Platz tut gut

Es war im Herbst oder Winter 2009. Wir saßen mit Freund S. draußen am Feuer. Er war der erste uns bekannte iPhone-Besitzer, also begutachteten wir das gute Stück – ein iPhone 3S – zuerst skeptisch, doch mit wachsendem Interesse. Besonders bei Irgendlink war die Neugier groß. Ob sich damit wohl von unterwegs Bilder ins Blog stellen ließen?

Mit dem Kontaktgift in Berührung gekommen – so nannten wir diesen Moment, in welchem wir S.s Smartphone das erste Mal angefasst hatten. Von diesem Moment an war klar, dass wir über kurz oder lang auch so ein Teil wollten.

Bei Irgendlink dauerte es nicht mehr lange, denn er plante das fotografierenkönnende und internetfähige Telefon in seine im Frühling 2010 geplante Reise ein, seine erste digital gestützte Radreise. Nach Andorra. Eine zehn Jahre zuvor erstmals gefahrene Rad-und-Kunst-Tour nachstellen, die alten Bildstandorte – damals noch ohne GPS – aufsuchen, die Bilder nachstellen, den Wandel dokumentieren – so der Plan.

’Zweibrücken-Andorra’ wurde unser erstes Reiseabenteuer mit ihm als Radler und mir als Homebase. Und was für ein Abenteuer! Damals entwuchsen die iPhone-Apps erst allmählich den Babysocken. Die WordPress-App konnte, soweit ich mich erinnere, zwar Texte, aber noch keine Bilder. Wir wichen darum auf andere Blog-Apps aus, doch weil das Bildereinfügen per App doch sehr mühsam war, mailte mir Irgendlink schließlich seine mit dem iPhone geschossenen Bilder zu, wann immer er in ein freies WiFi-Netz gelangte. Oder er verschickte sie über das damals noch sehr teure Funknetz.

Bereits wenige Monate später, bei unserer Sommerreise an den norwegischen und schwedischen Polarkreis, war die Technik deutlich besser. Ich hatte mir zum 45. Geburtstag ein iPhone 3S geschenkt. Das erste und letzte neue iPhone, das ich mir seither gekauft habe. Damit fuhren wir nach Schweden und Norwegen und bloggten live von unterwegs. Und damit fing ich im Winter darauf an, mit Bildbearbeitungsapps Bilder zu bearbeiten, womit ich Irgendlink ansteckte. Und damit traten wir im Frühling 2011 einer internationalen, iphone-kunstbegeisterten Gruppe bei. Eine große Zeit war das. Eine von Pioniergeist beflügelte. Ein Quantensprung in Irgendlinks Künstlerlaufbahn. Und in meiner natürlich auch.

Bald einmal kamen die Nachfolgemodelle mit besseren Kameras auf den Markt und so kaufte ich kurz darauf Freund S. sein gebrauchtes 4S ab, als dieser aufs 5S umstieg – aus Gründen der Nachhaltigkeit ebenso wie aus finanziellen Gründen. Mein eigenes 5S kaufte ich Jahre später gebraucht per Internet und mein 6S bekam ich vor anderthalb Jahren für 50 € von einer lieben Freundin. Einziger Nachteil dieses tollen neuen Teils war der knappe Platz, doch da ich damals rasch ein 6S gebraucht hatte, griff ich zu. (Grund: Damals liefen die Covid-Apps leider noch nicht auf dem 5S.)

Man kann sich fragen, warum ich iPhones über all die Jahre so treu geblieben bin, wo es doch inzwischen auch andere smarte Telefone mit schnellem Internet und guten Kameras gibt. Dazu preisgünstiger und mit mehr Platz, SD-Karten-Schlitz und was immer Herzen höher schlagen lässt.

Die Antwort? Sie ist vielschichtig und letztlich persönlich. Die Nutzungsgewohnheit ist nur ein Aspekt von vielen. Ich habe nämlich auch eine geradezu persönliche Beziehung zu meinen Lieblingsapps, besonders zu jenen zum Navigieren und Bilderbearbeiten. Ich habe auf meinem Android-Tablet, das mein eReader und mein Fernseher ist, viele Apps getestet und bin mit sehr wenigen Ausnahmen einfach nicht glücklich mit den androiden Lösungen. (Gewohnheit oder mein sehr hoher Qualitätsmaßstab?) Außerdem nervt mich die viele Werbung bei vielen kostenlosen Apps (was leider bei iOS-Apps inzwischen auch nicht mehr soo viel besser ist). Außerdem mag ich ganz einfach die Handhabung und die Übersichtlichkeit bei den Apps und in den Einstellungen. Und dass ich kein Virusprogramm brauche. Und-und-und …

Aber ja, es gibt auch ein paar Dinge, die mich nerven. Allen voran die Tatsache, dass Betriebssystem und Datenspeicher viel Platz beanspruchen, was bei iPhones mit kleinem Gesamtspeicher ganz schön ins Gewicht fällt. Steht 16 GB auf dem Handykarton müssen davon schon mal ungefähr 7 GB aus Systemgründen von der Speichernutzung abgerechnet werden.

Als Gern-Fotografin und Viel-Apperin fühlte ich mich nach der anfänglichen Euphorie über das neue iPhone 6S schnell einmal sehr stark limitiert. Ich musste den Bilderspeicher regelmäßig löschen, um wieder Platz für Neues zu schaffen, was an sich ja nicht schlecht ist. Doch wenn man gerne am Handy Bilder  bearbeitet, wird das mit so wenig Platz schwierig, denn sowohl für die Bearbeitungsapps als auch für neue Bilder fehlte mir schlicht der Platz. So schrumpfte mit der kleinen Speichermenge sehr rasch meine Lust, Bilder zu bearbeiten. Was mir zunehmend schmerzhaft fehlt, denn Kreieren tut mir gut und ist wohltuend. Ich wurde immer geiziger mit meinem wenigen Platz, obwohl ich nur sehr wenige Apps auf dem Handy installiert hatte.

Achtung, jetzt wird es philosophisch: Nach und nach fühlte sich dieser wenige Platz auf dem Handy für mich so an wie ein zu enger Raum oder wie zu klein gewordene Schuhe … Das alles lässt sich durchaus auf das Bedürfnis auf Lebensräume übertragen, auf den Wunsch nach mehr Platz, auf mehr Daseinsberechtigung. Ja, genau: Ich sehnte mich nach mehr Platz – eben auch auf dem Handy.

Weniger und mehr? Mehr oder weniger? Wie lassen sich solche Bedürfnisse in einer Zeit mit schwindenden Ressourcen, Klimakrise, Überbevölkerung rechtfertigen? Mit einem kleinen Budget in Einklang bringen? Persönliche Ökonomie versus Ökologie – sprich größtmögliche Nachhaltigkeit – in Konjunktion zu den eigenen Bedürfnissen nach mehr Platz – kompliziert! Darf ich mir das leisten, soll ich mir das gönnen? (Fragen, wie ich sie mir praktisch vor jedem Kauf stelle … und die den meisten Menschen vermutlich gar nicht erst einfallen.)

Unterm Strich also die banale Frage: Brauche ich ein Handy mit mehr Platz tatsächlich?

Vor einer knappen Woche, als ich die Frage endlich mit einem klaren Ja beantworten konnte, suchte ich das Internet nach einem refurbished* iPhone 6S mit mindestens 32 GB ab. Und möglichst tiefpreisig. Farbe egal.

Bald wurde ich bei einem deutschen Anbieter fündig: 64 GB für € 110.–. Da irgendwo ist meine Schmerzgrenze gewesen. Geliefert wird aus Spanien, garantiert innert 48 Std., allerdings wird vom Anbieter nicht in die Schweiz verschickt, weshalb ich, wie oft, Irgendlinks Adresse als Lieferadresse angebe.

Keine 24 Stunden später schickt mir der Liebste ein Foto des soeben eingetroffenen Telefons. Da er kurz darauf zu mir gefahren ist, bin ich inzwischen stolze Besitzerin eines 64 GB-iPhones, das erste Mal in meinem Leben soo viel Platz! Das Teil ist wie neu und der Akku scheint kälterobuster und überhaupt besser zu sein als der Alte.

Ja, das macht mich gerade sehr glücklich. Ja, wirklich. Es macht mich verdammt glücklich, dass ich nun wieder Appen kann. Und drauflos fotografieren. Platz für Bildbearbeitungsapps, Platz für Fotos.

Drei Spiegeleier in Pfanne digital verändert und verfremdet zu einem Gesicht. Grundfarbe blau mit Sprenkeln in grün und orange.

Der frühere Platz-Geiz – reicht der Platz noch für ein kleines Video oder kann ich danach keine Bilder mehr machen? – löst sich allmählich auf.

Übersetzen lässt sich das alles auf ganz viele andere, limitierende Umstände. Armut zum Beispiel. Wie sehr Armut unser Handeln, unsere Teilhabe einschränkt kann sich wirklich nur vorstellen, wer es selbst erlebt oder erlebt hat.

Was mich ebenfalls zurzeit sehr glücklich macht, ist spielen. Neulich habe ich es auf Twitter entdeckt, ein englisches Wörterrätselspiel namens Wordle.

Gesucht wird täglich ein neues englisches Wort mit fünf Buchstaben. Wie beim analogen Steckspiel Mastermind, das meine Generation geliebt hat, sagt das Programm, ob die Buchstaben im von mir gewählten Wort die richtigen oder die falschen sind und vielleicht sogar schon am richtigen Ort stehen. In möglichst wenigen Schritten soll so das Tageswort erraten werden.

»Der Erfinder des Spiels, der Programmierer Josh Wardle, will mit »Wordle« erstaunlicherweise kein Geld verdienen. Weder sammelt er persönliche Daten über die Nutzerinnen und Nutzern, noch brüllen einem von der beinahe elegant wirkenden Website Anzeigen entgegen.

Zugleich gibt es aber noch einen Kniff, der das Spiel zum sozialen Erlebnis macht: Jeden Tag gibt es nur ein Rätsel, das für alle gleich ist.«

Quelle: Wordle-Entstehungsgeschichte. Die romantische Geschichte hinter dem Spiel gibt es bei Spiegel.


*Was sagt Wiki über Refurbishing

Deutschland/Europa: backmarket.de
Schweiz: revendo.ch

(Werbung durch Namensnennung, ohne Gewinn/Vorteile)

Zwischen den Jahren

Ich mag sie wirklich sehr, diese Tage von Noch-Nicht und Nicht-Mehr. Von Jahresrückblicken und guten Vorsätzen habe ich mich längst verabschiedet, darum dürfen diese Tage bei mir einfach viel Nichts enthalten. Nichts müssen, nichts sollen, nichts planen, nichts erreichen …

Als wir noch reisen konnten, früher, in präpandemischen Zeiten, verbrachten wir diese Tage oft irgendwo im Süden Frankreichs. In den Bergen oder am Meer. Eingemietet in winzigen, günstigen Ferienwohnungen oder -häuschen erkundeten wir die nähere oder nicht ganz nahe Umgebung, suchten nach Geocaches, entdeckten Wälder, kleine Städtchen, Rebberge, Hügel und Berge. Fotografierten drauflos … Mit einer Sorglosigkeit, die ich mir heute fast nicht mehr vorstellen kann.

Ja, zugegeben, das vermisse ich und jammere hiermit ein wenig. Auf hohem Niveau? Vielleicht.

Was mich dennoch dankbar macht? Dass ich Erinnerungen habe. Dass ich Bilder habe. Dass ich über Fantasie verfüge.

Und dass ich diese Tage, jetzt, zwischen den Jahren, zwischen den Jahren 2021 und 2022, so verbringen kann, wie es mir gut tut.

Natürlich machen wir zwei nicht ganz nichts. Wir treffen liebe Menschen. Unsern Freund S. zum Beispiel, der es ohne Frage den Impfungen verdankt, dass er Covid und die Intensivstation überlebt hat, und der wegen vieler Vorerkrankungen zu den besonders schützenswerten Menschen gehört.

Auch wenn ich in Sachen Menschheit und Menschlichkeit dieses Jahr noch desillusionierter geworden bin als letztes Jahr, gibt es doch auch vieles, was mich mit Dankbarkeit erfüllt. Die meisten mir wirklich wichtigen Freundschaften sind allem zum Trotz geblieben und gewachsen. Und es sind sogar neue dazugekommen. Nein, ich werde jetzt nicht rührselig (höchstens ein bisschen). Dankbarkeit darf immer. Ganzjährig. Und vielleicht ist sie neben der Liebe sogar der Stoff, aus dem das Leben im Wesentlichen aufgebaut ist, aus Liebe und Dankbarkeit.

Davon wünsche ich uns allen – im Rückblick, im Augenblick, im Ausblick und trotz allem erlebten Schei** – immer genug.

Gute Tage zwischen den Jahren und einen guten Abschluss und Neuanfang wünsche ich uns allen von Herzen!

Danke, dass ihr da seid.

Es hat schon ziemlich früh angefangen

Ich war vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, als mich die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit in Sachen Weihnachtszeit einholte. Und nachhaltig erschütterte. Nicht nur interfamiliär sondern auch konsumtechnisch setzte damals mein heftiger Ekel vor dem ganzen Weihnachtsbrimborium ein: Haben und Sein. Wunsch und Wirklichkeit. Unerfüllte Wünsche. Nicht gehörte, nicht ernstgenommene Wünsche. Globales und Persönliches.  Die scharfe Schere zwischen denen, die viel haben und denen, die wenig haben. Der Druck, mitzumachen, um dazuzugehören. Schenken, um zu bekommen. Heuchelei.

Ich spielte solange mit, wie ich es aushielt. Sobald ich selbst bestimmen konnte, verschwand Weihnacht mehr und mehr aus meinem Jahreslauf, verschwand schließlich irgendwann ganz.

Ich litt und leide an der Unmöglichkeit, Weihnacht als etwas Sinnvolles betrachten zu können. Wobei, eigentlich leide ich selbst gar nicht so sehr an diesem meinem Unvermögen, eher tut es meine Mitwelt, während ich an deren Unvermögen leide, mich zu verstehen. Und damit wären wir beim eigentlichen Thema, dem Druck, den ’gutgemeinte’ gesellschaftlich-konditionierte Ideale in anders denkenden Menschen aufbauen kann.

Das allseits etablierte und weitestgehend gesellschaftlich und persönlich verinnerlichte Ideal zum Beispiel, dass niemand an Festtage allein sein sollte, setzte mich ganz besonders in meinen schlimmsten Alleinsein-Zeiten nach meinem Worst Case mehr unter Druck als das Alleinsein an sich. Allein zu sein finde ich an sich ziemlich toll, ich verbringe gern Zeit mit mir allein. Nicht nur, aber auch.

Dass dieser von mir gemochte Zustand des Allein-mit-mir-Seins auf einmal Ende Jahr, wenn sich alle Welt am Glitzerkrambaum versammelt, als etwas Schlimmes betrachtet wird, machte mir sehr zu schaffen, denn damit wird mir sozusagen das Recht abgesprochen, frei über meine Zeit zu verfügen.

Klar, es ist natürlich löblich, sich um andere kümmern, an andere zu denken,  aber – und hier wird es grenzwertig –, für andere zu entscheiden, dass sie nicht allein sein sollen, ist übergriffig. Von sich und den persönlichen Idealen auf den Rest der Menschheit zu schließen, ist problematisch.

Ideale können zuweilen ganz schön zynisch sein, wenn wir sie vom persönlichen in einen gesellschaftlichen Kontext bringen.

Es ist ja nur gut gemeint? Tja, gut und gut gemeint sind zweierlei. Ach und noch was: Das mit Idealen, die man bitte nicht verallgemeinern solle, lässt sich übrigens auch auf religiöse oder andersweitige Erkenntnisse übertragen. Bitte, Danke!

Zurück zum Weihnachtsding: Es ist übrigens, obwohl ich nicht an Göttliches glaube, noch nicht mal das religiöse Ursprungselement des Festes, mit dem ich allerdings nichts anfangen kann, es ist vielmehr dieses maßlos überfrachtete, mit sozialen und materiellen Erwartungen vollgepackte Ding, das in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten aus dem geglaubten Geburtstag einer göttlichen Erlösungsidee geworden ist, das mich anekelt. Ja, Ekel trifft es ziemlich gut.

Und ich meine wirklich nicht das, wonach wir uns alle insgeheim sehnen: Familie, Frieden, Geborgenheit. Kindheitsträume und -erinnerungen. Nein, nein, das alles nehme ich niemandem weg. Genießt es, so ihr es könnt.

Zur Weihnachtsmuffelin bin ich unter anderem deshalb geworden, weil ich die Unmöglichkeit durchschaut habe, dass nicht plötzlich innerhalb weniger Tage im Jahr gelingen kann, was im ganzen Jahr davor nicht gelungen ist. Diese Heuchelei, dieses Hochhalten von Fassaden, der ganze kitschige Klinkerkram … ja, Ekel trifft es in der Tat sehr gut.

Dennoch sei es all jenen herzlich gegönnt, sich in diesen Tagen das, was ihnen gut tut, zu tun. Und Kinderherzen mit Liebe und Geborgenheit zu füttern ist eh immer wohltuend.

Frieden, Liebe und Geborgenheit kann es nie zu viel geben. Und davon wünsche ich dir und dir und euch allen mehr als genug.

Nachdenkinspiration über Ressourcen und Strukturen

Ich bedanke mich herzlich bei H. C. Rosenblatt für die nachfolgenden Gedanken zu ihrem Umgang mit Kraft- und Zeitvorräten. Da ist ganz viel Wiedererkennen bei mir.

»Für viele traumatisierten Menschen ist Vorhersehbarkeit die einzige Sicherheit über die sie sich beruhigen und Kraft sammeln können, sich dem Leben zu stellen«, antworten sie auf meinen Kommentar. Genauso ist es – jedenfalls bei mir.

»Jahres-, Monats-, Wochen- und Tagespläne sind mir noch nie ein Korsett gewesen, nie ein Angriff auf meine persönliche Freiheit – viel eher sind sie der Grund dafür überhaupt in die Situation zu kommen, mich frei entscheiden zu können. Denn ich kann weder entspannen, noch ruhen, noch Kraft tanken, wenn ich nicht weiß, was in den folgenden Stunden und Tagen noch auf mich zukommt und wie ich was wann wie genau kompensieren kann und darf.

Im günstigsten Fall mag ich die Art der Störungen des üblichen Ablaufs einfach nicht oder bin nur irritiert. Dann finde ich Stabilität und Ruhe in Stimming oder meinen Projekten. Problematisch wird es, wenn ich mit den Ressourcen schon so weit runter bin, dass ich weder von Stimming noch von irgendetwas anderem profitiere. Am schlimmsten ist es, wenn der Ablauf über so lange Zeit gestört oder beeinflusst wird, dass ich überhaupt keinen üblichen Ablauf mehr ausmachen kann.

[…]

Viele Menschen denken und planen nicht so weit im Voraus wie wir, weil sie es nicht müssen. Ihr Jetzt ist ein anderes als meins – ist nicht so leicht zu zerstören von morgen, bald oder nachher. Und viele Menschen schieben einfach gern auf, weil sie die Kraft für alles auf einmal aus einem viel tieferen, größeren Fass schöpfen als ich. Um in dem Bild zu bleiben, habe ich genau eine Tasse, aus der ich schöpfen kann und ich bin maximal geizig mit jedem noch so kleinen Tropfen, weil ich es muss. Nicht, weil es so schlimm ist, erschöpft zu sein, sondern weil „eine volle Tasse“ zu haben für mich a) nicht bedeutet, nicht erschöpft zu sein und b) weil auch das Management dieses Budgets, die Erfassung, die Planung, die Kommunikation des Budgets bereits daraus geschöpft wird.

Ich habe nie einen fixen Stand von 100 % und daraus kann ich dann hippy happy Leben gestalten – ich muss bereits 40 % weggeben, um in der Lage zu sein, mein hippy happy Leben erfassen, mich selbst darin fühlen und verstehen zu können. Und das ist, was die meisten Menschen – auch „meine Menschen“ – manchmal einfach vergessen: Die meisten Menschen müssen aus ihrem größeren Kraftfass vielleicht 10 oder 15 % dafür weggeben und das oft nicht einmal bewusst. Und am Ende eines Tages haben sie immer noch 20 bis 30 %, um zu verarbeiten, was sie erlebt haben.«

Quelle: H. C. Rosenblatt, https://einblogvonvielen.org

Bitte lest gern bei ihnen den ganzen Artikel.

Achtung, Spoilergefahr!

»Spoiler-Phobie. Die kurze Geschichte eines neuen Phänomens | Geschichten der Gegenwart | Nur wenige Dinge sind so verpönt wie das Spoilern eines Films oder einer Serie. Dabei ist der Spoiler ein junges Phänomen.«
So übertitelt Simon Spiegel einen spannenden Artikel, in welchem er unser Verhalten bei Filmen und Serien (und unser Leseverhalten) untersucht.

Während ich den Artikel lese, wird mir schnell klar, dass ich anders ticke, denn ich lasse gern spoilern. Nicht immer, aber jedenfalls definitiv nicht nicht. Ganz oft recherchiere ich bei Büchern oder Filmen, die ich gerade lese oder gucke parallel dazu die Geschichte und ihre Hintergründe. Nicht selten erfahre ich so absichtlich den Ausgang der Geschichte. Mich stört es nicht, wenn ich bei Krimis schon im Voraus weiß, ob X oder Y stirbt, überlebt und wer der Mörder oder die Schurkin ist. Dieses Wissen stört mich nicht, manchmal hilft mir das sogar, die zuweilen schier unerträgliche Spannung auszuhalten.

Ja, klar, ich mag Spannung, aber noch mehr mag ich gut erzählte Geschichten. Also die Geschichten an sich. Ich lausche. Ich bin lesend und Filme schauend unterwegs mit der Geschichtenerzähler:in, mit den Figuren. Und obwohl ich weiß, wie die Geschichte endet, bin ich während des Lesens oder Schauens dabei. Es kommt mir letztlich mehr auf die Geschichte, auf die Erzählung, auf den Weg an sich an als auf das Finale.

Am liebsten würde ich ja auch bei meinem Leben vorausgucken können – den Schluss lesen –, und vom Ende aus meinen aus heutiger Sicht zukünftigen Weg betrachten, und den unseres Planeten mit all den vielen Lebenwesen darauf. Werde ich, werden wir als Gesellschaft die Kurve noch schaffen– oder eher doch nicht? Wie es wohl weitergeht, mein Leben?

Bergluft mal wieder

Es lebe der Zufall. Ohne ihn wären wir gestern nämlich nicht auf der Rigi gelandet, der Liebste und ich.

Nach einem (unangenehmen) Termin an den Ufern des Vierwaldstättersees und einem kleinen Seespaziergang, beschlossen wir – um der Wohltat willen – noch einen kleinen Ausflug in dieser wunderschönen Umgebung zu machen.

Küssnacht, sagt Irgendlink. Die Hohle Gasse. Erinnerungen an unsere erste Langstrecke-mit-Zelt-Wanderung vor vielen Jahren wird wach. Der Reuss von ihrer Mündung in die Aare folgend zu ihrer Quelle bei Gotthard-Hospiz waren wir gewandert. Den Vierwaldstättersee allerdings hatten wir nicht abgewandert, obwohl dieser ein Reussgewässer ist, sondern ihn mit dem Schiff durchquert. Ein Regentag war es gewesen und uns beiden die Schifffahrt noch in bester Erinnerung. War es Küssnacht gewesen, Küssnacht am Rigi, wo wir damals das Schiff bestiegen haben? Wir wissen es beide nicht mehr soo genau*. Egal. Wir fahren da jetzt einfach mal hin beschließen wir.

Unterwegs ist sie immer im Blick, die Rigi. Was für ein schöner Berg. In Küssnacht locken Bergbahnschilder in die Höhe und eins, das den Weg zur Gesslerburg weist. Da könnten wir eigentlich hin, sagt Irgendlink, was meinst du? Doch dann verpasst er den Abzweig und wendet. Und auf einmal – echt jetzt, so war das nicht geplant! – sind wir auf der engen Bergstraße hinauf auf die Rigi, respektive zur Seebodenalp auf 1000 m ü. Meer.

Wir mäandern uns motorisiert den Berg hoch. Das Ausweichen wird zum Abenteuer – zum Glück ist mein Autochen so winzig – und die Aussicht je länger je spekatkulärer. Es ist das perfekte Wetter für diesen Ausflug: flauschige Wolken, ab und zu ein Nebelfeld, dann wieder Weitblick.

Der Parkplatz ist zu zwei Dritteln voll, als wir gegen Mittag ankommen, und die Gebühren erschwinglich. Und sogar eine Toilette gibt es, denn ich muss schon wieder. Während ich mich erleichtere, findet Irgendlink auf dem Wanderwegweiser einen Panoramarundweg (‘Panoramaweg Gletscherspur’), der etwa anderthalb Stunden dauern soll. Perfekt. Wir packen das Futter ein, das wir am frühen Morgen vorbereitetet haben. Am frühen Morgen hatte ich wie immer kaum etwas essen können und war entsprechend hungrig.

Bei der ersten Bank, die wir finden, unter einem der vielen Bergkreuze, die hier herumstehen, setzen wir uns hin, genießen die Aussicht und das kleine Picknick. So komme ich wieder zu Kräften. Das ungewohnt frühe Aufstehen noch immer in den Knochen, das meinem Kreislauf selten gut bekommt, atme ich hungrig die frische, kalte Bergluft ein. Wie gut das tut!

Zwar sind viele Leute unterwegs, doch da es unterschiedliche Wanderwege gibt – auch einen hoch zum Berggipfel –verteilt sich alles auf gute Weise. Wir genießen die Ruhe, die Weite, die Sonnenstrahlen. Ein schön gepflegter Weg ist das und die Infotafeln unterwegs erzählen von Flora und Fauna, die hier zuhause ist.

Kurz vor dem Ende der Rundwanderung setzen wir uns ein weiteres Mal auf eine sonniges Sofa und laden unsere sonnenhungrigen Herzbatterien nochmals so richtig auf, obwohl es letztlich winterlich kühl ist hieroben. Zurück auf dem Parkplatz mäandern wir wieder ins Tal hinunter – diesmal mit deutlich mehr Gegenverkehr, was nicht immer ganz einfach ist. Die Straße ist schmal.

Toll war das, Dankeschön Zufall!


*Eben habe ich es bei Irgendlink nachgelesen, da ich damals – im Juli 2014 – ausnahmsweise nicht gebloggt habe: von Küssnacht aus sind wir per Bus nach Weggis gefahren und von dort per Schiff nach Flüelen, um von dort wieder weiterwandernd der Reuss quellwärts zu folgen.

Ausgelesen #39 | Der Mauersegler von Jasmin Schreiber

Jedes Buch so lesen, als wäre es das erste. Das erste dieser Autorin, dieses Autors. Das erste überhaupt. Das würde dabei helfen, Erwartungen zu vermeiden. Nach Jasmin Schreibers ’Marianengraben’, das ich sehr gern gelesen und hier besprochen habe und das mich tief berührt hat, wartete ich erwartungsvoll – viel zu erwartungsvoll vielleicht – auf Jasmin Schreibers zweiten Roman.

Buchcover zeigt flächendeckend drei stilisiert gemalte Mauersegler, zwei schwarze und ein roter auf hellblaugrauem Hintergrund. Darüber der Autorinname in schwarz und Titel in rot.
Buchcover

Während ihr erster Roman ein ausgesprochen originell geplottetes zugleich trauriges als auch humorvolles Roadmovie zwischen zwei Buchdeckeln war, ist Schreibers zweite Geschichte eine eher ernste. Die Geschichte einer Flucht und die Geschichte eines schweren Verlustes. Doch Jasmin Schreiber erzählt auch die Geschichte einer wunderbaren Männerfreundschaft.

In ’Der Mauersegler’ begleiten wir Prometheus auf seiner Flucht aus dem Krankenhaus, wo er als Arzt an einer Studie für eine neue Krebstherapie forscht. In Rückblicken sehen wir ihm zu, wie er und sein Freund Jakob aus kleinen Jungs, die den Mauersegler mögen, Teens und junge Männer werden. Freunde fürs Leben sind sie, die beiden.

Doch als bei Jakob Blasenkrebs diagnostiziert wird, wird alles anders. Jakob will nicht sterben, zumal er bald zum zweiten Mal Vater wird. Er bittet Prometheus ihn als Nr. 51 in seine Studie zu schmuggeln. Dieser will zuerst nicht, doch alle Freunde und Familienangehörigen reden Prometheus gut zu. Bis er schließlich nachgibt. Da ist so viel Hoffnung. Jakob darf nicht sterben!

Aber er tut es doch.

Prometheus flieht. Und er strandet. Und zwar buchstäblich und im doppelten Sinn. Sein geplanter Suizid, mit dem Auto ins Meer zu fahren, scheitert am Sand. Nach einer verzweifelten Nacht im festgefahrenen Auto, das kaum mehr Benzin hat, finden ihn am nächsten Morgen ein Pony und zwei ältere Frauen, die in der Nähe einen Ponyhof und ein Gästehaus betreiben.

Prometheus wird von Schuldgefühlen zerfressen. Er will nicht mehr leben. Das spirituelle und zugleich bodenständige Leben seiner Gastgeberinnen ist ihm fremd; er selbst ist sich fremd geworden und er weiß nicht, wohin mit sich. Die Wochen auf dem Ponyhof gehen allerdings nicht spurlos an ihm vorbei.

Besonders gut gefallen mir die Dialoge zwischen Jakob und Prometheus. Sie wirken glaubwürdig, lebendig, nachvollziehbar. Überhaupt mag ich, wie authentisch Jakobs Fühlen und Denken vermittelt wird. Obwohl er nicht die Hauptfigur ist, ist er mir auf Anhieb sympathisch – im Gegensatz zu Prometheus, der mir bis am Schluss ziemlich fremd bleibt. Immer wieder erfahren wir von Jakob und Prometheus etwas über das Leben der Mauersegler. Das gefällt mir grundsätzlich, wirkt dennoch da und dort ein wenig erzwungen.

Streckenweise tauche ich ganz wunderbar in den Erzählfluss ein, doch immer wieder falle ich heraus, weil ich über allzu flapsig formulierte, holprige Stellen und über konstruiert wirkende Übergänge stolpere. Ja, manches wirkt auf mich künstlich und leider auch oft recht klischeehaft. Während mich die Innenschauen der verschiedenen Menschen weitestgehend überzeugen, vermögen das die Außenansichten nicht immer. Gerade der Lebensstil der beiden Gastgeberinnen mutet klischeehaft und idealisierend an. Alles in allem wirkt die Zeit auf dem Ponyhof auf mich wie aus einem Märchen, in welchem der traurige, tragische Held geläutert werden soll.

Trotz allem mag ich den ’Mauersegler’, trotzdem habe ich diesen Roman sehr gern gelesen und dennoch empfehle ich ihn gern weiter. Es ist ja das Ganze, das zählt. Und das Ganze ist eine mutmachende Geschichte.

Herzlichen Dank, liebe Jasmin Schreiber, und Eichborn-Verlag für das wunderschön gestaltete Rezensionsexemplar mit seinem sehr ansprechenden von der Autorin gestalteten Schutzumschlag.


Eichborn Verlag

Webseite der Autorin: www.jasmin-schreiber.de

Notizen am Rande #7

Spuren hinterlassen oder doch lieber nicht.
In der Natur.
Als Mensch.
Spuren welcher Art?

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Ich glaube sehr an die Natur und ihre Ordnung. Ich glaube an den Trost der in der natürlichen Ordnung, in den Naturgesetzen liegt. Mich tröstet der Gedanke daran, dass alles zusammenhängt und wie alles in sich selbst ordentlich aufgebaut ist. Alles Lebendige folgt einer ihm selbst innewohnenden ästhetischen Ordnung. Nehmen wir das Muster der Sonnenblumenkerne im Kopf einer Sonnenblume. Oder menschliche Zellen. Oder wie ein Baum im Laufe des Jahres funktioniert. Die Natur mit ihrer Vergänglichkeit, mit ihrem Talent zur Erneuerung. Werden und Vergehen. Regeneration. Jahreszeiten. Zyklen. Rhythmen. Ja, daran glaube ich. Immer noch.

Da steckt für mich keine übergeordnete, göttliche Intelligenz drin, das ist für mich die Natur der Natur. Inbegriffen darin ist Erholung, nennen wir es Heilung, nach schlimmen Erfahrungen. Regeneration, die aber nicht zwingend geschehen muss, denn die Bedingungen sind oft nicht ideal. Weder im Wald noch im menschlichen Körper oder in der menschlichen Seele. Aber manchmal geschieht sie eben doch.

Manchmal.

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Nichts zurücklassen
versus
viel zurücklassen.

Was zurücklassen?
Was loslassen?
Was festhalten und warum?

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Sein hat mehr Aggregatszustände zu bieten als Genuss.

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Kein Verständnis dafür haben, wenn Krankheiten gegeneinander aufgerechnet werden.

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Sein ist nicht nichts.

Schritt für Schritt durch den erwachenden Frühling

Neulich, im Wald, sprachen der Liebste und ich darüber, wie gut es uns doch tut, einfach zu gehen. Beim Gehen – spazieren oder wandern ist dabei egal –, gelangen wir in einen Zustand von Gleichzeitigkeit, von Synchronsein mit uns selbst. Das Gehtempo entspricht, sage ich zu ihm, meinem Denktempo, ich hole mich beim Gehen wieder ein. Bin gegenwärtig. Radeln ist eigentlich schon fast zu schnell für all die Eindrücke am Wegrand. Gehen ist genau richtig.

Beim Gehen mache ich immer nur genau den Schritt, den ich genau jetzt gehe. Ich wünsche mir, dass ich das aufs Leben übersetzen kann. Dass ich mich auch immer nur auf den einen Schritt fokussieren kann, während ich ihn gehe. Klar brauche ich einen Richtung, klar brauche ich eine Vorstellung, wohin ich will, aber das Leben hat mich schon so oft gelehrt, dass es fast nie so herauskommt, wie ich es mir vorgestellt habe (vielleicht bin ich ja einfach nicht gut genug im Vorstellen und Visualisieren? Oder es sind all die Unwägbarkeiten, die wir nicht in der Hand haben??.

Eine Richtung, ja, die brauche ich. Aber ich will nicht schon im Voraus alle Schritte denken und mich vor all den möglichen Hürden fürchten. Sonst könnte ich ja die einzelnen Schritte nie tun.

Wie damals, als wir die Reuss von der Aaremündung aufwärts Richtung Gotthard gewandert sind. Meine erste längere Wanderung mit Zelt und Rucksack. Sieben Jahre her. An einem Fluss zu wandern, so stellte ich es mir im Voraus vor, kann ja so schwierig nicht sein. Immer schön flach. Dass die Quelle irgendwo in den Bergen, hoch oben, sein könnte, ist mir beim Loswandern nicht wirklich klar gewesen. Schon gar nicht, dass dieses Bergwandern etwas sein könnte, das das mir liegen könnte, etwas, das ich lerne, während ich es tue. Diese Erkenntnis hat mich ganz besonders erstaunt. Und gefreut. Das war und ist eine dieser Lektionen, die sich als sehr wertvolle Lernerfahrung in mir eingebrannt hat: Alles wird letztlich anders, als ich es mir im Voraus denken kann; aber darum nicht weniger gut.

Wer weiß: Vielleicht gucke ich ja in zehn Jahren, falls es uns Menschen dann noch geben sollte, zurück auf diese Jahre und sage: Wow, das haben wir gut gemacht. Das wäre schön.

Und darum gibt es heute, mit einiger Verspätung, ein paar Bilder vom Frühling, wie wir ihm letztes Wochenende begegnet sind. Während es jetzt und hier draußen kalt ist und regnet und so gar nicht nach Frühling aussieht.

Freitag, 23.4.21 – Wandernd überm Baldeggersee

Samstag, 24.4.21 – Radelnd via Villigen auf den Bözberg

Sonntag, 25.4.21 – Wandernd von Biberstein auf die Gisliflue

Montag, 26.4.21 – Spazierend durch Wald und Dorf

Neue Fallmaschen 122 | 2021

gefreut | »Konsumverzicht kann ein mächtiger Akt des Widerstands sein, um für den Wandel zu gehen. Irgendwo anfangen. Ich habe das Textile gewählt«, schreibt Cambra Skadé und erzählt die Geschichten ihrer umgewidmeten, verwandelten Gewänder.

Sehr lesenswert!

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genickt | Der Kiezschreiber erzählt von der Fragmentierung unserer Gesellschaft, von Rissen und Geschwätzigkeit. »Es gibt den vegan lebenden Dieselfahrer ebenso wie den Fahrradfahrer, der gerne Fischstäbchen isst. Es gibt kein soziologisches Modell mehr, das diese zersplitterte Gesellschaft noch abbilden könnte.«

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erschüttert I | Das Kaiserinnenreich, einst von Mareice Kaiser ins Leben gerufen, wird heute von einer kleinen Gruppe Mütter behinderter Kinder gepflegt. In Die Welt in der ich leben möchte schreibt Jasmin Dickerson unter anderem über Potsdam, über die Morde an betreuten, behinderten Menschen:
»Wir leben in einer Welt, in der Täter*innen mehr Mitgefühl bekommen, als ihre Opfer. Insbesondere wenn es um pflegebedürftige, behinderte und/oder alte Menschen geht. Ein Mann ermordet seine demente Frau? Er wollte sie erlösen. Eine Frau ermordet behinderte Menschen im Schlaf brutal mit einem Messer? Sie wollte sie erlösen.«

erschüttert II | »Vier Menschen sind tot, der Ableismus lebt« titelt die Neue Norm ihren Artikel über das Tötungsdelikt in #Potsdam: »… ein Polizeipsychologe [vermutet] in der rbb Sendung „Zibb“, dass das Tatmotiv auch „Erlösung von Leiden“ gewesen sein könnte,« schreibt Raul Krauthausen. »Damit entsteht eine Täter-Opfer-Umkehr: weil die Bewohner*innen des Heimes wohl zu anstrengend seien, käme es zur Überlastung und damit zu der Tat. Dass diese Argumentation bemüht werden wird, ist meine größte Sorge. Denn dies ist gefährlicher, und in diesem Fall tödlicher Ableismus: Die Diskriminierung und Abwertung behinderter Menschen.«