Ein Rätsel

Gesucht wird hier ein sprachaffines Fünfer-Team …

N.
rück grat!
Wer sonst?
Oben. Unten.
Eindeutig klar!

G.s Hingabe galt der Diagonale
schon immer.
Schiefe Ebene,
weich.

Wem D. gefällt,
gefällt auch mir.
Liegt braun
und erdig da.
Gehört allen.

A., wen suchst du?
Sind alle schon weg!

Das heißt:
Ganz hinten steht noch einer,
durch den heute keiner mehr will.

Doch die alten Römerinnen mochten A..
Wozu auch immer.
Oder wodurch?
Weil er die Antworten kannte womöglich.


Dieses lyrisch-grammatikalische Rätsel fand ich neulich in meinem Uraltblog.

Wer sind N., G., D., A. und A.?

Ausgelesen #39 | Der Mauersegler von Jasmin Schreiber

Jedes Buch so lesen, als wäre es das erste. Das erste dieser Autorin, dieses Autors. Das erste überhaupt. Das würde dabei helfen, Erwartungen zu vermeiden. Nach Jasmin Schreibers ’Marianengraben’, das ich sehr gern gelesen und hier besprochen habe und das mich tief berührt hat, wartete ich erwartungsvoll – viel zu erwartungsvoll vielleicht – auf Jasmin Schreibers zweiten Roman.

Buchcover zeigt flächendeckend drei stilisiert gemalte Mauersegler, zwei schwarze und ein roter auf hellblaugrauem Hintergrund. Darüber der Autorinname in schwarz und Titel in rot.
Buchcover

Während ihr erster Roman ein ausgesprochen originell geplottetes zugleich trauriges als auch humorvolles Roadmovie zwischen zwei Buchdeckeln war, ist Schreibers zweite Geschichte eine eher ernste. Die Geschichte einer Flucht und die Geschichte eines schweren Verlustes. Doch Jasmin Schreiber erzählt auch die Geschichte einer wunderbaren Männerfreundschaft.

In ’Der Mauersegler’ begleiten wir Prometheus auf seiner Flucht aus dem Krankenhaus, wo er als Arzt an einer Studie für eine neue Krebstherapie forscht. In Rückblicken sehen wir ihm zu, wie er und sein Freund Jakob aus kleinen Jungs, die den Mauersegler mögen, Teens und junge Männer werden. Freunde fürs Leben sind sie, die beiden.

Doch als bei Jakob Blasenkrebs diagnostiziert wird, wird alles anders. Jakob will nicht sterben, zumal er bald zum zweiten Mal Vater wird. Er bittet Prometheus ihn als Nr. 51 in seine Studie zu schmuggeln. Dieser will zuerst nicht, doch alle Freunde und Familienangehörigen reden Prometheus gut zu. Bis er schließlich nachgibt. Da ist so viel Hoffnung. Jakob darf nicht sterben!

Aber er tut es doch.

Prometheus flieht. Und er strandet. Und zwar buchstäblich und im doppelten Sinn. Sein geplanter Suizid, mit dem Auto ins Meer zu fahren, scheitert am Sand. Nach einer verzweifelten Nacht im festgefahrenen Auto, das kaum mehr Benzin hat, finden ihn am nächsten Morgen ein Pony und zwei ältere Frauen, die in der Nähe einen Ponyhof und ein Gästehaus betreiben.

Prometheus wird von Schuldgefühlen zerfressen. Er will nicht mehr leben. Das spirituelle und zugleich bodenständige Leben seiner Gastgeberinnen ist ihm fremd; er selbst ist sich fremd geworden und er weiß nicht, wohin mit sich. Die Wochen auf dem Ponyhof gehen allerdings nicht spurlos an ihm vorbei.

Besonders gut gefallen mir die Dialoge zwischen Jakob und Prometheus. Sie wirken glaubwürdig, lebendig, nachvollziehbar. Überhaupt mag ich, wie authentisch Jakobs Fühlen und Denken vermittelt wird. Obwohl er nicht die Hauptfigur ist, ist er mir auf Anhieb sympathisch – im Gegensatz zu Prometheus, der mir bis am Schluss ziemlich fremd bleibt. Immer wieder erfahren wir von Jakob und Prometheus etwas über das Leben der Mauersegler. Das gefällt mir grundsätzlich, wirkt dennoch da und dort ein wenig erzwungen.

Streckenweise tauche ich ganz wunderbar in den Erzählfluss ein, doch immer wieder falle ich heraus, weil ich über allzu flapsig formulierte, holprige Stellen und über konstruiert wirkende Übergänge stolpere. Ja, manches wirkt auf mich künstlich und leider auch oft recht klischeehaft. Während mich die Innenschauen der verschiedenen Menschen weitestgehend überzeugen, vermögen das die Außenansichten nicht immer. Gerade der Lebensstil der beiden Gastgeberinnen mutet klischeehaft und idealisierend an. Alles in allem wirkt die Zeit auf dem Ponyhof auf mich wie aus einem Märchen, in welchem der traurige, tragische Held geläutert werden soll.

Trotz allem mag ich den ’Mauersegler’, trotzdem habe ich diesen Roman sehr gern gelesen und dennoch empfehle ich ihn gern weiter. Es ist ja das Ganze, das zählt. Und das Ganze ist eine mutmachende Geschichte.

Herzlichen Dank, liebe Jasmin Schreiber, und Eichborn-Verlag für das wunderschön gestaltete Rezensionsexemplar mit seinem sehr ansprechenden von der Autorin gestalteten Schutzumschlag.


Eichborn Verlag

Webseite der Autorin: www.jasmin-schreiber.de

Schwerwiegende Entscheidungen

Handeln wir angesichts größter Not und unter Lebensgefahr anders als wir es von uns gedacht hätten, wenn man uns im Voraus gefragt hätte? Sind wir wirklich die empathischen Menschen, für die wir uns gehalten haben, bevor uns diese eine Katastrophe in die Knie zwang?

Der größte gemeinsame Nenner der drei Bücher* und der einen Serie*, die ich im Laufe der letzten Woche gelesen, gehört und gesehen habe, ist diese eine Katastrophe, welche über die Protagonist:innen hereinbricht. Sei es Krebs (1), ein Attentat (2), eine Überschwemmung (3) oder eine traumatische Erfahrung (4) – Katastrophen zwingen uns zu handeln. Wie aber handeln wir?

Würden wir – wie Philipp (2) – geliebte Menschen im Stich lassen, um das eigene Leben zu retten? Würden wir – wie Barney (3) – selbst angesichts des eigenen Todes noch darauf bestehen, dass uns das verlorene Handy ersetzt werden müsse? Würden wir gar – wie Prometheus (1) – versuchen, eine Studie, die zum Scheitern verurteilt ist, zu faken, um uns selbst zu beweisen, dass doch noch Hoffnung besteht? Wie weit würden wir gehen, um für uns den Schaden überschaubar zu machen oder um Ungerechtigkeit und Verrat zu sühnen?

In allen vier Erzählungen erleben die Protagonist:innen Unerträgliches, potentiell Traumatisierendes. Und in allen Geschichten verursachen sie durch ihr Handeln oder Nicht-Handeln den Tod mindestens eines anderen Menschen. Sie tragen ungewollt, weil die Umstände so und nicht anders sind, dazu bei, dass etwas individuell Schreckliches im allgemein schrecklichen Kontext geschieht. Sie sind zur falschen Zeit am falschen Ort, sagen die falschen Dinge und schaffen so Umstände, die die große Katastrophe zu einer persönlichen machen.

Besonders in ’Wenn die Stille einkehrt’ (2) und in ’Die Flutwelle’ (3), wo es um die Schicksale vieler einzelner Menschen geht, wird deutlich, wie es nicht einfach die eine richtige und die eine falsche Entscheidung gibt. Ist es zum Beispiel richtig oder falsch, sich selbst zu retten, wenn andern zu helfen das eigene Leben gefährden würde? Der Fluch der Überlebenden – wie lebt es sich mit ihm, wenn man erfährt, dass es andere, die weniger Glück hatten, nicht geschafft haben?

Wird man angesichts des Todes zum Egoisten, zur Egoistin oder bleibt man empathisch und hilfsbereit? Ist die Katastrophe der Moment, in welchem unser wahrer Charakter zum Vorschein kommt?

Was ist mit Opferbereitschaft? Und wie ist es mit Schuld? Wie definieren wir sie und warum genau so und nicht anders? Und Moral und Ethik: was spielen sie im Moment der Katastrophe für eine Rolle? Sind sie angesichts des Todes überhaupt noch relevant – oder sogar ganz besonders in diesem Moment?

Wie sieht es aus, wenn wir das Unglück überleben? Können wir mit den im Katastrophenfall getroffenen Entscheidungen leben?

Eine Frage, die bei mir immer wieder auftaucht: Sind gewisse Schuldgefühle letztlich nicht eigentlich ein Egoding? Und wird womöglich die eigene Bedeutung oder Verantwortung im Kontext mit den gemachten Erfahrungen überschätzt und wäre alles auch ohne unser Zutun geschehen?

Die vier Geschichten lassen mich demütig zurück. Ich denke darüber nach, welche Entwicklungen die einzelnen Figuren durchmachen.

Mich freut es sehr, dass sich die Autor:innen in ’Wenn die Stille einkehrt’ entschieden haben, ein versöhnliches Ende zu erzählen. Weil es Mut macht. Weil wir alle Mut brauchen. Weil wir Hoffnung brauchen. Weil wir aus Geschichten Kraft schöpfen können. Und weil sich selbst zu verzeihen, für mich der einzig mögliche Weg, weiterleben zu können ist, wenn die Katastrophe erst geschehen ist.


*Die vier Bücher sind …

  1. Der Mauersegler (Roman von Jasmin Schreiber)
  2. Wenn die Stille einkehrt (Dänische Mini-Serie, arte/ARD)
  3. Die Flutwelle (Roman von Mikael Niemi)
  4. Der Flüstermann (Krimi von Catherine Shepherd)

 

Von Leere und Fülle

Ich mag es eigentlich nicht so, wenn in Foodblogs zu viel getextet wird. Ich will einfach ein Rezept – und gut ist. Wie immer gibt es natürlich Ausnahmen. Denn bei Herr Grün ist es anders. Er schreibt oft kleine Geschichten zu seinen Rezepten.

Heute diese hier.

Heute erzählte mir der Professor beim Mittagessen von einem Kaufhaus, das er mit dänischen Professor*innen entwickelt hatte. Das Projekt hieß »Kaufhaus der Wünsche«.

Es handelte sich um ein leerstehendes Kaufhaus in der Innenstadt von Åbenrå, einer kleinen Stadt in der Region Syddanmark.

Zu Beginn sollte das Kaufhaus keine Waren enthalten und nur leere Regale und einen Tresen. Die Kaufhausbesucher*innen konnten beim Personal etwas bestellen, dass es in der Stadt nicht gab oder auch einen Stadtveränderungs-Wunsch äußern. So würde das Kaufhaus langsam mit den Produkten bestückt. Wünsche zur Veränderung der Stadt wurden in der Stadtverwaltung bei Häufung diskutiert und eventuell umgesetzt.

Mh – also ich fand die Idee super und fragte den Professor, ob ich mir auch etwas wünschen könne. Das ginge nur beim Besuch der Stadt – so könne Åbenrå ein Attraktion werden, meinte er.

Ich werde Åbenrå auf jeden Fall besuchen. Einen Wunsch habe ich auch schon. Dabei geht es um Pizza und … Aber mehr verrate ich noch nicht 🙂

Zum Rezept geht es hier lang. (Mit ein paar Anpassungen kann ich das sogar histaminfrei kochen. Klingt nämlich sehr lecker.)

Und ja, mir gefällt dies Idee mit dem am Anfang leeren Laden und dass darin Waren anhand der Bedürfnisse der Kund:innen angeboten werden sollen statt Bedürfnisse zu wecken, die zuvor gar nicht vorhanden waren.

Konsumieren neu denken.
Bedürfnisse neu definieren.

Was wohl in meinem einstmals leeren Laden in den Regalen läge?
Und in deinem?

Ausnahmsweise mache ich die Kommentare auf, denn ich bin gespannt auf eure Ideen und Bedürfnisse.

Ausgelesen #38 | Barrier Highway von Garry Disher

Bei meiner letzten Disher-Buchbesprechung verglich ich den Schreibstil meines australischen Lieblingsautors Disher mit Musik und nannte ihn den Meister des Fadings. Diesmal fallen mir beim Lesen Parallelen zur Satzbautheorie ein. Aufgebaut ist Dishers neuer Kriminalroman nämlich wie ein sehr komplexer Schachtelsatz mit vielen Nebensätzen. Einer allerdings, bei dem wir nie die Spannung und die Übersicht verlieren.

Auch im dritten Teil der Serie steht wieder Paul Hirschhausen im Zentrum der Geschichte. Leise und unspektakulär versieht er in diesem kalten Spätwinter seinen Dienst als Dorfpolizist, patroulliert regelmäßig durch das weite Gemeindegebiet, besucht Menschen, hält Kontakte, klärt kleine Verbrechen auf, hilft, wo er gebraucht wird und pflegt in seiner Freizeit eine herzliche Beziehung zu seiner Partnerin Wendy und deren Tochter Katie.

Das Buchcover zeigt eine Fotografie eines alten blauen Wohnwagens, dessen Farbe abblättert in der Bildmitte. Darüber blauer Himmel, im Vordergrund braunes Steppengras. Oben der Autorname in schwarzer Schrift, darunter in roter Schrift der Buchtitel, ganz unten in weiß der Name des Verlages.
Buchcover

Doch da meldet ihm eines Tages eine Lehrerin, dass ein Mädchen, das zuhause unterrichtet wird, bei ihren sporadischen Zoomgesprächen nicht wirklich gesund aussehe und Andeutungen mache, dass es nicht genug zu essen bekomme. Hirschhausen kümmert sich darum, ebenso wie er sich um den in der Schule ausrastenden Vater eines Mädchen kümmert, welches der Schulleiter gescholten hat, da ihr Vater das Schulgeld noch nicht einbezahlt hat. Dass dieses Gespräch der Anfang eines wochenlangen Amoklaufes werden könnte, der die Spitze eines Eisbergs aus Lüge, Betrug und Habgier ist, kann niemand ahnen. Zumal Hirschhausen mit seinem Talent zur Deeskalation einschreitet und den Vorfall fürs Erste ad acta legen kann.

Während Hirschhausen wieder professionell an unterschiedlichen Baustellen ermittelt, kommt er diesmal persönlich hart an seine Grenzen. Immer wieder bekommt er seltsame Nachrichten, vor allem virtuelle, aber auch handfeste – in Form von Geschenken vor der Haustür. Und er weiß auch von wem. Wie verhält man sich, wenn man gestalkt wird? In seiner Unsicherheit und Verwirrung lässt er Wendy viel zu lange außen vor. So lange, bis es fast zu spät ist!

Ein guter Plot ist das eine, das andere ist das Schaffen von Atmosphäre. Erneut gelingt es Disher, mich ganz und gar in die australische Pampa zu versetzen, die Menschen, die Umgebung, die Örtlichkeiten, das Dorfleben und die Gefühls- und Gedankenwelt seines Protagonisten hautnah und mit allen Sinnen zu erleben. Hirschhausen ist kein abgehobener oder gar abgehalfterter (Western-)Held, sondern ein Mensch, der sehr bewusst, klar und hingebungsvoll seinem Beruf nachgeht und dabei menschlich und verantwortungsbewusst agiert.

Disher schreibt nicht nur Krimis, er schreibt Kriminalliteratur. Seine Sprache ist dicht und ästhetisch, ohne je gekünstelt zu wirken. Er setzt dabei weder auf Special Effects noch auf Blutvergießen, sondern auf Ungesagtes, leise Töne, Subtext und Zwischenmenschliches. Ich mag das sehr!

Herzlichen Dank an den Autor und das Unionsverlag-Team für die spannenden und berührenden Lesestunden mit meinem Rezensionsexemplar.


Unionsverlag
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Erschienen im September 2021
Hardcover, 352 Seiten
€ 22.00, FR 30.00, €[A] 22.70
Gebunden
ISBN 978-3-293-00572-3
E-Book
€ 18.99
ISBN 978-3-293-31114-5 (EPUB)
ISBN 978-3-293-41114-2 (Kindle)
ISBN 978-3-293-61114-6 (Apple)

Offenes Atelier Rinck 2021 im Rückblick

Am Samstag und am Sonntag war des Liebsten Atelier endlich mal wieder geöffnet. Im Rahmen der rheinland-pfälzischen Aktion ’Offene Ateliers’ stellte er einen Rückblick auf die letzten Jahre seines Kunstschaffens aus. Diese Aktion des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler e.V. findet alljährlich im September statt und wird vom Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur finanziell mitgetragen. Gute Sache das!

Obwohl Irgendlink ja regelmäßig wieder beschließt, keine Ausstellungen mehr zu machen – respektive nur noch virtuelle –, überkommt ihn doch genauso regelmäßig diese Lust, das eigene Schaffen rein physisch auszustellen und sichtbar zu machen. Die Resonanz darauf war auch diesmal sehr positiv. Dass die Gästinnen und Gäste all die Daily-Kunstwerke, all diese kleinen, einzeln liebevoll auf Holz aufgezogenen Bilder nicht nur im Online-Shop betrachten, sondern in die Hand und sogar mit nach Hause nehmen konnten, begeisterte. Auch die Vielfalt der Motive war Gesprächsthema da und dort. Die Kreativität und Vielseitigkeit des Künstlers inspirierte immer wieder zu schönen Gesprächen.

Neben der neu und reich bestückten Galerie gab es diesmal noch einen Flohmarkt, den skandinavischen Loppis genannten Hof-Flohmärkten nachempfunden.

An beiden Tagen gab es richtig schönen Begegnungen. Übermütiges Lachen und Spielen nebst Kaffee- und Teetrinken, Kuchenessen und Diskutieren ließen uns alle zwischendurch fast vergessen, dass wir mitten in einer Pandemie stecken.

Ganz nebenbei habe ich das erste Mal in meinem Leben Dart gespielt und mich über diese Neuentdeckung sehr gefreut. Das alte handbetriebene Radmobil, das Irgendlink zum Spielen vor die Loppishalle gestellt hatte, war besonders bei den Kindern sehr beliebt.

Den Samstagabend genossen wir mit ein paar lieben Menschen, die mit uns kochten, aßen, am Feuer saßen und über das Leben philosophierten. Die liebe A. blieb gleich über Nacht, schlief in ihrem Auto und begrüßte mit mir zusammen den neuen Tag mit ein paar feinen Yogaasanas.

Kurz und gut: Ein richtig tolles Wochenende war das!


Die folgenden Bilder von Irgendlink und mir zeigen die Innen- und Außenräume des einsamen Gehöfts. Zu sehen sind die Galerieräume mit den behängten Wänden, die Terrasse mit Tresen samt Radelgalerie, der Hofplatz mit den Eingängen zur Galerie und zur Loppishalle, ein paar Schnappschüsse aus der Loppishalle, Menschen auf dem Hofplatz, die Feuerschale noch ohne Feuer und natürlich die Dartscheibe samt Dartpfeilen.

Ausgelesen #37 | 2050 – Und halb Europa ist dement, von @ChristianHolze9 | #Demenz

»Es ist nicht die Schuld der Menschen mit Demenz, dass es zu diesen Situationen kommt. Nicht sie verursachen diese Probleme, sondern die Rahmenbedingungen sind es, die diese Probleme verursachen.«

Diesen Satz, sogar mit Großbuchstaben, schreibt der Autor in sein Tagebuch, das er führt, um seine Beobachtungen zur fortschreitenden Demenz seiner Mutter festzuhalten. Der Satz ist wichtig und wird zum roten Faden, der sich durch das ganze Buch zieht. Wie schrieb ich vorgestern sinngemäß? Es sind die systemischen Voraussetzungen, die behindern, die Rahmenbedingungen.

Diese sind allerdings nicht einfach so da, nicht organisch gewachsen, sie sind gemacht worden, Buchcover zeigt auf blauem Hintergrund die hellblau skizzierten Grenzen Europas. In der Mitte wachsen einige gelbe Herzen wie Bäume. Oben der Buchtitel, unten der Name des Autors.sie sind auf dem Boden des Immer-Mehr des Kapitalismus entstanden und gewachsen.

Ich zitiere: »Bei den diesem Buch zugrundeliegenden Rahmenbedingungen handelt es sich um ein Gesellschaftsmodell, in welchem dem Leistungsgedanken absolute Priorität eingeräumt wird. Effizienz und Kostenersparnis stehen an oberster Stelle und sind das Maß aller Dinge.« (S. 5)

Denn was Christian Holzer über die Bedingungen für Demenzkranke und ihre Angehörigen in der Kurz- und Langzeitpflege sowie über die Betreuung zuhause schreibt, ist unglaublich. Ich weiß aus eigener ähnlicher Erfahrung, dass es leider so ist.

Der Autor, der seine Mutter die letzte Zeit ihres Lebens bis zu ihrem Tod zuhause begleitet und betreut hat, schöpft in seinem Tagebuch-Roman aus eigenen leidvollen Erfahrungen – und aus jenen seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

Aufgebaut ist das Buch sehr unkonventionell. Wir schauen dem Autor live beim Schreiben des Buches zu. Das Buch wirkt denn auch eher handgestrickt, ist jedoch ausgesprochen authentisch und berührend. Holzer erzählt, wie ihn die Betreuung seiner an Demenz erkrankten Mutter isoliert, einsam werden lässt. Internetseidank findet er andere Menschen, die ebenfalls ihre Angehörigen zuhause oder im Pflegeheim betreuen.

Auch ihre Texte fließen in den Tagebuch-Roman ein, manchmal als eigene Texte, manchmal als Reaktionen und Kommentare, so entstehen gleichsam Dialoge.

Wir begleiten im Laufe des Buches einige andere Menschen, die erzählen, was sie in ihrem Betreuungsalltag erfahren müssen. Da ist zum Beispiel Silke, deren dementer Lebenspartner im Stammcafé von den alten Freunden zum Clown gemacht wird. Und da sind Franziska, deren demente Mutter im Heim sehr allein und unglücklich ist, und Jasmin, die ihre demente Mutter zuhause betreut. Ihre Mütter waren früher Freundinnen. Dank glücklicher Umstände lernen sich die Töchter kennen und bringen ihre dementen Mütter zusammen, die dadurch sozusagen aufblühen. Und da ist Susanne, die ihre Mutter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Heim holt, weil sie sieht, wie unzumutbar die Betreuung dort ist. Nicht aus böser Absicht, sondern weil schlicht Betreuungszeit fehlt. Weil die Personalschlüssel hanebüchen sind. Wir lesen auch Stimmen aus der Betreuung, die sich dafür schämen, wie wenig sie tun können und wir lesen von unsensiblen Zahnärzten und von Heimpersonal, welches eine ’schwierige Patientin’ einfach vor die Tür stellt.

Längst geht es den Heimverantwortlichen nicht mehr um Menschen, es geht um Rentabilität, um Rendite, um Gewinne. Die Verlierer:innen sind die dementen Menschen und ihre Angehörigen. Dabei ist Care-Arbeit eine der allerwichtigsten Arbeitsfelder überhaupt. Doch es fehlt genau hier an allem, an Geld ebenso wie an Anerkennung.

Demenz kann uns alle treffen. Als Angehörige ebenso wie als Betroffene. Wer, frage ich mich zuweilen, wer wird mich eines Tages betreuen, wenn die menschliche Gesellschaft sich so weiterentwickelt, wie sie es gerade tut, falls ich eines Tages auf Hilfe angewiesen sein sollte? Pflegeroboter? Wie viele Menschen werden, sollte die Erde in dreißig Jahren noch bewohnbar sein, dement sein. Die Hälfte, womöglich, wie es der Autor im Buchtitel andeutet? Ich weiß es nicht. Aber wenn wir als Menschheit überleben wollen, müssen wir einige grundlegende Dinge verändern. Und zwar nachhaltig.

Der Autor schreibt an vielen Stellen über die Gleichgültigkeit und Ignoranz, die ihm entgegengeschlagen ist, wenn er mit Bekannten über seine Mutter ihren Zustand und seine Befindlichkeit gesprochen hat. So wirklich verstehen kann niemand, der es nicht selbst erlebt, was Angehörige durchmachen, wenn sie ihre dementen Nächsten zuhause betreuen. Erlebte Gleichgültigkeit isoliert, macht einsam.

»[Krankheit] ist in der Öffentlichkeit nicht mehr präsent und alles, was mit Krankheit und Leiden zu tun hat, ist gesellschaftlich auch nicht mehr erwünscht. Es wurde kollektiv wegretuschiert und mit schöner Werbung überdeckt.« (S. 48/49)

Geschrieben hat der Autor das Buch  vor der Pandemie und ich war aus diesem Grund bis jetzt nicht in der Lage, mich auf diesen intensiven Lebensbericht einzulassen. Die Pandemie hat viele Probleme verschärft, ans Licht geholt. Betreuung und Pflege sind inzwischen Themen, über die heute mehr gesprochen wird als noch vor kurzem. Verändert hat sich leider noch viel zu wenig. Das Bewusstsein hat sich jedoch ein klein wenig verändert, will mir scheinen. Wenn auch mehr in der Bevölkerung als in den Regierungen.

Holzer hat in seinem Tagebuch-Pflegeprotokoll zwar die Pflegelandschaft in Österreich skizziert, doch so anders als in Deutschland und in der Schweiz dürfte sie nicht sein.

Ohne Solidarität wird das nichts mit einer besseren Welt.

Ich danke dem Autor herzlich für das Rezensionsexemplar und die erkenntnisreichen Lesestunden. Ein Buch, das sehr persönlich und unmittelbar über ein wichtiges Thema aufklärt und dem ich viele Leser:innen wünsche.


Christian Holzer
2050 – UND HALB EUROPA IST DEMENT: Wie es im Jahr 2050 nicht sein sollte!
Taschenbuch
21. Februar 2020
Das Buch ist bei Ama**n erhältlich oder direkt beim Autor (Twitter)

Alle Bücher des Autors zum Thema gibt es hier.

Neue Fallmaschen 122 | 2021

gefreut | »Konsumverzicht kann ein mächtiger Akt des Widerstands sein, um für den Wandel zu gehen. Irgendwo anfangen. Ich habe das Textile gewählt«, schreibt Cambra Skadé und erzählt die Geschichten ihrer umgewidmeten, verwandelten Gewänder.

Sehr lesenswert!

+++

genickt | Der Kiezschreiber erzählt von der Fragmentierung unserer Gesellschaft, von Rissen und Geschwätzigkeit. »Es gibt den vegan lebenden Dieselfahrer ebenso wie den Fahrradfahrer, der gerne Fischstäbchen isst. Es gibt kein soziologisches Modell mehr, das diese zersplitterte Gesellschaft noch abbilden könnte.«

+++

erschüttert I | Das Kaiserinnenreich, einst von Mareice Kaiser ins Leben gerufen, wird heute von einer kleinen Gruppe Mütter behinderter Kinder gepflegt. In Die Welt in der ich leben möchte schreibt Jasmin Dickerson unter anderem über Potsdam, über die Morde an betreuten, behinderten Menschen:
»Wir leben in einer Welt, in der Täter*innen mehr Mitgefühl bekommen, als ihre Opfer. Insbesondere wenn es um pflegebedürftige, behinderte und/oder alte Menschen geht. Ein Mann ermordet seine demente Frau? Er wollte sie erlösen. Eine Frau ermordet behinderte Menschen im Schlaf brutal mit einem Messer? Sie wollte sie erlösen.«

erschüttert II | »Vier Menschen sind tot, der Ableismus lebt« titelt die Neue Norm ihren Artikel über das Tötungsdelikt in #Potsdam: »… ein Polizeipsychologe [vermutet] in der rbb Sendung „Zibb“, dass das Tatmotiv auch „Erlösung von Leiden“ gewesen sein könnte,« schreibt Raul Krauthausen. »Damit entsteht eine Täter-Opfer-Umkehr: weil die Bewohner*innen des Heimes wohl zu anstrengend seien, käme es zur Überlastung und damit zu der Tat. Dass diese Argumentation bemüht werden wird, ist meine größte Sorge. Denn dies ist gefährlicher, und in diesem Fall tödlicher Ableismus: Die Diskriminierung und Abwertung behinderter Menschen.«