So Dekozöix

Wie sie sich dekorieren, die Menschen,
mit einer nacherzählten Geschichte über sich,
die sie in ein gutes Licht stellen soll.
Mit der Erwähnung, wie dicke sie
mit XYZ sind, deren oder dessen Glanz doch bittebittebitteschön ein klitzekleines riesengroßes Bisschen
auf sie abfärben möge.
Mit ein bisschen Farbe und ein bisschen Puder dekorieren sich manche
an jenen Stellen,
die nicht so gefällig sind.
Andere dekorieren sich mit ein bisschen Nichts,
aus Trotz,
und um der Natürlichkeit willen.
Und ja, mit Worten auch, mit
Worten wie bunten Tüchern.

Fassade, so viel Fassade,
Tand,
Selbstdarstellung.

Um nicht, nein bloß nicht!,
sich selbst
so klein,
so menschlich klein,
klein und demütig,
− oder warum nicht einfach ganz einfach? −
verletzbar, so verdammt verletzbar
und angreifbar, auslachbar, unbequem,
sein zu müssen.
Nackt und wahrhaftig.

Substanz, wo versteckst du dich?
Und du, Wahrhaftigkeit? Und du, Essenz?

Ach, die Menschen, wie sie sich aufblasen,
um gesehen zu werden,
entdeckt zu werden,
gelobt, beachtet,
erwähnt und geliked.

Ach, Mensch.

Mehr und weniger

Wofür ich bin?

Für mehr lassen
und für weniger tun

Für weniger eilen
und für mehr stehenbleiben

Für mehr anteilnehmen
und für weniger zuschauen

Für weniger sharen
und für mehr still sein

Für mehr Jede-auf-ihre-Weise
und für weniger So-macht-man-das-Punkt

Für weniger Stress
und für mehr Atemholen

Für mehr Weniger-ist-mehr
und für weniger Immer-mehr

Für weniger leisten
und für mehr genießen

Für mehr dürfen
und für weniger müssen

Für weniger lärmen
und für mehr singen

Für mehr kreieren
und für weniger zerstören

Für weniger rennen
und für mehr tanzen

Leise Schlagzeilen

Was nicht in den Schlagzeilen steht, müsste
uns interessieren. Und
was geheimgehalten wird und
was verschwiegen und von wem und wozu;
was langweilt.
Daran wäre zu erkennen,
wohin wir nicht unterwegs sind.

Wir?
Teil des Wir bin ich,
obwohl ich mich
oft
(oft genug?)
dafür schäme.

Wohin wir nicht unterwegs sind, wäre,
so ahne ich, dieser Ort,
der uns ein wenig heilen könnte.
Und besser für uns wäre, als
jener, wo wir uns aufhalten,
zu oft,
im Lärm,
ohne den wir
an der Stille,
die sein könnte,
zu ersticken meinen.

Heiliger Konjunktiv, verlass mich nicht,
denn diesem lauten Wir würde ich lieber nicht angehören.

Ich will ein anderes Wir. Das Wir jener Menschen, die
in Respekt miteinander leben. Vor Tieren.
Vor Kindern. Vor Alten.
Vor Frauen. Vor Männern.
Weil nicht zählt,
was wir glauben,
noch was wir essen,
sondern dass wir hier sind. Lebendig.

Ein Wir brauchen wir (sage ich), das die ungedruckten Schlagzeilen liest.

Mich interessiert,
wer du bist, wenn ich
weder Geschlecht noch Hautfarbe,
noch Geburtsort, noch Alter,
noch Sprache, noch Krankheiten,
noch Elternhaus, noch das Land deiner Ahnen
weiß.

Illusion!

Denn du bist nie netto.
Du bist brutto. Immer.
Und ich bin auch nie nur netto.
Ich bin brutto. Immer.

Und das ist
für mich
für uns
manchmal
gar nicht so einfach.

Zu verstummen wird immer eine Option sein

Ich begegne
_so vielem
_so vielen
mir begegnen
_so viele
mir begegnet
_so vieles
Ich höre hin
höre zu
höre weg
höre nicht
verstehe
verstehe nicht
will
will nicht
mag
mag nicht
kann
kann nicht

Begegnen braucht Kraft
Begegnen gibt Kraft
Beziehung
beziehen
ziehen
gegen
für
mit

Verstummen ist immer eine Option

______________________________________________

Nachts im Halbschlaf habe ich den Titel im Dunkeln auf den Block gekritzelt. Was ich drum herum geträumt habe? Ich weiß es nicht mehr. Obige Zeilen sind frei assoziiert.

Leere und so.

Inspiriert von Ulli, die gestern über die Leerheit bloggte, habe ich mich auf die Findung nach einem uralten Text gemacht. Geschrieben vor siebzehn Jahren, in Zürich. In einem anderen Leben.

Hier ist er.

+++

jetzt

hier fülle
da leere
beschenkt erfüllt vollgestopft überhäuft
ausgesogen beraubt befreit ausgeleert
negativ
positiv
bewerten
gegen teil
mitte
gleich gewicht
gerechtigkeit
extreme
kontraste
das eine nicht existent
ohne das andere
die summe aller zahlen ist null
ist alles ist nichts
illusion
nur das jetzt ist wirk lich
was war: illusion
was sein wird: erinnerung
hoffnung
gegenwart der punkt auf meiner unendlichen
gerade
der kreuzpunkt
aller unendlichen geraden ist jetzt
jeder punkt ein kreuzpunkt jeden lebens
unendlich
unfassbar
nur das jetzt ist wirk lich
jetzt be wirke
ich
mein leben
bringe es in die mitte
meine mitte
die universelle mitte
da ist liebe zu
mir
dir
allem sein
der punkt
die quelle
die mitte
keine illusion
wirk lich keit
die liebe
dort
nein
hier
bin
ich

4/98

Unter den Zeilen

Quelle Text: deremil.wordpress.com
Quelle Text: deremil.wordpress.com

Zu Grunde gehen

dahin
wo es am tiefsten
ist

und wunden Muscheln die Hände öffnen
Perlenfischerin ich

Im Abstoßen vom Grund
mich vom Strudel
der mich abwärts zog
entfernen

Nähe zu mir findend
aufzutauchen
erneut

Luft
Atem

nehmen
holen

Land betretend
erneut
verstehen
warum die Flüsse
sind
was sie sind
und die Tiefen
da
wo es mich liebt
sein
die ich bin

Vergängliches
strömen
lassen
kommen
lassen

Lass
du
mich
schwimmend
in deinen Worten

Spüre den Boden
jetzt
unter den Zeilen
er trägt
erträgt
uns

Egal.

Ohne
Leidenschaft,
Begeisterung,
Liebe
wird alles nichts.
Mit
Leidenschaft,
Begeisterung,
Liebe
wird nichts alles.

Manchmal, ich gestehe es, manchmal
möchte ich alle Wesen
in Liebe baden und sie so
von allen ihren Wunden heilen.
Nenn es Größenwahn.
Im Grunde spielt es keine Rolle
wie viele
wie wenige
ich
mit meinem Herz,
mit meiner Liebe,
mit meinen Texten berühre.
Viel oder wenig
ist mehr oder weniger

egal.

Mitten im Yoga
zu begreifen,
dass, wenn doch
alles irgendwie
(hm, nun ja,)
göttlich
(oder so?)
ist, auch ich
es bin.
Ein Fünklein davon.
Ein Splitterchen.
Du auch.

Muss ich mich
erst fest stellen,
nur um festzustellen,
dass ich
nicht muss?
Und nichts.

Dieser Tage

Während ich diese Zeilen schreibe,
während du diese Zeilen liest,
während sie über die Straße geht,
während er den Zug besteigt,
während sie im Büro sitzt,
während sie zu Mittag essen,
während sie sich zärtlich umarmen,
während er die Seite umschlägt,
während du die Tafel putzst,
während ihr um Hilfe ruft,
während ihnen dort Hilfe gewährt wird,
während euch hier Hilfe verweigert wird,
während man dir nicht zuhört,
während du den Vertrag unterschreibst,
während sie auf dem WC sitzt,
während er vom Jagdhochsitz aus Rehe beobachtet,
während ich huste,
während er schläft,
während sie die Wände neu streicht,
während es hinfällt und wieder aufsteht,
während sie ihn auslachen,
während alle Charlie sind,
während in Nigeria Menschenrechte ignoriert werden,
während in Köln oder in Berlin eine Asylbewerberin aufgenommen wird,
während in Dresden ein Mensch begreift, dass es auch anders geht,
während sie in Zürich den Kopf schüttelt,
während er in Bern auf die Uhr schaut,
und ich hier aus dem Fenster,

fällt hier kein Schnee. Möglicherweise woanders.

HochsitzAb Februar bin ich (offiziell wieder) nur noch teil-selbständig. Ich hoffe, meine neue Arbeitsstelle wird zu mir passen wie ein paar perfekte Schuhe, wie meine bequemste Jeans und wie mein Lieblingspulli.

Während du das liest,
unterschreibe ich vielleicht gerade den neuen Arbeitsvertrag.

Und du?

Ewige Pilgerschaft

Ein Pilger ist einer, der eine Haltung sucht zu Ranken
und anderen Fesseln, doch welche? Soll ich sie
mit meinem scharfen Pilgermesser abhacken, so
schnell sie wachsen? Oder sie hegen und pflegen und
jeden Tropfen, egal welchen Wassers, auffange, um sie
in ihrem Ringen zu stärken? Liebe ist das
Geheimnis im Innern dieses Gehens. Wie
ein Hund läuft sie uns voraus aus dem Bild.*

Was willst du festhalten, Frau?
Worum sorgst du dich?
Was pflegst du?
Und was lässt du los?

Wofür gehst du?
Wofür brennst du?
Was ist das Holz,
was das Öl deines Lebensfeuers?

Und womit löschst du den Brand?
Womit deinen Durst?

Was schneidest du ab und wozu?
Was lässt du wachsen und wohin?

________________________________________

* Den ersten Abschnitt zitiere ich aus Anne Carsons Die Anthropologie des Wassers; Aus Burgos, 3. Juli.

Noch mehr Hirn- und Herzgespinnste

Wenn ich blogge, bin ich Bloggerin,
wenn ich schreibe, Schreiberin,
wenn ich twittere, Tweeterin,
wenn ich ein Pinterest-Konto habe, Pinnerin,
wenn ich ein FB-Konto habe, Facebookerin,
wenn ich Dinge mache, eine Macherin,
wenn ich denke, Denkerin,
wenn ich träume, Träumerin,
wenn ich lache, Lacherin,
wenn ich spinne, Spinnerin,
[…]
… und wenn ich aufs WC muss, was bin ich dann?
Und was, wenn ich gar nichts mache?

+

Nennt sich das, was wir tun, Multitasking? Oder einfach nur irgendwie schizophren?
Bin ich hybrid oder einfach nur chamäleonesk?
Flexibel oder einfach nur angepasst und anpassungsfähig?
Wirklich kreativ oder einfach nur eine Reste-Aufwärmerin?

+

Und nun noch ein bisschen Dada mit einigen meiner Twitterposts und -antworten

Und die andere Hälfte? Ein Bett im Wald, oooh, das hätte
ich auch gerne! Die Krawatte, nicht
den Hoodie. Mundwasserfall. Kleider aus Menschenhaut! Friedlicher als
gedacht. Wo ist das denn? Noch besser: aus-
ziehen. Shibashi? Wenn man dafür in Kauf nimmt, dass
es keinen Weg zurück gibt? Wer könnte da NEIN
sagen? Klingt nach friedlichem Kampfsport. Zwar ein
Weg, von Wille aber keine Spur, da setz’ ich mich mal
hin, was mach ich hier nur? Tastaturschrei. Für die Liste
für die Pille. Hier müsste es auch Triggermel-
dungen geben, personalisierte! Schlimmer als jeder Zaun-
pfahl. Marktlücke entdeckt. Bildungs
lücke
meinerseits? Genieß deine Mittags-
pause. Danke, das muss ich mir gleich näher an-
sehen. Muss man das kennen? Melde mich
gleich mit an … Klingt gut. Viel Freude
damit! Da bleib ich besser Dortwo-ich-bin. … wie
die Menschen: je reicher desto geiziger. Das
klingt nach Vorstellungstermin? Aber Hauptsache, man
nimmts nicht persönlich.

+

Man nimmt nichts persönlich – gut, von mir war das ironisch gemeint. Wird aber oft gesagt. Und jedes Mal denke ich dabei: Sind wir denn Maschinen geworden, weil wir so gar nichts mehr persönlich nehmen?
Ob wir womöglich, ähnlich wie Geräte, gar extra mit Fehlern und Abnützungszeiten konstruiert worden sind (und wenn ja: von wem?), damit wir nicht zu perfekt sind, damit der Hersteller nicht Konkurs macht und immer was zu tun hat. Und damit es uns nicht langweilig wird, das Leben.