Ausgelesen #39 | Der Mauersegler von Jasmin Schreiber

Jedes Buch so lesen, als wäre es das erste. Das erste dieser Autorin, dieses Autors. Das erste überhaupt. Das würde dabei helfen, Erwartungen zu vermeiden. Nach Jasmin Schreibers ’Marianengraben’, das ich sehr gern gelesen und hier besprochen habe und das mich tief berührt hat, wartete ich erwartungsvoll – viel zu erwartungsvoll vielleicht – auf Jasmin Schreibers zweiten Roman.

Buchcover zeigt flächendeckend drei stilisiert gemalte Mauersegler, zwei schwarze und ein roter auf hellblaugrauem Hintergrund. Darüber der Autorinname in schwarz und Titel in rot.
Buchcover

Während ihr erster Roman ein ausgesprochen originell geplottetes zugleich trauriges als auch humorvolles Roadmovie zwischen zwei Buchdeckeln war, ist Schreibers zweite Geschichte eine eher ernste. Die Geschichte einer Flucht und die Geschichte eines schweren Verlustes. Doch Jasmin Schreiber erzählt auch die Geschichte einer wunderbaren Männerfreundschaft.

In ’Der Mauersegler’ begleiten wir Prometheus auf seiner Flucht aus dem Krankenhaus, wo er als Arzt an einer Studie für eine neue Krebstherapie forscht. In Rückblicken sehen wir ihm zu, wie er und sein Freund Jakob aus kleinen Jungs, die den Mauersegler mögen, Teens und junge Männer werden. Freunde fürs Leben sind sie, die beiden.

Doch als bei Jakob Blasenkrebs diagnostiziert wird, wird alles anders. Jakob will nicht sterben, zumal er bald zum zweiten Mal Vater wird. Er bittet Prometheus ihn als Nr. 51 in seine Studie zu schmuggeln. Dieser will zuerst nicht, doch alle Freunde und Familienangehörigen reden Prometheus gut zu. Bis er schließlich nachgibt. Da ist so viel Hoffnung. Jakob darf nicht sterben!

Aber er tut es doch.

Prometheus flieht. Und er strandet. Und zwar buchstäblich und im doppelten Sinn. Sein geplanter Suizid, mit dem Auto ins Meer zu fahren, scheitert am Sand. Nach einer verzweifelten Nacht im festgefahrenen Auto, das kaum mehr Benzin hat, finden ihn am nächsten Morgen ein Pony und zwei ältere Frauen, die in der Nähe einen Ponyhof und ein Gästehaus betreiben.

Prometheus wird von Schuldgefühlen zerfressen. Er will nicht mehr leben. Das spirituelle und zugleich bodenständige Leben seiner Gastgeberinnen ist ihm fremd; er selbst ist sich fremd geworden und er weiß nicht, wohin mit sich. Die Wochen auf dem Ponyhof gehen allerdings nicht spurlos an ihm vorbei.

Besonders gut gefallen mir die Dialoge zwischen Jakob und Prometheus. Sie wirken glaubwürdig, lebendig, nachvollziehbar. Überhaupt mag ich, wie authentisch Jakobs Fühlen und Denken vermittelt wird. Obwohl er nicht die Hauptfigur ist, ist er mir auf Anhieb sympathisch – im Gegensatz zu Prometheus, der mir bis am Schluss ziemlich fremd bleibt. Immer wieder erfahren wir von Jakob und Prometheus etwas über das Leben der Mauersegler. Das gefällt mir grundsätzlich, wirkt dennoch da und dort ein wenig erzwungen.

Streckenweise tauche ich ganz wunderbar in den Erzählfluss ein, doch immer wieder falle ich heraus, weil ich über allzu flapsig formulierte, holprige Stellen und über konstruiert wirkende Übergänge stolpere. Ja, manches wirkt auf mich künstlich und leider auch oft recht klischeehaft. Während mich die Innenschauen der verschiedenen Menschen weitestgehend überzeugen, vermögen das die Außenansichten nicht immer. Gerade der Lebensstil der beiden Gastgeberinnen mutet klischeehaft und idealisierend an. Alles in allem wirkt die Zeit auf dem Ponyhof auf mich wie aus einem Märchen, in welchem der traurige, tragische Held geläutert werden soll.

Trotz allem mag ich den ’Mauersegler’, trotzdem habe ich diesen Roman sehr gern gelesen und dennoch empfehle ich ihn gern weiter. Es ist ja das Ganze, das zählt. Und das Ganze ist eine mutmachende Geschichte.

Herzlichen Dank, liebe Jasmin Schreiber, und Eichborn-Verlag für das wunderschön gestaltete Rezensionsexemplar mit seinem sehr ansprechenden von der Autorin gestalteten Schutzumschlag.


Eichborn Verlag

Webseite der Autorin: www.jasmin-schreiber.de

Schwerwiegende Entscheidungen

Handeln wir angesichts größter Not und unter Lebensgefahr anders als wir es von uns gedacht hätten, wenn man uns im Voraus gefragt hätte? Sind wir wirklich die empathischen Menschen, für die wir uns gehalten haben, bevor uns diese eine Katastrophe in die Knie zwang?

Der größte gemeinsame Nenner der drei Bücher* und der einen Serie*, die ich im Laufe der letzten Woche gelesen, gehört und gesehen habe, ist diese eine Katastrophe, welche über die Protagonist:innen hereinbricht. Sei es Krebs (1), ein Attentat (2), eine Überschwemmung (3) oder eine traumatische Erfahrung (4) – Katastrophen zwingen uns zu handeln. Wie aber handeln wir?

Würden wir – wie Philipp (2) – geliebte Menschen im Stich lassen, um das eigene Leben zu retten? Würden wir – wie Barney (3) – selbst angesichts des eigenen Todes noch darauf bestehen, dass uns das verlorene Handy ersetzt werden müsse? Würden wir gar – wie Prometheus (1) – versuchen, eine Studie, die zum Scheitern verurteilt ist, zu faken, um uns selbst zu beweisen, dass doch noch Hoffnung besteht? Wie weit würden wir gehen, um für uns den Schaden überschaubar zu machen oder um Ungerechtigkeit und Verrat zu sühnen?

In allen vier Erzählungen erleben die Protagonist:innen Unerträgliches, potentiell Traumatisierendes. Und in allen Geschichten verursachen sie durch ihr Handeln oder Nicht-Handeln den Tod mindestens eines anderen Menschen. Sie tragen ungewollt, weil die Umstände so und nicht anders sind, dazu bei, dass etwas individuell Schreckliches im allgemein schrecklichen Kontext geschieht. Sie sind zur falschen Zeit am falschen Ort, sagen die falschen Dinge und schaffen so Umstände, die die große Katastrophe zu einer persönlichen machen.

Besonders in ’Wenn die Stille einkehrt’ (2) und in ’Die Flutwelle’ (3), wo es um die Schicksale vieler einzelner Menschen geht, wird deutlich, wie es nicht einfach die eine richtige und die eine falsche Entscheidung gibt. Ist es zum Beispiel richtig oder falsch, sich selbst zu retten, wenn andern zu helfen das eigene Leben gefährden würde? Der Fluch der Überlebenden – wie lebt es sich mit ihm, wenn man erfährt, dass es andere, die weniger Glück hatten, nicht geschafft haben?

Wird man angesichts des Todes zum Egoisten, zur Egoistin oder bleibt man empathisch und hilfsbereit? Ist die Katastrophe der Moment, in welchem unser wahrer Charakter zum Vorschein kommt?

Was ist mit Opferbereitschaft? Und wie ist es mit Schuld? Wie definieren wir sie und warum genau so und nicht anders? Und Moral und Ethik: was spielen sie im Moment der Katastrophe für eine Rolle? Sind sie angesichts des Todes überhaupt noch relevant – oder sogar ganz besonders in diesem Moment?

Wie sieht es aus, wenn wir das Unglück überleben? Können wir mit den im Katastrophenfall getroffenen Entscheidungen leben?

Eine Frage, die bei mir immer wieder auftaucht: Sind gewisse Schuldgefühle letztlich nicht eigentlich ein Egoding? Und wird womöglich die eigene Bedeutung oder Verantwortung im Kontext mit den gemachten Erfahrungen überschätzt und wäre alles auch ohne unser Zutun geschehen?

Die vier Geschichten lassen mich demütig zurück. Ich denke darüber nach, welche Entwicklungen die einzelnen Figuren durchmachen.

Mich freut es sehr, dass sich die Autor:innen in ’Wenn die Stille einkehrt’ entschieden haben, ein versöhnliches Ende zu erzählen. Weil es Mut macht. Weil wir alle Mut brauchen. Weil wir Hoffnung brauchen. Weil wir aus Geschichten Kraft schöpfen können. Und weil sich selbst zu verzeihen, für mich der einzig mögliche Weg, weiterleben zu können ist, wenn die Katastrophe erst geschehen ist.


*Die vier Geschichten sind:

  1. Der Mauersegler (Roman von Jasmin Schreiber)
  2. Wenn die Stille einkehrt (Dänische Mini-Serie, arte/ARD)
  3. Die Flutwelle (Roman von Mikael Niemi)
  4. Der Flüstermann (Krimi von Catherine Shepherd)

 

Ausgelesen #38 | Barrier Highway von Garry Disher

Bei meiner letzten Disher-Buchbesprechung verglich ich den Schreibstil meines australischen Lieblingsautors Disher mit Musik und nannte ihn den Meister des Fadings. Diesmal fallen mir beim Lesen Parallelen zur Satzbautheorie ein. Aufgebaut ist Dishers neuer Kriminalroman nämlich wie ein sehr komplexer Schachtelsatz mit vielen Nebensätzen. Einer allerdings, bei dem wir nie die Spannung und die Übersicht verlieren.

Auch im dritten Teil der Serie steht wieder Paul Hirschhausen im Zentrum der Geschichte. Leise und unspektakulär versieht er in diesem kalten Spätwinter seinen Dienst als Dorfpolizist, patroulliert regelmäßig durch das weite Gemeindegebiet, besucht Menschen, hält Kontakte, klärt kleine Verbrechen auf, hilft, wo er gebraucht wird und pflegt in seiner Freizeit eine herzliche Beziehung zu seiner Partnerin Wendy und deren Tochter Katie.

Das Buchcover zeigt eine Fotografie eines alten blauen Wohnwagens, dessen Farbe abblättert in der Bildmitte. Darüber blauer Himmel, im Vordergrund braunes Steppengras. Oben der Autorname in schwarzer Schrift, darunter in roter Schrift der Buchtitel, ganz unten in weiß der Name des Verlages.
Buchcover

Doch da meldet ihm eines Tages eine Lehrerin, dass ein Mädchen, das zuhause unterrichtet wird, bei ihren sporadischen Zoomgesprächen nicht wirklich gesund aussehe und Andeutungen mache, dass es nicht genug zu essen bekomme. Hirschhausen kümmert sich darum, ebenso wie er sich um den in der Schule ausrastenden Vater eines Mädchen kümmert, welches der Schulleiter gescholten hat, da ihr Vater das Schulgeld noch nicht einbezahlt hat. Dass dieses Gespräch der Anfang eines wochenlangen Amoklaufes werden könnte, der die Spitze eines Eisbergs aus Lüge, Betrug und Habgier ist, kann niemand ahnen. Zumal Hirschhausen mit seinem Talent zur Deeskalation einschreitet und den Vorfall fürs Erste ad acta legen kann.

Während Hirschhausen wieder professionell an unterschiedlichen Baustellen ermittelt, kommt er diesmal persönlich hart an seine Grenzen. Immer wieder bekommt er seltsame Nachrichten, vor allem virtuelle, aber auch handfeste – in Form von Geschenken vor der Haustür. Und er weiß auch von wem. Wie verhält man sich, wenn man gestalkt wird? In seiner Unsicherheit und Verwirrung lässt er Wendy viel zu lange außen vor. So lange, bis es fast zu spät ist!

Ein guter Plot ist das eine, das andere ist das Schaffen von Atmosphäre. Erneut gelingt es Disher, mich ganz und gar in die australische Pampa zu versetzen, die Menschen, die Umgebung, die Örtlichkeiten, das Dorfleben und die Gefühls- und Gedankenwelt seines Protagonisten hautnah und mit allen Sinnen zu erleben. Hirschhausen ist kein abgehobener oder gar abgehalfterter (Western-)Held, sondern ein Mensch, der sehr bewusst, klar und hingebungsvoll seinem Beruf nachgeht und dabei menschlich und verantwortungsbewusst agiert.

Disher schreibt nicht nur Krimis, er schreibt Kriminalliteratur. Seine Sprache ist dicht und ästhetisch, ohne je gekünstelt zu wirken. Er setzt dabei weder auf Special Effects noch auf Blutvergießen, sondern auf Ungesagtes, leise Töne, Subtext und Zwischenmenschliches. Ich mag das sehr!

Herzlichen Dank an den Autor und das Unionsverlag-Team für die spannenden und berührenden Lesestunden mit meinem Rezensionsexemplar.


Unionsverlag
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Erschienen im September 2021
Hardcover, 352 Seiten
€ 22.00, FR 30.00, €[A] 22.70
Gebunden
ISBN 978-3-293-00572-3
E-Book
€ 18.99
ISBN 978-3-293-31114-5 (EPUB)
ISBN 978-3-293-41114-2 (Kindle)
ISBN 978-3-293-61114-6 (Apple)

Ausgelesen #37 | 2050 – Und halb Europa ist dement, von @ChristianHolze9 | #Demenz

»Es ist nicht die Schuld der Menschen mit Demenz, dass es zu diesen Situationen kommt. Nicht sie verursachen diese Probleme, sondern die Rahmenbedingungen sind es, die diese Probleme verursachen.«

Diesen Satz, sogar mit Großbuchstaben, schreibt der Autor in sein Tagebuch, das er führt, um seine Beobachtungen zur fortschreitenden Demenz seiner Mutter festzuhalten. Der Satz ist wichtig und wird zum roten Faden, der sich durch das ganze Buch zieht. Wie schrieb ich vorgestern sinngemäß? Es sind die systemischen Voraussetzungen, die behindern, die Rahmenbedingungen.

Diese sind allerdings nicht einfach so da, nicht organisch gewachsen, sie sind gemacht worden, Buchcover zeigt auf blauem Hintergrund die hellblau skizzierten Grenzen Europas. In der Mitte wachsen einige gelbe Herzen wie Bäume. Oben der Buchtitel, unten der Name des Autors.sie sind auf dem Boden des Immer-Mehr des Kapitalismus entstanden und gewachsen.

Ich zitiere: »Bei den diesem Buch zugrundeliegenden Rahmenbedingungen handelt es sich um ein Gesellschaftsmodell, in welchem dem Leistungsgedanken absolute Priorität eingeräumt wird. Effizienz und Kostenersparnis stehen an oberster Stelle und sind das Maß aller Dinge.« (S. 5)

Denn was Christian Holzer über die Bedingungen für Demenzkranke und ihre Angehörigen in der Kurz- und Langzeitpflege sowie über die Betreuung zuhause schreibt, ist unglaublich. Ich weiß aus eigener ähnlicher Erfahrung, dass es leider so ist.

Der Autor, der seine Mutter die letzte Zeit ihres Lebens bis zu ihrem Tod zuhause begleitet und betreut hat, schöpft in seinem Tagebuch-Roman aus eigenen leidvollen Erfahrungen – und aus jenen seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

Aufgebaut ist das Buch sehr unkonventionell. Wir schauen dem Autor live beim Schreiben des Buches zu. Das Buch wirkt denn auch eher handgestrickt, ist jedoch ausgesprochen authentisch und berührend. Holzer erzählt, wie ihn die Betreuung seiner an Demenz erkrankten Mutter isoliert, einsam werden lässt. Internetseidank findet er andere Menschen, die ebenfalls ihre Angehörigen zuhause oder im Pflegeheim betreuen.

Auch ihre Texte fließen in den Tagebuch-Roman ein, manchmal als eigene Texte, manchmal als Reaktionen und Kommentare, so entstehen gleichsam Dialoge.

Wir begleiten im Laufe des Buches einige andere Menschen, die erzählen, was sie in ihrem Betreuungsalltag erfahren müssen. Da ist zum Beispiel Silke, deren dementer Lebenspartner im Stammcafé von den alten Freunden zum Clown gemacht wird. Und da sind Franziska, deren demente Mutter im Heim sehr allein und unglücklich ist, und Jasmin, die ihre demente Mutter zuhause betreut. Ihre Mütter waren früher Freundinnen. Dank glücklicher Umstände lernen sich die Töchter kennen und bringen ihre dementen Mütter zusammen, die dadurch sozusagen aufblühen. Und da ist Susanne, die ihre Mutter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Heim holt, weil sie sieht, wie unzumutbar die Betreuung dort ist. Nicht aus böser Absicht, sondern weil schlicht Betreuungszeit fehlt. Weil die Personalschlüssel hanebüchen sind. Wir lesen auch Stimmen aus der Betreuung, die sich dafür schämen, wie wenig sie tun können und wir lesen von unsensiblen Zahnärzten und von Heimpersonal, welches eine ’schwierige Patientin’ einfach vor die Tür stellt.

Längst geht es den Heimverantwortlichen nicht mehr um Menschen, es geht um Rentabilität, um Rendite, um Gewinne. Die Verlierer:innen sind die dementen Menschen und ihre Angehörigen. Dabei ist Care-Arbeit eine der allerwichtigsten Arbeitsfelder überhaupt. Doch es fehlt genau hier an allem, an Geld ebenso wie an Anerkennung.

Demenz kann uns alle treffen. Als Angehörige ebenso wie als Betroffene. Wer, frage ich mich zuweilen, wer wird mich eines Tages betreuen, wenn die menschliche Gesellschaft sich so weiterentwickelt, wie sie es gerade tut, falls ich eines Tages auf Hilfe angewiesen sein sollte? Pflegeroboter? Wie viele Menschen werden, sollte die Erde in dreißig Jahren noch bewohnbar sein, dement sein. Die Hälfte, womöglich, wie es der Autor im Buchtitel andeutet? Ich weiß es nicht. Aber wenn wir als Menschheit überleben wollen, müssen wir einige grundlegende Dinge verändern. Und zwar nachhaltig.

Der Autor schreibt an vielen Stellen über die Gleichgültigkeit und Ignoranz, die ihm entgegengeschlagen ist, wenn er mit Bekannten über seine Mutter ihren Zustand und seine Befindlichkeit gesprochen hat. So wirklich verstehen kann niemand, der es nicht selbst erlebt, was Angehörige durchmachen, wenn sie ihre dementen Nächsten zuhause betreuen. Erlebte Gleichgültigkeit isoliert, macht einsam.

»[Krankheit] ist in der Öffentlichkeit nicht mehr präsent und alles, was mit Krankheit und Leiden zu tun hat, ist gesellschaftlich auch nicht mehr erwünscht. Es wurde kollektiv wegretuschiert und mit schöner Werbung überdeckt.« (S. 48/49)

Geschrieben hat der Autor das Buch  vor der Pandemie und ich war aus diesem Grund bis jetzt nicht in der Lage, mich auf diesen intensiven Lebensbericht einzulassen. Die Pandemie hat viele Probleme verschärft, ans Licht geholt. Betreuung und Pflege sind inzwischen Themen, über die heute mehr gesprochen wird als noch vor kurzem. Verändert hat sich leider noch viel zu wenig. Das Bewusstsein hat sich jedoch ein klein wenig verändert, will mir scheinen. Wenn auch mehr in der Bevölkerung als in den Regierungen.

Holzer hat in seinem Tagebuch-Pflegeprotokoll zwar die Pflegelandschaft in Österreich skizziert, doch so anders als in Deutschland und in der Schweiz dürfte sie nicht sein.

Ohne Solidarität wird das nichts mit einer besseren Welt.

Ich danke dem Autor herzlich für das Rezensionsexemplar und die erkenntnisreichen Lesestunden. Ein Buch, das sehr persönlich und unmittelbar über ein wichtiges Thema aufklärt und dem ich viele Leser:innen wünsche.


Christian Holzer
2050 – UND HALB EUROPA IST DEMENT: Wie es im Jahr 2050 nicht sein sollte!
Taschenbuch
21. Februar 2020
Das Buch ist bei Ama**n erhältlich oder direkt beim Autor (Twitter)

Alle Bücher des Autors zum Thema gibt es hier.

Neue Fallmaschen 153 | 2021

ausbaldowert | Seit wenigen Tages gibt es nebenan ein neues Blog, genauer gesagt ein Foodblog. Es wächst täglich und steckt schon jetzt voller histaminfreier Rezepte. So kann das Blog hier wieder mehr ein Es-lebe-der-Alltag-Blog sein. Die histaminfreien Rezepte haben nun eine eigene Heimat. Das Neue ist sowohl als persönliches Archiv als auch zur Inspiration für andere gedacht.
Guckt hier: histaminfrei.blogda.ch

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ausgelesen | Kennt hier jemand die Krimis um die junge Journalistin Emma Vonderwehr von Mechthild Lanfermann? Kannte ich nicht. Bücherschrankseidank habe ich den vierten und letzten Band entdeckt. Und verschlungen. Und danach den ersten Teil in der Bibliothek ausgeliehen. Und Band zwei und drei vorgemerkt. Mir gefallen die Figuren ebenso wie Schreibstil, Tempo und Themenwahl. Keine leichte Kost. Herzliche Leseempfehlung!

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gepikst | Vorletzten Montag habe ich meinen ersten Impfpiks bekommen. Dank vorheriger Einnahme eines Antihistaminikums hatte ich keine Nebenwirkungen bis auf wenig Kopf- und Bauchweh am Abend – Ibuseidank war es schnell wieder weg.
Der Schmerz am Tag darauf an der Impfstelle war erträglich und erinnerte mich daran, dass mein Körper gerade Antikörper kreiert. Ein gutes Gefühl und große Erleichterung. Neun Tage später fühle ich mich dem Virus gegenüber jedenfalls weit weniger ausgeliefert als davor.
Ich bin zwar keine Influencerin, doch mache ich euch hiermit gern und herzlich Mut, euch ebenfalls impfen zu lassen. Als solidarischer Akt und Beitrag zur Herdenimmunität und natürlich zum Schutz für euch selbst.

Ausgelesen #36 | Es wird wieder Tag von Minka Pradelski | #keinvergessen

Es hat gedauert, bis ich mich an den autofiktiven Roman der Frankfurter Soziologin Minka Pradelski gewagt habe. Bereits letzten Sommer habe ich diesen Buch bekommen, doch das Lesen immer wieder vor mich her geschoben. ’Es wird wieder Tag’ erzählt die Geschichte der jungen Familie Bromberger im und nach dem zweiten Weltkrieg. Wir lesen hier die Geschichte zweier KZ-Überlebender und ihres nach dem Krieg geborenen Kindes.

Das Buchcover zeigt einen Ausschnitt eines tanzenden Paares. Zu sehen sind die Arme und der blassrote Rock und die schwarze Jacke des Paares. Zwischen ihren Bäuchen sind der Name der Autorin und der Buchtitel auf weißem Hintergrund gedruckt. Am unteren Bildrand, auf rotem Streifen, steht der Verlagsname.
Buchcover Es wird wieder Tag von Minka Pradelski

Allen drei Stimmen erteilt Pradelski abwechselnd das Wort. Als Leser:innen begleiten wir Klara, Leon und schließlich auch deren Sohn Bärel durch die Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Wie der Sohn der beiden ist übrigens auch die Autorin in den ersten Nachkriegsjahren im Lager für Displaced Persons in Zeilsheim geboren. Ihr Roman erweitert mein Wissen um die Shoah um eine weitere persönliche Perspektive.

Das Schweigen, das sich nach dem zweiten Weltkrieg auf viele KZ-Überlebenden gelegt hat, um am Erlebten nicht zu zerbrechen, trifft auch Klara und Leon, denn vieles ist unaussprechlich. Alles verändert sich, als Klara eines Tages, bei einem Spaziergang mit ihrem Sohn, einer ihrer Aufseherinnen aus dem KZ begegnet. Ihre Wege kreuzen sich, doch Klara gibt sich nicht zu erkennen. Dennoch gibt es keinen Zweifel, dass sie ’Liliput’ gesehen hat.

Diese Begegnung triggert sie zutieftst und ihre traumatischen Erlebnisse tauchen aus dem Verdrängen an die Oberfläche. Klara gerät in eine existenzielle Krise, die alle Ängste, alle gesammelten Erfahrungen und gemachten Erlebnisse in die Gegenwart holt; sie droht daran zu zerbrechen.

Leon, der ebenfalls einige Jahre in einem KZ verbracht und wie Klara nur knapp überlebt hat, verzweifelt beinahe. Auch weil Klara ihren Sohn vernachlässigt. Dennoch wollen beide nicht, dass Leon Bärel bei Verwandten unterbringt. Klara weigert sich, Hilfe von außen anzunehmen oder sich in eine Klinik zu begeben. Als Leon sich keinen Rat mehr weiß, fordert er Klara auf, alles aufzuschreiben. Ihre Geschichte in Worte zu fassen. Das tut sie schließlich auch und es hilft ihr tatsächlich.

Nach dem Prolog des Romans, in welchem Bärel sein Geburtserlebnis aus der Sicht eines neunmalklugen Kindes erzählt, übernimmt Klara den Faden und erzählt von ihrer Kindheit und Jugend, der Umsiedlung in ein polnisches Ghetto und der Flucht aus diesem, vom Aufenthalt im KZ und ihrer dortigen Arbeit in einer Flugzeugfabrik. Sie erzählt, was sie nach dem Ende des Krieges erlebt hat und sie erzählt vor allem von ’Liliput’, jener Aufseherin, welche sie kürzlich auf der Straße gesehen hat, die damals mit ihrer subtil ausgeübten Macht das ganze Lager dominiert und schikaniert sowie sich am quslvollen Sterben vieler Gefangener schuldig gemacht hat.

Unterbrochen wird ihre Geschichte mit von Bärel erzählten Momentaufnahmen aus der Gegenwart der Protagonist:innen. Die Familie hat sich nach dem Krieg in Frankfurt ein neues Leben aufgebaut. Leon ist ein geschickter Geschäftsmann, der sich anfänglich mit Schwarzhandel und später mit einer Transportfirma einen Namen gemacht hat. Über allem schwebt der Traum von der Auswanderung nach Amerika.

Erst im vorletzten Kapitel  hören wir Leons Geschichte und erfahren, wo und wie sich das Paar kennen- und liebengelernt hat. Auch seine Erfahrungen gehen mir sehr unter die Haut und ich bewundere seine Überlebenskräfte und -strategien.

Sowohl er als auch Klara erzählen sehr nüchtern, beinahe unemotional. Beide schönen ihre Erfahrungen nicht. Eindrücklich jene Szene, in welcher Klara als Fünfzehnjährige aus dem Ghetto flieht. Da ist keine Dankbarkeit gegenüber ihren Eltern dafür, dass sie ihr die Flucht ermöglicht haben.

Zu guter Letzt hören wir wieder Bärel, der inzwischen schon ein paar Jahre alt ist. Gewohnt neunmalklug und für meinen Geschmack schon von Anfang an ziemlich überzeichnet und allzu zynisch erzählt er aus seinem Alltag. Er fand sich erst allmählich mit der Tatsache ab, dass diese beiden Menschen tatsächlich seine Eltern sein sollen. Seine Zugewandtheit zu ihnen wächst erst allmählich. Fast hätte Bärel es übrigens geschafft, dass ich das Buch nach dem Prolog zugeklappt und auf die Seite gelegt hätte. Doch zum Glück habe ich weitergelesen.

Minka Pradelski hat mit ’Es wird wieder Tag’ einen wichtigen Beitrag zum Thema Judenverfolgung im Nationalsozialismus geleistet. Zwar habe ich schon viele Bücher über das Leben in Konzentrationslagern gelesen, doch über die Jahre des Wiederaufbaus ist mir wenig bekannt.

Die Autorin ist eine sehr exakte Beobachterin, die kluge, passende, berührende Worte für ein historisches und persönliches Trauma gefunden hat. Weder sentimental noch moralisierend macht sie sichtbar, was Krieg mit Menschen macht.

Minka Pradelski ist ein wichtiges, lesenswertes Buch gelungen. Ich danke ihr und der Frankfurter Verlangsanstalt für die aufwühlenden Lesestunden mit meinem Rezensionsexemplar.


FVA
384 Seiten
August 2020
Hardcover
ISBN 9783627002770
24,00
E-Book
ISBN 9783627022877
15,99 €

Die Wahrheit über die Wahrheit liegt überall herum

Zwar bin ich dieses Jahr weder gereist noch verreist, doch zum Glück gibt es Bücher und Filme. Dieser Tage nun bin ich lesend – Tagebücher-und Blogs-sei-Dank – auf der eigenen Zeitachse zu früheren Reiseorten, die wir zwischen den Jahren erforscht haben, gereist.

Eben hatte ich im Uraltblog nach Erinnerungen an meine allerersten gemeinsam mit dem Liebsten erlebten Ferien gesucht. Gemeinsam waren wir nach Südfrankreich gereist, in die pyrenäischen Berge. Im winzigen Dorf Boule-d’Amont hatten wir eine winzige Gîte gemietet. Ende 2009/Anfang 2010 war das gewesen, unser erster gemeinsamer Jahreswechsel.

Bilder in Herz und Kopf habe ich zuhauf, doch wollte ich mir nun auch die Bilder aus Pixeln angucken. Damals hatte ich noch mit einer winzigen digitalen Kamera geknipst und mit einem Handy ohne Smart dafür mit Tasten telefoniert und Koordinaten für Geocaches wurden in ein portables Ding namens GPS-Gerät eingegeben. Tatsächlich gibt es auf meinem Rechner keine Bilddatenspuren dieser Ferienzeit. Und keinen einzigen Eintrag dazu in meinem alten Blog. Erst wieder einen kleinen Danach-Artikel kann ich finden. Selbst der Liebste hat nur einen Spaziergang verbloggt. (Und ein paar Tage später hat er über das Jahr 2020 nachgedacht.)

Im Vordergrund der Schatten zweier Menschen auf gelbgrüner Winterwiese. Im Hintergrund Bäume und wolkiger Himmel mit Sonne. Der Schatten besteht aus drei Beinen, zwei Armen, zwei Köpfen und einer breiten Mitte.
Wir zwei

Immerhin bin ich bei meiner Suche über diese Geschichte hier gestolpert, die auch heute noch passt.

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Wie die Wahrheit auf die Welt kam

Sie saßen da und schüttelten immer wieder den Kopf. Unglaublich, was sie da sahen. Was sie da sehen mussten! Ab und zu rempelten sie sich an oder runzelten die Stirnen. Sie wollten es einfach nicht verstehen. Obwohl … Natürlich konnten sie es verstehen. Gut sogar. Sie waren schließlich auch mal so gewesen. Dennoch war es krass, wie seltsam sich die Menschen da unten verhielten. Behaupteten doch tatsächlich, sie wüssten es besser. Besser als andere. Sie wüssten die Wahrheit. Sie wüssten, was wirklich zählt und was wirklich wirklich ist.

Wir müssen endlich etwas unternehmen!, sagte einer der alten weisen Engel schließlich, während er sich einmal mehr die wenigen ihm noch verbliebenen Haare raufte. Aus Angst, diese auch noch zu verlieren, musste eine Lösung gefunden werden. Wir müssen einschreiten!, sagte er ein weiteres Mal.

Was willst du tun?, fragte ein jüngerer Engel, den das Getümmel auf der Erde bisweilen amüsierte. Diese Sucht der Menschen, sich ins beste Licht zu rücken! Dieses Getue, wer besser, klüger, größer, interessanter sei. Wer was besser wisse und besser könne. Darüber konnte doch eigentlich nur gelacht werden.

Ich habe eine Idee!, sagte eine jener weisen Engelinnen, die immer schon den Wunsch gehabt hatte, den Menschen zu ein bisschen mehr Durchblick zu verhelfen. Wir offenbaren ihnen die ganze Wahrheit!

Die anderen Engel und Engelinnen waren näher gerückt und nickten zustimmend. Dass sie den Menschen irgendwie helfen wollten, war bald allen klar, doch galt es, die beste Form zu finden. Die Wahrheit konnte ja alle möglichen Gestalten annehmen. Sie konnte dem einen gasförmig, der anderen als Flüssigkeit erscheinen, mal sichtbar, mal transparent, mal nur mit geschlossenen Augen fühlbar, mal auf der Haut, mal auf der Zunge und oft genug nur im Herz drin wahrnehmbar.

Endlich einigte sich die Engelschar darauf, dass sie der Wahrheit, die sich inzwischen in ihre Runde gesetzt hatte, ein möglichst prunkvolles Aussehen verleihen wollte. Eine große leuchtende Kugel würde ihrem Inhalt am besten gerecht werden, fand die Wahrheit selber. Eine Kugel, die jenen bunten Kugeln an den Decken mancher Musik- und Tanzlokale ähnelte. Grösser noch als jene dort und grösser auch als alles, was die Menschen je gesehen hatten, würde sie – an einem zuvor bestimmten Ort und für alle zugänglich – ihre Attribute der Erkenntnis an alle nach ihr Hungernden austeilen. Sie würde glitzern und glänzen, mehr als alles, was Menschenaugen je gesehen hatten. Wer die Wahrheit sähe, würde endlich alles und für alle Zeit klar sehen.

Doch ein Problem haben wir noch!, sagte schließlich der alte Engel, der die ganze Wahrheitslawine losgetreten hatte. Wie wollen wir die Wahrheit auf die Erde bringen? Daran sind vor uns ja schon viele andere gescheitert!

Alle nickten angeregt, zustimmend oder schauten nachdenklich vor sich hin.

Ichichich!, sagte der kleinste aller Engel, von allen Springimhimmelrum genannt, und hüpfte mit hochgehaltenem Finger auf und ab. Ich werde den Menschen die Wahrheit bringen!

Die einen nickten freundlich, während andere ihre englischen Stirnen runzelten. Schließlich wurden Vor- und Nachteile diskutiert und irgendwann waren sie sich einig: Springimhimmelrum durfte die Wahrheit auf die Erde bringen, wenn er es denn schaffen sollte, die große Kugel vor der gesamten Engelschar hochzuheben. Dass diese nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist, kann sich ja jeder denken.

Mutig trat Springimhimmelrum vor und lud sich unter Aufbietung seiner ganzen mentalen Kräfte die Kugel auf seine kurzen Flügel. Sein Gesicht leuchtete, als er es geschafft hatte. Großer Applaus belohnte seine Mühen.

Doch als er sich mit seinen kurzen Beinchen auf der Wolke, die ihn trug, vor den anderen verneigen wollte, geschah es: Die große Kugel rollte davon. Zu Anfang noch ganz langsam dann immer schneller hopste sie von Wolke zu Wolke. Als sie die Atmosphäre der Erde erreicht hatte, blieb ihr nichts übrig, als sich den Gesetzen der Schwerkraft und deren Wahrheit zu beugen, die sie ja immerhin auch in sich trug, da sie ja die GANZE Wahrheit war. Immer schneller fiel sie Richtung Erde und zerschellte schließlich mit einem lauten Knall auf einem Felsen. Sie war so groß, dass sich ihre einzelnen, winzigen Teilchen über die ganze Erde verteilten.

Wer immer nun auf der Erde eines dieser klitzekleinen Teilchen findet, sieht, fühlt, erkennt, durchschaut oder isst, ahnt ein klein bisschen davon, was Wahrheit sein könnte.

© by Sofasophia (2009)
Quelle: sofasophien.wordpress.com

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Ich wünsche allen Leser:innen alles Gute bei der Wahrheitfindung, im neuen Jahr und überhaupt. Herzlich bedanke ich mich bei allen für die Lesetreue.

Auf den Spuren des Passfälschers Cioma Schönhaus | #keinvergessen

Es war einmal. Siebeneinhalb Jahre her, sagt mein Blog. Der Liebste und ich saßen mit der lieben Frau Freihändig und dem besten Historiker Berlins in Berlin Mitte. Im Tucholskys, das es (sagt das Internet) heute nicht mehr gibt. Jedenfalls nicht mehr so, aber anders vermutlich. Nun ja, vieles gibt es heute nicht mehr, was es mal gab. Vieles hat sich verändert. Vieles ist besser geworden, vieles schlecht geblieben. Und manches ist sogar noch immer gut.

Wie auch immer. Da saßen wir also und aßen und erzählten uns von der Welt und auf einmal zog der gute S. ein Buch aus der Tasche.
Ich habe euch etwas mitgebracht!, sagte er und erzählte uns vom jungen Cioma Schönhaus, der in den Vierzigern des letzten Jahrhunderts mit seinem Talent, Pässe zu fälschen, vielen Menschen das Leben gerettet hat. Auch sein eigenes.

Das Buchcover zeigt eine Straßencafé-Szene aus den Dreißiger- oder Vierzigerjahren. Im Hintergrund eine Straße mit einem alten Auto. Das untere Bilddrittel zeigt auf einem sepiafarbenen Balken den Autornamen und den Buchtitel. Rechts auf dem Balken ist ein Passbild des jungen Autors, das, wie in einem Pass, mit dem Reichsadler abgestempelt ist. Ganz unten steht eine Kurzbeschreibung des Buchinhalts.
Buchcover

»In seinen engmaschig komponierten, fast unglaublich klingenden, anekdotenreichen Erinnerungen berichtet der Zeitzeuge Cioma Schönhaus mit Sinn für Selbstironie und Spannung aus seinem wechselvollen Leben im nationalsozialistischen Berlin.« So steht es auf der Webseite des Fischerverlags über Schönhaus’ Buch.

Selbst wenn es schon sieben Jahre her ist, hat uns dieses Buch nie mehr losgelassen. Cioma Schönhaus’ Geschichte hat sich uns unter die Haut geschrieben. Schon damals sagte Irgendlink, dass er Schönhaus’ Flucht gerne mit dem Rad nachvollziehen würde, um besser verstehen zu können.

Nachdem Cioma Schönhaus einige Zeit im Untergrund gelebt und unter dem Radar der Gestapo Pässe und andere Papiere für andere gefälscht hatte, flog er eines Tages auf und wurde schließlich steckbrieflich gesucht. Dieses Buch, der erste Teil seiner Autobiografie, erzählt unter anderem sehr detailreich von seiner Flucht in die Schweiz, die ihm teils mit dem Fahrrad, teils zu Fuß gelang. Selbstverständlich mit selbst gefälschten Dokumenten.

»Sein Bericht zeugt von Intelligenz und Einfallsreichtum, von Lebenslust und auch von Leichtsinn. Er begegnete vielen ebenfalls in Not geratenen Menschen, u.a. Renate, der Tochter des Theologen Jochen Klepper, die sich der Deportation zusammen mit ihren Eltern durch Selbstmord entziehen sollte, und der berüchtigten Stella Goldschlag, die als sog. U-Boot Juden in ihren Verstecken an die Gestapo verraten musste.« (Fischerverlag)

Heute erinnern wir uns zum 82. Mal an die Novemberpogrome von 1938, die einen wesentlichen Auftakt zum zweiten Weltkrieg darstellen. Kein Vergessen. Niemals.

Antisemitismus, Rassismus und Flucht sind leider noch immer hochaktuelle Themen. Themen, denen sich Irgendlink ab heute in einem eigens dafür gestalteten Blog zuwenden wird: Eine virtuelle Blogreise auf den Spuren des Cioma Schönhaus.

Auf Passfaelscher.de zeichnet er aus heutiger Sicht den Fluchtweg Cioma Schönhaus’ nach. Wie wäre das alles in unserer Zeit? Was wäre wenn?

Da eine physische Radtour pandemiebedingt derzeit nicht möglich ist, wird er die Fluchtstrecke vom Schreibtisch aus nachradeln*.

Ich freue mich, wenn die eine oder der andere meiner Leser:innen sich mit uns auf diese Reise machen mag. Der Anfang ist gemacht.


Cioma Schönhaus, Der Passfälscher – Die unglaubliche Geschichte eines jungen Grafikers, der im Untergrund gegen die Nazis kämpfte
FISCHER Taschenbuch
Erschienen am 01.07.2006
240 Seiten
ISBN: 978-3-596-16446-2


*Eine erste (teil-)fiktive Radtour in zwei Etappen schrieb er während des Lockdowns im Frühling 2020: Zweibrücken-Andorra und Andorra-Bretagne.

Ausgelesen #35 | Was ich im Wasser sah von Katharina Köller

Überleben. Das ist für mich die Essenz von Katharina Köllers erstem Roman Was ich im Wasser sah.

Hier geht es ums Überleben der Ich-Erzählerin Klarissa Grill zum einen, ums Überleben einer ganzen Inselgemeinschaft zum anderen. Und es geht darum, dass letztlich alles schwankt. Die ganze Welt.

Das Buchcover zeigt die sich über das ganze Bild ausdehnende Grafik zweier roter Fische. Der untere verschlingt den oberen. Der Hintergrund ist hellblau. Über das ganze Bild sind untereinander in weißer Schrift der Name der Autorin, der Buchtitel und der Name des Verlags zu lesen.
Buchcover

Vor ihrer Brustkrebsoperation hat Klarissa entgegen aller Empfehlungen entschieden, sich keine Silikonbrüste machen zu lassen. Stattdessen lässt sie sich eine Weile später einen Oktopus stechen. Dieses Tier würde es dem Krebs, der sie fast aufgefressen hatte, zeigen. Ihr Oktopus würde sie schützen und sie daran erinnern, dass sie überlebt hat. Mehr schlecht als recht schlägt sie sich – nach der Operation noch immer rekonvaleszent und depressiv – als Imbissverkäuferin auf dem Festland durch. Angestellt bei SUNFISH steht sie tagtäglich in ihrer Filiale und verkauft Burger und Cola.

Wer ist sie denn überhaupt noch, jetzt, so ohne Brüste? Ist sie noch die Filmerin, die Künstlerin von früher? ist sie überhaupt noch Frau oder eher Un-Frau? Sie beschließt, sich nichts mehr wegnehmen zu lassen, sich keine fremden Realitäten aufpropfen zu lassen und sich immer bewusst zu sein, dass sie eine Überlebende ist.

Eines Abends erwartet sie ihr Bruder vor dem Laden. Lange hat sie ihn nicht mehr gesehen, lange war sie nicht mehr zuhause, auf der Insel. Lange hat sie ihre Familie gemieden. Bill kommt mit schlechten Nachrichten, was Klarissa dazu bewegt, mit Bill in ihre WG zu gehen, ihre Sachen zu packen und ihn nach Hause zu begleiten. Auf ihre Insel.

»Nun kehrt sie zurück – zurück zur ’Schwankenden Weltkugel’, dem Gasthaus auf der Klippe, zurück zu ihrem Vater, dem wortkargen Meister der Fischkunst, zu ihrem gutherzigen Bruder Bill und ihrer Schwester Irina, die an jenem Tag zu ihnen stieß, als Klarissa fast im Meer ertrank. Irina, dieses seltsam-schöne Mädchen mit den kalten Fingern und goldenen Augen, von dem niemand weiß, woher es kam. Doch die Insel hat sich verändert: Fischerboote und Fischmarkt liegen brach, hoch in der Luft rotieren gläserne Windräder, und am Boden tummeln sich zeckenartige, metallene Gebilde, deren Funktion strengster Geheimhaltung unterliegt. Dann aber werden die Inselbewohner vom Großkonzern STARFISH, der über die Insel herrscht und als Vorreiter grüner Energie gilt, aus ihren Wohnungen verdrängt, der Pachtvertrag der ’Schwankenden Weltkugel’ aufgekündigt, und in ihrer Schwester gehen rätselhafte Veränderungen vor«

Quelle: Klappentext (FVA)

STARFISH verändert die Insel und ihre Menschen. Warum erzählt Bob, ein alter Kumpel, nichts von seiner geheimen Arbeit für STARFISH? Und warum darf Klarissa dort nicht filmen?

Klarissa erzählt in Rückblicken aus ihrer Kindheit und es wird bald klar, dass ihre Schwester Irina in dieser Geschichte die zweite Hauptrolle spielt. Die beiden verbindet eine tiefe Liebe, die immer kurz davor steht, erneut verloren zu gehen. Wie damals, als Klarissa mit ihrem heutigen Ex-Freund Robin zusammen auf die Insel gekommen war.

Köllers Sprache ist sinnlich und nüchtern zugleich. Die von ihr erzählten Ereignisse finden überall statt. Jetzt. Immer. Obwohl Köllers Figuren letztlich allesamt universelle Archetypen sind, versinkt ihre Erzählung niemals in Verallgemeinerungen. Die ganze Geschichte lässt sich als Metapher lesen, ist gleichsam eine Art surreales Märchen für Erwachsene und die Insel dient als universelles Mikrokosmos und ist letztlich eine weitere Hauptperson in dieser Geschichte.

Klarissas Welt ist ebenso surrealistisch wie alltäglich, wirklich wie unwirklich. Und bestimmt ist es nicht zufällig, dass Katharina Köllers Roman den Titel eines Bildes von Frida Kahlo trägt. Die Kahlo hatte es 1938 gemalt, als ihre Ehe mit Rivera in Auflösung begriffen war.

Und um Auflösung geht es auch in Klarissas Leben. Was war, löst sich auf und macht Neuem Platz. Neuen Beziehungsansätzen, neuen Perspektiven. Und neuen Verlustängsten. Alles was ist, kommt auf den Prüfstand.

Zwischen ihre Alltagserzählung schiebt Klarissa zehn nummerierte Texte in kursiver Schrift mit der Überschrift Was ich im Wasser sah ein. In diesen Texten geht es um Irina, um dieses Wesen, das aus dem Meer gekommen ist. Dieses Wasserwesen, diese unzähmbare Frau, die sich schließlich doch zähmen lässt und sich ab da immer mehr aufzulösen beginnt. (Hier drängen sich mir im Rückblick Verbindungen zu Andersens Meerjungfrau auf.)

Bei Köller geht es jedoch um mehr als nur um die fragilen Beziehungen zwischen ihren Figuren, um mehr als enttäuschte Freundschaft, verratene Ideale und unmögliche Liebe. Es geht auch und vor allem um das Wesen der Natur, um die Erkenntnis, dass es Wesen gibt, deren Mund zugleich ihr After ist, und die darum ihre Beute verschlingen können, indem sie sich selbst umstülpen. Wieder so ein Bild, das nachhallt.

Es wird klar, dass Unglück, das der Natur angetan worden ist, sich letztlich nicht ungeschehen machen lässt. In der Verantwortung stehen allerdings nicht nur die Täter:innen, sondern auch die Mitwissenden. Gift verströmt unsichtbar. Aber nicht unmerklich …

»Denn die Schachtel, die eine Büchse der Pandora war, die man aufmachen, aber nie wieder schließen konnte, trieb im Hafen und verstrahlte die Insel mit unglücklicher Liebe.« (S. 252)

Klarissas Alltagsdinge spiegeln die globalen Dinge. Das Große im Kleinen.

Schließlich spitzen sich die Ereignisse zu und auf einmal geht es um Leben und Tod. Um das Überleben. Und genau darum geht es letztlich immer.

Katharina Köllers Buch hat mich von der ersten Seite an berührt. Ich mag die Bildkraft und Sinnlichkeit ihrer Sprache, aber ich mag auch ihre Figuren und deren Vielschichtigkeit und Tiefenschärfe. Aus Klarissas Sicht erzählt, deren Blick der einer Filmerin ist, bekommen solche erzählerischen Qualitäten einen Doppelsinn. Kurz gesagt hat mich diese Erzählung von Anfang bis Ende überzeugt und ich empfehle sie herzlich zum Lesen.

Herzliches Dankeschön an die Autorin und die Frankfurter Verlangsanstalt für die aufwühlenden Lesestunden mit diesem Rezensionsexemplar.


FVA
320 Seiten
September 2020
Hardcover
ISBN 9783627002794
22,00 *
E-Book
ISBN 9783627022891
14,99 €

Ausgelesen #34 | Hope Hill Drive von Garry Disher

Ein Buch wie ein Song. Blues. Rock. Garry Disher ist ein Meister des Fading wie wir es aus der Musik kennen, denke ich, als ich das Buch zuklappe. Das Buch hört so leise auf, wie es angefangen hat.

In der unteren Bildhälfte ist die Stirnseite eines alten einstöckigen Gibelhauses zu sehen. Die Fassade desselben besteht aus zusammengestückelten ausgebleichten rotbraunen Holzflächen. Die zwei Fenster im Erdgeschoss sind zugemauert. Darüber, am blauen Himmel, stehen in schwarzer Schrift der Autorname, darunter in roter Schrift der Buchtitel und kleiner geschrieben das Wort Kriminalroman. Unter rechts der Name des Verlags.
Buchcover

Hochsommer. Das Land seufzt unter der Hitze. Ein Provinzpolizist, der eben noch bei einem Farmhaus, wo Brand gelegt und Kupferdraht gestohlen wurde, bei Feuerlöscharbeiten geholfen hat, findet auf dem Rückweg zum Revier einen abgemagerten Hund, auf den eine aktuelle Vermisstenmeldung passt. (Hier sich im Hintergrund ein einsames Saxophon vorstellen.)

Alltag im australischen Outback, wie ihn Paul Hirschhausen, von allen Hirsch genannt, kennt. Er mag seine neuen Aufgaben und geht ihnen mit einem herzlichen Engagement nach. Disher zeichnet seine Hauptfigur als unspektakulären Alltagsmenschen, was mir diesen sofort sehr sympathisch macht. Grummelige Superhelden ohne Privatleben gibt es schließlich genug. Wobei: Pauls Privatleben kommt in diesen zwei Wochen, von denen hier erzählt wird, auch eher zu kurz. Er muss sogar auf die eigentlich freien Weihnachtstage mit seiner Freundin Wendy und deren halbwüchsiger Tochter Katie verzichten. Zwischendurch sehen sie sich zwar, doch so richtig erholsam sind diese Tage nicht.

Der kleine Ort Tiverton bereitet sich auf das alljährliche Santa Claus-Event vor, bei dem diesmal Paul als offiziell gewählter Santa Claus hoch zu Ross allen Kindern Geschenke verteilen darf. Zugleich soll er, als Chef der örtlichen Polizeistelle, die Hausbesitzer:innen mit der schönsten Weihnachtsbeleuchtung küren.

Langsam bekomme ich als Leserin einen Blick und ein Gespür für den Ort, für die Menschen, für die Energie, die diesen Landstrich beherrscht. Zänkereien, Neid, psychische Krankheiten, Drogen und häusliche Gewalt gibt es auch in diesem Irgendwo im Nirgendwo. Hirsch gelingt es mit seiner empathischen und klaren Art, zu deeskalieren. Jedenfalls fast immer. Und fast immer sieht er, wenn die Menschen, die abdriften, einsichtig sind, von Strafverfolgung ab. So auch bei einer jungen Frau, deren Kind im geschlossenen Auto fast einen Hitzschlag erlitt, weil diese eine Minute zu lange für eine Besorgung gebraucht hatte.

Langsam nimmt die Lautstärke zu, der Rhythmus wird härter und schneller, der Sound wird dichter, und auf einmal findet sich Hirsch inmitten vieler einzelner Verbrechen, die so gar nicht an diesen Ort passen wollen. Tot gestochene Pferde zum einen, zum anderen zwei Leichen und zwei Mädchen auf der Flucht.

Verstärkung aus Sydney trifft ein und gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen aus den nächstliegenden Revieren gilt es die einzelnen Fälle aufzuklären. Weil Hirsch die Menschen hier am besten kennt, wird er – trotz seines niedrigen Rangs – immer wieder als Schlüsselfigur einbezogen. Und er ist es denn auch, der am Ende die Fäden aufdröselt und das Fade-Out schafft.

Auf einer Metaebene der Geschichte liest Paul immer wieder in einem alten Tagebuch, das er in der Schublade seines neuen Arbeitsplatzes gefunden hat. Das Tagebuch erzählt die Geschichte der Kolonialisierung Australiens aus der Sicht weißer Einwanderer, die den Anspruch hatten, sich alles zu unterwerfen. Ich höre ein Bassgitarre-Solo. Gestern und heute verweben sich in Hirschs Gedanken.

Jedes Dorf hat seine Gwynnes und seine Flanns, dennoch lässt sich Disher nicht auf stereotypisches Wiederholen von Klischees ein und selbst Nebenfiguren zeichnet er mit deutlicher Tiefenschärfe. Ich habe mich von Dishers Komposition mitreißen lassen und das Buch geradezu verschlungen.

Die bildhafte, sinnliche, unaufgeregte Sprache Garry Dishers hat mein Kopfkino inspiriert. Der Stoff eignet sich für eine Krimi-Serie, eine Mini-Serie, denn an Fäden, die es aufzuklären gilt, mangelt es nicht. Sogar den Soundtrack kann ich bereits hören.

Ich bedanke mich herzlich beim Autor und beim Team des Unionsverlages für die anregenden Lesestunden mit diesem Rezensionsexemplar.


Unionsverlag
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Erschienen im September 2020
Hardcover, 336 Seiten
€ 22.00, FR 30.00, €[A] 22.70
Gebunden
ISBN 978-3-293-00563-1
E-Book
€ 18.99
ISBN 978-3-293-31093-3 (EPUB)
ISBN 978-3-293-41093-0 (Kindle)
ISBN 978-3-293-61093-4 (Apple)