnisse haben zu dürfen und ernst zu nehmen –, ist der Weg der Achtsamkeit(smediation) ein Segen.

Darüber stänkern tun übrigens eh meist nur jene Leute, die sowieso ein gesundes Selbstvertrauen mit auf den Weg bekommen haben und von daher keine Ahnung haben.

Sich selbst als wertvollen, liebenswerten Menschen zu betrachten, sich Gutes zu gönnen, mit sich selbst liebevoll umzugehen und – ganz wichtig! – Selbstmitgefühl zu haben, das zu Mitgefühl für andere ermächtigt, ist das krasse Gegenteil zur egozentrischen Lebenshaltung wirklicher Egoist*innen.

Eigentlich anders

Content warning »Sterbebegleitung, Sterben, Tod, Abschiednehmen«
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Eigentlich wollte ich dieser Tag hier einen liebevollen, begeisterten, einladenden Text über das geplante Live-Kunst-Reiseprojekt des liebsten Irgendlink schreiben. Einen Text über seine Pläne, via Helsinki ein weiteres Mal ans Nordkap zu radeln. Einen Text über die Umsetzung eines Traumes, der seit Mitte Pandemiezeit immer konkreter wurde und dieses Jahr in die Wirklichkeit geholt werden sollte.

Uneigentlich ist alles ganz anders. Gestern Nachmittag fand ein Gespräch statt, von dem wir uns erhofft hatten, dass danach unser lieber Freund S. endlich und seinem Wunsch, seiner mündlichen Patientenverfügung, entsprechend, von seinen unheilbaren Schmerzen befreit wird.

Diese existentielle Fragen liegen uns schwer auf Mägen und Herzen. Es geht um Würde und Autonomie bis zuletzt, und es geht um Fragen zu Lebenmüssen und Sterbendürfen. Um Entscheidungen, die wir für einen lieben Menschen treffen müssen, der sich nicht mehr zu Wort melden kann. Ich bin ja ’nur’als Mitmensch und langjährige Freundin im Boot, der Liebste jedoch als Beistand. Schwere Entscheidungen. Wir machen es uns keineswegs leicht.

Mein Herz ist schwer. So viele Erinnerungen an unseren lieben Freund S. tauchen auf, während ich an seinem Bett stehe. Die letzten Besuche im Pflegeheim. Mein letzter vor dem aktuellen Klinikaufenthalt war jener, bei welchem wir ihm das von Freunden finanzierten E-Mobil geliefert hatten. Das er aber, weil er von seiner zweiten Covid-Erkrankung noch so geschwächt war, noch gar nicht hatte probefahren können.

Leider hat das gestrige Gespräch nicht das erhoffte Ergebnis bewirkt, nämlich das Freund S. von seinen Leiden erlöst werden darf. Nochmals neun Tage Abwarterei. Heute oder jedenfalls bald bekommt S. einen Luftröhrenschnitt, dann soll das Morphin ausgeschlichen werden und alsdann soll S. bitteschön höchstpersönlich sagen, dass er nicht mehr weiterleben will. Obwohl wir eine Tonaufnahme von eben dieser Aussage haben. Und diese auch in verschriftlichter Form vorliegt. Und der Liebste immerhin S.s juristischer Beistand ist. Dass S. vor einem Monat jener einen OP zugestimmt habe, die ihn von seiner zunehmenden Lähmung erlösen sollte, sei doch Zeichen dafür, dass S. weiterleben wolle. Dass die OP eher nicht erfolgreich war, wird ignoriert.

Es ist ein Trauerspiel. Wir geben nicht auf.

Des Liebsten Reise ist jedenfalls gecancelt. Aber vielleicht ist ja aufgeschoben nicht aufgehoben. Bestimmt würde sich S. sogar freuen, wenn Irgendlink nochmals vom Nordkap in die Ferne gucken könnte. Ganz bestimmt sogar.

Studie zum #Teilen | #ME/CFS

Unsere liebe Freundin S. ist vor über 20  Jahren nach einem Infekt an ME/CFS erkrankt. Ein langer Leidensweg liegt hinter ihr. Seit wegen LongCovid viele Menschen an ähnlichen Symptomen leiden, wurde und wird zwar ein wenig mehr an dieser chronischen Krankheit geforscht, doch immer noch viel zu wenig. Umso größer ist darum ihre Hoffnung, dass dank dieser Studie – Links siehe unten – weiter und umfassender denn je geforscht werden kann. Sie hat uns gebeten, ihr Anliegen zu teilen. Was ich hiermit sehr gern mache. Und euch ebenfalls darum bitte.

An der Universität Edinburgh hat vor kurzem eine große genetische Studie zu ME/CFS begonnen. Unsere Freundin hat zum ersten Mal seit langem die Hoffnung, dass es mit Hilfe dieser Forschung gelingen kann, die Krankheit besser zu verstehen – eine Voraussetzung dafür, endlich wirksame Behandlungsmöglichkeiten zu finden.

Da die Teilnahme von zu Hause aus stattfindet und sogar vom Bett aus möglich ist, können auch schwer und schwerst Betroffene mitmachen. Um erfolgreich zu sein, braucht die Studie zehntausende Teilnehmer*innen – und Leute, die helfen, genügend Teilnehmer*innen zu finden.

Wenn Du mithelfen möchtest, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Auf der Website der Studie kann man einen Text für Facebook, Mastodon und andere Soziale Medien kopieren. Der Text wendet sich direkt an von ME/CFS Betroffene, die im Vereinigten Königreich leben.

Link zur DecodeME Website:

https://www.decodeme.org.uk

https://www.decodeme.org.uk/ways-to-share

Oder Du kannst einen Brief weiterleiten, den unsere Freundin für Familie und Freund*innen geschrieben hat, bei denen sie sich aufgrund ihrer Einschränkungen lange nicht gemeldet hat (siehe unten).

Der Aufruf soll vor allem Leute im Vereinigten Königreich erreichen. Auch wenn Du keine direkten Kontakte dort haben solltest – jedes Teilen oder Weiterleiten erhöht die Chance, dass ein*e potenzielle*r Teilnehmer*in von der Studie erfährt.

Danke für Deine Mithilfe!

Infos zum Teilen auf Deutsch, als PDF

Infos zum Teilen auf Englisch, als PDF

Brief unserer Freundin, englisch/deutsch, als PDF

Mikro

Viele Male
schmerzt etwas
Großes oder Kleines
Eine Holzfaser unterm Fingernagel
Der Kopf dröhnt
Eine Mücke sirrt durchs Zimmer
Ein lieber Mensch sagt Nein, ich will nicht
Du brichst dir den Arm
Die Seele weint
Dieses Chaos im Bauch

Etwas schmerzt
Alles tut weh
Du leidest
Manchmal wie Sau

Addiere Schmerz
nenn ihn klein oder groß
Addiere ihn mit dem von mir
Mit dem von ihr
Mit dem von denen, die da drüben
stehen und weinen
Summieren wir
All diesen verdammten Schmerz
Unerträglich

Das eigene kleine kurze Leben
kaum größer als dein Weisheitszahn
aus der Sicht eines Elefanten
im Vergleich zur Unendlichkeit
Die Leben aller anderen
Addiere alle Leben
Addiere deine Träume
Addiere ihre Freude
Addiere unser Lachen
Addiere unsere Kraft
Summieren wir
Lebenskraft
Lebensmut
Lebensfreude
Lebendigkeit

Zwei Summen
Wir subtrahieren

Minus?
Plus?

Was bleibt?
Was zählt?

Momentaufnahme

Ich komme mir nicht hinterher.
Nicht mit der Erledigung all der Dinge, die auf meinen Listen stehen.
Nicht mit Agieren und Reagieren – weder persönlich, noch per Mail oder Chat, geschweige denn in den Sozialen Netzwerken.
Nicht mit all den Büchern, die ich lesen und hören will.
Nicht mit all den Filmen und Serien, die ich mir anschauen will.
Nicht mit all den Nachrichten über Katastrophen, Kriege und Menschenrechtsverletzungen, die ich begreifen will.
Nicht mit dem Verfassen eines Jahresrückblicks. (Das schon gar nicht. Wozu auch.)

Ich kann mich schlecht konzentrieren und fokussieren.
In meinem Kopf springen Hasen herum.

Draußen schneit es sei gestern, abwechselnd mit Schneeregen.
Ziemlich optimal ist das.
Es sieht hübsch aus und muss nicht weggeschippt werden.

Es ist mir zu kalt und zu nass zum Rausgehen.
Trotz der zwei Paar Wollsocken übereinander.

Es ist mir nach Winterschlaf.
Oder nach Bücher lesen und hören,
und nach Filme gucken.
Am liebsten mit Decke übern Kopf
und um mich rum.

Aber nur Input geht ja auch nicht,
irgendwo muss das Viel an Geschichten ja auch wieder raus,
das ich da verschlinge.

Wie machen das andere, die nicht schreiben?
Wie reflektieren andere, was sie denken, tun und fühlen?

Ach, und ist es das, was Kommunikation eigentlich ist:
Verdauen?

Will ich schreibenderweise mehr als nur laut zu denken?
Will ich Spuren hinterlassen?
Wenn ja, für wen und warum?
Geht es darum, irgendwem irgendetwas zu beweisen?
Geht es hier gar um Unsterblichkeit?
Mir nicht.

Lass gut sein, Sofasophia,
es ist, wie es ist.

Und sie erlaubte sich und dem Jahr einen ruhigen Abschluss.

THE END

(Oh, es ist ja noch gar nicht Silvester.)