Die drei Bözberge

Das wünscht eine ja keinem und keiner: Dreimal auf den Bözberg, zweimal von dieser und einmal von jener Seite. Der arme Herr Irgendlink aber auch.

Wir waren gestern Morgen früh wach und dann auch schon vor zehn auf den Rädern, denn der Liebste wollte nach einigen Tagen mit Freund*innen im französischen Jura und einigen Tagen bei mir wieder nach Hause radeln. Etwa 320 Fahrradkilometer, je nach Streckenwahl gern auch mehr. Durchschnittlich 3 Tage nimmt er sich normalerweise Zeit für diese Strecke.

Viel Flachland aber auch ein paar Hügel und Berge gehören dazu. Unter anderem der 569 m. ü. M. hohe Bözberg, mein Hausberg sozusagen. Weil ich Lust hatte und das Wetter noch nicht auf Regen gekippt, radelte ich mit, was ich fast immer tue, wenn Irgendlink wieder heimfährt.

Diesmal lockte mich zusätzlich die Tatsache, dass das einmal jährlich stattfindende Transcontinental-Rennen diesmal von Nord nach Süd durch die Schweiz führt. Außer der Radler oder die Radlerin wählt eine andere Route, um den ersten Parcour – im Tessin/Südschweiz –, den es zu meistern gilt, zu erreichen. Die Routenführung ist den Teilnehmenden freigestellt, ebenso sind sie auch in allen anderen Belangen ganz auf sich selbst gestellt. Essen, Trinken, Schlafen etc. – alles liegt in ihren eigenen Händen. Ein hartes Rennen, das diesmal von Belgien nach Griechenland führt. (Mehr: transcontinental.cc)

An einem Kreisel noch im Tal unten, auf dem unser Radweg die Hauptstraße kreuzte, hatten wir die Radlerin Nummer 99 knapp verpasst, doch als wir auf der Passhöhe angelangt waren, kam uns ein erster Radler entgegen, kurzes Winken und Hallo. Der zweite, Philip Horton, die Nummer 279, hielt extra für uns an, erzählte ein wenig und ließ sich sogar fotografieren und filmen. Klasse!

Irgendlink und ich verabschieden uns. Ich stehe noch ein wenig rum, chatte mit einer Freundin, warte auf den nächsten Radler und will schließlich nach Hause fahren, als ich im Bushäuschen, in dessen Nähe wir gestanden haben, Irgendlinks Handy und seine Lesebrille finde. Oh nein! Ich schreibe ihm sofort eine SMS, dass ich seine Sachen gefunden habe. Sein Handy in meiner Hand bimmelt. Oh. Na ja, es war einen Versuch wert.

Was tun? Der Liebste hat einen Vorsprung von etwa einer Viertelstunde und ich weiß auch nicht genau, welche der möglichen Routen – Radweg A oder B oder vielleicht sogar die Hauptstraße wegen des Rennens? – er genommen hat. Mist aber auch. Ich radle so schnell ich kann die vermutete Strecke. Innerlich immer rufend: »Irgendlink, guck auf dein Handy und stell fest, dass du es vergessen hast. Dreh um, dreh um!«

Ich fahre ca. sechs Kilometer via Gallenkirch runter zum Effinger Bahnhof. Dort wird mir klar, dass ich ihn nicht einholen kann. Wenn es abwärts geht, nützt mir mein Motor wenig. Er hat zu viel Vorsprung. So drehe ich um, diesmal über Linn, und fahre nochmals am Bushäuschen vorbei. Hätte ich doch bloß einen Zettel, dann würde ich jetzt hier hinschreiben, dass ich sein Handy habe. Ist er womöglich bereits auf dem Weg zu mir nach Hause? Oder radelt er ohne Handy weiter? Hat er es überhaupt schon gemerkt?

Wäre ich hier ein bisschen länger stehen geblieben, hätten wir uns vielleicht getroffen, denn der Liebste hatte es bereits gemerkt und war zurück geradelt. Er hatte er sich an Leute gewandt. Da und dort um Telefone gebeten … und schließlich radelte er zur Busendstation und dem dortigen Fundbüro. Leider ohne positives Ergebnis. Er überlegt, dass ich sein Handy vielleicht doch zufällig gesehen haben könnte.

Ich fahre derweilen über die Hauptstraße den Bözberg abwärts und so schnell ich kann wieder nach Hause. Es beginnt zu tröpfeln. In einer Unterführung ziehe ich den Regenponcho über. Es regnet nun richtig stark und ich bin froh, als ich daheim anlange.

Dort entledige ich mich der nassen Sachen und suche nach einer guten Lösung. Was soll ich, was kann ich tun? Ich bezweifle, dass Irgendlink meine Handynummer auswendig kann. Ich seine ja auch nicht. Aber die seiner Mutter, die kann er auswendig. Also rufe ich seine Mutter an und informiere sie, dass ich Irgendlinks Handy habe. Also falls er dort anrufen sollte. Nur damit er weiß, dass er sich diesbezüglich keine Sorgen machen muss. Gerade als ich ihr das Problem geschildert habe, sehe ich Irgendlink, der sein Rad zu meiner Terrasse schiebt. Wow! Er ist da. Alles gut. Ich winke mit dem Handy, öffne die Terrassentür und kann auch gleich die Frau Mama beruhigen.

Nach einer kleinen Pause und kleinen Mahlzeit, das Regenende abwartend, macht sich Irgendlink wieder auf den Weg. Das dritte Mal heute, dass er den Bözberg erklimmt. Diesmal ohne mich, denn ich habe nachher einen Termin.

Meine Nerven haben ganz schön geflattert, als ich sein Handy fand, doch jetzt beruhige ich mich allmählich und fahre mit dem Auto zu meinem Termin. Unterwegs und auch auf dem Rückweg fahren mir immer mal wieder Radlerinnen und Radler des TCR über den Weg.

Gute Fahrt, murmle ich, und bin heilfroh, dass ich mir das nicht antun muss.

Am Abend, nach einem Treffen mit einer Freundin in Basel, die ihn zum Pizzaessen einlädt, radelt Irgendlink weiter nordwärts. Weiterhin kreuzen sich seine Wege mit Radlerinnen und Radlern vom TCR. Als es schon dunkel wird, ruft er mich an. Über Kopfhörer radle ich mit ihm durch die Nacht und bin dann sogar beim Zeltaufbau dabei. Das hatten wir auch noch nie. Aber ich kann mir vorstellen, dass es sich schön anfühlt, wenn man bei Nacht und Regen nicht ganz allein ist und eine vertraute Stimme im Ohr hat, die um Dunkelheit und Regen weiß.

Gute Nacht!

Was für eine tolle Tour!

Wir brauchen gestern zwar ziemlich viel Anlauf, aber irgendwann, es ist schon nach eins, kommen wir dann doch noch in die Gänge. Richtung Süden, der Reuß entlang, zieht es uns, zum Erdmannlistein, der in den Hügeln und Wäldern über Wohlen schon seit Tausenden von Jahren die menschliche Phantasie beflügelt. Menschgemacht oder ein Werk der Gletscherwanderung? Wer weiß es schon …

Wir radeln bei ziemlich starkem Gegenwind los. Unterwegs müssen wir immer wieder innehalten, an Brunnen und auf Schattenbänken Pause machen. Es ist heiß. Nicht hitzewellemäßig heiß, aber doch gute 29 Grad. Zum Glück schieben sich immer mal wieder ein paar Wolken vor die Sonne.

In Mellingen kommen Erinnerungen hoch. Weißt du noch, hier haben wir damals, vor neun Jahren, auf unserer ersten gemeinsamen Fernwanderung gepicknickt! Da und dort ploppen Erinnerungsfetzen auf.

Nach Fischbach-Göslikon geht es endlich in den kühlenden Wald, aufwärts allerdings, über Stock und Stein, und auf einmal sind wir da.

Nach einem Schwatz mit einem anderen Paar hängen wir unsere Hängematten auf und legen uns eine Weile hin. Es tut gut. Obwohl … mir ist es fast zu heiß und ich brauche lange, um mich abzukühlen. Normalerweise gelingt mir das in der Hängematte immer ganz schnell, da der Stoff so leicht und dünn ist.

Nach einer kleinen Zwischenmahlzeit radeln wir das erste Stück wieder so zurück, wie wir gekommen sind. Diesmal kann ich einem Hofladen in Fischbach-Göslikon nicht wiederstehen. Kürbisrisotto und Dinkelnudeln. Dazu sehr schön verpackt. Und glückliche Hühner-Eier. Und Salat. Hofläden machen einfach glücklich, uns und die Bäuerin.

Bei Niederwil wechseln wir auf die andere Reussseite, um von einer schönen Stelle aus in den Fluss hupsen zu können. Wie gut das tut!

Oh, wie genial ist das denn? Als wir wieder auf den Rädern sitzen, kurz nach Gnadenthal, einer Abkürzung zum Radweg folgend, findet der Liebste eine fast fünfzig Meter lange Brombeerhecke, die von reifen Früchten nur so überquillt! Ich bin daran vorbei gefahren, den Blick auf eine Wiese voller Krähen gerichtet, die Gruppendynamik dieser klugen Vögel zu ergründen versuchend. Ich fahre gern ein Stück zurück, denn zum Glück ist Irgendlinks Blick am rechte Straßenrand entlang gewandert. Was für Beeren! Und wie lecker sind die denn?! Wir füllen einen Sack mit reifen Beeren, doch ein Gutteil kommt direkt von Strauch in den Mund. So schmecken Beeren einfach am besten.

Später, bei Tägerig, entscheiden wir uns für einen anderen Rückweg. Wohlenschwil, Mägenwil, Birr-Lupfig … und als wir daheim anlangen ist es schon fast acht Uhr und auf dem Tacho stehen fast 50 Streckenkilometer. Für mich Couchpotato mein bisheriger Tagesrekord ever! Wie dankbar ich doch meinem Motörchen bin, ohne das ich das nicht geschafft hätte.

Mit Orakeln die Welt retten?

Als ich erwache, finde ich mich auf dem Bauch auf dem Sofa liegend wieder. Mit Blick auf den Holzboden, auf dem ein paar Krümel* liegen. Ich schiebe sie mit den Händen zusammen und frage sie: Was wollt ihr mir bloß sagen? Ich grinse Irgendlink an, der neben mir liegt und auch ein kleines Krümelhäufchen mit den Händen zusammengeschoben hat.

»Kehr mich weg!«, sage ich, »sagen sie. Oder nein, vielleicht ist ihre Botschaft ja viel komplexer. Vielleicht«, sage ich, »vielleicht kommt es auf das Muster an. Vielleicht müsste ich nur das Muster entschlüsseln können und dann wüsste ich, was sie mir sagen wollen. Vielleicht ist das hier ja ein Krümelorakel. Vielleicht liegt ja in allen Krümelhaufen, in allen Dreckhaufen, in allen Mustern dieser Welt eine Botschaft?!«

Ich komme in Fahrt. »Vielleicht erfinde ich gerade jetzt eine App, die Muster entschlüsselt!«, sage ich. »Na ja, man müsste die App natürlich nur noch programmieren, aber dann … Die App könnte jedem fotografierten Muster ein vorher eigens festgelegtes Orakel zuordnen.«

»Aber in den AGB müsste stehen, dass wir jede Haftung ablehnen. Also für den Fall, dass das Orakel nicht eintrifft!«, sagt Irgendlink.

»Genau. Und die Orakelsprüche generieren wir aus allen Glückskeks-Sprüchen, aus allen Horoskopprognosen, aus allen Kalender- und Postkartensprüchen dieser Welt … nein, halt! Noch besser: Wir programmieren alle je geschriebene Literatur ein und die App entschlüsselt mittels Codes, die sie aus dem jeweiligen Muster zieht, den passenden Satz aus einem beliebigen Buch der Welt.«

»Damit die User:innen beim Personalisieren der App die Quelle ihres Orakels wählen können? Also ob sie einen Satz aus der Welt der Weltliteratur, der Trivialliteratur — vielleicht sogar nach Autor:in selektierbar? —, aus der Welt der Astrologie oder aus der Glückskeksideologie etc. möchten?«

»

Jawohl! Boah, was haben wir da Großartiges erfunden!«

(neulich in meinem Notizbucharchiv gefunden)


*Übrigens: normalerweise hat es nicht soo viel Krümel am Boden wie damals, als ich das geschrieben habe.

Auf Rädern unterwegs

Unter anderen Umständen wäre der liebste Irgendlink dieser Tage vermutlich so langsam am Nordkap angelangt. Geplant war eine gebloggte Radreise in gewohnter Manier ab Finnland ans Kap. Doch da vor einem Monat aus Gründen, über die wir beide gebloggt haben, die Weichen buchstäblich in eine andere Richtung gestellt wurden, umradelt Irgendlink nun die Schweiz und bloggt darüber.

Nach einer Mit-dem-Rad-zur-Liebsten-Radtour zu mir und ein paar Tagen Fellpflege in der Homebase, hat er sich genau heute vor einer Woche mit ein bisschen Begleitung meinerseits, auf den Weg gemacht, die Schweiz zu umrunden.

Na ja, rund ist sie so gar nicht, die Schweiz, eher scharfkantig und voller gebirgiger Anhängsel, auf denen sich nicht radeln lässt. Relativ grenznah umradeln geht dennoch, wenn auch ein paar Berge abgeschnitten werden mussten.

Wollt ihr die Karte gucken? Da ist sie >>> ZUR KARTE.
Allabendlich lädt Irgendlink seinen Track und manchmal auch ein paar Bilder hoch. Heute wird er dem Ufer des Genfersees entlang radeln, vermutlich dem südlichen.

Vor ein paar Monaten dachte ich, dass ich doch eigentlich, während der Liebste sich ans Nordkap schafft, auch eine kleine Ferienreise machen könnte. Freundinnen besuchen. Falls mich der Mut nicht in letzter Minute verlässt, werde ich darum am Freitag für zehn bis elf Tage unterwegs sein. Nur mein Autochen, mein Zelt und ich.

Falls ich Lust habe und dazu komme, werde ich vielleicht auch gern mal wieder von unterwegs reisebloggen. Mit Passwort, das ich euch aber gern verrate, falls ihr mir folgen mögt. Schreibt mir einfach einen entsprechenden Kommentar unter diesen Artikel.

Abschied nehmen

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Es klingt immer relativ einfach in den Filmen, wenn die Angehörigen beschließen, die Maschinen auszuschalten. Dann geht sie hin, die Ärztin, drückt ein paar Knöpfe und der Patient schläft friedlich ein.

In Tat und Wahrheit ist es ein harter Kampf, der bei Freund S. aka Journalist F. über einen Monat gedauert hat. Vor etwa einem Monat hat er sich selbst ins Krankenhaus eingewiesen, weil die Schmerzen unerträglich geworden sind. Ein Quäntchen Hoffnung auf Besserung hatte er damals noch gehabt. Darauf, dass eine OP seine tauben Hände vielleicht noch retten und ihm ein wenig der in den letzten Monaten verlorenen Autonomie wieder zurückbringen könnte. Er willigte ein. Was hatte er auch für eine Wahl? Die Lähmung war – zusätzlich zu all den anderen Einschränkungen und Krankheiten – täglich schlimmer geworden. Seine Hände gehorchten ihm nicht mehr. Die Unterschrift unter die OP-Einwilligung konnte er – ich stelle es mir bildlich vor – wohl eher schlecht als recht kritzeln, sehen tat er ja auch kaum mehr und ob er, wegen seiner starken Schwerhörigkeit, die Infos zur OP und ihren möglichen Folgen verstanden hat, wissen die Göttinnen. Hatte überhaupt jemand an die Hörgeräte und funktionierende Batterien gedacht?

»Ich habe alles unterschrieben!«, sagt er zu Irgendlink, der ihn am vermeintlichen Vorabend zur großen OP besucht. Zusammen nehmen die beiden sicherheitshalbe eine Audio-Patientenverfügung auf, in der naiven Hoffnung, dass das reicht, falls die OP nicht gelingt.

Am nächsten Tag fährt Irgendlink für vier Tage zu mir in die Schweiz, naiv hoffend, dass der Operierte am Abend bereits wieder fitter ist. Ist er nicht. Im Gegenteil. Die OP fand nicht statt. Irgendlink überlegt, am nächsten Tag mit meinem Autochen von der Schweiz aus nochmals die 300 Kilometer zur Klinik zu fahren, um mit den Ärzten zu reden. Aber zum Glück ist das nicht nötig, der Arzt (oder war es eine Ärztin?) kann telefonieren. Die OP sei auf die folgende Woche verschoben worden – warum auch immer.

Unser aller Freundin F. besucht S. und überbringt ihm unsere lieben Wünsche, informiert ihn. Aber es geht ihm da bereits sehr schlecht. Kaum mehr erträgliche Schmerzen. Wir überlegen, weit weg in der Schweiz, ob er wohl jetzt von seinem Notfallplan Gebrauch machen wird. Als Dialytiker, so hat er uns immer wieder erzählt, werde er – wenn er keine Hoffnung mehr auf Besserung seines Zustandes habe und ein gewisses Maß an Lebensqualität nicht mehr erreichbar sein werde – die Dialyse verweigern, sich in Palliativpflege begeben und sich vom Leben verabschieden.

Über diese Möglichkeit und Absicht hatte er besonders im letzten Jahr immer wieder gesprochen, immer häufiger, je schlimmer der körperliche Zustand geworden war. Und der seelische auch gleich, denn die Depressionen waren wieder sehr präsent geworden. Bei unserm letzten Besuch im Pflegeheim – Mitte April – hatte er mich gebeten, seinen Betreuenden zu sagen, dass er dringend eine Therapie brauche. Jemanden zum Reden, jemanden, der ihm – außer uns Freund*innen – helfe, seine Last zu tragen, die der Schmerzen, die des mentalen Drucks, der Angst vor einem Hirnschlag (CovidseiDank), vor noch mehr Schmerzen, vor noch mehr Einsamkeit, mentaler Unterforderung und fehlender Stimulation … Ich sprach diese eine Betreuerin, die mit dem Hundchen, direkt darauf an und sie versprach, sich zu kümmern. Doch so weit kam es ja dann gar nicht mehr, da Journalist F. nach einer seiner dreimal wöchentlich stattfindenden Dialysen gleich im Krankenhaus blieb. Die tauben Hände waren noch tauber geworden. Jeden Tag ein wenig mehr.

Die OP (Spinalkanalstenose) kam vermutlich zu spät.

Es folgten viele Tage auf der Intensivstation, viele, fast tägliche Besuche dort, viele Gespräche mit Pflegenden und Ärzt*innen. Irgendlink, als Freund S.s Betreuer/Beistand, der sich mit der Ethikkommission anlegt und schließlich gewinnt. Der Gewinn? Dass Journalist F. würdig und ohne Maschinen sterben darf.

Am Freitagnachmittag wurde er von der Intensiv- auf die Palliativstation verlegt. Gestern Morgen, um 8:00 rum, ist S. dort friedlich und für immer eingeschlafen.

Ich durfte gestern bei der Arbeit früher gehen, belud mein Autochen und fuhr 300 Kilometer zum Liebsten. Gemeinsam haben wir gestern S. ein letztes Mal besucht und uns von seiner irdischen Hülle verabschiedet. Er hat nun keine Schmerzen mehr, weder seelische noch körperliche. Darüber sind wir froh. Aber traurig, dass wir nicht mir mit ihm reden, lachen, philosophieren und blödeln können.

Wie er daliegt. Bereits irgendwie durchscheinend, wächsern … So werden wir alle daliegen, tot, eines Tages, denke ich. Du. Ich. Irgendlink und ich halten uns aneinander fest. S. fehlt. 🖤

Ich werde nie mehr Hörbücher auf sein Handy laden. Keine Heimbesuche mehr. Wir werden nie mehr mit ihm lachen. Nie mehr mit ihm durch den schönen Park des Pflegeheims rollen. Nie mehr Witze über die anderen Insassen reißen. Nie mehr über das miserable Essen lästern, nie mehr mit ihm rauchen, nie mehr Obst, Nikotinkaugummis, Ibuprofen und Hörgerätebatterien für ihn kaufen. Der berühmte Erinnerungsfilm läuft bei mir seit Tagen auf Hochtouren.

Ich sitze auf dem Stuhl neben seinem Bett in diesem sehr schönen, hellen, sauber duftenden Zimmer und begreife erst allmählich die Endgültigkeit. Sein hart erkämpftes Sterbendürfen – statt von Maschinen künstlich erhaltenes Lebenmüssen ohne Hoffnung auf Besserung – ist erlösend für ihn, erleichternd für uns und dennoch unglaublich schmerzhaft.

Auf dem Nachttisch stehen eine Engelskultpur und eine schwarze Kerze. Auf S.s Bauch liegt eine Blume. Ich glaube, das hätte ihm gefallen.

Die sehr herzliche Schwester auf der Palliativstation sagt, dass wir jederzeit anrufen und Fragen stellen dürfen. Und dass S. doch bitte zeitnah von einem Bestattungsunternehmen unserer Wahl abgeholt werden solle. Darum kümmert sich die Schwester, sagt Irgendlink. Wie gut es doch ist, dass er und F. sich bei dieser gemeldet haben, als S. noch lebte. So konnten noch Worte des Verzeihens und der Vergebung ausgesprochen werden.

Ein Leben ist vollbracht, so, genau so, fühlt es sich an. Kein ’zu früh’, sondern ein ’genau richtig’.

Danke, lieber Freund!

+++

Ich glaube ja, den Himmel haben sich die Menschen nur ausgedacht, weil sie mit der Tatsache und Endgültigkeit des Todes nicht klarkamen. Aus dem gleichen Grund haben sie sich Gott ausgedacht. Sie brauchen jemanden, dem sie die letzte Verantwortung und all die ungelösten und unlösbaren Fragen in die Schuhe schieben konnten.

Eigentlich anders

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Eigentlich wollte ich dieser Tag hier einen liebevollen, begeisterten, einladenden Text über das geplante Live-Kunst-Reiseprojekt des liebsten Irgendlink schreiben. Einen Text über seine Pläne, via Helsinki ein weiteres Mal ans Nordkap zu radeln. Einen Text über die Umsetzung eines Traumes, der seit Mitte Pandemiezeit immer konkreter wurde und dieses Jahr in die Wirklichkeit geholt werden sollte.

Uneigentlich ist alles ganz anders. Gestern Nachmittag fand ein Gespräch statt, von dem wir uns erhofft hatten, dass danach unser lieber Freund S. endlich und seinem Wunsch, seiner mündlichen Patientenverfügung, entsprechend, von seinen unheilbaren Schmerzen befreit wird.

Diese existentielle Fragen liegen uns schwer auf Mägen und Herzen. Es geht um Würde und Autonomie bis zuletzt, und es geht um Fragen zu Lebenmüssen und Sterbendürfen. Um Entscheidungen, die wir für einen lieben Menschen treffen müssen, der sich nicht mehr zu Wort melden kann. Ich bin ja ’nur’als Mitmensch und langjährige Freundin im Boot, der Liebste jedoch als Beistand. Schwere Entscheidungen. Wir machen es uns keineswegs leicht.

Mein Herz ist schwer. So viele Erinnerungen an unseren lieben Freund S. tauchen auf, während ich an seinem Bett stehe. Die letzten Besuche im Pflegeheim. Mein letzter vor dem aktuellen Klinikaufenthalt war jener, bei welchem wir ihm das von Freunden finanzierten E-Mobil geliefert hatten. Das er aber, weil er von seiner zweiten Covid-Erkrankung noch so geschwächt war, noch gar nicht hatte probefahren können.

Leider hat das gestrige Gespräch nicht das erhoffte Ergebnis bewirkt, nämlich das Freund S. von seinen Leiden erlöst werden darf. Nochmals neun Tage Abwarterei. Heute oder jedenfalls bald bekommt S. einen Luftröhrenschnitt, dann soll das Morphin ausgeschlichen werden und alsdann soll S. bitteschön höchstpersönlich sagen, dass er nicht mehr weiterleben will. Obwohl wir eine Tonaufnahme von eben dieser Aussage haben. Und diese auch in verschriftlichter Form vorliegt. Und der Liebste immerhin S.s juristischer Beistand ist. Dass S. vor einem Monat jener einen OP zugestimmt habe, die ihn von seiner zunehmenden Lähmung erlösen sollte, sei doch Zeichen dafür, dass S. weiterleben wolle. Dass die OP eher nicht erfolgreich war, wird ignoriert.

Es ist ein Trauerspiel. Wir geben nicht auf.

Des Liebsten Reise ist jedenfalls gecancelt. Aber vielleicht ist ja aufgeschoben nicht aufgehoben. Bestimmt würde sich S. sogar freuen, wenn Irgendlink nochmals vom Nordkap in die Ferne gucken könnte. Ganz bestimmt sogar.

Zwischen den Jahren 22-23 #1

Endlich haben wir dort, wo wir zwischen den Jahren hingefahren sind, wieder einmal ein paar Geocaches gehoben. Lange her seit den letzten Malen. Um es uns ein bisschen abwechslungsreicher zu machen, haben wir uns sogar für einen Monat ein Premium-Abo für 6.99 Euro gegönnt, denn inzwischen sind die schönsten Caches hinter einer Bezahlschranke.

Lange haben wir uns gegen diese kapitalisierende Maßnahme des doch eigentlich sehr naturnahen und versponnenen, so gar nicht gewinnorientierten Geocaching gewehrt, doch diesmal sind wir – temproär – eingeknickt.

Tupperdose mit blauem, feucht angelaufenem Deckelrand zwischen Moos und Steinen
Tupperdose mit blauem, feucht angelaufenem Deckelrand zwischen Moos und Steinen

Früher allerdings, damals, vor dreizehn Jahren, als mich der Liebste in Bern ins Cachen eingeführt hatte, war alles noch viel geheimer, komplizierter, nerdiger gewesen. Wir hatten uns noch gern gebückt und irgendwo im Dreck gebuddelt, um eine versteckte Dose mit einem Logbüchlein oder Logpapierstreifen zu finden. Wir hatten länger gesucht als heute und weniger schnell aufgegeben.

Inzwischen mögen wir ja am liebsten an Bäumen hängende Döschen, die  sich nach ein bisschen Suchen in Augenhöhe zeigen. Stehtischcacher*innen sind wir geworden, sagten wir dieser Tage zueinander, der Liebsten und ich, als wir uns dreimal überlegten, ob wir jetzt noch weiter nach einem offenbar irgendwo in Bodennähe versteckten Cache fahnden sollten. Und auf einmal sehen wir ihn, da, sieh doch! Wie konnten wir dieses Döschen, das da vor unseren Augen in der Efeuhecke baumelt, so lange übersehen?

Siebenundzwanzig neue Funde sind in den Tagen zwischen den Jahren dazugekommen. Die meisten davon in der Kategorie Mikro – also klein, kleiner oder etwa gleich groß wie eine Streichholzschachtel oder eine Filmrolle.

Niemand schaut mehr merkwürdig, wenn erwachsene Menschen sich mit Handys durchs Unterholz navigieren, an Steinmauern herumlungern oder unter Bänken tasten. Die App ist inzwischen recht genau geworden und hat die früheren GPS-Geräte abgelöst. Und Muggels, wie Nicht-Geocacher*innen genannt werden, stellen heute keine allzugroße Gefahr mehr dar. Die allgemeine Toleranz merkwürdigen Hobbies gegenüber scheint gestiegen zu sein. Obwohl es dann doch immer wieder Caches gibt, die von Uneingeweihten zerstört werden. Einen haben wir eine ganze Weile gesucht, nur um in den digitalen Logkommentaren zu eben jenem Cache ein Foto zu finden, das den kaputten Cache, auf dem Boden liegend, zeigte. Tja.

Die Vorteile? Wer sich geocachend eine vorher unbekannte Region vornimmt, kommt an Orte, an die normale Reiseführer nicht heranreichen. Oftmals werden Geocaches in Spazier- und/oder Wanderrunden ausgelegt, so dass du das eine – Wandern – aufs Angenehmste mit den andern – Geocaches finden – verbinden kannst. Und da wären wir beim einzigen mir einfallenden Nachteil. Manchmal bin ich nämlich so verpeilt mit Blick aufs Handy-Navi, dass ich fast schon vergesse, die Schönheit der Natur, durch die ich mich wandernd bewege, zu betrachten. Aber zum Glück nur manchmal.

Es hat uns beiden unglaublich gut getan, jeden Tag der letzten Woche draußen zu sein. Bei Wind und Wetter. Ein paar Bilder gibts im nachfolgenden, passwortgeschützten Blogartikel.

(Gern verrate ich euch dieses auf Anfrage.)

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Ach, und  was ich noch sagen wollte: Danke, dass ihr da seid. Alles Gute für das neue Jahr, das vor wenigen Tagen begonnen hat. Tut euch Gutes, achtet auf euch und eure Mitmenschen, bleibt so gesund wie irgendwie möglich und lasst euch nichts Schlimmes gefallen.
Und bleibt mir gewogen.

Der neunte Tag und endlich ein kleiner, vorsichtiger Optimismus

Vor neun Tagen hatten wir die ersten Symptome. Von Anfang an habe ich privat darüber Tagebuch geschrieben.

Ich frage mich zwischendurch immer mal, ob es sinnvoll – im Sinnne einer Art öffentlichen Archivierung/Chronik – und möglicherweise sogar hilfreich für andere sein könnte, wenn ich (gelegentlich) mein privat verfasstes Corona-Tagebuch hier veröffentliche. Ich denke da noch darüber nach. Immerhin ist es ja noch nicht ausgestanden.

Die ersten Symptome waren beim Liebsten stärker als bei mir,. Er hatte ja auch einen Tag Vorsprung. Ich habe drei Tage lang ‘nur’ ein leicht benommenes, mit Schluckweh einhergehendes Unwohlsein mit Müdigkeit und matschigem Kopf, erst ab Tag 3, abends, kippt es. In dieser Zeit ist es Irgendlink, den das Virus regelrecht und buchstäblich für etwa sechzig Stunden in die Knie, respektive in die Horizontale zwingt.

Als er langsam wieder auftaucht, fängt es bei mir an, aber so richtig. Das Schluckweh glüht bis in die Ohren und die Temperatur klettert für über drei Tage – achtzig Stunden – stabil über 38 Grad. Einzig wenn ich ein Ibu futtere, sinkt sie für einige Stunden.

An Tag 2 annulliere ich traurig meinen 2. Booster-Termin. Schade. Knapp verpasst. Ich hätte ja lieber einen Impfarm als Covid gehabt.

Der PCR-Test vom – Tag 2 – ist noch negativ und auch die Selbsttests bleiben bis Tag 3 negativ, weshalb wir uns in der Wohnung mit Maske begegnen, außerdem haben wir getrennte Schlafzimmer, viel Lüften. Viel dösen, viel Hörbuchhören (ich), ab und zu ein bisschen Lesen, Social Media, Filme gucken.

Ich weiß innerlich spätestens ab Tag 4, dass ich positiv bin, aber den nächsten Schnelltest mache ich doch erst am Tag 6, weil ich kaum mehr Tests habe und damit ich an Tag 7, einem Samstag, nochmals zum Testen (für Statistik und Sicherheit) in die Apotheke gehen könnte. Was ich dann auch tue. Und der Liebste auch. Wir fahren nämlich, da es ihm zum Glück inzwischen deutlich besser geht, an die deutsche Grenze, wo er seine Tests (Schnell- und PCR-) gemacht bekommt und ich die online bestellten neuen Tests im Paketshop abholen kann. Beide sind wir positiv, auch noch am siebten Tag seit Symptombeginn. So ist das nämlich.

Seit Tag 7 ist mein Fieber auf dem Rückzug. Nur noch ab und zu guckt es noch raus. Was bleibt, sind Halsweh, Husten, Schnupfen und Schlappheit. Und dieses matschiges Gefühl im Kopf. Konzentrationsprobleme. Mitten im Satz nicht mehr wissen, was ich sagen wollte. Und immer wieder Erschöpftsein nach kleinen Tätigkeiten.

Letzte Nacht der Umzug zurück ins Schlafzimmer. (Ciao Sofa, war schön mit dir!)

Heute ist das Schluckweh endlich nur noch ein kleiner Nachhall, der Schnupfen schleicht sich ebenfalls langsam davon, noch brennen die überreizten Schleimhäute. Zum Glück ist der Husten ziemlich zur Ruhe gekommen.  Alles dauert bei mir länger als sonst.

Als Privileg empfinde ich, dass wir diese Krankheit, hier bei mir, Seite an Seite durchstehen konnten, uns gegenseitig unterstützen, mit Zugang zu Badewanne und Co., und mit zwei Rückzugsräumen. Dazu liebe Freund*innen im echten und im virtuellen Leben, die Mut machen und liebe Nachrichten schicken, die nachfragen und Hilfe anbieten. Das macht uns sehr dankbar.

Vermutlich hatten wir einen sogenannt leichten Verlauf, obwohl ich mich nicht erinnern kann, je vorher mal soo krank gewesen zu sein. Hoffentlich sind wir bald wieder ganz genesen. Und noch hoffentlicher bleibt nichts von alledem zurück.

Aber was wäre wohl gewesen, wenn wir die Ur-Variante (oder Delta) dieses Shaiz-Virus – dazu noch ungeimpft –, bekommen hätten? So ‘leicht’ – äh, leicht war es nicht wirklich – wären wir vermutlich nicht davon gekommen.

Und ausgestanden ist es ja, wie gesagt, noch immer nicht. Aber da ist wieder vorsichtiger Optimismus irgendwo.

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Bitte tragt euch und euren Mitmenschen Sorge, lasst euch impfen und/oder boostern und tragt Masken. Für jene, deren Immunsystem nicht so stabil ist, aber eigentlich für alle.

Erstens kommt es anders …

Eigentlich dachten wir ja, dass wir fünfzehn Tage auf Wanderschaft sein würden. Mach keine Pläne, Sofasophia, sie werden eh nicht funktionieren! Nicht in einer Welt voller Katastrophen, großen und kleinen. Und dann ist uns tatsächlich dieses Leben dazwischen gekommen. Das Leben mit seinen Krankheits- und Gesundheitsdingen, dazu ein fertig gelebtes Leben. Ein Tod.

Und jetzt bin ich also wieder daheim und der Alltag schließt mich wieder in seine heißen Arme.

Acht Tage lang habe ich ziemlich erfolgreich alles, was nicht unmittelbar mit unserer Ferienreise und unseren nächsten Menschen zu tun hatte, ausgeblendet. Das fühlt sich immer wieder sehr ambivalent an. Einerseits so, als würde ich verdrängen, dass es da draußen Viren, Kriege und Katastrophen, Tod und Krankheit gibt, andererseits weiß ich, dass ich das hin und wieder brauche, dieses Auf-Durchzug-Schalten, weil es einfach notwendend ist und gut tut.

Ich habe trotz der Kürze unserer Reise Kraft geschöpft. Die in der Natur erlebte Ruhe hat meinen inneren Akku aufgefüllt. Hoffentlich hält die neue Energie eine Weile vor.

Falls ihr lesen mögt, was wir so erlebt haben: Im Flussnotenblog lässt sich alles chronologisch geordnet lesen. Dazu gibt es viele Bilder, die die liebe Ulrike für uns verbloggt und in Karte und Galerie eingebettet hat.