Schwerwiegende Entscheidungen

Handeln wir angesichts größter Not und unter Lebensgefahr anders als wir es theoretisch getan hätten, wenn man uns im  Voraus gefragt hätte? Sind wir wirklich die empathischen Menschen, für die wir uns gehalten haben, bevor uns diese eine Katastrophe in die Knie zwang?

Der größte gemeinsame Nenner der drei Bücher* und der einen Serie*, die ich im Laufe der letzten Woche gelesen, gehört und gesehen habe, ist diese eine Katastrophe, welche über die Protagonist:innen hereinbricht. Sei es Krebs (1), ein Attentat (2), eine Überschwemmung (3) oder eine traumatische Erfahrung (4) – Katastrophen zwingen uns zu handeln. Wie aber handeln wir?

Würden wir – wie Philipp (2) – geliebte Menschen im Stich lassen, um das eigene Leben zu retten? Würden wir – wie Barney (3) – selbst angesichts des eigenen Todes noch darauf bestehen, dass uns das verlorene Handy ersetzt werden müsse? Würden wir gar – wie Prometheus (1) – versuchen, eine Studie, die zum Scheitern verurteilt ist, zu faken, um uns selbst zu beweisen, dass doch noch Hoffnung besteht? Wie weit würden wir gehen, um für uns den Schaden überschaubar zu machen oder um Ungerechtigkeit und Verrat zu sühnen?

In allen vier Erzählungen erleben die Protagonist:innen Unerträgliches, potentiell Traumatisierendes. Und in allen Geschichten verursachen sie durch ihr Handeln oder Nicht-Handeln den Tod mindestens eines anderen Menschen. Sie tragen ungewollt, weil die Umstände so und nicht anders sind, dazu bei, dass etwas individuell Schreckliches im allgemein schrecklichen Kontext geschieht. Sie sind zur falschen Zeit am falschen Ort, sagen die falschen Dinge und schaffen so Umstände, die die große Katastrophe zu einer persönlichen machen.

Besonders in ’Wenn die Stille einkehrt’ (2) und in ’Die Flutwelle’ (3), wo es um die Schicksale vieler einzelner Menschen geht, wird deutlich, wie es nicht einfach die eine richtige und die eine falsche Entscheidung gibt. Ist es zum Beispiel richtig oder falsch, sich selbst zu retten, wenn andern zu helfen das eigene Leben gefährden würde? Der Fluch der Überlebenden – wie lebt es sich mit ihm, wenn man erfährt, dass es andere, die weniger Glück hatten, nicht geschafft haben?

Wird man angesichts des Todes zum Egoisten, zur Egoistin oder bleibt man empathisch und hilfsbereit? Ist die Katastrophe der Moment, in welchem unser wahrer Charakter zum Vorschein kommt?

Was ist mit Opferbereitschaft? Und wie ist es mit Schuld? Wie definieren wir sie und warum genau so und nicht anders? Und Moral und Ethik: was spielen sie im Moment der Katastrophe für eine Rolle? Sind sie angesichts des Todes überhaupt noch relevant – oder sogar ganz besonders in diesem Moment?

Wie sieht es aus, wenn wir das Unglück überleben? Können wir mit den im Katastrophenfall getroffenen Entscheidungen leben?

Eine Frage, die bei mir immer wieder auftaucht: Sind gewisse Schuldgefühle letztlich nicht eigentlich ein Egoding? Und wird womöglich die eigene Bedeutung oder Verantwortung im Kontext mit den gemachten Erfahrungen überschätzt und wäre alles auch ohne unser Zutun geschehen?

Die vier Geschichten lassen mich demütig zurück. Ich denke darüber nach, welche Entwicklungen die einzelnen Figuren durchmachen.

Mich freut es sehr, dass sich die Autor:innen in ’Wenn die Stille einkehrt’ entschieden haben, ein versöhnliches Ende zu erzählen. Weil es Mut macht. Weil wir alle Mut brauchen. Weil wir Hoffnung brauchen. Weil wir aus Geschichten Kraft schöpfen können. Und weil sich selbst zu verzeihen, für mich der einzig mögliche Weg, weiterleben zu können ist, wenn die Katastrophe erst geschehen ist.


*Die vier Bücher sind …

  1. Der Mauersegler (Roman von Jasmin Schreiber)
  2. Wenn die Stille einkehrt (Dänische Mini-Serie, arte/ARD)
  3. Die Flutwelle (Roman von Mikael Niemi)
  4. Der Flüstermann (Krimi von Catherine Shepherd)

 

Offenes Atelier Rinck 2021 im Rückblick

Am Samstag und am Sonntag war des Liebsten Atelier endlich mal wieder geöffnet. Im Rahmen der rheinland-pfälzischen Aktion ’Offene Ateliers’ stellte er einen Rückblick auf die letzten Jahre seines Kunstschaffens aus. Diese Aktion des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler e.V. findet alljährlich im September statt und wird vom Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur finanziell mitgetragen. Gute Sache das!

Obwohl Irgendlink ja regelmäßig wieder beschließt, keine Ausstellungen mehr zu machen – respektive nur noch virtuelle –, überkommt ihn doch genauso regelmäßig diese Lust, das eigene Schaffen rein physisch auszustellen und sichtbar zu machen. Die Resonanz darauf war auch diesmal sehr positiv. Dass die Gästinnen und Gäste all die Daily-Kunstwerke, all diese kleinen, einzeln liebevoll auf Holz aufgezogenen Bilder nicht nur im Online-Shop betrachten, sondern in die Hand und sogar mit nach Hause nehmen konnten, begeisterte. Auch die Vielfalt der Motive war Gesprächsthema da und dort. Die Kreativität und Vielseitigkeit des Künstlers inspirierte immer wieder zu schönen Gesprächen.

Neben der neu und reich bestückten Galerie gab es diesmal noch einen Flohmarkt, den skandinavischen Loppis genannten Hof-Flohmärkten nachempfunden.

An beiden Tagen gab es richtig schönen Begegnungen. Übermütiges Lachen und Spielen nebst Kaffee- und Teetrinken, Kuchenessen und Diskutieren ließen uns alle zwischendurch fast vergessen, dass wir mitten in einer Pandemie stecken.

Ganz nebenbei habe ich das erste Mal in meinem Leben Dart gespielt und mich über diese Neuentdeckung sehr gefreut. Das alte handbetriebene Radmobil, das Irgendlink zum Spielen vor die Loppishalle gestellt hatte, war besonders bei den Kindern sehr beliebt.

Den Samstagabend genossen wir mit ein paar lieben Menschen, die mit uns kochten, aßen, am Feuer saßen und über das Leben philosophierten. Die liebe A. blieb gleich über Nacht, schlief in ihrem Auto und begrüßte mit mir zusammen den neuen Tag mit ein paar feinen Yogaasanas.

Kurz und gut: Ein richtig tolles Wochenende war das!


Die folgenden Bilder von Irgendlink und mir zeigen die Innen- und Außenräume des einsamen Gehöfts. Zu sehen sind die Galerieräume mit den behängten Wänden, die Terrasse mit Tresen samt Radelgalerie, der Hofplatz mit den Eingängen zur Galerie und zur Loppishalle, ein paar Schnappschüsse aus der Loppishalle, Menschen auf dem Hofplatz, die Feuerschale noch ohne Feuer und natürlich die Dartscheibe samt Dartpfeilen.

Neue Fallmaschen 99 | 2021

gesehen | … und mich zurückgesehnt nach einer anderen Zeit.

Titelbild eines lustigen Videos auf Vimeo

Zeitsprung from Anna Amalie Blomeyer on Vimeo.

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getwittert | Heute Morgen stellte ich eine Umfrage auf Twitter: »Wer von euch glaubt noch ersthaft an die Möglichkeit eines ’gutes Lebens’ für die Menschheit (also nicht nur für Privilegierte) auf dieser Erde in zehn Jahren?«

Mehr als die Hälfte hat bis jetzt NEIN angekreuzt.

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entdeckt | Nun gibt es also auch bei uns im Dorf eine Teststation. Ob ich mich heute in fünf Tagen testen lassen soll? Beim heutigen Einkauf habe ich mich mal wieder so richtig unwohl gefühlt. Ob es andern wohl auch so geht, dass sie sich ständig kontaminiert oder infiziert fühlen, wenn sie unter Menschen waren?

#MutHoch2 Kunstaktion #CoronART

Reblogged von atelierachtweb.wordpress.com.

Teena schreibt über ihr aktuelles Kunstprojekt:


Collaboration-Art

Ich stARTe eine Mutmacher-Kunstaktion für freischaffende KünstlerInnen & andere soloselbständige Kreative, die von ihrem eigenen Schaffen leben …

Die Pandemie ist eine ganz besondere Herausforderung für uns soloselbständige Kunst-/Kulturschaffende.

Mit meinen Mutboards mache ich mir selbst und anderen Mut, Perspektiven zu wechseln, mit Kunst zu spielen, trotz allem Freude zu empfinden und das Beste aus dieser schwierigen Situation zu machen.

Aufgrund des sehr positiven Mutboard-Feedbacks und im Dialog mit Sofasophia entstand die Idee, das Thema Mut zu potenzieren. Andere KünstlerInnen, Kulturschaffende einzuladen, mitzumachen.

Meine Kunstaktion #MutHoch2 war geboren

#MutHoch2

Artist in Motion Jürgen Rinck, der viel Erfahrung in Sachen Collaboration Art hat, kam unterstützend hinzu. Die Idee durfte langsam reifen und heute kann ich Euch die ersten beiden Gemeinschaftsarbeiten präsentieren:

  • Teena Leitow, MutHoch2, Collaboration Art, CoronART, Kunstprojekt
Collaboration Art mit Sofasophia

Für #Muthoch2 #CoronART habe ich folgendes Material und Format gewählt:

  • Mixedmedia auf MDF-Block
  • Format 15 x 15 x 3 cm tief
  • Aufhängung rückseitig
  • Auch als Objekt zum Hinstellen gut geeignet

Ziel dieses Kunstprojektes ist es, den Mut nicht zu verlieren, gemeinsam Mut zu machen, Freude am gemeinsamen künstlerischen Schaffen zu haben, auch wenn wir uns zur Zeit nicht persönlich treffen und austauschen können.

#SupportTheArtist(s)

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Auf den Spuren des Passfälschers Cioma Schönhaus | #keinvergessen

Es war einmal. Siebeneinhalb Jahre her, sagt mein Blog. Der Liebste und ich saßen mit der lieben Frau Freihändig und dem besten Historiker Berlins in Berlin Mitte. Im Tucholskys, das es (sagt das Internet) heute nicht mehr gibt. Jedenfalls nicht mehr so, aber anders vermutlich. Nun ja, vieles gibt es heute nicht mehr, was es mal gab. Vieles hat sich verändert. Vieles ist besser geworden, vieles schlecht geblieben. Und manches ist sogar noch immer gut.

Wie auch immer. Da saßen wir also und aßen und erzählten uns von der Welt und auf einmal zog der gute S. ein Buch aus der Tasche.
Ich habe euch etwas mitgebracht!, sagte er und erzählte uns vom jungen Cioma Schönhaus, der in den Vierzigern des letzten Jahrhunderts mit seinem Talent, Pässe zu fälschen, vielen Menschen das Leben gerettet hat. Auch sein eigenes.

Das Buchcover zeigt eine Straßencafé-Szene aus den Dreißiger- oder Vierzigerjahren. Im Hintergrund eine Straße mit einem alten Auto. Das untere Bilddrittel zeigt auf einem sepiafarbenen Balken den Autornamen und den Buchtitel. Rechts auf dem Balken ist ein Passbild des jungen Autors, das, wie in einem Pass, mit dem Reichsadler abgestempelt ist. Ganz unten steht eine Kurzbeschreibung des Buchinhalts.
Buchcover

»In seinen engmaschig komponierten, fast unglaublich klingenden, anekdotenreichen Erinnerungen berichtet der Zeitzeuge Cioma Schönhaus mit Sinn für Selbstironie und Spannung aus seinem wechselvollen Leben im nationalsozialistischen Berlin.« So steht es auf der Webseite des Fischerverlags über Schönhaus’ Buch.

Selbst wenn es schon sieben Jahre her ist, hat uns dieses Buch nie mehr losgelassen. Cioma Schönhaus’ Geschichte hat sich uns unter die Haut geschrieben. Schon damals sagte Irgendlink, dass er Schönhaus’ Flucht gerne mit dem Rad nachvollziehen würde, um besser verstehen zu können.

Nachdem Cioma Schönhaus einige Zeit im Untergrund gelebt und unter dem Radar der Gestapo Pässe und andere Papiere für andere gefälscht hatte, flog er eines Tages auf und wurde schließlich steckbrieflich gesucht. Dieses Buch, der erste Teil seiner Autobiografie, erzählt unter anderem sehr detailreich von seiner Flucht in die Schweiz, die ihm teils mit dem Fahrrad, teils zu Fuß gelang. Selbstverständlich mit selbst gefälschten Dokumenten.

»Sein Bericht zeugt von Intelligenz und Einfallsreichtum, von Lebenslust und auch von Leichtsinn. Er begegnete vielen ebenfalls in Not geratenen Menschen, u.a. Renate, der Tochter des Theologen Jochen Klepper, die sich der Deportation zusammen mit ihren Eltern durch Selbstmord entziehen sollte, und der berüchtigten Stella Goldschlag, die als sog. U-Boot Juden in ihren Verstecken an die Gestapo verraten musste.« (Fischerverlag)

Heute erinnern wir uns zum 82. Mal an die Novemberpogrome von 1938, die einen wesentlichen Auftakt zum zweiten Weltkrieg darstellen. Kein Vergessen. Niemals.

Antisemitismus, Rassismus und Flucht sind leider noch immer hochaktuelle Themen. Themen, denen sich Irgendlink ab heute in einem eigens dafür gestalteten Blog zuwenden wird: Eine virtuelle Blogreise auf den Spuren des Cioma Schönhaus.

Auf Passfaelscher.de zeichnet er aus heutiger Sicht den Fluchtweg Cioma Schönhaus’ nach. Wie wäre das alles in unserer Zeit? Was wäre wenn?

Da eine physische Radtour pandemiebedingt derzeit nicht möglich ist, wird er die Fluchtstrecke vom Schreibtisch aus nachradeln*.

Ich freue mich, wenn die eine oder der andere meiner Leser:innen sich mit uns auf diese Reise machen mag. Der Anfang ist gemacht.


Cioma Schönhaus, Der Passfälscher – Die unglaubliche Geschichte eines jungen Grafikers, der im Untergrund gegen die Nazis kämpfte
FISCHER Taschenbuch
Erschienen am 01.07.2006
240 Seiten
ISBN: 978-3-596-16446-2


*Eine erste (teil-)fiktive Radtour in zwei Etappen schrieb er während des Lockdowns im Frühling 2020: Zweibrücken-Andorra und Andorra-Bretagne.

Ausgelesen #35 | Was ich im Wasser sah von Katharina Köller

Überleben. Das ist für mich die Essenz von Katharina Köllers erstem Roman Was ich im Wasser sah.

Hier geht es ums Überleben der Ich-Erzählerin Klarissa Grill zum einen, ums Überleben einer ganzen Inselgemeinschaft zum anderen. Und es geht darum, dass letztlich alles schwankt. Die ganze Welt.

Das Buchcover zeigt die sich über das ganze Bild ausdehnende Grafik zweier roter Fische. Der untere verschlingt den oberen. Der Hintergrund ist hellblau. Über das ganze Bild sind untereinander in weißer Schrift der Name der Autorin, der Buchtitel und der Name des Verlags zu lesen.
Buchcover

Vor ihrer Brustkrebsoperation hat Klarissa entgegen aller Empfehlungen entschieden, sich keine Silikonbrüste machen zu lassen. Stattdessen lässt sie sich eine Weile später einen Oktopus stechen. Dieses Tier würde es dem Krebs, der sie fast aufgefressen hatte, zeigen. Ihr Oktopus würde sie schützen und sie daran erinnern, dass sie überlebt hat. Mehr schlecht als recht schlägt sie sich – nach der Operation noch immer rekonvaleszent und depressiv – als Imbissverkäuferin auf dem Festland durch. Angestellt bei SUNFISH steht sie tagtäglich in ihrer Filiale und verkauft Burger und Cola.

Wer ist sie denn überhaupt noch, jetzt, so ohne Brüste? Ist sie noch die Filmerin, die Künstlerin von früher? ist sie überhaupt noch Frau oder eher Un-Frau? Sie beschließt, sich nichts mehr wegnehmen zu lassen, sich keine fremden Realitäten aufpropfen zu lassen und sich immer bewusst zu sein, dass sie eine Überlebende ist.

Eines Abends erwartet sie ihr Bruder vor dem Laden. Lange hat sie ihn nicht mehr gesehen, lange war sie nicht mehr zuhause, auf der Insel. Lange hat sie ihre Familie gemieden. Bill kommt mit schlechten Nachrichten, was Klarissa dazu bewegt, mit Bill in ihre WG zu gehen, ihre Sachen zu packen und ihn nach Hause zu begleiten. Auf ihre Insel.

»Nun kehrt sie zurück – zurück zur ’Schwankenden Weltkugel’, dem Gasthaus auf der Klippe, zurück zu ihrem Vater, dem wortkargen Meister der Fischkunst, zu ihrem gutherzigen Bruder Bill und ihrer Schwester Irina, die an jenem Tag zu ihnen stieß, als Klarissa fast im Meer ertrank. Irina, dieses seltsam-schöne Mädchen mit den kalten Fingern und goldenen Augen, von dem niemand weiß, woher es kam. Doch die Insel hat sich verändert: Fischerboote und Fischmarkt liegen brach, hoch in der Luft rotieren gläserne Windräder, und am Boden tummeln sich zeckenartige, metallene Gebilde, deren Funktion strengster Geheimhaltung unterliegt. Dann aber werden die Inselbewohner vom Großkonzern STARFISH, der über die Insel herrscht und als Vorreiter grüner Energie gilt, aus ihren Wohnungen verdrängt, der Pachtvertrag der ’Schwankenden Weltkugel’ aufgekündigt, und in ihrer Schwester gehen rätselhafte Veränderungen vor«

Quelle: Klappentext (FVA)

STARFISH verändert die Insel und ihre Menschen. Warum erzählt Bob, ein alter Kumpel, nichts von seiner geheimen Arbeit für STARFISH? Und warum darf Klarissa dort nicht filmen?

Klarissa erzählt in Rückblicken aus ihrer Kindheit und es wird bald klar, dass ihre Schwester Irina in dieser Geschichte die zweite Hauptrolle spielt. Die beiden verbindet eine tiefe Liebe, die immer kurz davor steht, erneut verloren zu gehen. Wie damals, als Klarissa mit ihrem heutigen Ex-Freund Robin zusammen auf die Insel gekommen war.

Köllers Sprache ist sinnlich und nüchtern zugleich. Die von ihr erzählten Ereignisse finden überall statt. Jetzt. Immer. Obwohl Köllers Figuren letztlich allesamt universelle Archetypen sind, versinkt ihre Erzählung niemals in Verallgemeinerungen. Die ganze Geschichte lässt sich als Metapher lesen, ist gleichsam eine Art surreales Märchen für Erwachsene und die Insel dient als universelles Mikrokosmos und ist letztlich eine weitere Hauptperson in dieser Geschichte.

Klarissas Welt ist ebenso surrealistisch wie alltäglich, wirklich wie unwirklich. Und bestimmt ist es nicht zufällig, dass Katharina Köllers Roman den Titel eines Bildes von Frida Kahlo trägt. Die Kahlo hatte es 1938 gemalt, als ihre Ehe mit Rivera in Auflösung begriffen war.

Und um Auflösung geht es auch in Klarissas Leben. Was war, löst sich auf und macht Neuem Platz. Neuen Beziehungsansätzen, neuen Perspektiven. Und neuen Verlustängsten. Alles was ist, kommt auf den Prüfstand.

Zwischen ihre Alltagserzählung schiebt Klarissa zehn nummerierte Texte in kursiver Schrift mit der Überschrift Was ich im Wasser sah ein. In diesen Texten geht es um Irina, um dieses Wesen, das aus dem Meer gekommen ist. Dieses Wasserwesen, diese unzähmbare Frau, die sich schließlich doch zähmen lässt und sich ab da immer mehr aufzulösen beginnt. (Hier drängen sich mir im Rückblick Verbindungen zu Andersens Meerjungfrau auf.)

Bei Köller geht es jedoch um mehr als nur um die fragilen Beziehungen zwischen ihren Figuren, um mehr als enttäuschte Freundschaft, verratene Ideale und unmögliche Liebe. Es geht auch und vor allem um das Wesen der Natur, um die Erkenntnis, dass es Wesen gibt, deren Mund zugleich ihr After ist, und die darum ihre Beute verschlingen können, indem sie sich selbst umstülpen. Wieder so ein Bild, das nachhallt.

Es wird klar, dass Unglück, das der Natur angetan worden ist, sich letztlich nicht ungeschehen machen lässt. In der Verantwortung stehen allerdings nicht nur die Täter:innen, sondern auch die Mitwissenden. Gift verströmt unsichtbar. Aber nicht unmerklich …

»Denn die Schachtel, die eine Büchse der Pandora war, die man aufmachen, aber nie wieder schließen konnte, trieb im Hafen und verstrahlte die Insel mit unglücklicher Liebe.« (S. 252)

Klarissas Alltagsdinge spiegeln die globalen Dinge. Das Große im Kleinen.

Schließlich spitzen sich die Ereignisse zu und auf einmal geht es um Leben und Tod. Um das Überleben. Und genau darum geht es letztlich immer.

Katharina Köllers Buch hat mich von der ersten Seite an berührt. Ich mag die Bildkraft und Sinnlichkeit ihrer Sprache, aber ich mag auch ihre Figuren und deren Vielschichtigkeit und Tiefenschärfe. Aus Klarissas Sicht erzählt, deren Blick der einer Filmerin ist, bekommen solche erzählerischen Qualitäten einen Doppelsinn. Kurz gesagt hat mich diese Erzählung von Anfang bis Ende überzeugt und ich empfehle sie herzlich zum Lesen.

Herzliches Dankeschön an die Autorin und die Frankfurter Verlangsanstalt für die aufwühlenden Lesestunden mit diesem Rezensionsexemplar.


FVA
320 Seiten
September 2020
Hardcover
ISBN 9783627002794
22,00 *
E-Book
ISBN 9783627022891
14,99 €

Offene Ateliers Rheinland-Pfalz

Kommt alle am Samstag oder Sonntag aufs Einsame Gehöft. Irgendlink zeigt tolle Kunstwerke aus den letzten Jahren.

Ganz besonders empfehle ich das neue Format, mit dem er seit 2019 da und dort als Radelgalerist unterwegs war, seine vielseitigen Daily-Bilder nämlich, die er in den letzten eindreiviertel Jahren erschaffen hat.
Guckt dazu in seinem Shop.

Flyer-Vorderseite zeigt viele unterschiedlich bunte grafisch dargestellte offene Türen auf orangem Hintergrund.
Flyer-Vorderseite

 

Ausstellungsinfos mit Datum und Atelieradresse.
Herzlich willkommen!


Bitte beachten:
In den Innenräumen tragen wir Masken (bitte selbst mitbringen),
Auf dem Außengelände begegnen wir einander zwar herzlich nahe, respektieren aber den physichen Abstand zueinander.

Für Fragen geht es hier lang.