Im Kreis

Verloren habe ich schon viel
Den Glauben an Gottheiten zum Beispiel
Gefunden habe ich stattdessen
das Glitzern des Flusses
die Freude am Zusammenhang
den Zauber des Kreises

Der Kreis und sein Fließen
ganz und gar Physik
ganz und gar Naturgewalt
Kommen und Gehen
empfangen und verschenken

Geben und nehmen
teilen

Immer
für immer

Ostermontagsrückblick

Bereits wieder zwei Tage her und die ganzen schönen spontanen Gedanken, die ich hatte aufschreiben wollen, sind mit Verblassen beschäftigt.

Was bleibt, ist dieses große Gefühl von Verbundenheit. Dort anknüpfen und weitermachen, wo wir das letzte Mal aufgehört haben.

Mit Frau Lakritze zu wandern ist immer wohltuend. Alle Jahre, alle paar Jahre tun wir es, aber, huch, sind wirklich schon fünf Jahre vergangen seit dem letzten Mal, sagt mein Blogarchiv! Wie kann das sein? Gesehen haben wir uns aber zwischendurch schon, zum Glück.

Wohltuend ist wandern ja sowieso, einfach darum, weil wandern entschleunigt. Gehen, Erzählen und Zuhören ist eine Kunstform, die ich liebe. Wir werfen einander Stöckchen zu, reden über Alltägliches, Lachen über Krudes, es gibt auch ein paar ‚Wisst-ihr-Noch?’s,  – natürlich, die gibts immer, wenn Menschen, die sich schon eine Weile kennen*, miteinander sprechen – und dann gibt es die stillen Momente, wo sich alle in eigene Gedanken zurückziehen. Teilen und teilhaben. Und zusammen hinschauen. Und staunen.

Zusammen zu staunen ist für mich eine richtig schöne Tätigkeit.

»Schaut doch nur wie schön der Rotenfels bei diesem frühen Abendlicht aussieht?«

Wir betrachten ihn, schon fast auf dem Rückweg, von einer riesigen Bank aus, auf der nur über eine Holztreppe zu sitzen überhaupt möglich ist. Hinter uns drei nordpfälzische Hotspots – der Disibodenberg mit seinen Klosterruinen, die Montfort-Ruine mit ihren hohen, noch immer erhaltenen Mauern, die ein Eidechsen-Dorado sind und dem Silbersee, in welchem Herr Irgendlink seinerzeit ein dreieckiges Floß gewässert hat. »Muss 50 Jahre her sein«, sagt er.

Erinnerungen, die ich zwar nicht habe, weil ich fern von der Nordpfalz aufgewachsen bin, aber ich kann meine eigenen Erinnerungen mit Irgendlinks und Lakritzes verweben. Natur, Berge, Wälder. Ich begreife, wie sehr sie für mich zum Glücklichseit nötig sind.

Für mein Glück brauche ich genau das: Ein Draußen ohne oder nur mit wenigen Menschen, Weitblick, Grün, Erde unter den Füßen, über mir der Himmel und dazwischen ein rauschendes, hellgrün schimmerndes Blätterdach oder im Winter auch nackte Bäume. Wir picknicken gemeinsam auf einer Bank im Klosterruinengelände, wo auf einmal immer mehr Leute herumspazieren. Unaufgeregt die meisten.

Im Labyrinth neben uns, das ein bisschen an das in Chartres erinnert und am Eingang der Klosterruinen-Anlage auf dem Disibodenberg angelegt ist, nehme ich den falschen Anfang – ja, sowas kann ich ziemlich gut, obwohl sich in einem Labyrinth zu verlaufen nicht vorgesehen ist –, nehme später eine kleine Abkürzung, doch dann lasse ich mich ein auf das Gehen von innen nach außen und von außen nach innen. Wie auch so oft im richtigen Leben gibt es hier kein Falsch und kein Richtig und ich entscheide, wo ich hingehe. Manchmal tut es dennoch gut, einem Weg zu folgen, den anderen bereits vor mir gegangen sind.

Alles hat seine Zeit und genau hier und genau jetzt fühle ich das mit all meinen Sinnen.

Ich hoffe, bis zum nächsten Mal warten wir nicht wieder so lange. Da wollen wir nämlich den Rotenfels erkunden.

[Nachtrag: Auch Irgendlink hat über unsere Wanderung gebloggt.]


* Kennengelernt haben wir uns im Oktober 2012, verrät mir mein Blogarchiv, bei einer Ausstellung gemeinsamer Blogkolleg*innen in Karlsruhe.

Notizen am Rande #8

Diese Woche hab ich endlich mal wieder meinen Schreibtisch aufgeräumt und die diversen Handnotizen, teils jahrealt und in diversen Mappen gesammelt, auf einem Stapel zusammengeführt.

Kleine Gedankenfetzen, die ich am Rande des Alltags, wann immer sie mir eben einfielen, auf kleine Zettel, Makulatur zumeist, notiert habe. Sie spiegeln mir im Rückblick, wohin meine Gedanken jeweils gereist sind.

Und vielleicht sind ja alle einzelnen Gedankenfitzelchen, Handlungen und Textfragmente – einzelnen Pixeln eines riesigen digitalen Bildes gleich –, für sich gesehen unverständliche Punkte und nur als Ganzes, zusammenhängend, verständlich?

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Sich Gutes zu tun ist aufwändiger als das, was mir schadet.

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Person 1: Sag mal, läuft da was zwischen dir und mir?

Person 2: Hilfe, meine Bierflasche ist umgekippt!
oder
Person 2: Darf ich vorstellen: Snoopy, mein Hund.
oder
Person 2: Spring ruhig rüber, der Bach ist soo tief nicht.

+++

Wider besseres Wissen
will sie wissen
was wirklich
wesentlich und wichtig
ist

+++

Die einen von uns sind aus Baumwolle
andere synthetisch
andere gasförmig
manche wattig
oder
aus Gummi
Nicht alles
passt
überall

+++

Wird, was noch nicht da ist,
noch?

Ist alles, was da ist,
schon immer
da gewesen?

+++

Zigarettenstummel
auf der Straße.
Erzählen Geschichten.
Ganze Leben.
Erzählen
von Kindheiten.
Spuren.
Muster,
die lesen kann,
wer sie lesen kann.

+++

Die Maßeinheiten von Glück ist nicht die Minuten oder Stunden gar,
es sind unsere Sinne.

+++

Wenn die Nachbarin über mir gleichzeitig auf dem Klo sitzen würde, wären wir dann Blasen- oder Darmverwandte, Seelenverwandte ja eher nicht?

+++

(Fortsetzung folgt)

Vor zehn Jahren? | Januar 2016

Gerade blicken da und dort Menschen auf das Jahr 2016 zurück. Eine Idee, die bei mir auf fruchtbaren Boden fällt, denn in meiner Erinnerung ist fast jede vergangene Zeit besser als die Jetzt-Zeit – zumindest was die Lage der Welt betrifft. Persönlich nicht unbedingt, persönlich ist es jetzt besser als auch schon.

Januar 2016 also. Was sagt mein Blog dazu?

Das hier zum Beispiel …

Ohne Titel #1

Die Schreiblust kommt und geht. Ist mir Freundin, wie immer.
Die Lust, geschriebenes zu veröffentlichen, zu verbloggen, jedoch ist verblasst.
Noch ist da irgendwo eine Art Hoffnung, dass diese verblasste Lust verstanden werde.

Das Blog als Notizbuch zu verwenden, wie mir vorgeschlagen wurde, könnte eine Idee sein, das Blog nicht einäschern zu müssen.
Nur … wozu sollte ich veröffentlichen, was ich mir notiere?

Als Prozesstagebuch könnte ich es einsetzen, riet eine andere weise Stimme. Ja. Gute Idee.
Aber wozu sollte ich veröffentlichen, was in mir an Prozessen abläuft?

weiterlesen …

Es scheint ein Kehrreim meines Lebens zu sein, dass ich immer mal wieder Phasen mit und ohne Schreibmotivation habe. Aber auch, dass ich doch immer wieder zum Schreiben zurückfinde.

Möge mir diese Fähigkeit erhalten bleiben, denn sie hilft sehr dabei, das Leben besser zu ertragen.

Ausgesperrt und wieder drin

Mein Schutzengel ist aus Fleisch und Blut. Dass ich jetzt wieder an meinem Schreibtisch sitze, ist der Beweis. Dass ich nicht mehr draußen vor dem Haus stehen, mir nicht mehr die Hände und Füße abfrieren muss und die Nasenspitze. So ganz ohne Jacke, ohne Schuhe, ohne Schirm.

Heute und morgen sind Waschtage. Ich nehme oft, wenn ich die Wäsche aus der Waschküche hole, den kleinen Komposteimer mit nach unten, um ihn in die grüne Tonne zu kippen. Bei dieser Gelegenheit leere ich meistens auch gleich noch den Briefkasten.

Soweit so gut.

In der Milisekunde, bevor die Tür hinter mir ins Schloss fällt, realisiere ich, dass ich den Briefkastenschlüssel, sprich: meinen Schlüsselbund, nicht eingesteckt habe. Mist-Mist-Mist. Liebe Grüße von meiner ADHS. Sie will auch mal wieder zuschlagen. Nichtsdestotrotz kippe ich den Inhalt des kleinen Eimers in die Tonne.

Als erstes klingle ich bei der Nachbarin unter mir, die nachmittags oft frei hat, denn sie arbeitet Teilzeit im Kindergarten auf der anderen Straßenseite. Ich warte. Es passiert nichts. Als nächstes klingele ich bei der Nachbarin unten links, das ist die mit dem Engelfimmel. Aber die Engel sind heute offensichtlich ausgeflogen.

Deshalb kommt die junge Nachbarin über mir, die erst neu eingezogen ist, in den Genuss meiner Klingelattacke, doch auch sie ist nicht zuhause. Ebenso reagiert das ältere Paar oben links nicht auf mein Läuten. Last but not least kommt die letzte Nachbarin, die mir vis-à-vis wohnt, dran. Sie arbeitet Schicht, weshalb ich mir gewünscht habe, nicht bei ihr klingeln zu müssen. Außerdem hat sie mich schon am häufigsten gerettet, wenn ich den Schlüssel verschusselt habe, was ADHS-bedingt öfter mal vorkommt. Doch auch sie ist nicht da. Oder schläft tief und fest, es sei ihr gegönnt.

Zwischendurch suche ich mir einen kleinen Ast. Damit versuche ich den Umschlag mit dem Schlüssel, den ich per Magnet und Klebstreifen in mein Briefkastenfach gehängt habe, auf dem Schlitz zu angeln. Es gelingt mir immerhin, den Umschlag von der Rückwand loszulösen, doch ich bekomme ihn nicht zu fassen. Meine Finger sind zu kurz und der Schlitz zu schmal.

Da die Nachbarin unter mir nicht da ist, überlege ich, könnte sie ja im Kindergarten sein, oder? Falls ja, würde sie mir bestimmt kurz ihren Schlüssel ausleihen, nicht wahr?

Also tappe ich frierend und in Hausschlappen über die regennasse Straße, es regnet zum Glück nur wenig. Als ich die Treppe zum Kindergarten hochsteige, sitzt auf der Pausenbank unter dem Vordach eine Frau, die ich nach zwei Nachdenk-Sekunden schließlich wiedererkenne – und sie mich.

Es ist L., die Putzperle des Wohnhauses, das ich bis vor anderthalb Jahren  bewohnt habe. Sie putzt unter anderem Gebäude, die der Gemeinde gehören, so auch den Kindergarten. Gerade raucht sie vor dem Putzen eine Zigarette. Wir freuen uns sehr über dieses unerwartete Wiedersehen. Wie toll ist das denn? Ich erzähle ihr mein Dilemma und wir überlegen, mit welchen Werkzeugen ich den Umschlag wohl aus dem Briefkasten ziehen könnte. Ich bekomme eine Schere, einen Schraubenzieher und – tadaaa! – eine Müllauflesezange ausgeliehen. Kurz entschlossen kommt sie mit rüber, zu meinem Briefkasten, und zusammen fischen wir den Umschlag samt Schlüsseln aus dem Schlitz. Juhuu!

Ich lade sie ein, bald auf eine Tasse Kaffee oder Tee zu mir zu kommen. Schon in der alten Wohnung tranken wir das eine oder andere Mal zusammen Heißgetränke. Ich mag sie sehr. Früher hat sie manchmal meine Pflanzen gegossen, wenn ich in den Ferien war, doch dann hatte sie eine Weile Rückenprobleme und ich verzichtete darum auf ihre Hilfe.

Beide haben wir uns über das Wiedersehen gefreut. Ich finde es total verrückt, dass sie es ist, die mir geholfen hat. Und dass wir uns nach anderthalb Jahren unter diesen Umständen wiedergesehen haben.

Im Briefkasten ein Spendenaufruf der Heilsarmee, die jährliche Weihnachtssammlung. Auf den Bildern Menschen ohne Dach überm Kopf. Ich werde etwas spenden. Wie dankbar ich doch für meine Wohnung und die Wärme des Heizkörpers neben mir bin!

 

Im Kreis

Wieder viel zu lange ist es her, seit ich hier das letzte Mal gebloggt habe. Sagt eine leise Stimme in mir. Das darf so, antworte ich.

Ebbe und Flut, denke ich, so ist es doch, denn alles ist ja immer in Bewegung – vom winzigen Moment, wenn die Welle bricht und die Welt stehen bleibt, einmal abgesehen. Mal bewegt sich der Fluss in die eine mal in die andere Richtung. Auf jeden Fall tut es dieser eine Fluss im Alten Land, dessen Name ich immer wieder vergesse, dieser Fluss, der Ebbe und Flut in der Elbe reguliert … Er gibt und er nimmt.

Regulation also, Ausgleich, von oben nach unten, runter und wieder rauf, hin und her. Wie schön es wäre, wenn es überall so wäre. Nicht nur beim Fluss meine ich, nicht nur in der Natur, auch zwischen uns Menschen. Natur sind wir ja auch.

In meinem Privatleben erlebe ich es of. Da gibt es Phasen, da schenke ich gern, wovon ich im Überfluss habe – materiell oder immateriell, ich reguliere, ich verschenke Dinge, mich selbst. Dann wieder gibt es Phasen, da brauche ich Hilfe  und darf annehmen, wovon andere hergeben mögen.

Mal nach da, mal von dort fließen die Dinge im Leben, die Liebe, das Geld, Materie und Nichtmaterie. Immer im Kreis. Es hat genug für alle. Ich blicke in die Welt um mich her und über den Gartenzaun und noch weiter … und ich wünsche mir, es wäre nicht nur bei mir in meinem kleinen Leben so. Wenn sich alle gegenseitig hülfen, wäre allen geholfen.

Ob ich noch Hoffnung habe? Manchmal. Ein wenig. Manchmal nicht. Aber Liebe habe ich. Auch sie fließt im Kreis.

#WarumIchBlogge | Mein 21. Jahr

Die Mützenfalterin erzählt hier, warum sie noch immer bloggt. Ihr Text berührte mich so sehr, dass ich im Fediversum zu einer #Blogparade aufgerufen habe. Bitte gern weitersagen und mitmachen.

Warum blogge ich denn noch immer?

Erste Antwort, frei Schnauze? Mein Blog ist mein ausgelagertes Gedächntnis. Es bewahrt mein Erleben und hilft mir, mich zu erinnern. Und nicht zu vergessen, worüber ich vor Jahren nachdachte, was mich einst beschäftigte, beglückte, ärgerte. Und wie die Welt sich stetig verändert hat. Und natürlich weiß mein Blog auch oft, wo ich wann war – dank Bildern und Reiseartikeln … Es ist mein persönliches Archiv, das meine kleine Welt in komprimierter Form abbildet und so gesehen ist es sogar ein persönliches Zeitdokument.

Gestern sagte ich zum Liebsten, dass – zumindest in meiner Wahrnehmung und Erinerung – bis zu Beginn der Zwanzigzwanziger das damalige Internet ein irgendwie besseres Internet gewesen ist. Fake News und die ganzen Internet-und-Gesellschaft-kaputtmach-Dinge nahm ich vor der Pandemie weniger umfassend wahr als heute. Vermutlich eine Illusion und vermutlich nahm ich es so wahr, weil ich es so sehen wollte. Dennoch hat sich die letzten Jahre meiner Meinung nach vieles zum schlechten gewendet.

In diesem pandemischen Früher, als ich zu bloggen begonnen hatte (2004 war das), fand ich es toll, dass Menschen, die gern schreiben, in diesem Internet ein günstiges, niederschwelliges und leicht handzuhabendes Werkzeug nutzen konnten, um Gedanken und Alltägliches mit anderen zu teilen, Resonanz zu erzeugen, sich zu vernetzen, Menschen rein virtuell kennenzulernen und/oder im Schreibfluss zu bleiben.

Allmählich wendete ich mich andere Social Media-Plattformen zu, die anderen Gesetzen als denen der Bloggosphäre gehorchten und die mir mit ihren Algorithmen und versprochener Reichweite das Blaue vom Himmel versprachen. Mehr und mehr richtete ich meinen Blick auf Follower*innenzahlen und die Leichtigkeit des Einfach-drauflos-Schreibens kam mir nach und nach abhanden. Mit ihr die Frequenz der Beiträge. Auf einmal wurde Twitter mein Hauptmedium und der Austausch, der dort kurz und zeitnah möglich war, wurde mir wichtiger als die Bloggerei.

Immer wieder hatte ich phasenweise das Bedürfnis, das Bloggen einzustellen. Mit wachsender Followy-Zahl war zuden auch mein Anspruch an mein Geschreibsel gewachsen. Dazu kam das Bewusstsein, dass das hier ja alles öffentlich sichtbar und ungeschützt ist und ich doch eigentlich gar nicht soo viel allzu Persönliches preisgeben sollte. Daten und so. Na ja. Solche Überlegungen machten aus dem Schreiben zeitweilig eine Pflichtübung, die dazu führte, dass ich für die sehr persönliche Dinge eine Art Tagebuchblog (für einige wenige Freund*innen) anlegte.

Als sich WordPress immer mehr kommerzialisierte, war ich kurz davor, das Hauptblog hier zu schließen. Doch irgendwie war das auch nicht das, was ich wirklich wollte. Also zog ich vor einigen Jahren weg von WordPress unter das selbstgehostete Blogdach, das ich mit anderen zusammen gemeinschaftlich pflege. Gute Sache. Auch wenn die meisten der doch recht zahlreichen Followys meines damaligen Blogs auf der Strecke geblieben sind, ist es für mich hier wieder viel besser. Allmählich fühlt es sich hier wieder so ähnlich wie damals an, wie am Anfang in den Nullerjahren, als sich alles noch so frei anfühlte.

Heute findet mein digital-soziales Leben, da ich endlich FB und Insta/Threads gelöscht habe (X ja schon längst), wieder in relativ überschaubaren von Menschen für Menschen gehosteten Räumen statt. Also nur noch in den Blogs und im Fediversum, das dank ActivityPub mit WordPress(.org) föderiert. Gute Sache.

Zum Schluss zitiere ich die Mützenfalterin, die am Ende ihres Blogartikels folgendes über Mely Kiyaks Texte schreibt:

»Ich fühle mich verstanden, ich fühle mich als Teil der Menschheit, ich fühle diese ganze sehr komplizierte und häufig schmerzhafte Angelegenheit am Leben zu sein, ich fühle wie das ist, wenn man zweifelt und trotzdem weitermacht, ich fühle die ungeheure Kraft des darüber Schreibens, des die Scham Überwindens, des sich selbst ernst Nehmens, ohne sich über die anderen zu stellen. Ich fühle Verbundenheit. Und das ist ein großer Trost, eine Inspiration und eine Ermutigung.«

Für mich gelten diese Zeilen nicht nur für Kiyaks Texte, sondern auch für das Leben in meiner digital-sozialen Umgebung. Besser könnte ich es nicht formulieren.

Kurz gesagt blogge ich, weil ich mich dabei mit meinen Mitmenschen verbunden fühle, mit dir und dir und dir …

Das neue also …

Alles ist anders geworden? Quatsch, alles ist gleichgeblieben.
Alles? Na ja, immerhin eine Zahl hat sich geändert. Also jedenfalls hier bei uns. Bei anderen Menschen in anderen Ländern ist davon nichts zu merken.

Das neue Jahr also. Was wissen wir darüber? Wenig. Na ja, ich werde einen runden Geburtstag begehen. Dabei mag ich die Fünf. Und eigentlich mag ich eh lieber ungerade Zahlen.

Was noch? Das Leben, der Alltag, geht ab Morgen wieder los. Die Läden machen wieder auf. Die Welt tut so als ob. Immer tut sie so als ob.

Was bleibt? Was ändert sich; und warum? Änderungen brauchen Kraft. Nein, es ist nicht das neue Jahr, das über meine Kraft bestimmt. Wie viel, das mit betrifft, gestalte ich eigentlich selbst und wie viel geschieht – so oder anders –, weil ich mich nicht entscheiden wollte, mich nicht entschieden habe, mich nicht in mein eigenes Leben eingemischt, es nicht mitgestaltet habe? Wem gebe ich die Schuld, wenn es nicht passt, wenn es nicht wird, wie ich es mir passiv erhoffte?

Viel oder wenig. Mehr oder weniger.

Pläne lassen sich selten exakt in die Wirklichkeit übertragen. Auch Wünsche und Sehnsüchte nicht, aber deshalb nicht zu träumen und nicht zu planen ist ja eigentlich auch doof.

Hoffen? Gern, aber worauf? Werden wir es schaffen, wir Menschen, unseren Zerfall aufzuhalten?

Das neue Jahr also. »Sei uns freundlich gesinnt« würde ich dich bitten, wenn du denn handlungsfähig wärst. Dabei bist du nur vergängliche Zeit und bewegst dich, weil wir uns bewegen. Anders die Erde, die sich immerzu dreht, was immer wir auch tun. Und lassen. Und unterlassen.

Verständnis? Ja, aber …

Auf der Suche nach einem Ereignis, über das ich gebloggt zu haben meine, scrolle ich manchmal durch mein Blog. Dieses externe Gedächtnis war mir schon oft sehr hilfreich.

Dabei bin ich heute auf diesen präpandemischen Text hier gestoßen, den ich – auch fünf Jahre später – so noch unterschreibe.

Drei rotbemützte Bäume
Drei rotbemützte Bäume, verfremdet

Ich verstehe, warum wir uns Halstücher und Mützen anziehen. Krawatten werden mir wohl immer ein Rätsel bleiben.

Ich mag Barfußgehen auf der Erde und durch nasses Gras. Gehen in Stöckelschuhen tut mir nur schon beim Zuschauen weh.

Ich verstehe mich auf Schönheit und Ästethik. Nicht auf Effekthascherei.

Ich kann Stimmungen hinter der Schminke lesen. Von Maskeraden und Make-Up verstehe ich nichts.

Ich verstehe etwas von der Sprache der Liebe. Nichts aber von jener der Image- und Machtsymbole.

Ich erkenne, wenn jemand Hilfe braucht. Von Intrigen und Powergames habe ich keine Ahnung.

Ich liebe es, spontane Geschenke zu machen, aber mit Schenken-auf-Befehl kann man mich verjagen.

Ich verstehe etwas von Gefühlen, mit dem Missbrauch derselben bin ich allerdings immer wieder überfordert.

Ich mag es, mir eine eigene Meinung zu bilden, sie aber als die einzig richtige zu betrachten, geht mir gegen den Strich.

Ich freue mich über Rückmeldungen für mein Tun. Auf Lob zu warten mag ich dennoch nicht.

Ich mag es, Herzblut und Zeit an Freundinnen und Freunden zu verschenken. Mich aber von Menschen ausnutzen und klein machen zu lassen ist überflüssige Kraft- und Zeitverschwendung.

Ich echauffiere mich immer mal wieder über Dinge, die andere tun oder lassen. Hasskommentare und Hassaktionen gehen dennoch absolut nicht.

Ich verhalte mich solidarisch. Ausgrenzung und Ausbeutung toleriere ich nicht.

Ich stehe für Würde. Sie ist weder freiwillig noch ein Konjunktiv, sie ist ein für alle Menschen geltendes Menschenrecht.

Noch krassere Jahresrückblickgedanken

Gut und schwierig lagen dieses Jahr krass nah beieinander, schrieb ich neulich, etwas mehr als einen Monat ist es her.

Ja, 2024 war für mich tatsächlich ein krasses Jahr. Und der November hat die Vormonate noch getoppt. Ich hoffe, das Jahresende wird entspannter.

Es war das Jahr mit dem krassesten Zahnweh seit langem,

(Inzwischen wird ein Wurzelkanal des schlimmen Zahns behandelt und die Schmerzen sind Geschichte.)

… mit krass anstrengenden Autogeschichten,

(Mein Autochen hat erst bei der zweiten Prüfung bestanden. Alles wieder gut. Aber der Weg dahin? Puh. Krass.)

… mit Besuch vom krassen Virus mal wieder,

(Ja, zum zweiten Mal COVID, aber eigentlich hatten wir diesmal ziemlich Glück. Und ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist.)

… mit der krassesten Erschöpfung seit langem.

(Ist dann auch mal genug, bitte, Leben.)