Ich will noch nicht nach Hause gehen | #Zitatgeschichten

Alle Tische sind abgeräumt, der Tresen glänzt und die Stühle auf den Tischen geben den Boden frei. Ein paar Bierdeckel und Fritten dekorieren den Boden. Nur Olga sitzt noch da. Wie immer ist sie die Letzte. Und wie immer diskutiert sie mit der Wirtin um weitere Minuten im schummrigen Licht.

Viel hat sie nicht getrunken. Ein Bier reicht viele Stunden. Sie nuschelt. Müde vom Leben. Und vielleicht weil sie sich so sehr daran gewöhnt hat, die Silben zu verschlucken, weil ihr ja eh nie jemand mehr wirklich zuhört.

Sie ist eine der Abgesägten. Eine der Verbrannten. Nach viele Jahren und vielen Jobs gleichzeitig.

Drei Kinder hat sie großgezogen. Schließlich der Unfall. Wegen Übermüdung und Unachtsamkeit. Selbst schuld, aber der Rücken ist für immer kaputt. Kündigung. Sozialamt.

Und daheim wartet schon lange niemand mehr.

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Die Aufgabe:
Ich setze einen irgendwo aufgeschnappten Satz in die Titelzeile. Darunter schreibe ich, was meinen Fingern und meinem Hirn zu diesem Satz einfällt.

Kleine Momentaufnahmen. Fiktiv oder real, alltägliches Geschreibsel, Verspieltes, Trauriges, Menschliches … ohne allzu viel nachzudenken.

Den heutigen Satz habe ich bei Sybille Lengauer aufgeschnappt.

Mitmachen erlaubt.

„Du hast neben mir gesessen.“ | #Zitatgeschichten

Du neben mir.
Meine Hand in deiner.
Das Atmen fällt schwer.
Ich blinzle die Tränen weg,
obwohl sie nie besser passten.
Dass ich nicht allein bin,
hier,
dass du mich hältst …
Nie war ich dankbarer.

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Die Aufgabe:
Ich setze einen irgendwo aufgeschnappten Satz in die Titelzeile. Darunter schreibe ich, was meinen Fingern und meinem Hirn zu diesem Satz einfällt.

Kleine Momentaufnahmen. Fiktiv oder real, alltägliches Geschreibsel, Verspieltes … ohne allzu viel nachzudenken.

Auch den heutigen Satz habe ich bei Frau Mützenfalterin aufgeschnappt. Allerdings diesmal ein wenig gekürzt.

Mitmachen erlaubt.

„Ich habe die Freundin meines Bruders kennengelernt.“ | #Zitatgeschichten

Zehn Jahre alt, älter war sie damals nicht gewesen. Ihr Bruder dagegen war schon richtig alt. Älter jedenfalls, mehr als doppelt so alt wie sie. Und schon richtig erwachsen war Per. Wohnte nicht mehr zuhause. Ein paar Freundinnen hatte er bereits gehabt. Manche hatte er sogar hergebracht, sie den Eltern und den jüngeren Geschwistern vorgestellt. Wobei. Eigentlich erinnert Mila sich nur an eine, bevor Per Carola kennengelernt hatte.

Jahre später, als sie verstanden hatte, dass sie nur zehn Jahre von Carola trennen, waren sie Freundinnen geworden. Oder vielleicht Schwestern. Mehr Schwestern jedenfalls als die anderen Schwestern.

Für die zehnjährige Mila war Carola damals all das, was Mila eines Tages zu werden hoffte.

Erwachsen — aber auf eine gute Art, lieb, hübsch, ernst, reif. Und vor allem fand Carola bei den Eltern, sogar bei der Mutter(!), den richtigen Ton. Und ließ sich nichts gefallen. Auch von der Mutter nicht, denn natürlich nörgelte diese später auch an Carola herum — wie immer und wie an allen. Dies macht sie nicht richtig und jenes auch nicht.

Carola und Per also, und ja, ein bisschen beneidete Mila die beiden umeinander. Sie hatten sich. Wie waren sich Heimat.

Doch als eine, die Carola ebenfalls kennt, fiel auch für Mila ein bisschen Heimat ab.

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Die Aufgabe:
Ich setze einen irgendwo aufgeschnappten Satz in die Titelzeile. Darunter schreibe ich, was meinen Fingern und meinem Hirn zu diesem Satz einfällt.

Kleine Momentaufnahmen. Fiktiv oder real, alltägliches Geschreibsel, Verspieltes … ohne allzu viel nachzudenken.

Den heutigen Satz habe ich gestern bei Frau Mützenfalterin aufgeschnappt.

Mitmachen erlaubt.

„Was mache ich hier?“ | #Zitatgeschichten

Die Aufgabe, die ich mir stelle, ist theoretisch einfach: Ich setze einen irgendwo aufgeschnappten Satz in die Titelzeile. Darunter schreibe ich, was meinen Fingern und meinem Hirn zu diesem Satz einfällt. Der Plan ist, dass ich so wieder in den Blog-Schreibflow komme. Weil Schreiben gut tut und meinen Fokus kurzzeitig weg vom schwer erträglichen Weltgeschehen nimmt. Kleine Momentaufnahmen. Fiktiv oder real, alltägliches Geschreibsel, Verspieltes … ohne allzu viel nachzudenken.

Den heutigen Satz habe ich bei Bruce Chatwin gefunden (Buchtitel) und bei Herrn Buddenbohm aufgeschnappt.

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Sie sitzt. Mehr macht sie hier gerade nicht. Stimmt. Stimmt nicht. Natürlich nicht.

Sie atmet ja auch. Und ihr Herz schlägt. Und sie guckt aus dem Fenster und sie hört und riecht und zwinkert; und sie verdaut und denkt und schreibt; und sie friert ein bisschen an den Füßen.

Viel ist das ja nicht!, sagt der Souffleur auf ihrer Schulter. Sie hört hin. Hört zu. Dem Souffleur, der sich immer breiter macht und ihr aufs Rückgrat drückt. Abschütteln sollte sie ihn. Das wäre dann ja mal etwas ganz Großes, etwas ganz und gar Aktives sogar, das sie hier und jetzt machen könnte. Etwas, das sie wirklich dringend machen sollte.

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(Meine Schreibanregung darf gern nachgeahmt werden … vielleicht können wir uns ja gegenseitig inspirieren?)

Wieder mehr bloggen

Bei Herr Buddenbohm habe ich heute Morgen gelesen, dass wir wieder mehr bloggen sollen. Er hat es übrigens woanders gelesen, nämlich hier, wobei jener Autor es ebenfalls woanders gelesen hat, nämlich hier

Wie auch immer: ich bin in bester Gesellschaft mit meinen Vorsatz, wieder mehr zu bloggen. Ja, im Alltag wieder vermehrt kleine Aufsätze oder Essays schreiben will ich.

Ich habe außerdem gelernt, dass der Begriff essay aus dem Französischen (essai) stammt und sich mit „Versuche“ oder „Tests“ übersetzen lässt.

Maurice Renck

In diesem Sinne wird es bei mir vielleicht ein Jahr des lauten Denkens werden und der kurzen oder längeren Randnotizen. Weniger Fertiges, Hochglanzpoliertes, Zu-Ende-Gedachtes (gab es das hier denn überhaupt?), mehr Drauflos-Überlegtes, Notiertes, Gefühltes, Aufgeschnapptes. Weniger Druck, mehr Freiraum …

In den letzten Wochen, teils in purer Natur im Juragebirge unterwegs, teils bei mir zuhause und teils beim Liebsten, ist dieser Wunsch nach und nach gewachsen. Ja, ich will meine Gedanken und Gefühle wieder mehr in Worte kleiden.

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Heute Morgen hörte ich mir endlich die WissPod-Adventskalenderspodcastfolge des Was-denkst-du-denn?-Teams an. Hier der Link. Das Thema: Kinderrechte.

Rita Molzberger und Nora Hespers diskutierten in dieser Folge unter anderem die Frage, ab wann eigentlich Kinder in unserer Gesellschaft als Kinder wahrgenommen wurden und nicht als kleine Erwachsene, die man durchfüttern musste und im Gegenzug dazu ausbeuten konnte.

»Stimmt eigentlich!«, dachte ich. Ja, früher wurden Kinder weit weniger als wertvolle Menschen, die auf Hilfe, Führung und Schutz angewiesen sind, betrachtet. Und es gibt auch heute noch viele Länder, die es anders halten als wir in Mitteleuropa. Stichwort Kinderarbeit.

Heute wissen wir, dass sich Traumata epigenetisch von Generation zu Generation vererben, wenn sie nicht aufgelöst werden, wenn nicht alte Muster aufgebrochen und neue heilere Arten zu leben gelernt werden.

Ich stelle mir vor, wie all die Wunden und traumatisierenden Erfahrungen auf den Kinderseelen unserer Ururururahninnen und -ahnen weiter- und weitergereicht wurden und werden. Da mal weiter drübernachdenken. Ist es da nicht irgendwie logisch, dass die Menschheit so kaputt ist und dass so viele Menschen wunde Seelen haben?

Wie froh ich bin, dass es Menschen gibt, die mit ihrer Arbeit auf solche Sachverhalte aufmerksam machen.

Eine herzliche Hör- und Folgeempfehlung für den »Was denkst du denn?«-Podcast, für alle, die ein wenig mehr als nur bis zum Tellerrand denken wollen.

Link zum »Was denkst du denn?«-Podcast

Im Kreis

Wieder viel zu lange ist es her, seit ich hier das letzte Mal gebloggt habe. Sagt eine leise Stimme in mir. Das darf so, antworte ich.

Ebbe und Flut, denke ich, so ist es doch, denn alles ist ja immer in Bewegung – vom winzigen Moment, wenn die Welle bricht und die Welt stehen bleibt, einmal abgesehen. Mal bewegt sich der Fluss in die eine mal in die andere Richtung. Auf jeden Fall tut es dieser eine Fluss im Alten Land, dessen Name ich immer wieder vergesse, dieser Fluss, der Ebbe und Flut in der Elbe reguliert … Er gibt und er nimmt.

Regulation also, Ausgleich, von oben nach unten, runter und wieder rauf, hin und her. Wie schön es wäre, wenn es überall so wäre. Nicht nur beim Fluss meine ich, nicht nur in der Natur, auch zwischen uns Menschen. Natur sind wir ja auch.

In meinem Privatleben erlebe ich es of. Da gibt es Phasen, da schenke ich gern, wovon ich im Überfluss habe – materiell oder immateriell, ich reguliere, ich verschenke Dinge, mich selbst. Dann wieder gibt es Phasen, da brauche ich Hilfe  und darf annehmen, wovon andere hergeben mögen.

Mal nach da, mal von dort fließen die Dinge im Leben, die Liebe, das Geld, Materie und Nichtmaterie. Immer im Kreis. Es hat genug für alle. Ich blicke in die Welt um mich her und über den Gartenzaun und noch weiter … und ich wünsche mir, es wäre nicht nur bei mir in meinem kleinen Leben so. Wenn sich alle gegenseitig hülfen, wäre allen geholfen.

Ob ich noch Hoffnung habe? Manchmal. Ein wenig. Manchmal nicht. Aber Liebe habe ich. Auch sie fließt im Kreis.

#blogfragen | Mein Beitrag zur Blogparade

Herr Tommi und Frau Melli haben zur #Blogparade aufgerufen.

Mehr Infos: > LINK

Ein paar Antworten:
  • Wie schreibst Du Deine Blogposts? Nutzt Du ein lokales Bearbeitungstool oder eine Panel/Dashboard-Funktion Deines Blogs?

Mein erstes Blog, das ich damals (2004) noch Webtagebuch nannte, war ein schlichtes html-Ding mit Upload per Filezilla. Ich bin froh um diese Erfahrungen, denen ich meine ersten Schritte in Sachen Webdesign verdanke. Später, als ich andere Blogs als spannende Tageslektüre zu entdecken begann und da und dort mitlas, kam ich auf die Idee, ebenfalls so ein Tool, wie es die anderen nutzen, auszuprobieren. Mit ein paar wenigen Handgriffen war das erste Sofasophien-Blog erstellt.

Meistens schreibe ich meine Texte, jedenfalls wenn ich Internet habe, direkt am PC in den WordPress-Editor (für Blogtexte mag ich übrigens nach wie vor den Classic-Editor lieber als den Gutenberg, darin bin ich irgendwie klassisch).

Wenn ich unterwegs bin und/oder offline, schreibe ich die Texte oft zuerst ins Handy- oder iPad-Notizbuch oder in ein Textdokument und kopiere sie erst nach dem Editieren in die WordPress-App.

Da ich mit der WordPress-App praktisch von Anfang an (2010) mitgewachsen bin und das zeitweilige Unterwegs-Schreiben – Livebloggen – schon seit 15 Jahren praktiziere, habe ich mir dieses Vorgehen als reine Sicherheitsmaßnahme angewöhnt. In den ersten Jahren gab es so viele Bugs und Abstürze, dass unzählige Texte, die ich direkt in die App geschrieben hatte, verloren gegangen sind. Gebranntes Kind und so.

Inzwischen ist WordPress zwar stabil aber aus meiner Sicht total überladen, sodass ich mich manchmal danach sehne, die App wäre wieder so leicht und übersichtlich wie damals – nur ohne die Bugs. (Da WordPress inzwischen nicht mehr nur eine reine Blogsoftware ist, verstehe ich aber natürlich schon, dass sich die Nutzer*innenansprüche verändert haben.)

Weil die WordPress-Gratisversion vollgepackt ist mit Werbung, bin ich vor einigen Jahren schon unter die Selbsthoster*innen gegangen.


  • Wann fühlst Du Dich am meisten inspiriert zu schreiben?

Oft genau dann, wenn ich am wenigstens Zeit und Muße habe. Eine Idee, ein erster Gedanke, streift mich meistens ungefragt. Vieles, worüber ich schreiben will, bleibt darum ungeschrieben.

Manchmal sind die kleinen Samenkörner, die ich da und dort aufschnappe, ausdauernd und landen eines Tages als Wort auf einem Zettel oder sie leben erst eine ganze Weile in mir drin, bevor sie doch noch irgendwann in einen Text münden.

Schreibauslöser sind meistens Erlebnisse, Begegnungen, Ausflüge, Ereignisse, Berührendes und Bewegendes. Dinge, die mir gefallen, mich ermutigen, traurig machen oder erschüttern. Am liebsten schreibe ich, wenn ich das Gefühl habe, etwas mit einem gewissen Mehrwert zu sagen zu haben. Das kann Selbsterlebtes sein, Selbsterkanntes oder auch Fachwissen, das ich mir im Laufe meines Lebens angeeignet habe. Selbst wenn ich Fiktives schreibe, bin das immer auch ich.


  • Veröffentlichst Du Deine Texte sofort oder lässt Du sie erst eine Weile als Entwurf liegen?

Früher habe ich die Texte immer gleich nach dem Schreiben publiziert. Inzwischen liegen sie oft eine Weile, bevor ich sie veröffentliche. Mir ist bewusst,  dass ich das vor allem für mich mache. Da ist kein Druck, keine Erwartung an mich, unbedingt etwas liefern zu müssen.


  • Hast Du schon Blogpausen eingelegt oder Blogs ganz aufgegeben?

Pausen ja, aber sind Pausen nicht notwendig? Jede Lücke zwischen zwei Worten ist eine Pause. Ohne Pause geht gar nichts. Das Blog ist organisch und wächst mit, richtet sich nach meinen Bedürfnissen.

Ein von mir initiiertes Gemeinschaftblog mit Fotos, Pixartix hieß es, habe ich, haben wir irgendwann aufgegeben. Aber es ist noch online, denn es ist eine Art Kunstarchiv und erinnert mich an eine tolle Zeit mit anderen Menschen. Ein anderes Bilderblog habe ich ebenfalls irgendwann zu bespielen aufgehört, es ist auch immer noch online.


  • Was empfiehlst Du Menschen, die mit dem Bloggen anfangen wollen?

Ein Tool finden und zu schreiben anfangen. Nicht zu viel denken. Drauflosschreiben.

Heute würde ich vermutlich mit Writefreely, dem Blogtool des Fediversums, arbeiten, wenn ich nochmals anfangen würde.

#blogfragen | Blogparade

Frau Melli und Herr Tommi rufen zu einer Blogparade auf, die meinem Aufruf von neulich ganz ähnlich ist. Inspiriert dazu hat ihn eine aktuelle im englischen Raum laufende Blogparade called ‚Blog Question Challenge‘, weshalb seine Blogparade   heißt.

Ich publiziere unten die Fragen, die es – vollständig oder in Teilen – zu beantworten gilt.

Verlinkt euren Text bitte mit Tommis und Mellis Blog, damit Tommi dort seine Liste weiterführen kann. > LINK

Wenn ihr nur Lust auf die erste Frage habt, … dann verlinkt eure Artikel gern mit meinem Aufruf > LINK

  1. Warum hast Du ursprünglich mit dem Bloggen angefangen?
  2. Welche Plattform nutzt Du für Deinen Blog und warum hast Du Dich dafür entschieden?
  3. Hast Du schon auf anderen Plattformen gebloggt?
  4. Wie schreibst Du Deine Blogposts? Nutzt Du ein lokales Bearbeitungstool oder eine Panel/Dashboard-Funktion Deines Blogs?
  5. Wann fühlst Du Dich am meisten inspiriert zu schreiben?
  6. Veröffentlichst Du Deine Texte sofort oder lässt Du sie erst eine Weile als Entwurf liegen?
  7. Über welche Themen schreibst Du generell?
  8. Für wen schreibst Du?
  9. Was ist Dein Lieblingsbeitrag auf Deinem Blog?
  10. Hast Du schon Blogpausen eingelegt oder Blogs ganz aufgegeben?
  11. Was empfiehlst Du Menschen, die mit dem Bloggen anfangen wollen?
  12. Hast Du Zukunftspläne für Deinen Blog? Vielleicht ein Redesign, ein Wechsel der Plattform oder neue Features?

Selbstverständlich könnt ihr die Fragen und den Aufruf weiterteilen …

Ich bin gespannt auf eure Texte.

#WarumIchBlogge | Mein 21. Jahr

Die Mützenfalterin erzählt hier, warum sie noch immer bloggt. Ihr Text berührte mich so sehr, dass ich im Fediversum zu einer #Blogparade aufgerufen habe. Bitte gern weitersagen und mitmachen.

Warum blogge ich denn noch immer?

Erste Antwort, frei Schnauze? Mein Blog ist mein ausgelagertes Gedächntnis. Es bewahrt mein Erleben und hilft mir, mich zu erinnern. Und nicht zu vergessen, worüber ich vor Jahren nachdachte, was mich einst beschäftigte, beglückte, ärgerte. Und wie die Welt sich stetig verändert hat. Und natürlich weiß mein Blog auch oft, wo ich wann war – dank Bildern und Reiseartikeln … Es ist mein persönliches Archiv, das meine kleine Welt in komprimierter Form abbildet und so gesehen ist es sogar ein persönliches Zeitdokument.

Gestern sagte ich zum Liebsten, dass – zumindest in meiner Wahrnehmung und Erinerung – bis zu Beginn der Zwanzigzwanziger das damalige Internet ein irgendwie besseres Internet gewesen ist. Fake News und die ganzen Internet-und-Gesellschaft-kaputtmach-Dinge nahm ich vor der Pandemie weniger umfassend wahr als heute. Vermutlich eine Illusion und vermutlich nahm ich es so wahr, weil ich es so sehen wollte. Dennoch hat sich die letzten Jahre meiner Meinung nach vieles zum schlechten gewendet.

In diesem pandemischen Früher, als ich zu bloggen begonnen hatte (2004 war das), fand ich es toll, dass Menschen, die gern schreiben, in diesem Internet ein günstiges, niederschwelliges und leicht handzuhabendes Werkzeug nutzen konnten, um Gedanken und Alltägliches mit anderen zu teilen, Resonanz zu erzeugen, sich zu vernetzen, Menschen rein virtuell kennenzulernen und/oder im Schreibfluss zu bleiben.

Allmählich wendete ich mich andere Social Media-Plattformen zu, die anderen Gesetzen als denen der Bloggosphäre gehorchten und die mir mit ihren Algorithmen und versprochener Reichweite das Blaue vom Himmel versprachen. Mehr und mehr richtete ich meinen Blick auf Follower*innenzahlen und die Leichtigkeit des Einfach-drauflos-Schreibens kam mir nach und nach abhanden. Mit ihr die Frequenz der Beiträge. Auf einmal wurde Twitter mein Hauptmedium und der Austausch, der dort kurz und zeitnah möglich war, wurde mir wichtiger als die Bloggerei.

Immer wieder hatte ich phasenweise das Bedürfnis, das Bloggen einzustellen. Mit wachsender Followy-Zahl war zuden auch mein Anspruch an mein Geschreibsel gewachsen. Dazu kam das Bewusstsein, dass das hier ja alles öffentlich sichtbar und ungeschützt ist und ich doch eigentlich gar nicht soo viel allzu Persönliches preisgeben sollte. Daten und so. Na ja. Solche Überlegungen machten aus dem Schreiben zeitweilig eine Pflichtübung, die dazu führte, dass ich für die sehr persönliche Dinge eine Art Tagebuchblog (für einige wenige Freund*innen) anlegte.

Als sich WordPress immer mehr kommerzialisierte, war ich kurz davor, das Hauptblog hier zu schließen. Doch irgendwie war das auch nicht das, was ich wirklich wollte. Also zog ich vor einigen Jahren weg von WordPress unter das selbstgehostete Blogdach, das ich mit anderen zusammen gemeinschaftlich pflege. Gute Sache. Auch wenn die meisten der doch recht zahlreichen Followys meines damaligen Blogs auf der Strecke geblieben sind, ist es für mich hier wieder viel besser. Allmählich fühlt es sich hier wieder so ähnlich wie damals an, wie am Anfang in den Nullerjahren, als sich alles noch so frei anfühlte.

Heute findet mein digital-soziales Leben, da ich endlich FB und Insta/Threads gelöscht habe (X ja schon längst), wieder in relativ überschaubaren von Menschen für Menschen gehosteten Räumen statt. Also nur noch in den Blogs und im Fediversum, das dank ActivityPub mit WordPress(.org) föderiert. Gute Sache.

Zum Schluss zitiere ich die Mützenfalterin, die am Ende ihres Blogartikels folgendes über Mely Kiyaks Texte schreibt:

»Ich fühle mich verstanden, ich fühle mich als Teil der Menschheit, ich fühle diese ganze sehr komplizierte und häufig schmerzhafte Angelegenheit am Leben zu sein, ich fühle wie das ist, wenn man zweifelt und trotzdem weitermacht, ich fühle die ungeheure Kraft des darüber Schreibens, des die Scham Überwindens, des sich selbst ernst Nehmens, ohne sich über die anderen zu stellen. Ich fühle Verbundenheit. Und das ist ein großer Trost, eine Inspiration und eine Ermutigung.«

Für mich gelten diese Zeilen nicht nur für Kiyaks Texte, sondern auch für das Leben in meiner digital-sozialen Umgebung. Besser könnte ich es nicht formulieren.

Kurz gesagt blogge ich, weil ich mich dabei mit meinen Mitmenschen verbunden fühle, mit dir und dir und dir …

Das neue also …

Alles ist anders geworden? Quatsch, alles ist gleichgeblieben.
Alles? Na ja, immerhin eine Zahl hat sich geändert. Also jedenfalls hier bei uns. Bei anderen Menschen in anderen Ländern ist davon nichts zu merken.

Das neue Jahr also. Was wissen wir darüber? Wenig. Na ja, ich werde einen runden Geburtstag begehen. Dabei mag ich die Fünf. Und eigentlich mag ich eh lieber ungerade Zahlen.

Was noch? Das Leben, der Alltag, geht ab Morgen wieder los. Die Läden machen wieder auf. Die Welt tut so als ob. Immer tut sie so als ob.

Was bleibt? Was ändert sich; und warum? Änderungen brauchen Kraft. Nein, es ist nicht das neue Jahr, das über meine Kraft bestimmt. Wie viel, das mit betrifft, gestalte ich eigentlich selbst und wie viel geschieht – so oder anders –, weil ich mich nicht entscheiden wollte, mich nicht entschieden habe, mich nicht in mein eigenes Leben eingemischt, es nicht mitgestaltet habe? Wem gebe ich die Schuld, wenn es nicht passt, wenn es nicht wird, wie ich es mir passiv erhoffte?

Viel oder wenig. Mehr oder weniger.

Pläne lassen sich selten exakt in die Wirklichkeit übertragen. Auch Wünsche und Sehnsüchte nicht, aber deshalb nicht zu träumen und nicht zu planen ist ja eigentlich auch doof.

Hoffen? Gern, aber worauf? Werden wir es schaffen, wir Menschen, unseren Zerfall aufzuhalten?

Das neue Jahr also. »Sei uns freundlich gesinnt« würde ich dich bitten, wenn du denn handlungsfähig wärst. Dabei bist du nur vergängliche Zeit und bewegst dich, weil wir uns bewegen. Anders die Erde, die sich immerzu dreht, was immer wir auch tun. Und lassen. Und unterlassen.