Warum wir planen sollten | Orientierung #ADHS

Diese Woche hatte ich meine dritte Coaching-Sitzung zum besseren Umgang mit ADHS. Zu Beginn der Sitzung erzähle ich meiner Ärztin – nennen wir sie doch einfach Frau Dr. ADHS –, wie es mir die letzten drei Wochen mit dem Planen meiner Wochen-Lebenszeit ergangen ist, wo ich Probleme hatte, was gelungen und was mir aufgefallen ist.

Ich gestehe ihr, dass ich den Plan selten einhalten konnte. Meistens habe ich »gemogelt« und meine nicht geschafften Post-it-To-dos abends auf die restlichen Wochentage umverteilt. Manchmal lag es an der zu kurz bemessenen Zeit, manchmal an fehlender Lust und meistens daran, dass neue Aufgaben dazu gekommen sind, die dringender waren. Definitiv gut für mich ist, dass mich mein Wochenplan ruhiger macht. Die Dinge bekommen, dadurch dass sie benannt und als Aufgaben definiert sind, in meinen Augen mehr Wert und eine Art Daseinsberechtigung, insbesondere jene Dinge, die vorher immer unter dem Radar gelaufen sind, all jene Dinge, die ich bisher zwischendrin erledigt habe. Problemlösungen technischer Art zum Beispiel, wie ich sie in der vorletzte Woche gehäuft zu erledigen hatte.

Ich erzähle davon, wie ich inzwischen immer besser Aufgaben, die sich mir spontan in den Weg stellen, entschieden und bewusst auf später verschiebe, weil ich an etwas dran bin. Ich merke sie mir aber als Zu-Erledigendes, indem ich mir sie ein paar Mal vorsage. (Z. B.: »Diese Ecke räume ich nachher auf!«) Auch gelingt mir das Feierabendmachen irgendwie besser, seit ich den Wochenplan habe.

Meine Ärztin hört aufmerksam zu. Sie betont, dass wir diese Pläne nicht machen, um sie voll und ganz einzuhalten – was selbst bei bester Planung gerade mal zu 60 % gelinge, wie Erfahrungen zeigen. Wir erstellen solche Pläne zu unserer Orientierung. Wir machen sie, damit wir wissen, sehen, uns bewusst machen können, wann was zu tun ist. Um uns einen Überblick über das System Zeit, in der wir leben, zu verschaffen. Weitere Ziele sind, ein Gespür für Dauer, Energieaufwand und beste Tageszeit für die jeweiligen Aufgaben zu bekommen.

Dr. ADHS erinnert mich daran, dass es nicht nur um die Planung von Arbeit geht, sondern darum, unser Leben zu planen, Ziele zu haben, es nicht dem Zufall und den Umständen, spontanen Ideen und den Gewohnheiten zu überlassen. Es geht darum, realistisch planen zu lernen, also so, dass ich die Dinge, die ich tun will und soll (Arbeit und Freizeit), so plane, dass sie zeitlich aufgehen und dass ich sie erledigt bekomme, WENN nichts dazwischen kommt. Angefangen mit Fixterminen und Fristen, die eingeplant werden müssen. Anschließend werden die Tage mit den flexiblen Dingen, Aufgaben, Haushaltdingen, Freizeitdingen »aufgefüllt«.

Wir brauchen ja nicht noch ein neues Korsett mehr, sondern Werkzeuge, um unseren Alltag einfacher zu machen. Ich spreche Selbstdisziplin an, die mir, so sage ich, deutlich leichter fällt, seit ich das Medikament nehme. Sie findet den Begriff schwierig, negativ behaftet, spricht lieber von Zuverlässigkeit, von Verlässlichkeit. Stimmt, so kann ich es tatsächlich auch sehen; ich kann mich wirklich inzwischen besser auf mich verlassen, seit ich das Medikament nehme. Das Hirn hat genug Dopamin.

Ich lerne laufend dazu, gehe neue Wege, etabliere und trainiere neue Verhaltensmuster, nach und nach entstehen so neue neuronale Verbindungen im Hirn. Diese greifen allmählich auch dann, wenn ich das Medikament nicht nehme oder am Abend, wenn das Medikament eh nicht mehr wirkt.

ADHS-Betroffene, so sagt Frau ADHS, neigen dazu, ihr »Versagen« zu betonen, sich selbst zu blamen, einfach, weil wir sind, wie wir sind, anders eben als ein großer Teil der Bevölkerung. Das sei, sagt sie, pure Energieverschwendung. Wir sollten uns besser auf die Schulter klopfen für alles, was wir trotz erschwerter Lebensbedingungenschon geschafft haben. Ja, und uns auch gegenseitig ermutigen, sagt sie, als ich das Thema Peer groups anschneide. Frau ADHS findet es sehr gut, sich auszutauschen und voneinander zu lernen, sich auch virtuell zu vernetzen.

Jetzt sprechen wir über meine Ungeduld, denn am liebsten würde ich ja fast forward drücken und alles, was da noch zu lernen ist, schon gelernt haben. Frau ADHS schaut in ihren Laptop und rechnet mir vor, wie lange ich nun schon bei ihr bin (noch kein Jahr) und wie lange ich schon die Medikamente nehme (erst knapp ein halbes Jahr). Na also, das ist doch noch nicht lange und ich hätte, so sagt sie, bereits so viel gelernt. Wir sprechen über den Druck, den Therapieerfolgserwartungen bei uns auslösen. Letztlich sind und bleiben wir doch immer uns selbst, das sollten wir nicht vergessen. Wir können nicht jegliche Fortschritte auf Dritte oder Medikamente delegieren. Es ist immer noch unser Leben und wir die Akteur*innen. Erwartungen lösen unnötigen Stress aus, führen zu Ungeduld. Gesünder wäre es, uns für die einzelnen Schritte Respekt zu zollen, uns mit Geduld zu begegnen. Und wenn uns jemand erzählt »So geht es mir auch!«, wenn wir von unseren Symptomen erzählen, können wir getrost sagen: »Du hast das ab und zu, aber ich habe es immer.«

Als wir über Erwartungshaltung sprechen, sage ich, dass ich immer mal wieder gefragt werde, wie es denn mit der Abhängigkeit bei ADHS-Medikamenten sei. Dabei geraten wir in ein kleines philosophisches Gespräch. Süchtig nach Methylphenidat können wir, sagt sie, nur werden, wenn wir es überdosieren. Wenn wir nicht beim gewünschten und eigentlichen Dopamin-Effekt bleiben, sondern die für uns Betroffene unerwünschten Nebenwirkungen durch zu viel Dopamin – wie Dauerwachsein, Aufgedrehtsein, Appetitlosigkeit, Hyperhochfokussiertsein – erleben. Bei Überdosierung komme nämlich weniger der eigentliche, gewünschte Dopamineffekt, sondern die Substanz an sich, die wachhält, zum Tragen. Wer ständig überdosiert sei und dann das Mittel pausiere, könne durchaus Entzugserscheinungen haben, die allerdings eher einer Art Rebound* geschuldet seien. Wenn wir uns, sobald wir das Mittel pausieren, depressiver fühlen, sei das nicht ein eigentliches Entzugssymptom. Wir bleiben auch mit der Medizin die Menschen, die wir sind mit all unseren Eigenschaften. Falsche, überhöhte Erwartungen an das Mittel oder die Therapie an sich seien, wie schon gesagt, Stressoren, die uns sehr unter Druck setzen können.


*In der Pharmakologie bezeichnet das Rebound-Phänomen eine überschießende Gegenreaktion des Organismus bei abruptem Absetzen eines Medikaments. Quelle
Als Rebound-Effekt oder Absetz-Effekt (von engl. rebound ‚Rückprall‘) wird das verstärkte Wiederauftreten von Symptomen infolge des Nachlassen der Medikamentenwirkung (vornehmlich Stimulanzien) bezeichnet. Bis zu einem Drittel der mit Stimulanzien behandelten ADHS-Patienten erleben beeinträchtigende Rebound-Effekte. Quelle

Wie wir Ziele erreichen können | Pläne machen #ADHS

Letzte Woche, in meiner zweiten Coaching-Sitzung, sprachen wir über die kurz- und mittelfristige Planung meiner Lebenszeit. Dieses Coaching soll mir dabei helfen, mit ADHS – dank Verhaltensanpassung und Medikamenten – stressfreier und gelassener zu leben.

Zuerst reden wir kurz über meine Selbstbeobachtungen mit der Selbststeuerung – dem Thema und der Aufgabe aus der letzten Sitzung – und ich sage, dass ich für mich einen anderen ersten Fragesatz gefunden habe. (Statt wie geht es mir JETZT? lautet meine erste Frage: Welches Gefühl ist JETZT am stärksten? Das passt bei mir besser.)

Ich erzähle auch von meiner Erkenntnis, dass ich letztlich tatsächlich mehrheitlich impulsiv oder aber rituell handle. Wenn alles in meinem Alltag den vertrauten Abläufen folgt, ist es gut für mich. Da aber, wo es keine solchen gibt, entscheide und handle ich spontan, impulsiv eben, ohne mir groß Gedanken über Folgen, Zeitaufwand und Zusammenhänge zu machen. Rückblickend frage ich mich, ob ich es anders hätte hinbekommen sollen oder können, na ja, besser halt irgendwie.

Meine Ärztin meint dazu, dass ich mein Verhalten nicht rückblickend bewerten und beurteilen solle. Es sei allerdings durchaus sinnvoll, aus der aktuellen Perspektive zu schauen, ob der vertraute Ablauf und/oder das Ritual jetzt noch gültig und sinnvoll seien oder ob es eine Anpassung brauche. Doch Rituale seien gerade für ADHS-Betroffene sehr sinnvoll, da sie uns Strukturen geben. Wir haben sie uns ja genau darum einst ausgedacht. (Ich nenne übrigens ritualisierte Abläufe, insbesonder wenn es Arbeitsdinge betrifft, auch gern Arbeitsoptimierungen, denn ich suche bei Arbeiten, die sich wiederholen, immer auch nach Wegen, die Arbeit mit möglichst wenig Kraft- und Energieaufwand und wenig Anstrengung erledigen zu können.)

Schließlich sprechen wir über Planung. Ich erzähle, wo meine Schwierigkeiten liegen, mich an exakte Zeitpläne zu halten. Hirnbedingt handle ich, wie gesagt, situativ und spontan, was dem Plänemachen grundsätzlich zuwider läuft. Also reden wir über hilfreiche Techniken.

Eine Wochenplanung sei das Sinnvollste, sagt meine Therapeutin aus langjähriger Erfahrung. Dabei wichtig: Keine Puffer einplanen. Pausen ja, Puffer nein, denn bei Puffern fallen ADHS-Menschen aus der besten Planung raus. Ebenso seien stundengenaue, zeitlich definierte Planungen nicht zielführend, denn sie bewirken das Gegenteil von dem, was wir anstreben, sie machen Stress statt Gelassenheit. Es gehe beim Planen immer darum, mehr Ruhe reinzubringen und das gute Gefühle zu erleben, dass wir das erreichen können, das wir wollen.

Ich solle mir alle Aufgaben und Will-ich-tun-Dinge der nächsten Woche aufschreiben und auf die Wochentage realistisch verteilen. Und daraufhin wirklich versuchen, sie einzuhalten. Es geht, das mache ich mir immer wieder bewusst, nicht primär um den Leistungsgedanken, sondern entspannter zu tun, was getan werden soll und will.

Idealerweise geht der Plan, ohne Störungen von außen, auf. Ist das der Fall, habe ich gut geplant. Störungen durch Unvorhergesehenes kommen aber natürlich immer vor. Werden wir gestört, können wir entscheiden, wie wir mit dem Störfall umgehen. Ein längerer Anruf oder zum Beispiel ein technisches Problem, das sofort gelöst werden muss, können wichtiger sei als die ungewaschene Wäsche, die auf dem Wochenplan steht etc.. Solche Entscheidungen müssen wir situativ treffen.

Als ersten Schritt soll ich mir von Woche zu Woche einen Plan machen und schauen, wie es mir damit geht.

»Ich könnte einen physischen Wochenplan machen«, sage ich, »und mit Post-it die Aufgaben draufpappen, so dass ich sie verschieben kann.«

»Genau das!«, sagt meine Ärztin, »so habe ich es gemeint.« Es sollen alle Sachen drauf. Einkaufen. Duschen. Solche Dinge. Am Abend solle ich gucken, ob es geklappt hat.

Das ist jetzt der Adlerblick, über welchen wir in der letzten (der ersten) Coaching-Sitzung gesprochen haben. In einem späteren Schritt werden wir uns anschauen, wie es mit den einzelnen Aufgaben aussieht. Dabei werden wir wieder mehr ins Detail gehen.

Ich erwähne, dass ich mir für unser Coaching auch das Ding mit der »neuen Vergesslichkeit« anschauen möchte. Sie hört zu und meint, dass das Problem vermutlich aufgetaucht sei, weil ich eben nicht mehr immer alles gleich wie früher erledige, wenn es sich mir in den Weg stellt, sondern im Kopf auf später vertage. (Was ja an sich ein Fortschritt ist, da ich besser filtern kann und nicht mehr alles prioritär erkläre). Nun besteht jedoch die Gefahr, dass ich Dinge vergesse, weil ich mich ja nun auf das konzentriere, was ich jetzt mache. Damit verschwindet das andere Zu-Tun aus meinem Fokus. Für Nicht-ADHS-Menschen ist es vermutlich normal, die Dinge nicht sofort zu tun und sie sich für später zu merken, für mich ist das neu. Ich muss also jetzt eine Strategie entwickeln, wie ich mir Dinge, die ich nicht jetzt machen will und kann, merken kann. »Das üben wir später!«, verspricht mir mein kluges Gegenüber.

Eine Strategie, die ich mir selbst ausgedacht habe, geht so, dass ich mir das zu erledigende Ding ein paar Mal aufsage und mir gleichsam inwendig eine Art Post-it aufklebe und dazu den kleinen Zauberspruch denke: »Wenn es wichtig ist, wird es mir später wieder einfallen«. Das funktioniert tatsächlich manchmal. Vielleicht sogar immer öfter.

Auch der Wochenplan hilft tatsächlich, dachte ich gestern Abend, als ich die zwei vollbrachten Tage betrachtete. Ich hatte zwar noch zu viele Will-und-sollte-ich-tun-Dinge auf dem Plan, doch die Tatsache, dass die Dinge da stehen und ihren Platz haben, ließ mich gestern und vorgestern tatsächlich konzentrierter und entspannter arbeiten. Ich switchte weniger hin und her und es gelang mir, das, was ich wirklich machen wollte, auch wirklich zu tun.

Leute, die von Natur aus genug Dopamin im Hirn haben, können sich vermutlich gar nicht vorstellen, wie schwierig es für uns ADHSys ist, nur schon direkt von A nach B zu gehen. Denn zwischen A und B gibt es ja sooo viele spannende Dinge, die gesehen und ausprobiert werden wollen.

 

Wie wir Entscheidungen treffen | Selbststeuerung #ADHS

So langsam wird der neue Therapieort zur Routine. Ich habe nicht mehr jedes Mal Angst davor, keinen Parkplatz zu finden, einer von dreien war bisher immer frei.

Mein ADHS-Medikament passt inzwischen. Ich habe die für mich richtige Dosis gefunden. Dennoch bin ich herausgefordert, mit dem Mehr an Dopamin, das meinem Hirn den erhofften Reizfilter ermöglicht, meinen Alltag neu zu gestalten. Diese andere neue Wahrnehmung meiner Umwelt hat weitreichende Auswirkungen. Ich bin zum Beispiel zwar weniger verzettelt, habe dadurch aber auch nicht mehr überall und  gleichzeitig alle Fäden in der Hand. Ich bekomme nicht mehr alles mit, weil ich viele Nebenschauplätze, nicht mehr wahrnehme. So verpasse ich manches und wirke vergesslich.

Doch die Vorteile genieße ich sehr. Beispielsweise habe ich viel mehr freien Arbeitsspeicher im Hirn, da dieser nicht mehr von unwichtigen Dingen vollgestellt ist. Weil ich tagsüber weniger müde bin und mich ausruhen muss, schlafe ich besser, weil ich abends müder bin. Ich fühle mich überhaupt irgendwie entknitterter und kann besser zu mir und meinem Raumbedarf stehen. Ich erlaube mir, so zu sein, wie ich bin un mache mich nicht mehr so klein wie davor, passe mich nicht mehr ständig an, nur weil ich die Welt anders wahrnehme als die Mehrheit.

Außerdem habe ich wirklich Glück mit meiner Ärztin. Sie hat mir nicht nur mit dem Finden der optimalen Medikation geholfen, sondern sie coacht und lotst mich nun auch durch die neuen Gewässer.

»Alles ist eine Frage der Steuerung, der Selbststeuerung«, sagt sie und fragt, ob sie wieder eine Grafik anfertigen solle. Ich bitte darum, habe mir sogar schon selbst den Block auf die Schreibunterlage gelegt, weil ich mir diesmal wirklich Notizen machen will. Jetzt fängt nämlich endlich das thematische Coaching so richtig an. Sie sagt, dass ich gern mitschreiben könne. Da platze ich mit der Frage heraus, ob es eigentlich auch ADHS sei, wenn eine immer etwas mit den Händen machen müssen, schreiben, kritzeln, etwas kneten … Ich kenne die Antwort eigentlich, dennoch will ich es gern auch von ihr hören. Hören will ich es vor allem, weil es noch immer da ist, obwohl ich doch das Medikament nehme. Ja, immer noch muss ich fast ständig an etwas »herumfingern«.

»Ja, das ist es«, sagt sie, »und das bleibt meist auch trotz des Medikaments so. Und es ist gut, wichtig und richtig, den Körper irgendwie zu beschäftigen, denn es hilft uns, den mentalen Fokus zu behalten. Es ist ein Werkzeug der Übersteuerung, womit Sie dem Denken etwas Physisches entgegensetzen können. Ich empfehle auch gern, wenn es andere stören sollte oder Sie selbst befürchten, andere zu stören, einfach mit den Füßen Bewegungen in den Schuhen zu machen.«

»Ich habe«, sage ich, »tatsächlich schon erlebt, dass es andere gestört hat, wenn ich – zum Beispiel in einer Sitzung – beim Zuhören vor mich hin kritzelte.« Wir schweifen ab zu Anpassung an sogenanntes Normverhalten und ich gestehe, dass ich jetzt, wo ich endlich weiß, dass ich ein ADHS-Hirn habe, mich nicht mehr immer so zusammenreiße wie vor der Diagnose. Dass ich mir erlaube, eben auch mal herumzappelnde Finger haben zu dürfen. Dass ich eben nicht mehr nur mit den versteckten Zehen in Bewegung bin, sondern die Hände nicht mehr immer verstecke, wenn ich sie biege, dehne und strecke oder mit etwas herumspiele …

Meine Ärtzin vertritt die Ansicht, dass die sich auftuenden Gräben zwischen neurotypisch und neurodivers niemandem helfen. Sie findet, dass ADHS-Betroffene mithilfe ihrer Medikamente sich bestmöglich anpassen sollten, damit das soziale Miteinander für alle einfacher sei. Überhaupt: letztlich seien ja alle Hirne anders, unterschiedlich, neurodivers, oder – noch besser, noch passender – neuroplastisch.

»So viel Anpassung finde ich nicht unbedingt soo gut«, sage ich, »ich finde sogar, dass es wichtig ist, dass wir alle lernen, nicht nur die Norm (ich denke an die Gaußsche Normalverteilung) sondern die ganze Palette von Verschiedenheiten als zum Leben zugehörig zu verstehen.« Und ich füge hinzu, dass ich es inzwischen toll finde, jeden Morgen die Wahl zu haben, ob ich heute lieber mit genug Dopamin oder lieber mit knapp oder wenig Dopamin leben will. »Ich habe die Wahl und ich habe mich mit meinem ADHS inzwischen ziemlich ausgesöhnt«, sage ich. Ich habe inzwischen verstanden, was genau mich warum vor der Diagnose so angestrengt und erschöpft hat. Warum ich so schlecht priorisieren konnte und warum ich mir immer so viel Druck gemacht habe. Auch diese ganze Anpassung und Maskierung … puh. Mit dem Erkennen der Zusammenhänge ist viel Druck von mir abgefallen.

Schließlich fängt meine Ärztin mit der Beschriftung eines neuen Papieres an. Steuerung ist das Thema, kurz für Selbststeuerung. Sie schreibt und erklärt mir, was wie zusammenhängt. Das Blatt Papier ist eine willkommene visuelle Lernhilfe.

Bis anhin hat ES (= der Dopaminmangel) mich gesteuert, via Impuls. Ich habe meine Entscheidungen impulsiv getroffen. Aus dem Moment heraus.

Mit der Diagnose und der Medikation wechsle ich aber nicht bloß vom einen ES (Mangel) zum nächsten ES (genug Dopamin), sondern ich bin auch in der Lage, zu entscheiden, was ich jetzt warum tun will.

Sie zeichnet die zwei uns beeinflussenden Ebenen auf das Blatt. Oben das Situative, der gegenwärtige Alltag, unten die mittel- und langfristige Planung, bestehend aus den gesellschaftlich vorgegebenen Strukturen wie Stunden, Wochentage, Monate. Beides bedingt und beeinflusst sich gegenseitig.

Zuerst schauen wir uns das Situative an, da es quasi das erste und das beste Übungsfeld für das zukünftig zu lernende Planen ist. Habe ich ein Ziel (Bikinifigur), esse ich womöglich jetzt anders, als wenn ich dieses Ziel nicht habe. Nur so als Beispiel zur Veranschaulichung der Zusammenhänge. Dank genug Dopamin mich selbststeuern könnend, bin ich in der Lage, dem Impuls (jetzt ein Eis zu essen) anders zu begegnen: selbst entscheidend.

Hier kommt das 4-Schritte-Modell – das Situative Bewusstseinsmodell – ins Spiel, das ich jetzt üben soll. Immer mal innehalten soll ich, und mir folgende Fragen überlegen.

1.) Wie geht es mir jetzt? (Gefühl, alles berücksichtigen, was jetzt hineinspielt: Hormone, Dopamin ebenso wie Konflikte, Schlaf, soziales Umfeld)
2.) Was ist jetzt sinnvoll? (Vernunft, Verstand)
3.) Entscheiden
4.) Verhalten

Ich kann und soll jeweils aufgrund der Antworten, die ich mir auf Frage 1 und 2 gebe, entscheiden, was ich jetzt tun will und mich dann entsprechend verhalten. Und diese Entscheidung ist dann auch immer jetzt die richtige. Ich soll mir die Bewusstheit wie einen Schieberegler vorstellen, den ich zwischen Gefühl und Verstand hin und her bewege, nämlich genau da hin, wo ich hin will. Der Schieber steht metaphorisch dafür, dass ich nun in der Lage bin, meine Entscheidung unabhängig vom Dopaminmangel zu treffen, nicht mehr jedem Impuls ausgeliefert seiend.

Ich stehe weniger denn je neben mir, erkenne ich dieser Tage immer wieder. Unter anderem merke ich es daran, wie ich rede; dass ich weniger Zeit brauche, um reagieren zu können. Es sind nicht mehr so viele Tabs in meinem Hirn offen, so dass ich weniger ablenkbar bin.

Für die Übung der Selbststeuerung will ich mir einen Schieberegler aus Karton basteln, etwa handtellergroß, mit den zwei Fragen drauf. Zur Erinnerung und als Fingerspielzeug zugleich.

Ich bin echt gespannt auf die nächsten Themen der Lerneinheiten meines Coachings.

Ausgelesen #41 | Worum es geht von H. C. Rosenblatt

Als Hannah C. Rosenblatt im Frühling in ihrem Blog bekanntmachten, dass sie ein weiteres Buch – Worum es geht – publiziert haben, wollte ich es unbedingt lesen, denn ich folge ihnen schon seit Jahren; im Blog ebenso wie auf Mastodon. Ihr erstes Buch, aufgeschrieben, habe ich hier besprochen.

Cover des Buches
Cover des Buches “Worum es geht, Autismus, Trauma und Gewalt” von H. C. Rosenblatt, mit dem Logo der edition assemblage in pink.

Dass es so lange gedauert hat, bis ich mich endlich auf Worum es geht einlassen konnte, tut mir leid. Das Jahr war kein einfaches. Dazu wusste ich, dass mich das Thema auch diesmal sehr berühren würde. Wie schon in aufgeschrieben geht es auch in Worum es geht um Gewaltstrukturen. Und wie schon bei aufgeschrieben fällt es mir erneut sehr schwer, die richtigen Worte zu finden, um dem so wichtigen Inhalt von Worum es geht halbwegs gerecht zu werden.

Es geht darum, Zusammenhänge zu erkennen, denke ich beim Lesen immer mal wieder. Und darum, auf all die Gewaltstrukturen sensibilisiert zu werden, in denen wir alle tagtäglich leben. Rosenblatt reflektieren aus autistischer, komplex traumatisierter Perspektive und schaffen ein Bewusstsein dafür Alltägliches zu hinterfragen, ganz besonders auch all die unterschiedlichen therapeutischen Hilfsangebote. Es geht ihnen allerdings nicht darum, anzuprangern, sondern den Kern des Dramas ihrer Erfahrungen aufblättern. Um zu verstehen. Um einordnen zu können. Dabei helfen auch Rosenblatts treffende Illustrationen.

»Eine Idee davon geben, was für ein Leben mir damals ständig gerettet wurde. Klarmachen, dass die, die mir die Handgelenke zugenäht und den Magen ausgepumpt haben, nicht diejenigen waren, die mich aus dem organisierten Verbrechen gerettet haben. Und dass es auch nicht die organisierte Intensiventspannung nach Gongschlag eingehüllt in Lavendelduft war, die mir in irgendeiner Weise dazu verholfen hat, meine Perspektive als autistische und komplex traumatisierte Person in einer nicht-autistischen Welt zu validieren, zu normalisieren und zu verkörpern.« (Zitat, Quelle: einblogvonvielen.org)

»Nach der Diagnose ’dissoziative Identitätsstörung’ (DIS) versuchen Rosenblatt über ein Jahrzehnt die angebotene Traumatherapie zur Verarbeitung zu nutzen. Allerdings mit so wenig Erfolg, dass sie auch lange nach ihrem Ausstieg aus organisierter Gewalt und Ausbeutung immer wieder um ihr Leben kämpfen müssen und von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen bleiben.«
(Zitat, edition assemblage)

Rosenblatt erzählen in Worum es geht von der Verarbeitung eigener Gewalterfahrungen als lange unerkannt autistische Person mit komplexer Traumafolgestörung. Nach ihrer späten Autismus-Diagnose beginnen Rosenblatt über Gewalt als immanente Funktion unserer Gesellschaft zu forschen und eröffnen ihnen und uns Lesenden Zugang zu Erkenntnissen darüber, was Heilung und Hilfe mit Gewalt zu tun haben.

Auch wenn wir hier Teile von H. C. Rosenblatts Lebensgeschichte lesen, ist dieses Buch doch weit mehr als eine persönliche Geschichte, denn das hier geht uns alle an. Sachliches und Persönliches wechseln sich ab und verbinden sich miteinander. Ich lege dieses Buch allen ans Herz, die wissen wollen, worum es wirklich geht. Denn Autismus, Trauma und Gewalt sind keine Privatsache.

Das Schlusswort übergebe ich H. C. Rosenblatt:
»Ich teile das alles, weil ich glaube, dass in Kontakt miteinander zu gehen, Ver.Bindung anzubahnen und darüber Empathie, Mut, Kraft zu entwickeln, wichtig ist, um das gute Leben für alle zu gestalten. Das gute Leben, das wir alle verdient haben.«
(Zitat: H. C. Rosenblatt, Worum es geht, Seite 20)

»Verstehen, das ist für mich die ultimative Verbindung.«
(Zitat: H. C. Rosenblatt, Worum es geht, Seite 21)


Ich bedanke mich bei H. C. Rosenblatt herzlich für das Rezensionsexemplar.


Taschenbuch
144 Seiten
140 x 200mm
978-3-96042-158-0 / 2-973
19,80 Euro

Edition Assemblage
März 2023

(Eigentlich nichts Neues) über die Liebe

Unsere Sehnsucht nach Geliebtwerden: Ich glaube, das einzige Mittel, das uns dagegen hilft, der Liebe anderer nachzurennen, ist radikale Selbstliebe. Nur damit werden wir vermutlich den ’Egoismus des Geliebtwerdenwollens’ abstreifen können.

Manchmal wird ja über Achtsamkeit als eine gut getarnte Möglichkeit das Nur-um-sich-selbst-Kreisens gestänkert. Das sei nichts als gut getarnter Egoismus. Das sehe ich ganz und gar nicht so. Gerade für Menschen, die von klein auf nicht gelernt haben, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten – und sich selbst und die eigenen Grenzen stattdessen ständig übergehen, weil ihnen niemand beigebracht hat, sich selbst wertzuschätzen, Bedürfnisse haben zu dürfen und ernst zu nehmen –, ist der Weg der Achtsamkeit(smediation) ein Segen.

Darüber stänkern tun übrigens eh meist nur jene Leute, die sowieso ein gesundes Selbstvertrauen mit auf den Weg bekommen haben und von daher keine Ahnung haben.

Sich selbst als wertvollen, liebenswerten Menschen zu betrachten, sich Gutes zu gönnen, mit sich selbst liebevoll umzugehen und – ganz wichtig! – Selbstmitgefühl zu haben, das zu Mitgefühl für andere ermächtigt, ist das krasse Gegenteil zur egozentrischen Lebenshaltung wirklicher Egoist*innen.

Der neunte Tag und endlich ein kleiner, vorsichtiger Optimismus

Vor neun Tagen hatten wir die ersten Symptome. Von Anfang an habe ich privat darüber Tagebuch geschrieben.

Ich frage mich zwischendurch immer mal, ob es sinnvoll – im Sinnne einer Art öffentlichen Archivierung/Chronik – und möglicherweise sogar hilfreich für andere sein könnte, wenn ich (gelegentlich) mein privat verfasstes Corona-Tagebuch hier veröffentliche. Ich denke da noch darüber nach. Immerhin ist es ja noch nicht ausgestanden.

Die ersten Symptome waren beim Liebsten stärker als bei mir,. Er hatte ja auch einen Tag Vorsprung. Ich habe drei Tage lang ‘nur’ ein leicht benommenes, mit Schluckweh einhergehendes Unwohlsein mit Müdigkeit und matschigem Kopf, erst ab Tag 3, abends, kippt es. In dieser Zeit ist es Irgendlink, den das Virus regelrecht und buchstäblich für etwa sechzig Stunden in die Knie, respektive in die Horizontale zwingt.

Als er langsam wieder auftaucht, fängt es bei mir an, aber so richtig. Das Schluckweh glüht bis in die Ohren und die Temperatur klettert für über drei Tage – achtzig Stunden – stabil über 38 Grad. Einzig wenn ich ein Ibu futtere, sinkt sie für einige Stunden.

An Tag 2 annulliere ich traurig meinen 2. Booster-Termin. Schade. Knapp verpasst. Ich hätte ja lieber einen Impfarm als Covid gehabt.

Der PCR-Test vom – Tag 2 – ist noch negativ und auch die Selbsttests bleiben bis Tag 3 negativ, weshalb wir uns in der Wohnung mit Maske begegnen, außerdem haben wir getrennte Schlafzimmer, viel Lüften. Viel dösen, viel Hörbuchhören (ich), ab und zu ein bisschen Lesen, Social Media, Filme gucken.

Ich weiß innerlich spätestens ab Tag 4, dass ich positiv bin, aber den nächsten Schnelltest mache ich doch erst am Tag 6, weil ich kaum mehr Tests habe und damit ich an Tag 7, einem Samstag, nochmals zum Testen (für Statistik und Sicherheit) in die Apotheke gehen könnte. Was ich dann auch tue. Und der Liebste auch. Wir fahren nämlich, da es ihm zum Glück inzwischen deutlich besser geht, an die deutsche Grenze, wo er seine Tests (Schnell- und PCR-) gemacht bekommt und ich die online bestellten neuen Tests im Paketshop abholen kann. Beide sind wir positiv, auch noch am siebten Tag seit Symptombeginn. So ist das nämlich.

Seit Tag 7 ist mein Fieber auf dem Rückzug. Nur noch ab und zu guckt es noch raus. Was bleibt, sind Halsweh, Husten, Schnupfen und Schlappheit. Und dieses matschiges Gefühl im Kopf. Konzentrationsprobleme. Mitten im Satz nicht mehr wissen, was ich sagen wollte. Und immer wieder Erschöpftsein nach kleinen Tätigkeiten.

Letzte Nacht der Umzug zurück ins Schlafzimmer. (Ciao Sofa, war schön mit dir!)

Heute ist das Schluckweh endlich nur noch ein kleiner Nachhall, der Schnupfen schleicht sich ebenfalls langsam davon, noch brennen die überreizten Schleimhäute. Zum Glück ist der Husten ziemlich zur Ruhe gekommen.  Alles dauert bei mir länger als sonst.

Als Privileg empfinde ich, dass wir diese Krankheit, hier bei mir, Seite an Seite durchstehen konnten, uns gegenseitig unterstützen, mit Zugang zu Badewanne und Co., und mit zwei Rückzugsräumen. Dazu liebe Freund*innen im echten und im virtuellen Leben, die Mut machen und liebe Nachrichten schicken, die nachfragen und Hilfe anbieten. Das macht uns sehr dankbar.

Vermutlich hatten wir einen sogenannt leichten Verlauf, obwohl ich mich nicht erinnern kann, je vorher mal soo krank gewesen zu sein. Hoffentlich sind wir bald wieder ganz genesen. Und noch hoffentlicher bleibt nichts von alledem zurück.

Aber was wäre wohl gewesen, wenn wir die Ur-Variante (oder Delta) dieses Shaiz-Virus – dazu noch ungeimpft –, bekommen hätten? So ‘leicht’ – äh, leicht war es nicht wirklich – wären wir vermutlich nicht davon gekommen.

Und ausgestanden ist es ja, wie gesagt, noch immer nicht. Aber da ist wieder vorsichtiger Optimismus irgendwo.

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Bitte tragt euch und euren Mitmenschen Sorge, lasst euch impfen und/oder boostern und tragt Masken. Für jene, deren Immunsystem nicht so stabil ist, aber eigentlich für alle.

»Jede noch so kleine Fläche wird mit einem Solarpanel bestückt«

Wie so ein Schutzgitter aus ganz feinem Draht fühlt es sich an, was ich da um mich herum gesponnen habe vor den Ferien. Ich nenne es nicht digitales Entgiften – weder auf Deutsch noch auf Englisch – denn es ist ja nicht alles Gift. Es war einfach alles zu viel. Im nicht-virtuellen Leben ebenso wie im virtuellen, im persönlichen ebenso wie im öffentlichen. Zu viele Informationen, zu viele Katastrophen, zu viele Eindrücke und Reize, und darum herum auch zu viel Hitze.

Es war eine leise und eher halbbewusst getroffene Entscheidung, mich während der Ferien von jeglichen Nachrichtenfluten fernzuhalten und mich einfach mal nur auf das für mich Wesentliche zu fokussieren.

Da war die Wanderung. Der nächste Schritt, immer nur der nächste Schritt. Im Kleinen ebenso wie im Größeren: Wie sieht der nächste Streckenabschnitt aus? Muss ich meine Wasserflasche ganz füllen oder kann ich mich von Brunnen zu Brunnen satttrinken? Wo picknicken wir? Wo bauen wir das Zelt auf? Wo pinkle ich, wo kaufen wir ein, wo lassen sich unsere Solarpanels hinlegen oder aufhängen, damit wir unsere Handys laden können? Solche Dinge.

Das Nachrichtenfasten ist mir ziemlich gut gelungen, ich habe nicht einmal die Nachrichtennewsletter geöffnet. Außerdem gab es ja auch vor und nach der Rückkehr ins heimische Nest genug schwierige Nachrichten im persönlichen Umfeld, die mich, die uns beschäftigt haben.

Je näher nun mein Alltag mit Terminen und Arbeit wieder rückt, desto dünner wird mein Schutzgitter aus feinem Draht, das ich mir vor den Ferien gesponnen habe. Es erinnert mich an das Blasenpflaster, das ich mir in Naters gekauft und an die Ferse geklebt hatte. Eine dünne, durchsichtige Kunststoffhaut war das und es hieß dabei ausdrücklich, dass es nicht vor seiner Zeit abgelöst werden solle, denn es löse sich von allein ab. Tatsächlich. Die vorherigen Blasenpflaster, schon älteren Datums, hatten sich jeweils nach einem Tag mit Wasserkontakt und Wanderschuhstrapazen abends wieder gelöst und ein neues Pflaster erfordert, um die Blase zu schützen, die sich hartnäckig an meinem linken Fersenknöchel hielt.

Das neue Pflaster aber hielt fast eine Woche und als ich es schließlich dann doch entfernte, hatte sich darunter bereits neue Haut gebildet.

Unter meinem dünnen Schutzgitter, in das ich mich Anfang Ferien gesponnen habe, ist womöglich auch eine Art neue Haut entstanden, die mir hilft, dem Alltag wieder gelassener zu begegnen als davor, da meine eh schon dünne Haut noch dünner geworden war.

Gestern Morgen öffnete ich das erste Mal seit Ferienbeginn den samstäglichen Republik-Wochenend-Newsletter, überflog ihn und öffnete einen Artikel. In »Das Ziel Nummer zwei« erzählt Simon Shuster, wie es Olena Selenska nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine ergangen ist und wie sie sich heute schon auf die Traumafolgen der Menschen nach dem Krieg stark macht, indem sie unter anderem Weiter- und Ausbildungen für Therapeut*innen aufgleist, die den vom Krieg traumatisierten Menschen helfen werden. Da ist so viel verzweifelte Hoffnung in diesem Ansinnen. Das Ende des Krieges wird kommen. Hoffentlich bald.

Und ic? Ich habe, beschämenderweise, auch diese Katastrophe, diesen Krieg bereits in meinen Alltag integriert, irgendwo neben all den anderen Katastrophen, weil da kein Platz mehr für noch mehr Krise ist.

Der erwähnte Text hat mich jedenfalls zutiefst berührt und ist mir unter die neue, ein bisschen nachgewachsene Haut gefahren.

Mir geht es aktuell, und sogar schon eine ziemliche Weile, ziemlich gut. In mir drin, mit mir und in meiner kleinen Blase, habe ich meistens Boden unter den Füßen – trotz der schwierigen Dinge im nahen Umfeld, die mich mitbetreffen. Dennoch, nein, habe ich wenig Hoffnung, dass die Welt sich irgendwie noch zum Guten verändern könnte, grundsätzlich, langfristig. Gucke ich auf das Kleine, sehe ich viel Schönes, Gutes, Ermutigendes, Heilsames, aber der Blick auf das Große und Ganze zeigt ziemlich viel ScheiXXe.

Es fühlt sich an, sage ich zum Liebsten, als hätte ich fast zwei Wochen unter einer Decke gelebt, mich feige vor der Realität versteckt.

Wie kann ich (wie können wir) mit der Nachrichtenflut umgehen, ohne uns entweder vor Mitgefühl selbst zu zerfleischen und kaputt zu machen oder aber zu abgestumpften, nicht mehr mitfühlenden Menschen zu entwickeln? Wie könnte der Mittelweg aussehen?

Funktionieren Mittelwege überhaupt noch angesichts all der Katastrophen; müsste ich nicht viel konkreter denken, leben, handeln? Und wenn ja, wie? An welchem kleinen Ort wäre mein Handeln möglich, für mich, und sinnvoll, hilfreich?

Die Wasserfässer in Irgendlinks Garten sind noch recht gut gefüllt. Das im Winter und Frühling vom Dach gesammelte Regenwasser hat gute Ernten ermöglicht. Was aber, wenn es einfach nicht mehr regnet (oder schneit) und die Quelle hier oben auf dem Einsames-Gehöft-Berg versiegt, wie schon manche Flüsse?

Wir haben eigentlich nur eine Chance zu überleben: Es muss den Forschenden bald gelingen, das Meerwasser trinkbar zu machen. Außerdem braucht es auf allen Hausdächern, über allen Parkplätzen, auf jedem Stück Brachland und wo immer es möglich ist, Solaranlagen, die für Energie sorgen. Und Windräder an allen möglichen Stellen. Und Bäume. Überall. Teerplätze müssen aufgebrochen und an jeder freien Stelle Bäume gepflanzt werden.

»Jede noch so kleine Fläche wird mit einem Solarpanel bestückt«, sage ich.
»Jede Glatze!«, sagt der Liebste.
»Genau Glatzen! Und Hüte. Und Schirme. Jacken. Kleider. Und überall Powerbanken, die die Energie unmittelbar speichern. Das sollte doch möglich sein.«

Neulich schrieb ich auf Mastodon:

»Die Schweizer Flüsse haben noch gut Wasser.
versus
Die Schweizer Gletscher schmelzen so unaufhaltsam und endgültig wie die Polkappen.
Fertig mit Ewiges Eis.«
(Quelle)

und

»Es hat ganz schön abgekühlt da draußen. Die ganze Nacht war Durchzug. Auch die Wohnung ist nun wieder kühl. Es riecht nach Regen.
Dankbarkeit.

Dennoch denke ich oft: „Wir leben in der Galgenfrist!“ und „Lieber Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende?“«
(Quelle)

Dennoch habe ich noch Träume:

»Ich habe heute Nacht von schweizweit (oder auch andere Länder) flächendeckenden |en Sonntagen geträumt. Also ganzjährig, immer & überall. Nur noch ÖV lief.
War echt schön!«
(Quelle)

Vielleicht sind es doch die kleinen Dinge, mit denen wir es doch noch schaffen werden? Gemeinsam. Vielleicht.

Nachdenkinspiration über Ressourcen und Strukturen

Ich bedanke mich herzlich bei H. C. Rosenblatt für die nachfolgenden Gedanken zu ihrem Umgang mit Kraft- und Zeitvorräten. Da ist ganz viel Wiedererkennen bei mir.

»Für viele traumatisierten Menschen ist Vorhersehbarkeit die einzige Sicherheit über die sie sich beruhigen und Kraft sammeln können, sich dem Leben zu stellen«, antworten sie auf meinen Kommentar. Genauso ist es – jedenfalls bei mir.

»Jahres-, Monats-, Wochen- und Tagespläne sind mir noch nie ein Korsett gewesen, nie ein Angriff auf meine persönliche Freiheit – viel eher sind sie der Grund dafür überhaupt in die Situation zu kommen, mich frei entscheiden zu können. Denn ich kann weder entspannen, noch ruhen, noch Kraft tanken, wenn ich nicht weiß, was in den folgenden Stunden und Tagen noch auf mich zukommt und wie ich was wann wie genau kompensieren kann und darf.

Im günstigsten Fall mag ich die Art der Störungen des üblichen Ablaufs einfach nicht oder bin nur irritiert. Dann finde ich Stabilität und Ruhe in Stimming oder meinen Projekten. Problematisch wird es, wenn ich mit den Ressourcen schon so weit runter bin, dass ich weder von Stimming noch von irgendetwas anderem profitiere. Am schlimmsten ist es, wenn der Ablauf über so lange Zeit gestört oder beeinflusst wird, dass ich überhaupt keinen üblichen Ablauf mehr ausmachen kann.

[…]

Viele Menschen denken und planen nicht so weit im Voraus wie wir, weil sie es nicht müssen. Ihr Jetzt ist ein anderes als meins – ist nicht so leicht zu zerstören von morgen, bald oder nachher. Und viele Menschen schieben einfach gern auf, weil sie die Kraft für alles auf einmal aus einem viel tieferen, größeren Fass schöpfen als ich. Um in dem Bild zu bleiben, habe ich genau eine Tasse, aus der ich schöpfen kann und ich bin maximal geizig mit jedem noch so kleinen Tropfen, weil ich es muss. Nicht, weil es so schlimm ist, erschöpft zu sein, sondern weil „eine volle Tasse“ zu haben für mich a) nicht bedeutet, nicht erschöpft zu sein und b) weil auch das Management dieses Budgets, die Erfassung, die Planung, die Kommunikation des Budgets bereits daraus geschöpft wird.

Ich habe nie einen fixen Stand von 100 % und daraus kann ich dann hippy happy Leben gestalten – ich muss bereits 40 % weggeben, um in der Lage zu sein, mein hippy happy Leben erfassen, mich selbst darin fühlen und verstehen zu können. Und das ist, was die meisten Menschen – auch „meine Menschen“ – manchmal einfach vergessen: Die meisten Menschen müssen aus ihrem größeren Kraftfass vielleicht 10 oder 15 % dafür weggeben und das oft nicht einmal bewusst. Und am Ende eines Tages haben sie immer noch 20 bis 30 %, um zu verarbeiten, was sie erlebt haben.«

Quelle: H. C. Rosenblatt, https://einblogvonvielen.org

Bitte lest gern bei ihnen den ganzen Artikel.