Ein Rätsel

Gesucht wird hier ein sprachaffines Fünfer-Team …

N.
rück grat!
Wer sonst?
Oben. Unten.
Eindeutig klar!

G.s Hingabe galt der Diagonalen,
schon immer.
Schiefe Ebene,
weich.

Wem D. gefällt,
gefällt auch mir.
Liegt braun
und erdig da.
Gehört allen.

A., wen suchst du?
Sind alle schon weg!

Das heißt:
Ganz hinten steht noch einer,
durch den heute keiner mehr will.

Doch die alten Römerinnen mochten A..
Wozu auch immer.
Oder wodurch?
Weil er die Antworten kannte womöglich.


Dieses lyrisch-grammatikalische Rätsel fand ich neulich in meinem Uraltblog.

Wer sind N., G., D., A. und A.?

Ausgelesen #30 | nichts – Gedichte von Manfred Keitel

Dass Manfred Keitel ein sehr inniges Verhältnis zu Sprache hat, wird mir spätestens beim Öffnen des kleinen Büchleins klar. Schnell bekomme ich den Eindruck, dass der Autor inmitten von Wörtern lebt. Da ist etwas Organisches, Selbstverständliches, das mich sofort berüht. In seinen fünf Kapiteln lädt er uns ein, die Welt durch seine Augen und mit seinen Worten im Ohr zu betrachten und zu erfahren. Eine sinnliche, eine feinsinnige Reise.

Mal sind es melancholische Texte, mal heitere, mal absurde, komisch-verspielte, liebevolle, mal dem Tod hin-, mal der Liebe zugewandte. Allesamt mit einem feinen Gespür für die vielen Schichten mancher Worte, für Wendungen und Kontraste, für Quer-im-Raum-Stehendes und für Paradoxien geschrieben. Wenn ich mich auf die oft nur kurzen Texte einlasse, horche ich ihrem Nachhall; manche einzelnen Zeilen lese ich wieder und wieder, weil ich ihren Sinn und den Sinn dahinter und den darunter hören will, verstehen vielleicht sogar. Und jedes Mal sehe ich irgendwo noch ein weitere Bewegung, die ich beim ersten Lesen nicht gesehen habe. Das hier ist ein leises Buch, eins das inspiriert und zum Innehalten einlädt. Ich bin sehr angetan.

Es folgen ein paar Zitate.

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weiter hin

der Träumer ist weiterhin erwacht
Der Träumer ist weiterhin eine Katze

Zwischen Sternen ruhen Nächte
und er schläft doch nie
Was schläft ist anders wach

Es ist Gesang nur
und damit Welt
Weite weit aus die Ströme der Nacht

S. 9

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Ohne Deckel (Luftbestattung)

Ich wünsche ich könnte
Am dem Loch sterben

An der Lücke die er
In meinem Herzen
Dem daSein hinterließ
Mein Leben wäre erfüllt

[…]

S. 10

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Sternlüstergeflüster

ich bin den Sternen
von den Maschen gerutscht

für zu leicht befunden
im Staub zusammengekehrt
herab zum Ich geballt

nur wir im Dunkeln funkeln
glitzern sternschnuppenleer

S. 29

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alles rundum ist randvoll mit Heißhunger gestillt

keiner ist frei
Jeder bei sich
Selbst Wurzeln schlängeln

S. 51

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Kurz gesagt: Herzliche Leseempfehlung!

(Und nein, mein Büchlein ist kein Rezensionsexemplar. Ich habe es mir selbst geschenkt.)


Manfred Keitel | nichts | Gedichte

Mit einem Nachwort: Erratanomicon.
Mai 2019. 62 S.
Titelbild von Peter Thiersch. Umschlaggestaltung von Anke Enzmann
Format 12,8 x 20,8 cm.
ISBN 978-3-936905-71-7
Verlag ERV
13,80 €

Zur Webseite des Autors gehts hier lang.

Ausgelesen #24 | Der Mensch ist frei – ein Rheinland-Pfalz-Lesebuch

»Die beiden großen Zweibrücker Künstlerfamilien mit fünf Mitgliedern vereint in einem Buch – das gab es noch nie!«, schreibt Andrea Dittgen, die Kulturredaktorin der Rheinpfalz, am 12. Dezember in der Zweibrücker Ausgabe.

Buchcover Der Mensch ist frei [Pinker Einband mit Schreibmaschine in der Bildmitte. Oben Titel, unten Untertitel, Herausgeberschaft und Verlag]
In der vor zwei Tagen erschienenen Anthologie, die ich als Rezensionsexemplar schon ein paar Wochen vorher bestaunen und anlesen durfte, finden sich Texte unterschiedlichster Art.

Was für ein schönes Buch!, dachte ich, als ich es auspackte. Ein geradezu haptisches Erlebnis ist es, das hochwertig hergestellte Buch aufzuklappen und das feine, ästhetisch ansprechend bedruckte Papier anzufassen. Dazu ein pinkes Lesebändchen! Herz, was willst du mehr?

Gute Texte zum Beispiel, klar! Und ja, die gibt es. Zuhauf.

Erzählungen, Lyrik, Familiengeschichten, dazu auch Texte über Texte – so viel verrät das Inhaltsverzeichnis über die Gliederung. Umrahmt und eingeleitet werden die einzelnen Kapitel von den sowohl spannenden als auch informativen Metatexten der beiden Herausgeber Michael Au und Alexander Wasner. Michael Au leitet seit 2010 das Mainzer Referat Literaturförderung im Kultusministerium, Alexander Wasner arbeitet als Redaktor und Autor beim Südwestrundfunk und redigiert seit 2001 die ARD-Sendung ’lesenswert’. Das Team hat also die idealen Voraussetzungen für diese literarische Momentaufnahme, für diesen sogenannten Gegend Entwurf durch das Bundesland Rheinland-Pfalz.

Neben den erwähnten ’großen Zweibrücker Künstlerfamilien’ – gemeint sind hier die Ohlers und die Rincks – darf ich auch ein Interview mit der Autorin Root Leeb und ihrem Partner, dem Wahl-Rheinlandpfälzer Rafik Schami, lesen.

Das Buch fordert heraus, darüber nachzudenken, wie frei der Mensch tatsächlich ist.

Ob sich diese Freiheit womöglich auf Bahnhöfen finden lässt? Monika Rinck, Lyrikerin aus Zweibrücken und Wahlberlinerin, schreibt  in ’Landschaft ist Topf am Bahnhof’  über den Bahnhof Pirmasens Nord. Sie spricht von vermeintlicher Endgültigkeit und von Verlangsamung. In ’Sie können Schotter nicht vorstellen’ hinterfragt sie die Ehrlichkeit von Gegend. Mit vielsinnigem Wortwitz führt sie uns an Grenzen und stellt in ’Du weißt es nicht’ in Frage, ob es einer Gegend reicht, wenn eine Person, ein Kind, am Straßenrand winkt.

Wann ist Gegend Gegend und was genau ist Ankommen? Kann man denn überhaupt je ankommen, wenn man ein Reisender ist, ein Artist-in-Motion, einer, der von A nach B unterwegs ist? Der Konzeptkünstler Jürgen Rinck, der zwei Blogtexte zur Anthologie beigesteuert hat, ist im ersten der beiden Texte unterwegs – wie so oft. Doch auf einmal hält er inne. Und isst. Wie es dazu kam, dass er eine Stunde später mit Joseph, dem Mann jenseits des Gleises, Omelette verspeist? Buch aufschlagen. Lesen.

Ein Buch, das zum Schmöckern, Eintauchen und Nachdenken einlädt und sich der Frage nach der Freiheit aus immer wieder anderen Blickwinkeln annähert.


Michael Au/Alexander Wasner (Herausgeber): „Der Mensch ist frei – Gegend Entwürfe 2018.
Lesebuch für Literatur aus Rheinland-Pfalz 2018. Band 2“
ISBN: 978-3-8260-6318-3
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2018
300 Seiten
Erschienen am 12. Dezember 2018
24,80 Euro

Manchmal so

Manchmal kommt Manchmal bei mir vorbei.
Manchmal spiele ich mit Manchmal.
Draußen oder drinnen – manchmal so, manchmal so.
Manchmal Himmel und Hölle, manchmal Stille Post.

Und ja, manchmal wäre ich gerne wie Manchmal.
Und manchmal wäre ich gerne anders anders.
Manchmal wäre ich zum Beispiel gerne so wie X.
Und manchmal lieber so wie Y.

Manchmal aber bin ich gerne so wie ich bin.
Immer öfter – jedenfalls manchmal.

Häutung vielleicht

Diese Schicht, die ich im Blick auf die Welt da draußen aus Zorn und Wut und mit Trauer als Mörtel um mein Herz gepackt habe, ist verkrustet, verdorrt, von mir abgefallen.
Aufgeweicht, von Tränen weggespült worden.
In der Umarmung des Liebsten hat sie sich in Luft aufgelöst.

Egal wie. Hauptsache weg.

Weich wieder.
Schwach sein zu dürfen.
Dem Fieberfeuer, dem Feuerfieber nachzugeben.
Schlafen.

Ich setze mich neu zusammen.

Meinem Körper geben, was er braucht. Mir geben, was ich brauche. Vitamine. Berührung. Frische Luft. Liebevoll gemeinsam gekochte Mahlzeiten.

Ruhe. Als könnte ich die Welt ein bisschen anhalten. Illusion nur, wenn auch nicht die schlechteste.
Ein bisschen bunt mich zu fühlen mit dir, in all dem Grau.

Egal.

Ohne
Leidenschaft,
Begeisterung,
Liebe
wird alles nichts.
Mit
Leidenschaft,
Begeisterung,
Liebe
wird nichts alles.

Manchmal, ich gestehe es, manchmal
möchte ich alle Wesen
in Liebe baden und sie so
von allen ihren Wunden heilen.
Nenn es Größenwahn.
Im Grunde spielt es keine Rolle
wie viele
wie wenige
ich
mit meinem Herz,
mit meiner Liebe,
mit meinen Texten berühre.
Viel oder wenig
ist mehr oder weniger

egal.

Mitten im Yoga
zu begreifen,
dass, wenn doch
alles irgendwie
(hm, nun ja,)
göttlich
(oder so?)
ist, auch ich
es bin.
Ein Fünklein davon.
Ein Splitterchen.
Du auch.

Muss ich mich
erst fest stellen,
nur um festzustellen,
dass ich
nicht muss?
Und nichts.

Dieser Tage

Während ich diese Zeilen schreibe,
während du diese Zeilen liest,
während sie über die Straße geht,
während er den Zug besteigt,
während sie im Büro sitzt,
während sie zu Mittag essen,
während sie sich zärtlich umarmen,
während er die Seite umschlägt,
während du die Tafel putzst,
während ihr um Hilfe ruft,
während ihnen dort Hilfe gewährt wird,
während euch hier Hilfe verweigert wird,
während man dir nicht zuhört,
während du den Vertrag unterschreibst,
während sie auf dem WC sitzt,
während er vom Jagdhochsitz aus Rehe beobachtet,
während ich huste,
während er schläft,
während sie die Wände neu streicht,
während es hinfällt und wieder aufsteht,
während sie ihn auslachen,
während alle Charlie sind,
während in Nigeria Menschenrechte ignoriert werden,
während in Köln oder in Berlin eine Asylbewerberin aufgenommen wird,
während in Dresden ein Mensch begreift, dass es auch anders geht,
während sie in Zürich den Kopf schüttelt,
während er in Bern auf die Uhr schaut,
und ich hier aus dem Fenster,

fällt hier kein Schnee. Möglicherweise woanders.

HochsitzAb Februar bin ich (offiziell wieder) nur noch teil-selbständig. Ich hoffe, meine neue Arbeitsstelle wird zu mir passen wie ein paar perfekte Schuhe, wie meine bequemste Jeans und wie mein Lieblingspulli.

Während du das liest,
unterschreibe ich vielleicht gerade den neuen Arbeitsvertrag.

Und du?

Ewige Pilgerschaft

Ein Pilger ist einer, der eine Haltung sucht zu Ranken
und anderen Fesseln, doch welche? Soll ich sie
mit meinem scharfen Pilgermesser abhacken, so
schnell sie wachsen? Oder sie hegen und pflegen und
jeden Tropfen, egal welchen Wassers, auffange, um sie
in ihrem Ringen zu stärken? Liebe ist das
Geheimnis im Innern dieses Gehens. Wie
ein Hund läuft sie uns voraus aus dem Bild.*

Was willst du festhalten, Frau?
Worum sorgst du dich?
Was pflegst du?
Und was lässt du los?

Wofür gehst du?
Wofür brennst du?
Was ist das Holz,
was das Öl deines Lebensfeuers?

Und womit löschst du den Brand?
Womit deinen Durst?

Was schneidest du ab und wozu?
Was lässt du wachsen und wohin?

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* Den ersten Abschnitt zitiere ich aus Anne Carsons Die Anthropologie des Wassers; Aus Burgos, 3. Juli.