»Jede noch so kleine Fläche wird mit einem Solarpanel bestückt«

Wie so ein Schutzgitter aus ganz feinem Draht fühlt es sich an, was ich da um mich herum gesponnen habe vor den Ferien. Ich nenne es nicht digitales Entgiften – weder auf Deutsch noch auf Englisch – denn es ist ja nicht alles Gift. Es war einfach alles zu viel. Im nicht-virtuellen Leben ebenso wie im virtuellen, im persönlichen ebenso wie im öffentlichen. Zu viele Informationen, zu viele Katastrophen, zu viele Eindrücke und Reize, und darum herum auch zu viel Hitze.

Es war eine leise und eher halbbewusst getroffene Entscheidung, mich während der Ferien von jeglichen Nachrichtenfluten fernzuhalten und mich einfach mal nur auf das für mich Wesentliche zu fokussieren.

Da war die Wanderung. Der nächste Schritt, immer nur der nächste Schritt. Im Kleinen ebenso wie im Größeren: Wie sieht der nächste Streckenabschnitt aus? Muss ich meine Wasserflasche ganz füllen oder kann ich mich von Brunnen zu Brunnen satttrinken? Wo picknicken wir? Wo bauen wir das Zelt auf? Wo pinkle ich, wo kaufen wir ein, wo lassen sich unsere Solarpanels hinlegen oder aufhängen, damit wir unsere Handys laden können? Solche Dinge.

Das Nachrichtenfasten ist mir ziemlich gut gelungen, ich habe nicht einmal die Nachrichtennewsletter geöffnet. Außerdem gab es ja auch vor und nach der Rückkehr ins heimische Nest genug schwierige Nachrichten im persönlichen Umfeld, die mich, die uns beschäftigt haben.

Je näher nun mein Alltag mit Terminen und Arbeit wieder rückt, desto dünner wird mein Schutzgitter aus feinem Draht, das ich mir vor den Ferien gesponnen habe. Es erinnert mich an das Blasenpflaster, das ich mir in Naters gekauft und an die Ferse geklebt hatte. Eine dünne, durchsichtige Kunststoffhaut war das und es hieß dabei ausdrücklich, dass es nicht vor seiner Zeit abgelöst werden solle, denn es löse sich von allein ab. Tatsächlich. Die vorherigen Blasenpflaster, schon älteren Datums, hatten sich jeweils nach einem Tag mit Wasserkontakt und Wanderschuhstrapazen abends wieder gelöst und ein neues Pflaster erfordert, um die Blase zu schützen, die sich hartnäckig an meinem linken Fersenknöchel hielt.

Das neue Pflaster aber hielt fast eine Woche und als ich es schließlich dann doch entfernte, hatte sich darunter bereits neue Haut gebildet.

Unter meinem dünnen Schutzgitter, in das ich mich Anfang Ferien gesponnen habe, ist womöglich auch eine Art neue Haut entstanden, die mir hilft, dem Alltag wieder gelassener zu begegnen als davor, da meine eh schon dünne Haut noch dünner geworden war.

Gestern Morgen öffnete ich das erste Mal seit Ferienbeginn den samstäglichen Republik-Wochenend-Newsletter, überflog ihn und öffnete einen Artikel. In »Das Ziel Nummer zwei« erzählt Simon Shuster, wie es Olena Selenska nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine ergangen ist und wie sie sich heute schon auf die Traumafolgen der Menschen nach dem Krieg stark macht, indem sie unter anderem Weiter- und Ausbildungen für Therapeut*innen aufgleist, die den vom Krieg traumatisierten Menschen helfen werden. Da ist so viel verzweifelte Hoffnung in diesem Ansinnen. Das Ende des Krieges wird kommen. Hoffentlich bald.

Und ic? Ich habe, beschämenderweise, auch diese Katastrophe, diesen Krieg bereits in meinen Alltag integriert, irgendwo neben all den anderen Katastrophen, weil da kein Platz mehr für noch mehr Krise ist.

Der erwähnte Text hat mich jedenfalls zutiefst berührt und ist mir unter die neue, ein bisschen nachgewachsene Haut gefahren.

Mir geht es aktuell, und sogar schon eine ziemliche Weile, ziemlich gut. In mir drin, mit mir und in meiner kleinen Blase, habe ich meistens Boden unter den Füßen – trotz der schwierigen Dinge im nahen Umfeld, die mich mitbetreffen. Dennoch, nein, habe ich wenig Hoffnung, dass die Welt sich irgendwie noch zum Guten verändern könnte, grundsätzlich, langfristig. Gucke ich auf das Kleine, sehe ich viel Schönes, Gutes, Ermutigendes, Heilsames, aber der Blick auf das Große und Ganze zeigt ziemlich viel ScheiXXe.

Es fühlt sich an, sage ich zum Liebsten, als hätte ich fast zwei Wochen unter einer Decke gelebt, mich feige vor der Realität versteckt.

Wie kann ich (wie können wir) mit der Nachrichtenflut umgehen, ohne uns entweder vor Mitgefühl selbst zu zerfleischen und kaputt zu machen oder aber zu abgestumpften, nicht mehr mitfühlenden Menschen zu entwickeln? Wie könnte der Mittelweg aussehen?

Funktionieren Mittelwege überhaupt noch angesichts all der Katastrophen; müsste ich nicht viel konkreter denken, leben, handeln? Und wenn ja, wie? An welchem kleinen Ort wäre mein Handeln möglich, für mich, und sinnvoll, hilfreich?

Die Wasserfässer in Irgendlinks Garten sind noch recht gut gefüllt. Das im Winter und Frühling vom Dach gesammelte Regenwasser hat gute Ernten ermöglicht. Was aber, wenn es einfach nicht mehr regnet (oder schneit) und die Quelle hier oben auf dem Einsames-Gehöft-Berg versiegt, wie schon manche Flüsse?

Wir haben eigentlich nur eine Chance zu überleben: Es muss den Forschenden bald gelingen, das Meerwasser trinkbar zu machen. Außerdem braucht es auf allen Hausdächern, über allen Parkplätzen, auf jedem Stück Brachland und wo immer es möglich ist, Solaranlagen, die für Energie sorgen. Und Windräder an allen möglichen Stellen. Und Bäume. Überall. Teerplätze müssen aufgebrochen und an jeder freien Stelle Bäume gepflanzt werden.

»Jede noch so kleine Fläche wird mit einem Solarpanel bestückt«, sage ich.
»Jede Glatze!«, sagt der Liebste.
»Genau Glatzen! Und Hüte. Und Schirme. Jacken. Kleider. Und überall Powerbanken, die die Energie unmittelbar speichern. Das sollte doch möglich sein.«

Neulich schrieb ich auf Mastodon:

»Die Schweizer Flüsse haben noch gut Wasser.
versus
Die Schweizer Gletscher schmelzen so unaufhaltsam und endgültig wie die Polkappen.
Fertig mit Ewiges Eis.«
(Quelle)

und

»Es hat ganz schön abgekühlt da draußen. Die ganze Nacht war Durchzug. Auch die Wohnung ist nun wieder kühl. Es riecht nach Regen.
Dankbarkeit.

Dennoch denke ich oft: „Wir leben in der Galgenfrist!“ und „Lieber Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende?“«
(Quelle)

Dennoch habe ich noch Träume:

»Ich habe heute Nacht von schweizweit (oder auch andere Länder) flächendeckenden |en Sonntagen geträumt. Also ganzjährig, immer & überall. Nur noch ÖV lief.
War echt schön!«
(Quelle)

Vielleicht sind es doch die kleinen Dinge, mit denen wir es doch noch schaffen werden? Gemeinsam. Vielleicht.

Was alles nicht sein kann

Was alles nicht ist, aber sein könnte, wenn.
Unendlich viele ungelebte unlebbare Parallelleben.

Was wäre aus dem jungen Mann, der später mein Vater wurde, geworden, wenn er nicht die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges, mit 18 oder 19, zur Rekrutenschule eingezogen worden wäre, um die Schweizer Grenze im Tessin zu bewachen?

Was wäre aus der jungen Frau, die später meine Mutter wurde, geworden, wenn sie nicht jene einschneidenden, übergriffigen Erfahrungen gemacht hätte, über die sie nie gesprochen hat und die ich darum nicht wirklich ermessen kan?

Was wäre aus der jungen Frau, die ich einst war, geworden, wenn sie nicht jenem einen Menschen begegnet wäre, dessen traumatisierende Handlungen ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt haben – und zwar so nachhaltig, dass sie noch immer daran leidet?

Was wäre aus dem jungen Menschen geworden, wenn er nicht diesen schlimmen Infekt bekommen hätte, der zu einer schweren chronischen Erkrankung wurde, die ihn nun schon seit vielen Jahren ausbremst?

Was wäre aus der jungen Frau geworden, wenn bei ihrer Geburt die richtigen Maßnahmen hätten ergriffen werden können? Ob sie heute gehen könnte und wie dann ihr Leben aussähe?

Was wäre aus dieser jungen Mutter geworden, die nun mit ihren zwei Kindern in einem kleinen deutschen Dorf sitzt, fernab von ihrem Mann, dem Vater ihrer Kinder, der sein Land vor russischen Soldaten verteidigt?

Was wäre aus diesem junge Mann geworden, der mit einer Waffe ausgestattet gegen seine tiefe pazifistische Überzeugung in einen Krieg geschickt wurde, den er nicht will?

Und vergessen wir die Tiere und Pflanzen nicht, denn was wären wir ohne sie!
Was wäre aus all diesen Hühnern, Schweinen, Kälbern geworden, wenn Menschen sie nicht in Schlachthäuser gebracht hätten, um ihren Fleischhunger zu stillen?

Was wäre aus all diesen Bäumen geworden, wenn Menschen sie nicht gefällt hätten, um an ihrer Stelle Häuser, Straßen oder Monokulturen anzubauen?

Gestohlene, verlorene Leben nenne ich das für mich.

Wir alle, jedenfalls fast alle, haben gestohlene, verlorene, nicht wahrgenommene Möglichkeiten. Kleinere und größere. Und je nachdem, wann diese Ereignisse eintreten und mit welcher Wucht, kann das unsern ganzen Lebensentwurf grundlegend verändern.

Letztlich ist es Zufall, ob wir ein Leben in Würde führen können.
Es ist Zufall, wo wir geboren werden, mit welcher Hautfarbe, mit welcher gesundheitlichen Konstitution, mit welcher mentalen Ausstattung, mit welcher sexuellen Präferenz, mit welchen Talenten.
Es ist Zufall, ob wir dort, wo wir geboren wurden, entsprechend unserer Identität leben können.

Manche von uns schaffen es trotz schlimmster Voraussetzungen ein gutes, ein zufriedenes Leben zu leben.
Manchen fehlen dazu die Kraft und die Fähigkeit.
Anderen das Vertrauen.
Vielen die Perspektive
Fast allen die Liebe.

Was wohl aus all diesen Kindern wird, die heute irgendwo auf dieser Erde unterwegs auf der Flucht sind – vor einem Krieg oder weil ihr Land verdorrt ist, überschwemmt, unbewohnbar geworden?

Was wäre, wenn?
Wäre das andere, das ungelebte, das unlebbare Leben ein besseres?

Leben im Konjunktiv.
Anders geht nicht.
Leben in der Vorläufigkeit.
Weil Leben nie zuverlässig, nie vorhersehbar ist.

Der Traum vom Ideal.
Die Sehnsucht nach Freiheit.
Der Wunsch nach Zufriedenheit und HappyEnd.

Nichts davon haben wir auf sicher.

Falsche Rücksichten

Manchmal wünsche ich mir die Naivität zurück, die ich noch vor wenigen Jahren hatte: Den ziemlich festen Glauben daran, dass wir als Gesellschaft das Steuer nochmals herumreißen können. Die Illusion, dass wir alle es im Grunde gut miteinander meinen und unser Bestes geben, um die Welt einen lebenswerten Ort sein zu lassen oder sie wieder zu machen.

Die letzten zwei Jahren haben meine Naivität und meine Illusionen nachhaltig zerstört.

Die aktuelle Lage ist desolat. In vielerlei Hinsicht. Klimakatastrophe und Pandemie. Das Virus breitet sich wieder fast ungezügelt aus. Es bräuchte dringend Maßnahmen. Für alle. Leider auch für jene, die geimpft sind. Doch unsere Regierungen sind stagniert, resigniert vermutlich, und lassen uns im Stich.

Ich habe ehrlich gesagt Angst davor, dass wir da nie wieder rauskommen, weil es immer wieder Menschen gibt, die sich dagegen sperren, solidarisch zu sein. Spaltung!, rufen sie. Und genau jene Menschen, die über Spaltung jammern, tragen meiner Meinung nach am meisten zur Spaltung bei. (Ob diese meine Meinung objektiv wahr ist, lässt sich wohl nicht feststellen.) Am meisten auf die Nerven geht mir die Diskussionen auf den einseitigen Anspruch auf Schonung jener, die sich impfen lassen könnten, es aber nicht tun.

Sollen wir also lieber weiterhin Rücksicht auf
a.) die wenigen Lauten und Gesunden, welche die Impfung (angeblich) ’nicht brauchen’ und darum unerwünschterweise an der Durchseuchung der Gesellschaft arbeiten,
nehmen, oder sollen wir uns wieder, wie am Anfang auf
b.) jene konzentrieren, die des Schutzes wirklich bedürfen, weil die Impfstoffe bei ihnen unzureichend wirken, weil sie krank, alt oder zu jung für eine Impfung sind, oder aus anderen Gründen besonders verletzlich.

Nein, es sind nicht die die Schwächsten der Gesellschaft, die sich heldenhaft nicht impfen lassen wollen (Betonung auf wollen), denn sie haben eine Wahl und bekunden mit ihrer Weigerung ihren freien Willen.

Die Schwächsten sind die, die keine Wahl haben. Kinder, Alte, Menschen in Pflegeheimen …

Ich freue mich für alle, die geimpft oder ungeimpft ihre Covid-Infektion gut überstanden haben. Gratuliere! Ihr seid privilegierte Menschen. Doch leider haben nicht alle so viel Glück. Es gibt nämlich keine Garantie für einen milden Verlauf und es ist nicht euer Verdienst, wenn eure Erkrankung glimpflich verlaufen ist, es ist schlicht ein Privileg.

Denn Gesundheit – machen wir es uns mal wieder bewusst –, Gesundheit ist ein Privileg, ein Geschenk, vielleicht Veranlagung und Erbe, vielleicht Zufall, aber Gesundheit ist sicherlich kein Verdienst. (Obwohl es natürlich helfen kann, wenn wir gut zu uns zu schauen in der Lage sind.) Trotzdem zählt vor dem Virus Vorgesundheit nicht wirklich und nicht immer. Manch vorher superfitter gesunder Mensch hatte einen schlimmen Verlauf. Oder zwar einen milden, leidet aber noch viele Monate später unter LongCovid – ohne Garantie, ob sich der Körper je wieder von diesem Infekt erholen wird.

Denn Krankheit ist etwas, das allen passieren kann. Auch jenen, die sich Sorge tragen. Krankheit ist keine Strafe. Kein Selbstverschulden.

Vor zwei Jahren, also noch vor der Pandemie, hat der Journalist Christian Kreil für Der Standard einen sehr spannenden Artikel über den Graben zwischen der sogenannten Schulmedizin und der Alternativen Medizin geschrieben. Und über die Impffrage. ( https://www.derstandard.de)

So viel ist klar: Ich werde den Begriff Schulmedizin nicht mehr verwenden, da ich jetzt seine heikle Herkunftsgeschichte kenne.

Ich zitiere:

»Impfgegner aus alternativen, grünen und veganen Milieus reagieren in der Regel verschnupft bis empört, wenn sie auf diese Geistesverwandtschaft angesprochen werden. Allerdings gedeiht die Attitüde der Seuchenfreunde nicht im ideologischen Vakuum. Die sprichwörtliche Anti-Vax-Mom der Gegenwart, die ihr Kind mit keinem “Giftcocktail” von “Big Pharma” “vollspritzen lassen” will, die stand schon 1933 Modell – in einem Sonderdruck des Nazi-Hetzblatts “Stürmer”. Die Anti-Vax-Mom der Nazis ist blond und hält ein deutsches Baby am Arm. Der “naturferne und verirrte Mediziner” hat eine Spritze in der Hand und eine Hakennase. Der Stürmer legt der Frau die Worte in den Mund: “So ist mir sonderbar zumut – Gift und Jud tut selten gut.”

[…]

Der Rechte wünscht sich die Auslese der Lebensunwerten durch die Natur, was uns nicht umbringt macht uns stärker. Das vulgär-darwinistische Denken hat überdauert. Wer heute in “impfkritischen” Foren Diskussionen verfolgt, wird das entlang zweier Phänomene beobachten: Zynismus gegenüber Kranken und Verklärung von Krankheit.

Die Natur sortiert Schwache aus – das gefällt Impfgegnern

Maserntote von heute sind nicht etwa Opfer der Impfmüdigkeit. Sie hätten – Impfungen hin oder her – ohnehin eine zu “schwache Konstitution.” Mit anderen Worten: Die Natur putzt aus, die Schwachen bleiben zurück. Die Krankheiten der eigenen Kinder werden als Stahlbad eines natürlichen Erwachsenwerdens verklärt, mitunter mit bizarren Vergleichen. Die von der Anthroposophie begeisterte Schauspielerin Sara Koenen vergleicht die Masern ihrer Kinder in einem Aufsatz mit einer Bergtour. “Wir feiern die gesunde Wiederkehr von der großen Masern-Bergtour.” Während der Masern musste eines ihrer Kinder mit Fieberschüben jenseits der 40 Grad übrigens im Krankenhaus versorgt werden. Trotzdem schwärmt Koenen rückblickend: “Mit Ehrfurcht erfüllt mich der Berg. Manche sind umgekehrt. Manche haben es nicht geschafft.” Das sind die Schwachen, und das ist damals wie heute offenbar gar nicht so schlecht.«

Quelle: Standard.at

Schwerwiegende Entscheidungen

Handeln wir angesichts größter Not und unter Lebensgefahr anders als wir es von uns gedacht hätten, wenn man uns im Voraus gefragt hätte? Sind wir wirklich die empathischen Menschen, für die wir uns gehalten haben, bevor uns diese eine Katastrophe in die Knie zwang?

Der größte gemeinsame Nenner der drei Bücher* und der einen Serie*, die ich im Laufe der letzten Woche gelesen, gehört und gesehen habe, ist diese eine Katastrophe, welche über die Protagonist:innen hereinbricht. Sei es Krebs (1), ein Attentat (2), eine Überschwemmung (3) oder eine traumatische Erfahrung (4) – Katastrophen zwingen uns zu handeln. Wie aber handeln wir?

Würden wir – wie Philipp (2) – geliebte Menschen im Stich lassen, um das eigene Leben zu retten? Würden wir – wie Barney (3) – selbst angesichts des eigenen Todes noch darauf bestehen, dass uns das verlorene Handy ersetzt werden müsse? Würden wir gar – wie Prometheus (1) – versuchen, eine Studie, die zum Scheitern verurteilt ist, zu faken, um uns selbst zu beweisen, dass doch noch Hoffnung besteht? Wie weit würden wir gehen, um für uns den Schaden überschaubar zu machen oder um Ungerechtigkeit und Verrat zu sühnen?

In allen vier Erzählungen erleben die Protagonist:innen Unerträgliches, potentiell Traumatisierendes. Und in allen Geschichten verursachen sie durch ihr Handeln oder Nicht-Handeln den Tod mindestens eines anderen Menschen. Sie tragen ungewollt, weil die Umstände so und nicht anders sind, dazu bei, dass etwas individuell Schreckliches im allgemein schrecklichen Kontext geschieht. Sie sind zur falschen Zeit am falschen Ort, sagen die falschen Dinge und schaffen so Umstände, die die große Katastrophe zu einer persönlichen machen.

Besonders in ’Wenn die Stille einkehrt’ (2) und in ’Die Flutwelle’ (3), wo es um die Schicksale vieler einzelner Menschen geht, wird deutlich, wie es nicht einfach die eine richtige und die eine falsche Entscheidung gibt. Ist es zum Beispiel richtig oder falsch, sich selbst zu retten, wenn andern zu helfen das eigene Leben gefährden würde? Der Fluch der Überlebenden – wie lebt es sich mit ihm, wenn man erfährt, dass es andere, die weniger Glück hatten, nicht geschafft haben?

Wird man angesichts des Todes zum Egoisten, zur Egoistin oder bleibt man empathisch und hilfsbereit? Ist die Katastrophe der Moment, in welchem unser wahrer Charakter zum Vorschein kommt?

Was ist mit Opferbereitschaft? Und wie ist es mit Schuld? Wie definieren wir sie und warum genau so und nicht anders? Und Moral und Ethik: was spielen sie im Moment der Katastrophe für eine Rolle? Sind sie angesichts des Todes überhaupt noch relevant – oder sogar ganz besonders in diesem Moment?

Wie sieht es aus, wenn wir das Unglück überleben? Können wir mit den im Katastrophenfall getroffenen Entscheidungen leben?

Eine Frage, die bei mir immer wieder auftaucht: Sind gewisse Schuldgefühle letztlich nicht eigentlich ein Egoding? Und wird womöglich die eigene Bedeutung oder Verantwortung im Kontext mit den gemachten Erfahrungen überschätzt und wäre alles auch ohne unser Zutun geschehen?

Die vier Geschichten lassen mich demütig zurück. Ich denke darüber nach, welche Entwicklungen die einzelnen Figuren durchmachen.

Mich freut es sehr, dass sich die Autor:innen in ’Wenn die Stille einkehrt’ entschieden haben, ein versöhnliches Ende zu erzählen. Weil es Mut macht. Weil wir alle Mut brauchen. Weil wir Hoffnung brauchen. Weil wir aus Geschichten Kraft schöpfen können. Und weil sich selbst zu verzeihen, für mich der einzig mögliche Weg, weiterleben zu können ist, wenn die Katastrophe erst geschehen ist.


*Die vier Geschichten sind:

  1. Der Mauersegler (Roman von Jasmin Schreiber)
  2. Wenn die Stille einkehrt (Dänische Mini-Serie, arte/ARD)
  3. Die Flutwelle (Roman von Mikael Niemi)
  4. Der Flüstermann (Krimi von Catherine Shepherd)

 

Wandlung

Danke, lieber Emil, für dein gestriges Rilke-Zitat. Ein Gedicht, das mich sehr anspricht, weshalb ich es hier auch gern teile.

Spaziergang

Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten,
dem Wege, den ich kaum begann, voran.
So faßt uns das, was wir nicht fassen konnten,
voller Erscheinung, aus der Ferne an —

und wandelt uns, auch wenn wirs nicht erreichen,
in jenes, das wir, kaum es ahnend, sind;
ein Zeichen weht, erwidernd unserm Zeichen …
Wir aber spüren nur den Gegenwind.

Rainer Maria Rilke
Muzot, 1924


Es ist schwierig, den Blick im Hier und Jetzt zu belassen – nicht voran, nicht in die Ferne zu schauen –, wenn die Welt brennt. Darum sind Herr Irgendlink und ich letzten Freitag nach Aarau geradelt. Es war uns ein Anliegen, an einer der vielen internationalen Klimademos mitzulaufen. Think global, act local. Ein gut gealteter Slogan aus meiner Jugendzeit, der auf den Punkt bringt, wie die Prioritäten liegen sollen.

Wie schön es doch wäre, wenn Klimastreiks und Klimademos nicht mehr notwendig wären, weil die Regierungen rund um die Welt endlich begriffen hätten, dass keine Zeit mehr zum Zaudern ist. Wenn die  Kinder und jungen Menschen sich darauf verlassen könnten, dass ihre Regierungen alles dafür geben, um für sie – und für uns alle – ein Leben auf diesem Planeten auch in zwanzig, dreißig, hundert Jahren zu ermöglichen.

Im Hintergrund ein Gebäude mit einer meterhohen Mauer, die als Bühne dient. Darunter eine Parkwiese. Überall Menschen. Auf der Bühne die Rednerinnen, unten das Publikum. Darüber Sonne und ein Baumast, der ins Bild ragt.

Ausgelesen #37 | 2050 – Und halb Europa ist dement, von @ChristianHolze9 | #Demenz

»Es ist nicht die Schuld der Menschen mit Demenz, dass es zu diesen Situationen kommt. Nicht sie verursachen diese Probleme, sondern die Rahmenbedingungen sind es, die diese Probleme verursachen.«

Diesen Satz, sogar mit Großbuchstaben, schreibt der Autor in sein Tagebuch, das er führt, um seine Beobachtungen zur fortschreitenden Demenz seiner Mutter festzuhalten. Der Satz ist wichtig und wird zum roten Faden, der sich durch das ganze Buch zieht. Wie schrieb ich vorgestern sinngemäß? Es sind die systemischen Voraussetzungen, die behindern, die Rahmenbedingungen.

Diese sind allerdings nicht einfach so da, nicht organisch gewachsen, sie sind gemacht worden, Buchcover zeigt auf blauem Hintergrund die hellblau skizzierten Grenzen Europas. In der Mitte wachsen einige gelbe Herzen wie Bäume. Oben der Buchtitel, unten der Name des Autors.sie sind auf dem Boden des Immer-Mehr des Kapitalismus entstanden und gewachsen.

Ich zitiere: »Bei den diesem Buch zugrundeliegenden Rahmenbedingungen handelt es sich um ein Gesellschaftsmodell, in welchem dem Leistungsgedanken absolute Priorität eingeräumt wird. Effizienz und Kostenersparnis stehen an oberster Stelle und sind das Maß aller Dinge.« (S. 5)

Denn was Christian Holzer über die Bedingungen für Demenzkranke und ihre Angehörigen in der Kurz- und Langzeitpflege sowie über die Betreuung zuhause schreibt, ist unglaublich. Ich weiß aus eigener ähnlicher Erfahrung, dass es leider so ist.

Der Autor, der seine Mutter die letzte Zeit ihres Lebens bis zu ihrem Tod zuhause begleitet und betreut hat, schöpft in seinem Tagebuch-Roman aus eigenen leidvollen Erfahrungen – und aus jenen seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

Aufgebaut ist das Buch sehr unkonventionell. Wir schauen dem Autor live beim Schreiben des Buches zu. Das Buch wirkt denn auch eher handgestrickt, ist jedoch ausgesprochen authentisch und berührend. Holzer erzählt, wie ihn die Betreuung seiner an Demenz erkrankten Mutter isoliert, einsam werden lässt. Internetseidank findet er andere Menschen, die ebenfalls ihre Angehörigen zuhause oder im Pflegeheim betreuen.

Auch ihre Texte fließen in den Tagebuch-Roman ein, manchmal als eigene Texte, manchmal als Reaktionen und Kommentare, so entstehen gleichsam Dialoge.

Wir begleiten im Laufe des Buches einige andere Menschen, die erzählen, was sie in ihrem Betreuungsalltag erfahren müssen. Da ist zum Beispiel Silke, deren dementer Lebenspartner im Stammcafé von den alten Freunden zum Clown gemacht wird. Und da sind Franziska, deren demente Mutter im Heim sehr allein und unglücklich ist, und Jasmin, die ihre demente Mutter zuhause betreut. Ihre Mütter waren früher Freundinnen. Dank glücklicher Umstände lernen sich die Töchter kennen und bringen ihre dementen Mütter zusammen, die dadurch sozusagen aufblühen. Und da ist Susanne, die ihre Mutter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Heim holt, weil sie sieht, wie unzumutbar die Betreuung dort ist. Nicht aus böser Absicht, sondern weil schlicht Betreuungszeit fehlt. Weil die Personalschlüssel hanebüchen sind. Wir lesen auch Stimmen aus der Betreuung, die sich dafür schämen, wie wenig sie tun können und wir lesen von unsensiblen Zahnärzten und von Heimpersonal, welches eine ’schwierige Patientin’ einfach vor die Tür stellt.

Längst geht es den Heimverantwortlichen nicht mehr um Menschen, es geht um Rentabilität, um Rendite, um Gewinne. Die Verlierer:innen sind die dementen Menschen und ihre Angehörigen. Dabei ist Care-Arbeit eine der allerwichtigsten Arbeitsfelder überhaupt. Doch es fehlt genau hier an allem, an Geld ebenso wie an Anerkennung.

Demenz kann uns alle treffen. Als Angehörige ebenso wie als Betroffene. Wer, frage ich mich zuweilen, wer wird mich eines Tages betreuen, wenn die menschliche Gesellschaft sich so weiterentwickelt, wie sie es gerade tut, falls ich eines Tages auf Hilfe angewiesen sein sollte? Pflegeroboter? Wie viele Menschen werden, sollte die Erde in dreißig Jahren noch bewohnbar sein, dement sein. Die Hälfte, womöglich, wie es der Autor im Buchtitel andeutet? Ich weiß es nicht. Aber wenn wir als Menschheit überleben wollen, müssen wir einige grundlegende Dinge verändern. Und zwar nachhaltig.

Der Autor schreibt an vielen Stellen über die Gleichgültigkeit und Ignoranz, die ihm entgegengeschlagen ist, wenn er mit Bekannten über seine Mutter ihren Zustand und seine Befindlichkeit gesprochen hat. So wirklich verstehen kann niemand, der es nicht selbst erlebt, was Angehörige durchmachen, wenn sie ihre dementen Nächsten zuhause betreuen. Erlebte Gleichgültigkeit isoliert, macht einsam.

»[Krankheit] ist in der Öffentlichkeit nicht mehr präsent und alles, was mit Krankheit und Leiden zu tun hat, ist gesellschaftlich auch nicht mehr erwünscht. Es wurde kollektiv wegretuschiert und mit schöner Werbung überdeckt.« (S. 48/49)

Geschrieben hat der Autor das Buch  vor der Pandemie und ich war aus diesem Grund bis jetzt nicht in der Lage, mich auf diesen intensiven Lebensbericht einzulassen. Die Pandemie hat viele Probleme verschärft, ans Licht geholt. Betreuung und Pflege sind inzwischen Themen, über die heute mehr gesprochen wird als noch vor kurzem. Verändert hat sich leider noch viel zu wenig. Das Bewusstsein hat sich jedoch ein klein wenig verändert, will mir scheinen. Wenn auch mehr in der Bevölkerung als in den Regierungen.

Holzer hat in seinem Tagebuch-Pflegeprotokoll zwar die Pflegelandschaft in Österreich skizziert, doch so anders als in Deutschland und in der Schweiz dürfte sie nicht sein.

Ohne Solidarität wird das nichts mit einer besseren Welt.

Ich danke dem Autor herzlich für das Rezensionsexemplar und die erkenntnisreichen Lesestunden. Ein Buch, das sehr persönlich und unmittelbar über ein wichtiges Thema aufklärt und dem ich viele Leser:innen wünsche.


Christian Holzer
2050 – UND HALB EUROPA IST DEMENT: Wie es im Jahr 2050 nicht sein sollte!
Taschenbuch
21. Februar 2020
Das Buch ist bei Ama**n erhältlich oder direkt beim Autor (Twitter)

Alle Bücher des Autors zum Thema gibt es hier.

Neue Fallmaschen 153 | 2021

ausbaldowert | Seit wenigen Tages gibt es nebenan ein neues Blog, genauer gesagt ein Foodblog. Es wächst täglich und steckt schon jetzt voller histaminfreier Rezepte. So kann das Blog hier wieder mehr ein Es-lebe-der-Alltag-Blog sein. Die histaminfreien Rezepte haben nun eine eigene Heimat. Das Neue ist sowohl als persönliches Archiv als auch zur Inspiration für andere gedacht.
Guckt hier: histaminfrei.blogda.ch

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ausgelesen | Kennt hier jemand die Krimis um die junge Journalistin Emma Vonderwehr von Mechthild Lanfermann? Kannte ich nicht. Bücherschrankseidank habe ich den vierten und letzten Band entdeckt. Und verschlungen. Und danach den ersten Teil in der Bibliothek ausgeliehen. Und Band zwei und drei vorgemerkt. Mir gefallen die Figuren ebenso wie Schreibstil, Tempo und Themenwahl. Keine leichte Kost. Herzliche Leseempfehlung!

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gepikst | Vorletzten Montag habe ich meinen ersten Impfpiks bekommen. Dank vorheriger Einnahme eines Antihistaminikums hatte ich keine Nebenwirkungen bis auf wenig Kopf- und Bauchweh am Abend – Ibuseidank war es schnell wieder weg.
Der Schmerz am Tag darauf an der Impfstelle war erträglich und erinnerte mich daran, dass mein Körper gerade Antikörper kreiert. Ein gutes Gefühl und große Erleichterung. Neun Tage später fühle ich mich dem Virus gegenüber jedenfalls weit weniger ausgeliefert als davor.
Ich bin zwar keine Influencerin, doch mache ich euch hiermit gern und herzlich Mut, euch ebenfalls impfen zu lassen. Als solidarischer Akt und Beitrag zur Herdenimmunität und natürlich zum Schutz für euch selbst.

Ausgelesen #36 | Es wird wieder Tag von Minka Pradelski | #keinvergessen

Es hat gedauert, bis ich mich an den autofiktiven Roman der Frankfurter Soziologin Minka Pradelski gewagt habe. Bereits letzten Sommer habe ich diesen Buch bekommen, doch das Lesen immer wieder vor mich her geschoben. ’Es wird wieder Tag’ erzählt die Geschichte der jungen Familie Bromberger im und nach dem zweiten Weltkrieg. Wir lesen hier die Geschichte zweier KZ-Überlebender und ihres nach dem Krieg geborenen Kindes.

Das Buchcover zeigt einen Ausschnitt eines tanzenden Paares. Zu sehen sind die Arme und der blassrote Rock und die schwarze Jacke des Paares. Zwischen ihren Bäuchen sind der Name der Autorin und der Buchtitel auf weißem Hintergrund gedruckt. Am unteren Bildrand, auf rotem Streifen, steht der Verlagsname.
Buchcover Es wird wieder Tag von Minka Pradelski

Allen drei Stimmen erteilt Pradelski abwechselnd das Wort. Als Leser:innen begleiten wir Klara, Leon und schließlich auch deren Sohn Bärel durch die Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Wie der Sohn der beiden ist übrigens auch die Autorin in den ersten Nachkriegsjahren im Lager für Displaced Persons in Zeilsheim geboren. Ihr Roman erweitert mein Wissen um die Shoah um eine weitere persönliche Perspektive.

Das Schweigen, das sich nach dem zweiten Weltkrieg auf viele KZ-Überlebenden gelegt hat, um am Erlebten nicht zu zerbrechen, trifft auch Klara und Leon, denn vieles ist unaussprechlich. Alles verändert sich, als Klara eines Tages, bei einem Spaziergang mit ihrem Sohn, einer ihrer Aufseherinnen aus dem KZ begegnet. Ihre Wege kreuzen sich, doch Klara gibt sich nicht zu erkennen. Dennoch gibt es keinen Zweifel, dass sie ’Liliput’ gesehen hat.

Diese Begegnung triggert sie zutieftst und ihre traumatischen Erlebnisse tauchen aus dem Verdrängen an die Oberfläche. Klara gerät in eine existenzielle Krise, die alle Ängste, alle gesammelten Erfahrungen und gemachten Erlebnisse in die Gegenwart holt; sie droht daran zu zerbrechen.

Leon, der ebenfalls einige Jahre in einem KZ verbracht und wie Klara nur knapp überlebt hat, verzweifelt beinahe. Auch weil Klara ihren Sohn vernachlässigt. Dennoch wollen beide nicht, dass Leon Bärel bei Verwandten unterbringt. Klara weigert sich, Hilfe von außen anzunehmen oder sich in eine Klinik zu begeben. Als Leon sich keinen Rat mehr weiß, fordert er Klara auf, alles aufzuschreiben. Ihre Geschichte in Worte zu fassen. Das tut sie schließlich auch und es hilft ihr tatsächlich.

Nach dem Prolog des Romans, in welchem Bärel sein Geburtserlebnis aus der Sicht eines neunmalklugen Kindes erzählt, übernimmt Klara den Faden und erzählt von ihrer Kindheit und Jugend, der Umsiedlung in ein polnisches Ghetto und der Flucht aus diesem, vom Aufenthalt im KZ und ihrer dortigen Arbeit in einer Flugzeugfabrik. Sie erzählt, was sie nach dem Ende des Krieges erlebt hat und sie erzählt vor allem von ’Liliput’, jener Aufseherin, welche sie kürzlich auf der Straße gesehen hat, die damals mit ihrer subtil ausgeübten Macht das ganze Lager dominiert und schikaniert sowie sich am quslvollen Sterben vieler Gefangener schuldig gemacht hat.

Unterbrochen wird ihre Geschichte mit von Bärel erzählten Momentaufnahmen aus der Gegenwart der Protagonist:innen. Die Familie hat sich nach dem Krieg in Frankfurt ein neues Leben aufgebaut. Leon ist ein geschickter Geschäftsmann, der sich anfänglich mit Schwarzhandel und später mit einer Transportfirma einen Namen gemacht hat. Über allem schwebt der Traum von der Auswanderung nach Amerika.

Erst im vorletzten Kapitel  hören wir Leons Geschichte und erfahren, wo und wie sich das Paar kennen- und liebengelernt hat. Auch seine Erfahrungen gehen mir sehr unter die Haut und ich bewundere seine Überlebenskräfte und -strategien.

Sowohl er als auch Klara erzählen sehr nüchtern, beinahe unemotional. Beide schönen ihre Erfahrungen nicht. Eindrücklich jene Szene, in welcher Klara als Fünfzehnjährige aus dem Ghetto flieht. Da ist keine Dankbarkeit gegenüber ihren Eltern dafür, dass sie ihr die Flucht ermöglicht haben.

Zu guter Letzt hören wir wieder Bärel, der inzwischen schon ein paar Jahre alt ist. Gewohnt neunmalklug und für meinen Geschmack schon von Anfang an ziemlich überzeichnet und allzu zynisch erzählt er aus seinem Alltag. Er fand sich erst allmählich mit der Tatsache ab, dass diese beiden Menschen tatsächlich seine Eltern sein sollen. Seine Zugewandtheit zu ihnen wächst erst allmählich. Fast hätte Bärel es übrigens geschafft, dass ich das Buch nach dem Prolog zugeklappt und auf die Seite gelegt hätte. Doch zum Glück habe ich weitergelesen.

Minka Pradelski hat mit ’Es wird wieder Tag’ einen wichtigen Beitrag zum Thema Judenverfolgung im Nationalsozialismus geleistet. Zwar habe ich schon viele Bücher über das Leben in Konzentrationslagern gelesen, doch über die Jahre des Wiederaufbaus ist mir wenig bekannt.

Die Autorin ist eine sehr exakte Beobachterin, die kluge, passende, berührende Worte für ein historisches und persönliches Trauma gefunden hat. Weder sentimental noch moralisierend macht sie sichtbar, was Krieg mit Menschen macht.

Minka Pradelski ist ein wichtiges, lesenswertes Buch gelungen. Ich danke ihr und der Frankfurter Verlangsanstalt für die aufwühlenden Lesestunden mit meinem Rezensionsexemplar.


FVA
384 Seiten
August 2020
Hardcover
ISBN 9783627002770
24,00
E-Book
ISBN 9783627022877
15,99 €

Denkfutter

Oke, zu Anfang ein kleiner unbezahlter Werbespot, doch gleich danach gibt es Denkfutter für jene, die sich gerne damit auseinandersetzen, wie wir Europäer:innen kollektiv auf die Pandemie reagiert haben. [Spoiler: Mit Gekränktsein. (Und ja, das darf natürlich. Reflexion finde ich dennoch wichtig.)]

Vor einem Jahr ungefähr habe ich das virtuelle Republikmagazin entdeckt und lese es seither regelmäßig. Das unabhängige, crowdfinanzierte Magazin publiziert nicht nur täglich um 19 Uhr einen kostenlosen Covid-Newsletter, es veröffentlicht auch laufend gut recherchierte und mit Herzblut verfasste Texte zu innen- und außenpolitischen, gesellschaftsrelevanten, kulturellen sowie gesundheits- und sozialpolitischen Themen. Die Artikel und Kolumnen erscheinen gut aufbereitet und mit größtmöglicher Transparenz. Und Demut. Und Humor trotz allem. Bequem sind sie nicht immer, aber immer lesenswert.

So, jetzt aber fertig Werbung. Lest selbst. Am 4. Januar 2021 schrieb Republik-Journalistin Marguerite Meyer im 19 Uhr-Newsletter :

Manchmal gibt es Texte, die bei der Konkurrenz gedruckt werden, welche man gerne selber publiziert hätte. Ein solcher ist am Wochenende bei der NZZ erschienen. Das Gute ist: Wir können hier darauf verweisen – mit einer Leseempfehlung an Sie. Der Autor Konrad Paul Liessmann, Philosoph und Professor an der Universität Wien, geht einem spannenden Gedanken nach. Die Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft macht, sei falsch formuliert, sagt er: «Richtig müsste Sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung?»

Mit einer Kränkung, so Liessmann weiter. Die auf technologischen Fortschritt ausgerichtete Gesellschaft glaube, sie sei unverwundbar. Umso erstaunter sei sie, wenn die Pandemie dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung mache, schreibt Liessmann. Die Seuche wirft uns zurück – am besten funktionieren archaische Massnahmen wie Isolation, Kontaktvermeidung, Desinfektion. Das Virus habe «unser zur Überheblichkeit neigendes Selbstwertgefühl empfindlich verletzt», argumentiert er. Wir reagierten – aus der Kränkung heraus, dass uns schon nichts passiere – mit Trotz und Wehleidigkeit. Und da sei sie auch schon flöten gegangen, die gerne als modische Tugend viel gepriesene Resilienz.

In der Moderne sei Krankheit nur mehr als individuelles Problem präsent, nicht als kollektives Ereignis, auf das politisch reagiert werden müsse, sagt Liessmann. Und so überwögen für manche Mitglieder der Gesellschaft die texteigenen unmittelbaren Bedürfnisse – das Skifahren-Müssen, das unbedingte Weihnachtsfest, die Fernreise. Der Verzicht darauf tut nicht primär deshalb weh, weil man die Tätigkeiten an sich vermissen würde, sondern – folgt man Liessmanns Argumentation – weil man regelrecht empört ist ob der Unvorstellbarkeit des Verzichts.

Und somit zeigt sich das Dilemma einer Gesellschaft, in der sowohl Glück als auch Probleme individualisiert werden: «Die Krise offenbarte, dass viele ihre individuelle Freiheit ohne jenen politischen und sozialen Rahmen denken wollen, der diese überhaupt erst ermöglicht.»

Quelle: republik.ch

Hier nun einige nicht so bequeme Zitate aus dem oben erwähnten Artikel von Konrad Paul Liessmann (Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien) über die gekränkte Gesellschaft:

Corona zerlegt unser modernes Mindset

Es liegt im Wesen einer auf technologischen Fortschritt gebauten Gesellschaft, dass sie sich für unverwundbar hält. Die Corona-Pandemie macht dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung. Es fällt uns schwer, Schwäche einzugestehen.

Die oft gestellte Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft, in der wir leben, macht, war immer schon falsch formuliert. Richtig müsste sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung? Eine naheliegende, aber selten gegebene Antwort wäre: Wir sind gekränkt. All das, was die moderne Gesellschaft im vergangenen Jahr durchmachen musste, war in ihrem Fortschrittsprogramm nicht vorgesehen. Dieses orientierte sich an Parametern wie Wachstum, Beschleunigung, Optimierung, Sicherheit, Offenheit und Austausch. Seuchen gab es höchstens in Weltgegenden, die weder die europäischen Hygiene- und Gesundheitsstandards noch das unbedingte Vertrauen in eine aufgeklärte Wissenschaft kannten.

[…]

Die gekränkte Gesellschaft ist eine ungeduldige Gesellschaft. Sie kann nicht warten. Und sie hat schon lange auf den Verzicht verzichtet. Vorübergehende Einschränkungen werden deshalb nicht als Unannehmlichkeiten wahrgenommen, sondern als dramatische Einschnitte. Bei der ersten Gelegenheit macht man dort weiter, wo man aufgehört hat, und verlängert damit genau diejenige Misere, der man entkommen möchte.

Von der gerühmten Resilienz, die vor der Corona-Pandemie als neue Modetugend propagiert worden war, ist kaum etwas zu spüren. Eher macht sich Wehleidigkeit breit. Während die Tausende von Toten, die das Virus in nahezu jedem Land bisher forderte, lediglich in der Statistik aufscheinen, ohne dass die damit verbundenen Leidensgeschichten spürbar würden, häufen sich die Berichte über Jugendliche, die schweren seelischen Schaden nähmen, weil sie ein paar Monate auf Präsenzunterricht und Partys verzichten müssten.

[…]

Die Kränkung der gekränkten Gesellschaft sitzt so tief, dass manche die nun angebotene Impfung als Zumutung und weiteren Angriff auf ihre Freiheit interpretieren – so, als wollte man der Forschung und der Pharmaindustrie diesen Triumph einfach nicht gönnen. Zwar werden die Vakzine nicht alle Probleme mit einem Schlag lösen, doch manches liesse sich endlich wieder unter einer anderen Perspektive sehen. Aber auch hier gilt: Es kommt nicht darauf an, was die Dinge mit uns, sondern was wir mit den Dingen machen.

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Quelle: nzz.ch

Vorsätze und Sehnsüchte

Die Vorsätze waren ziemlich gut gewesen. Endlich wieder fiktiv schreiben wollte ich. Mehr jedenfalls. Geschichten. Weil ich mich nach diesem Erlebnis sehnte, hatte ich mir sogar extra ein Spiel ausgedacht. Ich hatte richtig was vor. Ich hätte Spaß haben können. Aber nein. Der Alltag kam dazwischen.

Es will nicht so recht fließen, das fiktive Schreiben. Überhaupt ist alles verlangsamt. Und ich mir hinterher.

Da ist gerade so ein großes Viel-zu-Viel in mir, so ein Lärm, so ein Überfließen, dazu das wieder schriller gewordene Geläute vom Tinnitus obendrauf. Doch weil es mir ja immer noch schlechter gehen könnte – und weil es mir schon wirklich deutlich schlechter gegangen ist –, sage ich auf Nachfrage: Es geht mir oke. Dabei halte ich es im Grunde schlecht aus, dieses Aushalten, Ausharren, Warten. Auf andere Zeiten. Nein, nicht das Normal von vorher. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis Corona uns nicht mehr so sehr gefährdet wie jetzt. Noch ist erst ein kleiner Teil der Bevölkerung immun, die Kurve ist zwar flacher geworden, zum Glück, aber die Gefahr ist noch lange nicht gebannt. Ein Narr, wer das behauptet.

Es ist schwierig. Für alle. Für manche mehr, für andere weniger. Aber auch für die, denen es leichter fällt als anderen, ist dies nicht die Zeit für Leichtsinn.

Es tut mir weh, wenn ich Menschen zuhöre oder sehe, wie sie die Pandemie klein reden. Menschen, die so zu tun, als sei alles nur halb so schlimm, als wären die Maßnahmen übertrieben, nur weil sie selbst nicht direkt betroffen sind und weil sie niemanden kennen, der schon Corona hatte und es überlebte oder – wahlweise – daran (fast) gestorben ist. Wie kann man so egoistisch sein?

Das macht mich wütend. Aber vielleicht verbirgt sich hinter ihr ja auch nur meine Angst, dass diese aus meiner Sicht leichtsinnigen Menschen an Corona sterben könnten?

So oder so. Das hier ist die hohe Zeit der Absurditäten, der Über- und Unterreaktionen. Vernüftig geht anders. Wie gesagt, ich finde die Maßnahmen unserer Regierungen grundsätzlich in Ordnung. Die Pandemie ist mit größtem Respekt zu behandeln, keine Frage. Es hapert allerdings jen- und diesseits von Landesgrenzen immer wieder beim Herunterbrechen der Beschlüsse in den Alltag.

Wo ich hinschaue, sehe ich fragende Gesichter.

Ja, auch ich habe Fragen: Warum  zum Beispiel dürfen sich binationale Paare ohne Trauschein nicht treffen, während es solche mit Trauschein inzwischen (via BaWü) dürfen? Die beiderseitige Ansteckungsgefahr zwischen Paaren ist doch mit Grenze nicht größer als ohne, und so ein Trauschein macht ja auch nicht covidimmun so viel ich weiß? Kann mir das bitte jemand erklären, lieber Bundesregierungen?

Eine internationale Petition läuft übrigens seit einer Weile, und wie gesagt, können sich binational Verheiratete zumindest in der Schweiz wieder treffen. Na also. Geht doch. Aber warum, zum Geier, gilt diese Regel nur für Angetraute?

Wie wäre es, wenn Paare an der Grenze zum Beispiel mittels einer Liste mit Referenzpersonen drauf –  die Hausärztin von mir aus oder sonstwie Bekannte – nachweisen, dass sie tatsächlich jenseits der Grenzen einen Liebsten, eine Liebste haben? Und diese:n unter den üblichen Sicherheitsmaßnahmen, die im jeweiligen und im eigenen Land gelten, besuchen dürfen?

Heute ist Tag 39 ohne den Liebsten. Ich finde, das reicht. Wir leben seit Wochen in sorgfältiger Selbstquarantäne und werden das auch weiterhin tun. Weil es sinnvoll ist. Aber ohne einander? Dafür fehlt mir das Verständnis.