Ausgelesen #40 | Blauwal der Erinnerung von Tanja Maljartschuk

Das Ende am Anfang. Eine namenlose Ich-Erzählerin hat in alten ukrainischen Zeitungen einen Nachruf gefunden. Neugierig geworden besucht sie im Nordwesten der Ukraine in einem kleinen Dorf das Museum, das ebenjenem einst berühmten politischen Philosophen und Publizisten Wjatscheslaw Lypynskyj gewidmet ist. Dieser hatte sich zeitlebens für eine freie Ukraine eingesetzt. Am Tiefpunkt einer schweren Lebenskrise findet die Erzählerin Halt darin, Lypynskyjs Leben zu ergründen, da sie trotz ihrer sechs veröffentlichten Bücher, «die kaum jemand braucht», feststeckt.

Das Buchcover zeigt im oberen Drittel die Fotografie einer Blauwalschwanzflosse, Darüber der Autorinname. Unter der Flosse öffnet sich das weiße Titelblatt wie längst aufgeschnitten. Darüber steht der Buchtitel in leichten, schwarzen Buchstaben. Die Erzählung mäandert zwischen diesen zwei Menschen, die Verluste, Krankheiten und eine selbstzerstörerische Leidenschaft für die eigenen Überzeugungen verbinden. Außerdem sind beide heimat- und wurzellos, von der Liebe enttäuscht und seelisch wund. Unvergleichlich intensiv schreibt die Autorin Tanja Maljartschuk über das Leben mit Depression und Angststörung.

Die in der Ukraine geborene Autorin, die heute in Wien lebt, erzählt in ihrem Roman sehr bildhaft zwei Geschichten von Entwurzelung, die sich immer wieder schmerzhaft berühren. Darüber hinaus ist «Blauwal der Erinnerung» auch eine hochaktuelle Geschichte vom Kampf der Ukraine um Unabhängigkeit.


Roman von Tanja Maljartschuk, 2019
Kiepenheuer & Witsch
Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck

  • Hardcover
    288 Seiten
    ISBN: 78-3-462-05220-6
    22,00 € inkl. MwSt.
  • eBook (epub)
    ISBN: 978-3-462-31958-3
    18.99 €
  • Taschenbuch
    288 Seiten
    Erscheint am 09.06.2022
    14,00 €
    ISBN: 978-3-462-00418-2

Aufbruchstimmung, Neuanfang

Es gelingt uns nicht, dauerhaft im Krisenmodus zu leben. Vermutlich, von mir auf andere schließend, versuchen wir auch unter widrigsten Umständen eine Art Routine oder Normalität herzustellen, um mental zu überleben. Vermutlich eine von vielen Strategien, um nicht durchzudrehen..

Ich denke oft, sehr oft, an all die Menschen weltweit, die im Krisenmodus leben müssen. Und wie sie das wohl tun. Und ich denke über Umverteilung nach. Über soziale Gerechtigkeit. Über Frieden und wie er erreichbar wäre.

Schon eine ganze Weile fühle ich mich auf Twitter und FB nicht mehr so wohl wie auch schon. Zwar treffe ich dort liebgewordene Menschen, doch es ist laut und voll geworden, oft auch aggressiv. Und jetzt hat doch tatsächlich so ein reicher Sack Twitter gekauft.

Doch das ist nur einer von vielen Gründen, warum ich mich nach einer Alternative zu Twitter umschaute und mich an meinen Zweitwohnsitz erinnerte.

Vor ein paar Jahren schon hatte ich mir nämlich eine kleine Wohnung auf Mastodon eingerichtet. An sie erinnerte ich mich vorgestern Abend. Gestern dann schwang ich dort den Putzlappen und den Kehrbesen und entstaubte die Regale. Ich schuf Platz für neue Kontakte und beschloss den Umzug. Schleichend. Jedes Mal eine Kiste mitnehmen will ich. Von da nach dort. So dass vielleicht irgendwann Twitter der Zweitwohnsitz sein wird.

Klingt undankbar, ich weiß, denn ich mag Twitter. Oder besser: Ich mag das, was es mal war. Und das, was es in meiner kleinen Bubble noch immer ist. Aber ich mag den ganzen Tanz um das goldene Kalb nicht, wozu die großen Sozialen Netzwerke je länger je mehr geworden sind.

Am liebsten wäre es mir ja, wenn all die lieben und vertrauten Menschen von Twitter mit mir –besser noch: vor mir – zu Mastodon umziehen würden. Doch warum warten? Also sagte ich zu mir: Sei du selbst die Veränderung und warte nicht, bis die anderen auch kommen.

Ich mag die Umgebung auf Mastodon sehr. Optisch ist es viel ruhiger. Außerdem ist es Open Source, dezentral, außerdem unkommerziell und frei von Werbung.

Wie überall muss eine*r da natürlich erstmal reinwachsen. Und am besten nicht vergleichen. Nicht mit Twitter, nicht mit FB.

Kaum hatte ich ein paar erste Sätze getrötet – ja, so heißt das dort – wurde ich von da und dort herzlich willkommen geheißen. So geht das. Es fühlt sich so an, als wären wir alle zusammen in einem Landschulheim gelandet und würden uns jetzt umschauen und miteinander das neue Haus erforschen.

So ähnlich, ich erinnere mich, fühlte es sich damals auf Twitter an, als ich langsam dort angekommen bin. Ein bisschen desillusionierter bin ich wohl geworden seither, aber da ist dennoch eine Zuversicht. (Wider alle Vernunft, denn Menschen sind eben wie sie sind.)

Gerade ist da viel Dialog. Viel Fragen und Antworten und Sich-Kennenlernen. Aufbruchstimmung. Neuanfang. Wohltuend friedliches Zusammensein. So, wie es eben sein sollte. Und ja, natürlich wird über Weltpolitik geschrieben, nichts wird ausgeblendet.

Aber der Ton!

Ich mag das.


Bei Mastodon gibts nicht den einen zentralen Anbieter, die eine bestimmte Plattform, sondern viele dezentrale Instanzen. Eine Übersicht über die deutschsprachigen gibt es hier (Klick).

Eine kleine erste Einführung: joinmastodon.org

Anmelden und loslegen.

Was alles nicht sein kann

Was alles nicht ist, aber sein könnte, wenn.
Unendlich viele ungelebte unlebbare Parallelleben.

Was wäre aus dem jungen Mann, der später mein Vater wurde, geworden, wenn er nicht die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges, mit 18 oder 19, zur Rekrutenschule eingezogen worden wäre, um die Schweizer Grenze im Tessin zu bewachen?

Was wäre aus der jungen Frau, die später meine Mutter wurde, geworden, wenn sie nicht jene einschneidenden, übergriffigen Erfahrungen gemacht hätte, über die sie nie gesprochen hat und die ich darum nicht wirklich ermessen kan?

Was wäre aus der jungen Frau, die ich einst war, geworden, wenn sie nicht jenem einen Menschen begegnet wäre, dessen traumatisierende Handlungen ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt haben – und zwar so nachhaltig, dass sie noch immer daran leidet?

Was wäre aus dem jungen Menschen geworden, wenn er nicht diesen schlimmen Infekt bekommen hätte, der zu einer schweren chronischen Erkrankung wurde, die ihn nun schon seit vielen Jahren ausbremst?

Was wäre aus der jungen Frau geworden, wenn bei ihrer Geburt die richtigen Maßnahmen hätten ergriffen werden können? Ob sie heute gehen könnte und wie dann ihr Leben aussähe?

Was wäre aus dieser jungen Mutter geworden, die nun mit ihren zwei Kindern in einem kleinen deutschen Dorf sitzt, fernab von ihrem Mann, dem Vater ihrer Kinder, der sein Land vor russischen Soldaten verteidigt?

Was wäre aus diesem junge Mann geworden, der mit einer Waffe ausgestattet gegen seine tiefe pazifistische Überzeugung in einen Krieg geschickt wurde, den er nicht will?

Und vergessen wir die Tiere und Pflanzen nicht, denn was wären wir ohne sie!
Was wäre aus all diesen Hühnern, Schweinen, Kälbern geworden, wenn Menschen sie nicht in Schlachthäuser gebracht hätten, um ihren Fleischhunger zu stillen?

Was wäre aus all diesen Bäumen geworden, wenn Menschen sie nicht gefällt hätten, um an ihrer Stelle Häuser, Straßen oder Monokulturen anzubauen?

Gestohlene, verlorene Leben nenne ich das für mich.

Wir alle, jedenfalls fast alle, haben gestohlene, verlorene, nicht wahrgenommene Möglichkeiten. Kleinere und größere. Und je nachdem, wann diese Ereignisse eintreten und mit welcher Wucht, kann das unsern ganzen Lebensentwurf grundlegend verändern.

Letztlich ist es Zufall, ob wir ein Leben in Würde führen können.
Es ist Zufall, wo wir geboren werden, mit welcher Hautfarbe, mit welcher gesundheitlichen Konstitution, mit welcher mentalen Ausstattung, mit welcher sexuellen Präferenz, mit welchen Talenten.
Es ist Zufall, ob wir dort, wo wir geboren wurden, entsprechend unserer Identität leben können.

Manche von uns schaffen es trotz schlimmster Voraussetzungen ein gutes, ein zufriedenes Leben zu leben.
Manchen fehlen dazu die Kraft und die Fähigkeit.
Anderen das Vertrauen.
Vielen die Perspektive
Fast allen die Liebe.

Was wohl aus all diesen Kindern wird, die heute irgendwo auf dieser Erde unterwegs auf der Flucht sind – vor einem Krieg oder weil ihr Land verdorrt ist, überschwemmt, unbewohnbar geworden?

Was wäre, wenn?
Wäre das andere, das ungelebte, das unlebbare Leben ein besseres?

Leben im Konjunktiv.
Anders geht nicht.
Leben in der Vorläufigkeit.
Weil Leben nie zuverlässig, nie vorhersehbar ist.

Der Traum vom Ideal.
Die Sehnsucht nach Freiheit.
Der Wunsch nach Zufriedenheit und HappyEnd.

Nichts davon haben wir auf sicher.

Vom Sich-Irren

Verstehen ist wirklich nicht immer einfach und missverstanden und missinterpretiert ist schnell. Dass also der Arzt der Kollegin der Frau vorm Kiosk wirklich gesagt haben soll, Maskentragen mache krank, glaube ich zum Beispiel nicht wirklich. Dass Maskentragen krank machen soll, glaube ich ebensowenig wie dass der Arzt es so gesagt und so gemeint hat. Eher glaube ich, dass der Arzt der Kollegin der Frau vorm Kiosk einen kausalen Zusammenhang zwischen der aktuell steigenden Zahl von Erkältungsinfekten und der Abschaffung der Schutzmasken sieht. Möglicherweise hat er sogar gesagt, dass uns die Masken verwöhnt und unser Immunsystem in den Pause-Modus versetzt haben, weshalb nun die Abwehrkräfte noch schlafen. So irgendwie stelle ich es mir vor.

Aber die Frau vorm Kiosk beharrt weiter darauf, dass Masken krank machen. Ich trete immer wieder einen Schritt zurück, da ich Abstand halten will, doch sie rückt nach.

Sie hat mit der Frau hinter der Kioskscheibe geschwatzt, als wir um die Ecke biegen, weil der Liebste Guthaben für seine Schweizer Handy-SIM-Karte kaufen will. Die Frau vorm Kiosk macht Irgendlink Platz und sagt zu ihm, er brauche keine Maske aufzuziehen. Dieser nickt ihr freundlich zu und behält seinen Covid-Schutz trotzdem vorsorglich auf. Zumal er ja noch nicht mit Sicherheit sagen kann, ob er sich auf der Zugreise* infiziert hat. Er schützt also nicht nur sich, sondern auch andere.

Die Frau stellt sich daraufhin neben mich, die ich in sicherem Abstand zum Kiosk wartend keine Maske trage und erzählt mir von ihrer ärztlich abgesegneten Theorie, dass Masken krank machen. Weil es doch der Herr Doktor ihrer Kollegin, die im Migros an der Kasse arbeitet, so gesagt hat. Gesagt haben soll. Ich rolle innerlich mit den Augen und erkläre, dass sie da vermutlich etwas falsch interpretiert haben könnte und natürlich finden wir keinen gemeinsamen Nenner; und sie beharrt darauf, dass der Arzt es wirklich genau so gesagt hat. Masken machen krank, das hat er gesagt.

Ich weiß, dass ich mich nicht auf solche sinnlosen Diskussionen einlassen sollte. Es bringt nichts. Die Frau sagt nun, dass sie Covid eh schon gehabt habe. Und dass es nicht so schlimm sei, wie alle behaupten.

(Wieder einmal fällt mir auf, dass jede*r Coviderkrankte von sich auf alle schließt: War es eine leichte Erkrankung ohne Nachhall, ist Covid generell harmlos und wird maßlos übertrieben. Nur wenn die Erkrankung schlimm war, wird Covid ernst genommen. Die Harmlos-Variante ist zum Glück die häufigere, aber daraus zu schließen … ach, ihr wisst das alle selbst.)

Ich sage zur Frau vorm Kiosk, dass sich auch ein Arzt irren kann. Falls er es denn wirklich so gesagt und so gemeint haben sollte.

Zum Glück kommt Irgendlink nun und wir verabschieden uns von der Frau vorm Kiosk, die mir immerhin darin recht gibt als dass sich alle mal irren können. Wobei sie mich meint. Und ich sie.

Und damit ist eigentlich die aktuelle Lage der Welt ziemlich gut erklärt.

 


*siehe letzten Artikel. Inzwischen sagt ein negativer Test, dass sich Irgendlinks Maskentragerei im Zug wohl gelohnt hat.

Absurde Welt

Gestern Vormittag erhalte ich bei der Arbeit die Nachricht einer Vorstandfrau. Wir waren uns letzten Samstag begegnet, da sie von mir ein Bild für unsere Buchkolumne machen wollte. Für ein paar Minuten hatte ich mir dafür die Maske vom Gesicht genommen. Die Maske, die ich noch immer, als Einzige, trage. Selbst die meisten unserer Kund*innen verzichten größtenteils auf diesen Schutz, den unsere ach so kompetente Regierung inzwischen ja für überflüssig erklärt hat. Ein paar Minuten nur hatte ich sie nicht auf, nur während des Fotografiertwerdens und während wir uns übers Handy gebeugt die Bilder anschauen.

Gestern Vormittag also entschuldigt sie sich per Chat dafür, noch nicht zum Bildversand gekommen zu sein, da sie Covid habe. Aha. Gut, dass ich das auch noch erfahre. Ob sie denn den Code schon in die App eingefügt habe, fragte ich zurück, damit alle Betroffenen informiert werden und sich testen lassen können. Nein, schreibt sie zurück, sie habe die App letzte Woche gelöscht.

Ich rolle mit den Augen und tausche mich mit der Arbeitskollegin aus, wie ich nun offiziell an einen PCR-Test kommen könnte, so ohne rote Warnung in meiner Warnapp. Symptome zu haben könnte reichen, meint sie. Das habe jedenfalls bei ihr gereicht. Doch sind meine aktuellen und akuten Symptome – laufende Nase, rauer Hals, dumpfer Kopf – denn Zeichen eines erneuten Allergie- respektive Unverträglichkeitsschubs, eine banale Erkältung vielleicht sogar oder tatsächlich Covid? Und vor allem: Wie mache ich das denn jetzt mit dem Liebsten, der genau jetzt im Zug zu mir sitzt und zu den besonders schützenswerten da vorerkrankten Menschen gehört?

Ich benachrichtige ihn, damit er gewarnt ist, wenn ich ihn vorerst nur mit Maske begrüßen werde. Doch zum Glück hat er die neu bestellten Tests im Gepäck, die angeblich Omicron zuverlässig anzeigen sollen.

Ich werde leicht panisch. zugegeben. Nicht nur davor, selbst Covid zu bekommen, sondern auch und vor allem davor, andere Menschen anzustecken; das ist im Grunde seit Pandemiebeginn meine größte Angst. Und ja, ehrlich gesagt  rege mich auch über die Vorständin auf, die vermutlich kaum jemanden über ihre Coviderkrankung informiert hat. Und dass sie die App gelöscht hat. Sie schreibt, ihre Familie sei putzmunter, die – so erfahre ich von der Kollegin – allerdings schon Covid gehabt hat. Ich finde das fahrläßig.

Später hole ich Irgendlink am Bahnhof ab. Wir setzen uns in den Park zwischen Bahnhof und Zuhause und packen die Tests aus. Mein Test ist hoffentlich zuverlässig und zeigt ein negatives Ergebnis an. Ich glaube es ihm jetzt einfach mal.

Negativer Covid-Test auf weißem Hintergrund

Am Abend, als wir es uns auf dem Sofa gemütlich gemacht haben, blinkt auf einmal auf Irgendlinks Handy eine rote Nachricht auf. Die berüchtige rote Kachel der Covidwarnapp, die einen gleichentags gehabten Kontakt als inzwischen ‘positiv‘ erklärt. Ein*e Mitfahrer*in im Zug hat vermutlich am Abend den Code bekommen und in die App eingefügt. Oder so. (Apropos Fahrläßigkeit: Ich frage mich, wie jemand, der möglicherweise positiv ist und auf sein Testergebnis wartet, noch munter im Zug herumfährt – wenn auch mit Maske*.) Zum Glück hat Irgendlink über seiner FFP2-Maske noch den Urbandoo getragen.

Beide haben wir nun also – wenn auch mehrheitlich mit Maske – einen nahen Kontakt zu jemandem gehabt, der aktuell nachweislich Covid hat. Da auch Irgendlink sich seit Tagen schlapp fühlt und zuweilen die Nase läuft, sind wir beide alarmiert.  Er hatte außerdem am Montag eine möglicherweise riskante Begegnung gehabt. Was also tun? Ob wir uns für einen PCR-Test melden sollten oder abwarten und in zwei Tagen weitere Selbsttests machen? Es ist alles so unklar.

Und ja, ich fand und finde ja den in der Schweiz beschlossenen Maskenverzicht verfrüht. Menschen mit Vorerkrankungen, alte Menschen, Risikopatient*innen sind auf sich selbst gestellt. Dieser fahrläßige Umgang unserer Regierung mit der aktuellen pandemischen Lage ist unverantwortlich und gefährlich.

Passt gut auf euch auf!

——-

*Später erfahre ich, dass in D auch positive Schnelltests in die App eingefügt werden können, je nach Test-Center.

Warum ich nichts über den Krieg schreibe

Seit Tagen überlege ich, wie ich hier weiterbloggen soll. Und ob überhaupt. Jetzt. Hier. In dieser verrückten Zeit.

Ich lese da und dort. Aktuell am liebsten,  wie so oft, bei Herrn Buddenbohm. Seine Wortmeldungen und Linksammlungen bündeln so ziemlich, was auch ich gelesen, gedacht, gefühlt habe.

Von ihm habe ich denn auch den Link zu einem Artikel, der mir sehr aus der Seele spricht. Von einem, der sich, wie ich gefragt hat, was er denn über all das schreiben soll, was gerade in Europa geschieht. Wo wir doch letztlich keine Ahnung haben.

Ich zitiere also Herrn Jawls aka Christian Fischer:

»Ich weiß nicht, wie wahr das ist, was ich als Kind über „die Russen“ lernte, ich weiß nicht, welchen Berichten ich glauben konnte in den vergangenen 20 Jahren und welchen nicht, wann es in all den Jahren um Politik ging und wann um Menschen und wann um „ökonomische Interessen“ – was ja nur ein besser klingendes Wort für Geld oder Gier ist.
Und vor allem weiß ich nicht, wem ich jetzt in diesem Moment glauben kann. Krieg ist – aber das wissen Sie natürlich – neben allem, was man sich darunter vorstellt, vor allem der Kampf um die Herrschaft über die Narrative.

Und ich habe keine Ahnung. Und ich möchte nicht Teil einer Desinformation sein.

Darf ich Sie um etwas bitten? Halten Sie es genau so. Das Web ist nur dann ein guter Platz, wenn wir es dazu machen.«

Quelle: hmbl.blog/28-2-2028-nun-sag-doch-etwas

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Derweil denken der Liebste und ich über eine weitere Flus-Fernwanderung durch die Schweiz nach. Ohne zu wissen, was im Sommer sein wird. Keine Ahnung, wie die Welt dann tickt.

Das eine schier unvereinbar mit dem anderen.

Zwei Realitäten.

Viele Realitäten.

Alles gleichzeitig.

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Ukrainische Flagge mit dem Satz Stand with Ukraine in weißer Schrift, im gelben Feld eine Fotografie eines Plakats mit dem gleichen Satz

Von diesem Bild gibt es hier ein Puzzle
bitte gern in Form einer kleinen konzentrierten Friedensmeditation zu lösen.

Spielen? Ein Update

Inzwischen spiele ich ja statt Zeitung zu lesen. Das tut mir deutlich besser.
Spielen ist eine unterschätzte Kulturtechnik, wenn ihr mich fragt.

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Dank eines Kommentars im letzten Blogartikel bin ich auf ein tolles Spielparadies für Rechner und Handy (App) gestoßen:

Vorteile
kostenlos & trotzdem werbefrei, abwechslungsreich & vielseitig, Spaß, keine Geräusche, kein Schnickschnack, puristisch

Nachteile
englisch, nicht immer selbsterklärend, wenn man die Spiel-Vorlagen nicht kennt, Farben ein bisschen schrill, nicht super ästhetisch, ziemlich nerdy

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Im Wordle- & Nerdle-Universum habe ich weitere Funde gemacht:

>>> Hier gibt es ein Rätsel von mir für euch <<<

>>> Hier gibt es ein 10-stelliges Rätsel von mir für euch <<<

#ff0000">UPDATE (2.3.22)
Für Mathe-Liebhaber*innen gibt es das ultimative Mathe-Knobelrätsel namens

  • Mathler in den Versionen easy, normal und hard

Für Wordle-Liebhaber*innen gibt es eine Steigerung von täglich zwei oder vier miteinander verbundenen Rätseln, die nacheinander gelöst werden sollen

  • Dordle (zwei Rätsel, englisch, wahlweise daily und free)
  • Quordle (vier Rätsel, englisch, wahlweise daily und free)

#ff0000">UPDATE (4.3.22)
Und weiter geht’s …

  • Octordle (acht Rätsel, englisch, wahlweise daily und free, von den Machern von Dordle und Quordle)

Viel Spaß beim Knobeln!


Lösungshilfen (eine Auswahl)

Für englische Wordles

Wordle Solver 1
Wordle Helper  (Suggestion and Solver Tool from Gamer Journalist)
Wordle Solver 2
Wordle Answer Finder & Word Finder
Wordle Solver 3 (mein Favorit)
Wordhippo_Word-finder-unscrambler
Crosswordsolver_Wordle (Update 14.5.)

Für deutsche Wordles

Kreuzworträtsel Lückentextsuche
l▷RÄTSEL LÖSEN – 5-9 Buchstaben
Kreuzworträtsellexikon-Hilfe
10014 Fragen | Kreuzworträtsel-Hilfe

Platz tut gut

Es war im Herbst oder Winter 2009. Wir saßen mit Freund S. draußen am Feuer. Er war der erste uns bekannte iPhone-Besitzer, also begutachteten wir das gute Stück – ein iPhone 3S – zuerst skeptisch, doch mit wachsendem Interesse. Besonders bei Irgendlink war die Neugier groß. Ob sich damit wohl von unterwegs Bilder ins Blog stellen ließen?

Mit dem Kontaktgift in Berührung gekommen – so nannten wir diesen Moment, in welchem wir S.s Smartphone das erste Mal angefasst hatten. Von diesem Moment an war klar, dass wir über kurz oder lang auch so ein Teil wollten.

Bei Irgendlink dauerte es nicht mehr lange, denn er plante das fotografierenkönnende und internetfähige Telefon in seine im Frühling 2010 geplante Reise ein, seine erste digital gestützte Radreise. Nach Andorra. Eine zehn Jahre zuvor erstmals gefahrene Rad-und-Kunst-Tour nachstellen, die alten Bildstandorte – damals noch ohne GPS – aufsuchen, die Bilder nachstellen, den Wandel dokumentieren – so der Plan.

’Zweibrücken-Andorra’ wurde unser erstes Reiseabenteuer mit ihm als Radler und mir als Homebase. Und was für ein Abenteuer! Damals entwuchsen die iPhone-Apps erst allmählich den Babysocken. Die WordPress-App konnte, soweit ich mich erinnere, zwar Texte, aber noch keine Bilder. Wir wichen darum auf andere Blog-Apps aus, doch weil das Bildereinfügen per App doch sehr mühsam war, mailte mir Irgendlink schließlich seine mit dem iPhone geschossenen Bilder zu, wann immer er in ein freies WiFi-Netz gelangte. Oder er verschickte sie über das damals noch sehr teure Funknetz.

Bereits wenige Monate später, bei unserer Sommerreise an den norwegischen und schwedischen Polarkreis, war die Technik deutlich besser. Ich hatte mir zum 45. Geburtstag ein iPhone 3S geschenkt. Das erste und letzte neue iPhone, das ich mir seither gekauft habe. Damit fuhren wir nach Schweden und Norwegen und bloggten live von unterwegs. Und damit fing ich im Winter darauf an, mit Bildbearbeitungsapps Bilder zu bearbeiten, womit ich Irgendlink ansteckte. Und damit traten wir im Frühling 2011 einer internationalen, iphone-kunstbegeisterten Gruppe bei. Eine große Zeit war das. Eine von Pioniergeist beflügelte. Ein Quantensprung in Irgendlinks Künstlerlaufbahn. Und in meiner natürlich auch.

Bald einmal kamen die Nachfolgemodelle mit besseren Kameras auf den Markt und so kaufte ich kurz darauf Freund S. sein gebrauchtes 4S ab, als dieser aufs 5S umstieg – aus Gründen der Nachhaltigkeit ebenso wie aus finanziellen Gründen. Mein eigenes 5S kaufte ich Jahre später gebraucht per Internet und mein 6S bekam ich vor anderthalb Jahren für 50 € von einer lieben Freundin. Einziger Nachteil dieses tollen neuen Teils war der knappe Platz, doch da ich damals rasch ein 6S gebraucht hatte, griff ich zu. (Grund: Damals liefen die Covid-Apps leider noch nicht auf dem 5S.)

Man kann sich fragen, warum ich iPhones über all die Jahre so treu geblieben bin, wo es doch inzwischen auch andere smarte Telefone mit schnellem Internet und guten Kameras gibt. Dazu preisgünstiger und mit mehr Platz, SD-Karten-Schlitz und was immer Herzen höher schlagen lässt.

Die Antwort? Sie ist vielschichtig und letztlich persönlich. Die Nutzungsgewohnheit ist nur ein Aspekt von vielen. Ich habe nämlich auch eine geradezu persönliche Beziehung zu meinen Lieblingsapps, besonders zu jenen zum Navigieren und Bilderbearbeiten. Ich habe auf meinem Android-Tablet, das mein eReader und mein Fernseher ist, viele Apps getestet und bin mit sehr wenigen Ausnahmen einfach nicht glücklich mit den androiden Lösungen. (Gewohnheit oder mein sehr hoher Qualitätsmaßstab?) Außerdem nervt mich die viele Werbung bei vielen kostenlosen Apps (was leider bei iOS-Apps inzwischen auch nicht mehr soo viel besser ist). Außerdem mag ich ganz einfach die Handhabung und die Übersichtlichkeit bei den Apps und in den Einstellungen. Und dass ich kein Virusprogramm brauche. Und-und-und …

Aber ja, es gibt auch ein paar Dinge, die mich nerven. Allen voran die Tatsache, dass Betriebssystem und Datenspeicher viel Platz beanspruchen, was bei iPhones mit kleinem Gesamtspeicher ganz schön ins Gewicht fällt. Steht 16 GB auf dem Handykarton müssen davon schon mal ungefähr 7 GB aus Systemgründen von der Speichernutzung abgerechnet werden.

Als Gern-Fotografin und Viel-Apperin fühlte ich mich nach der anfänglichen Euphorie über das neue iPhone 6S schnell einmal sehr stark limitiert. Ich musste den Bilderspeicher regelmäßig löschen, um wieder Platz für Neues zu schaffen, was an sich ja nicht schlecht ist. Doch wenn man gerne am Handy Bilder  bearbeitet, wird das mit so wenig Platz schwierig, denn sowohl für die Bearbeitungsapps als auch für neue Bilder fehlte mir schlicht der Platz. So schrumpfte mit der kleinen Speichermenge sehr rasch meine Lust, Bilder zu bearbeiten. Was mir zunehmend schmerzhaft fehlt, denn Kreieren tut mir gut und ist wohltuend. Ich wurde immer geiziger mit meinem wenigen Platz, obwohl ich nur sehr wenige Apps auf dem Handy installiert hatte.

Achtung, jetzt wird es philosophisch: Nach und nach fühlte sich dieser wenige Platz auf dem Handy für mich so an wie ein zu enger Raum oder wie zu klein gewordene Schuhe … Das alles lässt sich durchaus auf das Bedürfnis auf Lebensräume übertragen, auf den Wunsch nach mehr Platz, auf mehr Daseinsberechtigung. Ja, genau: Ich sehnte mich nach mehr Platz – eben auch auf dem Handy.

Weniger und mehr? Mehr oder weniger? Wie lassen sich solche Bedürfnisse in einer Zeit mit schwindenden Ressourcen, Klimakrise, Überbevölkerung rechtfertigen? Mit einem kleinen Budget in Einklang bringen? Persönliche Ökonomie versus Ökologie – sprich größtmögliche Nachhaltigkeit – in Konjunktion zu den eigenen Bedürfnissen nach mehr Platz – kompliziert! Darf ich mir das leisten, soll ich mir das gönnen? (Fragen, wie ich sie mir praktisch vor jedem Kauf stelle … und die den meisten Menschen vermutlich gar nicht erst einfallen.)

Unterm Strich also die banale Frage: Brauche ich ein Handy mit mehr Platz tatsächlich?

Vor einer knappen Woche, als ich die Frage endlich mit einem klaren Ja beantworten konnte, suchte ich das Internet nach einem refurbished* iPhone 6S mit mindestens 32 GB ab. Und möglichst tiefpreisig. Farbe egal.

Bald wurde ich bei einem deutschen Anbieter fündig: 64 GB für € 110.–. Da irgendwo ist meine Schmerzgrenze gewesen. Geliefert wird aus Spanien, garantiert innert 48 Std., allerdings wird vom Anbieter nicht in die Schweiz verschickt, weshalb ich, wie oft, Irgendlinks Adresse als Lieferadresse angebe.

Keine 24 Stunden später schickt mir der Liebste ein Foto des soeben eingetroffenen Telefons. Da er kurz darauf zu mir gefahren ist, bin ich inzwischen stolze Besitzerin eines 64 GB-iPhones, das erste Mal in meinem Leben soo viel Platz! Das Teil ist wie neu und der Akku scheint kälterobuster und überhaupt besser zu sein als der Alte.

Ja, das macht mich gerade sehr glücklich. Ja, wirklich. Es macht mich verdammt glücklich, dass ich nun wieder Appen kann. Und drauflos fotografieren. Platz für Bildbearbeitungsapps, Platz für Fotos.

Drei Spiegeleier in Pfanne digital verändert und verfremdet zu einem Gesicht. Grundfarbe blau mit Sprenkeln in grün und orange.

Der frühere Platz-Geiz – reicht der Platz noch für ein kleines Video oder kann ich danach keine Bilder mehr machen? – löst sich allmählich auf.

Übersetzen lässt sich das alles auf ganz viele andere, limitierende Umstände. Armut zum Beispiel. Wie sehr Armut unser Handeln, unsere Teilhabe einschränkt kann sich wirklich nur vorstellen, wer es selbst erlebt oder erlebt hat.

Was mich ebenfalls zurzeit sehr glücklich macht, ist spielen. Neulich habe ich es auf Twitter entdeckt, ein englisches Wörterrätselspiel namens Wordle.

Gesucht wird täglich ein neues englisches Wort mit fünf Buchstaben. Wie beim analogen Steckspiel Mastermind, das meine Generation geliebt hat, sagt das Programm, ob die Buchstaben im von mir gewählten Wort die richtigen oder die falschen sind und vielleicht sogar schon am richtigen Ort stehen. In möglichst wenigen Schritten soll so das Tageswort erraten werden.

»Der Erfinder des Spiels, der Programmierer Josh Wardle, will mit »Wordle« erstaunlicherweise kein Geld verdienen. Weder sammelt er persönliche Daten über die Nutzerinnen und Nutzern, noch brüllen einem von der beinahe elegant wirkenden Website Anzeigen entgegen.

Zugleich gibt es aber noch einen Kniff, der das Spiel zum sozialen Erlebnis macht: Jeden Tag gibt es nur ein Rätsel, das für alle gleich ist.«

Quelle: Wordle-Entstehungsgeschichte. Die romantische Geschichte hinter dem Spiel gibt es bei Spiegel.


*Was sagt Wiki über Refurbishing

Deutschland/Europa: backmarket.de
Schweiz: revendo.ch

(Werbung durch Namensnennung, ohne Gewinn/Vorteile)

Alt wird neu – und immer weiter

Jetzt sind wir also drüben in der eben noch weitwegen Zukunft. Aber nein, wir sind doch immer in der Gegenwart, die letztlich illusorisch ist, denn kaum erlebt, ist sie schon vergangen.

Das erste Mal seit ich denken kann, schenkte ich dem Jahreswechsel kaum Aufmerksamkeit. Keine großen mentalen Vorbereitungen. Keine Karten zum Jahreswechsel. Keine geplanten Neujahrsansprachen im Blogformat. Und der histaminfreie Versecco, mit dem wir angestoßen haben, stammte sogar noch vom Vorjahr.

Kurz und gut: Da ist wenig Ambition in Sachen 2022, dass das neue Jahr so viel anders und so viel besser werden könnte als das letzte. Obwohl das vergangene so schlecht auch nicht war. Es war einfach. Es hat stattgefunden und wir haben uns rund um die Pandemie so gut es eben geht eingerichtet. Haben uns mit den Ängsten und Gefahren arrangiert. Haben Erfahrungen gemacht und Erlebnisse gesammelt. Vieles war gut, vieles war doof, vieles war ungewohnt.

Und ausgerechnet an einem der letzten Tage des Jahres passiert Irgendlink und mir dann etwas ziemlich Verrücktes. Mein Autoradio ist seit etwa einem Monat am Zicken und seit einer Woche konnte ich noch nicht einmal mehr die Lautstärke regulieren. Hörbücher via Handy zu hören, ging nicht mehr. Kurz gesagt: Doof.

Kurzerhand guugelte ich Radioreparatur-Anleitungen und recherchiert was ein gebrauchtes Ersatzradio kosten würde. Ich sagte zu Irgendlink: Lass uns mal testweise gucken, ob wir das Radio überhaupt ohne professionalle Hilfe ausbauen können. (Kleiner Hintergedanke dabei war natürlich, dass da vielleicht nur ein Kabel falsch eingestöpselt sein könnte, das wir wieder einstöpseln könnten.) Das taten wir. Alle Kabel sahen richtig verortet und in Ordnung aus, weshalb wir das Radio wieder einbauten. Siehe da – alles geht wieder! Alles.

Fazit: Manchmal hilft ein Neustart. Schön wär’s, wenn wir das im Leben auch so einfach könnten …

Bloß klappen Neuanfänge selten ohne Umdenken und Veränderungen. Wie sagte doch Albert Einstein so schön (oder vielleicht auch seine Frau, bei der er ja ziemlich viel abgekupfert haben soll):

»Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.«

Sinngemäß haben wir uns die letzten Tage oft über den Inhalt dieses Satzes unterhalten, ohne ihn zu kennen. (Gelesen habe ich ihn nämlich erst neulich das erste Mal auf Twitter.)

Wie bereit sind wir, uns zu verändern, anders gesagt: Brauchen wir erst einen gewissen Leidensdruck, um etwas zu verändern? Und lässt sich wirklich alles verändern, was auf der Seele drückt oder im Körper zwickt?

Und was ist mit den andern, denn wir alle tragen ja auf die eine oder andere Weise Verantwortung für unsere Mitmenschen. Darüber sprachen wir, als wir gestern Nachmittag zu unserm Freund S. fuhren, der dem Virustod von der Schippe gesprungen ist. Kurz zuvor war Freundin S. kurz vorbeigekommen, die sich aktuell neben ihrer eigenen Trauer um den verstorbenen Vater intensiv um ihre verwitwete Mutter kümmert.

‘Das eigene Leben temporär hintanstellen’ ist also dieser Tage immer mal wieder Thema bei uns. Man kann sich ob all der Bedürfnisse und Bedürftigkeiten anderer, um die wir uns kümmern, geradezu verlieren, sagen wir zueinander. Wichtig ist doch, sagt der Liebste, dass wir uns dieser Gefahr bewusst sind. Dass solche Vorgänge mitgedacht werden, während sie geschehen. Zwar werde ich phasenweise buchstäblich zum andern, aber ich bleibe dennoch ich selbst, weil ich das Geschehen verstehe. Genau das ist, finden wir, die ganzgroße Herausforderung, Ich-Sein im Wir-alle-Sein, denn niemand ist eine Insel – es sei denn sie oder er lebe einsiedlerisch und autark. Wir sprechen über all die Einflüsse, die uns formen und verändern, über Wirkung und Ohnmacht. Manches geht, manches eben nicht.

Silvesterspätnachmittag. Wir waren vor 13 Uhr noch schnell in den Bioladen gehuscht, dessen Öffnungszeiten ich im Internet erfragt hatte. Ich kaufte ein paar Vorräte für meine histaminfreie Brotbäckerei. Das gleiche Internet, das mir die korrekten Öffnungszeiten des Bioladens verraten hatte, behauptete, dass unser bevorzugter Supermarkt bis 21 Uhr geöffnet sei – ja, trotz Silvester! Also planten wir, nach unserm kleinen Wanderausflug nach Bitche, dort noch schnell unsere Gemüse- und Käsevorräte aufzustocken.

Den Ausflug genossen wir sehr. Ferien spielen nennen wir solche Ausflüge zuweilen.

Auf dem Heimweg steuerten wir Supermarkt 1 an. Geschlossen. Auch Supermarkt 2, unser bevorzugter, war zu, als wir dort aufschlugen. Tja. Selbstverständlich gönne ich den Kassiererinnen ihren frühen Feierabend. Sehr sogar. Dennoch hat mich die Angelegenheit verstört. Zum einen natürlich ganz materiell, weil wir unsere Vorräte nicht auffüllen konnten und nun drei Abendessen würden aus Bordmitteln bestreiten müssen,  zum anderen aber, weil im Netz falsche Öffnungszeiten verbreitet worden waren. Das ist mir tatsächlich bisher noch nie passiert. Klar stimmt nicht alles, was das Internet sagt, kein Thema. Aber Öffnungszeiten? Bitte, Internet, bitte nicht auch noch die Öffnungszeiten verfälschen!

Was ist eigentlich noch selbstverständlich? Wie twitterte ich neulich?

Ein gutes Neues wünsch ich euch. Leben, Jahr oder was immer ihr euch gerade gut und neu wünscht.

Cartoon. Dialog zwischen Cowboyskelett und Vogel, beide auf Fässern sitzend. Skelett sagt: Eigentlich kann es ja nur besser werden, ne? Vogel antwortet: Machen wir das Beste draus?! Gutes Neues!

Zwischen den Jahren

Ich mag sie wirklich sehr, diese Tage von Noch-Nicht und Nicht-Mehr. Von Jahresrückblicken und guten Vorsätzen habe ich mich längst verabschiedet, darum dürfen diese Tage bei mir einfach viel Nichts enthalten. Nichts müssen, nichts sollen, nichts planen, nichts erreichen …

Als wir noch reisen konnten, früher, in präpandemischen Zeiten, verbrachten wir diese Tage oft irgendwo im Süden Frankreichs. In den Bergen oder am Meer. Eingemietet in winzigen, günstigen Ferienwohnungen oder -häuschen erkundeten wir die nähere oder nicht ganz nahe Umgebung, suchten nach Geocaches, entdeckten Wälder, kleine Städtchen, Rebberge, Hügel und Berge. Fotografierten drauflos … Mit einer Sorglosigkeit, die ich mir heute fast nicht mehr vorstellen kann.

Ja, zugegeben, das vermisse ich und jammere hiermit ein wenig. Auf hohem Niveau? Vielleicht.

Was mich dennoch dankbar macht? Dass ich Erinnerungen habe. Dass ich Bilder habe. Dass ich über Fantasie verfüge.

Und dass ich diese Tage, jetzt, zwischen den Jahren, zwischen den Jahren 2021 und 2022, so verbringen kann, wie es mir gut tut.

Natürlich machen wir zwei nicht ganz nichts. Wir treffen liebe Menschen. Unsern Freund S. zum Beispiel, der es ohne Frage den Impfungen verdankt, dass er Covid und die Intensivstation überlebt hat, und der wegen vieler Vorerkrankungen zu den besonders schützenswerten Menschen gehört.

Auch wenn ich in Sachen Menschheit und Menschlichkeit dieses Jahr noch desillusionierter geworden bin als letztes Jahr, gibt es doch auch vieles, was mich mit Dankbarkeit erfüllt. Die meisten mir wirklich wichtigen Freundschaften sind allem zum Trotz geblieben und gewachsen. Und es sind sogar neue dazugekommen. Nein, ich werde jetzt nicht rührselig (höchstens ein bisschen). Dankbarkeit darf immer. Ganzjährig. Und vielleicht ist sie neben der Liebe sogar der Stoff, aus dem das Leben im Wesentlichen aufgebaut ist, aus Liebe und Dankbarkeit.

Davon wünsche ich uns allen – im Rückblick, im Augenblick, im Ausblick und trotz allem erlebten Schei** – immer genug.

Gute Tage zwischen den Jahren und einen guten Abschluss und Neuanfang wünsche ich uns allen von Herzen!

Danke, dass ihr da seid.