Über die Schwelle

Es ist der erste Schritt, der mir am schwersten fällt. Der Schritt über die Wohnungsschwelle. Auch die nächsten fallen schwer. Wenn ich über die Haustürschwelle getreten bin und  draußen stehe, muss ich noch immer  Widerstände überwinden. Als wäre die Wohnung ein Magnet. Das Haus zu verlassen braucht Kraft. Als schwämme ich gegen den Strom, wenn ich das Haus verlasse. Wenn ich in die Welt hinaus gehe.

Falls es nur ein Spaziergang durch das Dorf oder den nahen Wald ist, sind die Widerstände weniger heftig als wenn mich die Reise in die weitere Umgebung, in die Ferne gar, führt. Zum Liebsten, zu Freundinnen, in die Berge womöglich oder – man wird ja wohl noch träumen dürfen! – ans Meer.

Sind es nur meine Widerstände, die in den letzten anderthalb Jahren gewachsen sind? Nein, wohl nicht, denn ich höre ähnliches bei anderen. Und das, obwohl hinter und unter allen Widerständen diese ungeheuerliche, diese von ganz tief innen und unten nach oben schwappende Sehnsucht nach Ferne, nach Weite, nach raus ans Meer, nach Reisewind um die Nase, nach Tapetenwechsel lebt.

Und da ist auch diese Müdigkeit, diese Erschöpfung vom Immer-Gleich, die mich zermürbt. Sogar mich zermürbt, mich, die ich ja aus gesundheitlichen Gründen schon länger isoliert lebe, mich, die ich mich als eine mit Rückzugerfahrung bezeichne. Und wenn schon in mir drin dieses Ziehen ist, dieses Sehnen, dieses Vermissen von Unterwegssein, wie viel mehr muss es erst in Menschen ziehen, die in ihrem vorpandemischen Alltag häufiger als ich unterwegs waren, verreisten, sich unter Menschen bewegten.

Ja, ich verstehe alle Leute, die wegfahren und die wegfahren wollen. Das haben wir uns alle doch wirklich verdient, ne? Manche fahren sogar weit weg. Manche besteigen sogar Flugzeuge, denn die Erde ist ja eh dem Untergang geweiht – brennend, glühend, überflutend –, da wird ja ein Flugzeug mehr oder weniger keine Rolle spielen. Und den Klima-, Virus-, Kriegs- und Armutsflüchtlingen auf der ganzen Welt nützt es ja auch nicht, wenn ich jetzt nicht in dieses Flugzeug steige.

Ja, wirklich, ich verstehe es. Obwohl ich ethische, moralische und ökologische Widerstände habe. Da komme ich nicht gegen an. Und es geht mir ja dabei noch nicht mal nur ums Klima, es geht mir auch ums Virus. Oder sagen wir mal um Solidarität mit der Gesamtmenschheit. [Ich sehe  ja manchmal comicartige Szenen vor meinen inneren Augen: Das Virus, wie es mutiert, weil die Menschen es ihm gerade so superleicht machen. Und weil es so viel Spaß macht, sich in all den dummen Menschen weiterhin zu vermehren.]

Ob wir noch Hoffnung haben, fragte neulich jemand per Umfrageformular auf Twitter. Ich klickte die Option ’kaum’ an und war damit in bester Gesellschaft. Noch mehr hatten ’nein’ angeklickt. Die, die noch Hoffnung haben, waren in der Minderheit. Nicht repräsentativ, ich weiß.

Autorisiert uns die persönliche Hoffnungslosigkeit zu Nach-mir-die-Sintflut-Handlungen? Ist es nicht längst zu spät? Und was ist mit all den Kindern und Jugendlichen?

Puh, so kann ich doch diesen Text nicht enden lassen.

Wie war das gleich noch: erste Schritte? Nun ja, vielleicht verlassen wir ja das Haus diesen Sommer doch auch und fahren wohin. Mal schauen. Denn ja, Tapetenwechsel würde gut tun. Wirklich. Endlich mal wieder raus.

Ich übe und gehe jetzt mal ins Dorf. Einen Brief einwerfen, Geld ziehen und  den Jahresbeitrag für die Bibliothek bezahlen. Denn sollte morgen die Welt untergehen, lese ich doch heute noch ein paar Seiten in einem guten Buch.

Hängemattentage

In der Hängematte zu liegen ist im Grunde wie schwimmen. Oder wie baden. So philosophierte ich gestern, als wir, irgendwo am Aareufer, zwischen Buchen rumhängten. Im Wortsinn.

Der Liebste hat mir nämlich vor knapp drei Wochen zum Geburtstag eine Hängematte geschenkt. Weil ich an seiner so sehr Gefallen gefunden hatte. Unsere zwei Leichtgewichte sind jetzt immer dabei, wenn wir raus in die Natur gehen. Hatten wir einander früher gefragt: Wo gehen wir heute wandern?, fragen wir uns heute: Wo legen wir uns heute in die Hängematten? Viel braucht es nicht: drei bis vier stabile Bäume im passenden Abstand reichen uns. Wenn daneben, wie gestern und vorgestern, noch ein Fluss vorbeifließt, in den man sich schnell zwecks Abkühlung tunken oder in dem man gar schwimmen kann, umso besser. Aber auch einfach nur so in der Matte hängen, hat was; hat was vom Schwimmerlebnis, das ich so mag: Auf dem Rücken liegend in den Himmel gucken. Oder in das Laubdach über mir. Den Gedanken zuschauen. Die Seele baumeln lassen ist eine Phrase, die nirgendwo besser als in die Hängematte hineinpasst. Alles baumelt.

Am Freitag habe ich während unserer Zeit im Wald versucht, Pfannenbrote für uns zu backen. Auf dem Feuer. Es hat nicht gleich auf Anhieb funktioniert, zumal wir das Öl zum Einfetten des Emailleblechs vergessen haben. Und einen Pfannenwender, um die Brötchen zu backen. Immerhin hatte ich eine Zange dabei, um das Blech aufs Feuer zu legen. Und mein Sackmesser, um aus einem flachen Holzstück so etwas wie eine Löffel zu schnitzen.

Fazit: Kleine Pfannenbrötchen funktionieren besser als große. Oft drehen hilft. Und so wurde das letzte Brötchen dann wirklich sehr köstlich, während seine Vorgängerchen eher eine Art Knusperchips geworden sind. Spaß hat es alleweil gemacht. Vor allem das Rumhängen.

Am Samstag dann ein Ausflug in die Hügel in der Nähe des Rheins. Ein Amphibienweiher. Seerosen. Nachdenken über exponentielles Wachstun. Und auf dem Heimweg ein Abstecher an den Rhein, wo eine schöne Badestelle ins kühle Nass lockt. Und wo es Bäume hat, um. Ich glaube, die Hängematte ist mein neuer Wohlfühlort geworden, einem Schneckenhaus gleich.

Gestern haben wir uns auf die Räder gesetzt. Der Aare entlang Richtung Norden fahren wir. Zuerst auf vertrauten, dann auf neuen Wegen. Und schließlich finden wir einen Platz, der nur so auf uns gewartet zu haben scheint. Eine Waldhütte. Tische. Bäume. Und eine Aare, die mich zum Kurz-Reintunken verführt. Wo es doch so heiß ist.

Auf dem Heimweg schließlich zu unserm Lieblingsbadeplatz an der Limmat. Diesmal kann selbst der Liebste nicht widerstehen. Sagte ich schon, dass es heiß ist? Die Flüsse haben Hochwasser, jedenfalls beinahe. Und vielleicht überfluten bald ihre Ufer. Gletscherwasser aus den Bergen. Regenwasser. Aber jetzt und hier und heute genießen wir das kühle Nass.

Als wir daheim sind, fängt das Gewitter an. Platzregen fällt. Die Luft kühlt ab. Und wie es riecht!

Und jetzt? Jetzt gehen wir raus. In den Wald. Und ja, wir nehmen sie mit. Natürlich.

Dem Liebsten sei’ Brötchen und die Sache mit dem Horten von Dingen

Ja, klar kann ich Genitiv, Dialekt klingt aber im Dativ einfach besser.

Weil wir dieser Tage an einem zukünftigen Hof-Loppis  aka Hof-Brocante schuften, hat der Liebsten vergessen, sich am Montag Brot zu backen. Das kann er nämlich inzwischen richtig gut. Kurz nach dem Beginn der Pandemie, mit wachsendem Ekel vor virenbehafteten Bäckereifachverkäufer:innenhänden, begann sein Brotbackabenteuer. Mal mit wenig Hefe, mal mit Sauerteig, experimentierend mit verschiedenen Getreiden, mal hell und dunkel. Meistens lecker.

Im gleichen Aufwisch vergrößerte er auch die Gartenfläche, versorgte sich weitestgehend mit Selbstgeerntetem und bekochte sich, statt regelmäßig bei Muttern zu futtern, hinfort selbst. #Stayathome-sei-Dank. So gibt es seither viel weniger Fleisch und viel mehr Gemüse. Das aber nur am Rand, denn hier soll es ja um Brot gehen. Und, nun ja, auch um Besitz.

Da ich – im Gegensatz zu ihm – aus gesundheitlichen Gründen keine Hefe- und Sauerteigbrote mehr essen kann und schon eine Weile meine glutenfreien Brote mit Weinsteinbackpulver backe (guckt hier), backen wir zweierlei Brote. Gestern Morgen nach dem Aufstehen schlug ich ihm, dem Brotlosen, vor, für ihn nicht-glutenfreie, nicht-histaminfreie Brötchen mit Backpulver statt Hefe zu backen. Weil ich das schon immer mal ausprobieren wollte. Durfte ich. Weil er Lust auf etwas mit Roggen hatte – und davon auch genug Mehl im Haus –, recherchierte ich ein wenig im Netz, kombinierte das Gelesene mit meinen bereits gesammelten Erfahrungen und bastelte eine Backmischung für ihn. Und, was soll ich sagen, das Ergebnis schmeckte ihm auf Anhieb sehr lecker.

Roggendinkelbrötchen auf Teller
Roggendinkelbrötchen

»Was hat es denn da drin?«, fragte er beim Frühstück. »Nein, sag nichts, ich kann es bestimmt später in deinem Foodblog nachlesen!«

»Ähm, nein, kannst du nicht, weil … nun ja, das ist ja eben nicht ganz histaminfrei, was du da isst!«

»Ach ja. Hm. Ich verstehe. Da fehlt dann aber auf deinem Foodblog eine Rubrik mit Rezepten für die nicht histaminintoleranten Angehörigen!«, sagt er und grinst.

»Oder aber,« sage ich, »ich widme ’dem Liebsten seinen neuen Brötchen’ einen kleinen Blogartikel im Soso-Blog, damit du sie jederzeit nachbacken kannst!«

Und das, obwohl ich ja neulich angekündigt habe, dass es hier keine Rezepte-Artikel mehr geben werde. Egal. Ich darf. (Rezept siehe unten).

+++

Die Idee mit einem Hof-Loppis samt Hof-Café taucht regelmäßig in unseren Köpfen auf. To do or not to do? Warum eigentlich nicht? Und jetzt, da unser Freund S. ins Pflegeheim umgezogen ist, Irgendlink die letzten Wochen mit dessen Wohnungsauflösung verbracht und viele Dinge während unzähliger Umzugsfahrten in ebensovielen Kisten auf den Hof geholt hat, wird die Idee konkreter denn je. Menschenskinder, sind das viele Bücher! Und Geschirr. Töpfe. Gläser. Deko. Küchendinge. Eine alte Registrierkasse.

Kleiner Exkurs in die Welt der Bücher: Was so ein Buch wohl alles schon gesehen hat? Das wäre eigentlich auch mal ein literarisches Schreibprojekt. Jemand fängt die Geschichte damit zu erzählen an, wie ein Buch vom Laden zur ersten Leserin kommt. Die gibt es weiter. Der nächste Leser legt es in eine Bücherkiste. Später Flohmarkt, noch später Bookcrossing.

Fließen lassen statt besitzen. Denn ja, die Frage stellt sich, warum wir alle – nun ja: fast alle – so viele Sachen anhäufen. Nein, eigentlich ist es keine Frage. Die Antwort liegt wohl im Menschsein. An der Natur der menschlichen und tierischen Natur. Jagen und Sammeln. Sicherheitsdenken. Habenwollen. Die Freude und die Last des Besitzens.

Am Montagabend, als wir das letzte Mal in der Wohnung sind, um die großen Dinge zu holen, die Irgendlink allein nicht hatte transportieren können, füllen wir nebenbei erneut ein paar Kisten mit Büchern. Diesmal auch mit Dingen, die wir persönlich haben wollten. Ich sage nur Astrid Lindgren und Christa Wolf. Und Lavendelbadezusatz. Und Wäschekorb. Und, und … so weiter und so fort. Diese ambivalente Gier gepaart mit dieser Scham vor dem eigenen Hamstertrieb. Die Sache mit dem Haben also, dem Besitzen. Mit der Anhaftung. Mit dem Loslassen.

Nachdem wir den Wäschetrockner und das Bücherregal im Auto verstaut haben, gehen wir ein letztes Mal durch die halbleeren Räume, die demnächst ein Entrümpelungsunternehmen noch vollständig leeren wird.

Wir sehen viele Jahre gelebtes Leben, verdichtet in Materie. Unzählige Besuche unsererseits fallen uns ein. Endgültigkeit, Vergänglichkeit und Unwiederbringlichkeit rauben uns beinahe den Atem. Immerhin ist niemand gestorben. Weh tut es trotzdem. Leben ist ganz schön krass. Wir werden geboren und wir sterben. Dazwischen liegen ein paar Jährchen Lebenszeit mit viel Fühlen und Denken, Lernen und Leiden, Essen und Trinken. Und Brotbacken. Des Liebsten Roggen-Dinkel-Brötchen zum Beispiel.

+++

Rezept für drei | sechs Brötchen

• 125 g | 250 g Dinkelmehl
• 60 g | 120 g Roggenmehl
• 65 g | 130 g Roggenvollkornmehl
• 2 EL | 4 EL Chiasamen
• 0,5 EL | 1 EL Flohsamenschalenmehl
• 2,5 EL | 5 EL Kürbiskerne
• 0,5 EL | 1 EL Haferflocken
• 0,5 TL | 1 TL Salz
• 7 g | 14 g Weinsteinbackpulver
alles gut mischen

• 2,5 dl | 5 dl lauwarmes Wasser
zugeben und zuerst mit dem Löffel, später von Hand gut mischen und kneten (ein paar Minuten). Der Teig ist noch feucht.

1. Teig eine Viertelstunde stehen lassen. Danach auf dem Tisch auf wenig Mehl drei | sechs Brötchen formen und auf gefettetes Blech/Backpapier oder in Cakeform legen.
2. Im auf 230° vorgeheizten Ofen bei Ober- und Unterhitze eine Viertelstunde backen. Danach den Ofen auf 200° herunterschalten und weitere ca. 30 (25-35) Minuten ausbacken (Backzeit hängt von Ofen ab.)

Roggendinkelbrötchen, aufgeschnitten auf Teller
Roggendinkelbrötchen

Tipps

1. Der Teig kann natürlich auch als (Kasten-)Brot ausgebacken werden, dann erhöht sich die Backzeit entsprechend.
2. Im Backofen eine Schale mit heißem Wasser ’mitbacken’ macht Brote und Brötchen knuspriger

Lecker seien sie, sagt der Liebste, außen knusprig, innen fluffig.

Schritt für Schritt durch den erwachenden Frühling

Neulich, im Wald, sprachen der Liebste und ich darüber, wie gut es uns doch tut, einfach zu gehen. Beim Gehen – spazieren oder wandern ist dabei egal –, gelangen wir in einen Zustand von Gleichzeitigkeit, von Synchronsein mit uns selbst. Das Gehtempo entspricht, sage ich zu ihm, meinem Denktempo, ich hole mich beim Gehen wieder ein. Bin gegenwärtig. Radeln ist eigentlich schon fast zu schnell für all die Eindrücke am Wegrand. Gehen ist genau richtig.

Beim Gehen mache ich immer nur genau den Schritt, den ich genau jetzt gehe. Ich wünsche mir, dass ich das aufs Leben übersetzen kann. Dass ich mich auch immer nur auf den einen Schritt fokussieren kann, während ich ihn gehe. Klar brauche ich einen Richtung, klar brauche ich eine Vorstellung, wohin ich will, aber das Leben hat mich schon so oft gelehrt, dass es fast nie so herauskommt, wie ich es mir vorgestellt habe (vielleicht bin ich ja einfach nicht gut genug im Vorstellen und Visualisieren? Oder es sind all die Unwägbarkeiten, die wir nicht in der Hand haben??.

Eine Richtung, ja, die brauche ich. Aber ich will nicht schon im Voraus alle Schritte denken und mich vor all den möglichen Hürden fürchten. Sonst könnte ich ja die einzelnen Schritte nie tun.

Wie damals, als wir die Reuss von der Aaremündung aufwärts Richtung Gotthard gewandert sind. Meine erste längere Wanderung mit Zelt und Rucksack. Sieben Jahre her. An einem Fluss zu wandern, so stellte ich es mir im Voraus vor, kann ja so schwierig nicht sein. Immer schön flach. Dass die Quelle irgendwo in den Bergen, hoch oben, sein könnte, ist mir beim Loswandern nicht wirklich klar gewesen. Schon gar nicht, dass dieses Bergwandern etwas sein könnte, das das mir liegen könnte, etwas, das ich lerne, während ich es tue. Diese Erkenntnis hat mich ganz besonders erstaunt. Und gefreut. Das war und ist eine dieser Lektionen, die sich als sehr wertvolle Lernerfahrung in mir eingebrannt hat: Alles wird letztlich anders, als ich es mir im Voraus denken kann; aber darum nicht weniger gut.

Wer weiß: Vielleicht gucke ich ja in zehn Jahren, falls es uns Menschen dann noch geben sollte, zurück auf diese Jahre und sage: Wow, das haben wir gut gemacht. Das wäre schön.

Und darum gibt es heute, mit einiger Verspätung, ein paar Bilder vom Frühling, wie wir ihm letztes Wochenende begegnet sind. Während es jetzt und hier draußen kalt ist und regnet und so gar nicht nach Frühling aussieht.

Freitag, 23.4.21 – Wandernd überm Baldeggersee

Samstag, 24.4.21 – Radelnd via Villigen auf den Bözberg

Sonntag, 25.4.21 – Wandernd von Biberstein auf die Gisliflue

Montag, 26.4.21 – Spazierend durch Wald und Dorf

Neue Fallmaschen 122 | 2021

gefreut | »Konsumverzicht kann ein mächtiger Akt des Widerstands sein, um für den Wandel zu gehen. Irgendwo anfangen. Ich habe das Textile gewählt«, schreibt Cambra Skadé und erzählt die Geschichten ihrer umgewidmeten, verwandelten Gewänder.

Sehr lesenswert!

+++

genickt | Der Kiezschreiber erzählt von der Fragmentierung unserer Gesellschaft, von Rissen und Geschwätzigkeit. »Es gibt den vegan lebenden Dieselfahrer ebenso wie den Fahrradfahrer, der gerne Fischstäbchen isst. Es gibt kein soziologisches Modell mehr, das diese zersplitterte Gesellschaft noch abbilden könnte.«

+++

erschüttert I | Das Kaiserinnenreich, einst von Mareice Kaiser ins Leben gerufen, wird heute von einer kleinen Gruppe Mütter behinderter Kinder gepflegt. In Die Welt in der ich leben möchte schreibt Jasmin Dickerson unter anderem über Potsdam, über die Morde an betreuten, behinderten Menschen:
»Wir leben in einer Welt, in der Täter*innen mehr Mitgefühl bekommen, als ihre Opfer. Insbesondere wenn es um pflegebedürftige, behinderte und/oder alte Menschen geht. Ein Mann ermordet seine demente Frau? Er wollte sie erlösen. Eine Frau ermordet behinderte Menschen im Schlaf brutal mit einem Messer? Sie wollte sie erlösen.«

erschüttert II | »Vier Menschen sind tot, der Ableismus lebt« titelt die Neue Norm ihren Artikel über das Tötungsdelikt in #Potsdam: »… ein Polizeipsychologe [vermutet] in der rbb Sendung „Zibb“, dass das Tatmotiv auch „Erlösung von Leiden“ gewesen sein könnte,« schreibt Raul Krauthausen. »Damit entsteht eine Täter-Opfer-Umkehr: weil die Bewohner*innen des Heimes wohl zu anstrengend seien, käme es zur Überlastung und damit zu der Tat. Dass diese Argumentation bemüht werden wird, ist meine größte Sorge. Denn dies ist gefährlicher, und in diesem Fall tödlicher Ableismus: Die Diskriminierung und Abwertung behinderter Menschen.«

Neue Fallmaschen 112 | 2021

entdeckt | Auf Ein-Blog-von-vielen las ich heute einen sehr wichtigen Text über das Triggerpotential pandemiebedingter Isolation und die Parallelen derselben zu früheren Isolationserfahrungen wie zum Beispiel bei Klinikaufenthalten. Die Autor:innen haben ebenfalls den von mir vor zwei Tagen empfohlenen Text über die Corona-Erschöpfung gelesen und denken das Thema weiter.

»Darin [im verlinkten Artikel in der NY-Times] wurde eine für mich neue Vokabel verwendet. ’Languishing’. Google-Translate übersetzte den Begriff mit ’schmachten’ und in mir verband sich die Erinnerung an eine frühere Mitpatientin von uns, die ständig von ihrem Schmacht nach einer Zigarette, Alkohol, einem Joint erzählte. […]

Wo ich – inmitten von vielen anderen Mitpatient_innen und Stationen drumherum – emotional wie sozial geschmachtet habe.
Es ist schwierig für mich ganz konkret zu beschreiben, was da gefehlt hat. Heute würde ich es als ’soziales Hintergrundrauschen’ beschreiben. Als ’das weiße Rauschen der Freiheit’, als „unterbewussten Takt der Normalität“. Und zwar, weil es bei dieser lange anhaltenden Deprivation nicht um den Entzug von Licht, Luft oder sozialer Interaktion ging, sondern um den Stoff aus dem Familie, Zuhause, Intimität, Vertrautheit und der Sicherheitsgefühle, die sich daraus entwickeln, gemacht ist.
Die Parallelen zur heutigen Situation sind frappierend, wenngleich die Unterschiede (glücklicherweise) ebenfalls. […]

Menschen, die während der Pandemie praktisch die ganze Zeit zu Hause sind, bemerken jetzt, wie sehr der Weg zur Arbeit, das Milchschaumherz auf dem Kaffee mit dem kleinen Keks neben der Tasse auf der Veranda eines Restaurants, das Geknittel mit den Kolleg_innen, die Gelegenheiten, zu denen man die unbequeme Hose anzieht, weil man glaubt damit würde man ernster genommen, auch sie ist. Dass das nicht nur Dinge sind, die sie erleben und gestalten, sondern auch sie selber sind. Und das ist nun weg.
Das ist, was allen entzogen wird, die länger in einer Psychiatrie oder einem Pflegeheim sind – das ist aber auch, was zum Beispiel schwerbehinderten Menschen erschwert zugänglich wird, wenn die Mobilität verweigert oder Assistenzen verwehrt werden.
Was mich an dem Artikel und dem Thread berührt ist, dass es mir das Ausmaß des Schadens der Psychiatriezeit kontextualisiert.«

Bitte weiterlesen >>> einblogvonvielen.org

+++

gelesen | Long Covid ist ein Thema, über das immer häufiger gesprochen wird, denn es gibt immer mehr Betroffene, denen ihre Covid-Erkrankung auch Wochen und Monate nach der vermeintlichen Genesung schwer zu schaffen macht. Offenbar betrifft es dabei vor allem Menschen in der Lebensmitte und Jüngere.

Frau hat für RiffReporter einen sehr lesenswerten Text darüber verfasst.

Was aber ist Long Covid überhaupt?

»US-amerikanische ÄrztInnen fassen unter dem Begriff ’Post-akutes Covid-19 Syndrom’ all die Beschwerden und Langzeitkomplikationen zusammen, die die Betroffenen auch vier Wochen nach Krankheitsbeginn noch plagen. Es gibt zudem Vorschläge die Krankheit in eine akute Phase, eine post akute Phase (ab drei Wochen) und chronische Phase (12 Wochen nach Beginn) einzuteilen. ’Long Covid’ wäre dann die chronische Phase.

Das Robert-Koch-Institut zitiert eine Übersichtsarbeit, die vorschlägt ’Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung nicht als einheitliches Phänomen zu betrachten, sondern verschiedene Krankheitsbilder zu beschreiben, die sowohl zeitversetzt als auch parallel in verschiedenen Ausprägungen auftreten können’. Für eine Aufteilung in mehrere Syndrome plädiert auch das britische National Institute for Health Research. PatientInnen, die schwer erkrankt waren und auf der Intensivstation behandelt werden mussten, leiden danach unter dem ’Post-Intensiv-Syndrom’. Außerdem unterscheiden die ForscherInnen ein „Post virales Erschöpfungssyndrom“, ein ’Langzeit Covid-Syndrom’ und ’bleibende Organschäden’. […]

Hilft eine Corona-Impfung auch bei Long Covid?

Je besser wir verstehen, welche Mechanismen bei Long Covid eine Rolle spielen, desto geeignetere Therapien wird es geben. Auf der Veranstaltung der Royal Society kamen erste Erfolge zur Sprache, die zum Beispiel eine Impfung gegen das Coronavirus für Long Covid PatientInnen haben kann. Berichte von einzelnen Betroffenen sowie eine kleine bisher noch nicht begutachtete Studie lassen vermuten, dass die Impfung – zumindest bei einem Teil der PatientInnen – die Symptome abmildern kann.«

Bitte weiterlesen >>> www.riffreporter.de

Neue Fallmaschen 110 | 2021

aufgeschnappt | Über die unterschiedlichen Auswirkungen der Pandemie auf unser aller Leben lesen wir dieser Tage viel. Heute fand ich den sehr treffenden Begriff Coronaerschöpfung.

»Es handelt sich nicht um eine psychische Erkrankung, sondern um ’die Abwesenheit von Wohlbefinden’, wie die @nytimes schreibt. [There’s a Name for the Blah You’re Feeling: It’s Called Languishing] Typisch dafür, zum Beispiel: Probleme, sich zu konzentrieren. Langeweile bei Dingen, die einen sonst interessieren. Schwache Begeisterungsfähigkeit. […] Ein Teil des Problems ist, dass viele vielleicht nicht merken, dass ihre Freude oder ihr Antrieb schwächer wird. Sie bemerken nicht, wie sie langsam in die Einsamkeit abgleiten: ’Sie sind gleichgültig gegenüber ihrer Gleichgültigkeit. Also suchen sie sich auch keine Hilfe.’«, schreibt Therese Bäuerlein auf Twitter zusammenfassend.

+++

gedacht | Wir Menschen lieben es, Geschichten erzählt zu bekommen. Als Kinder vor dem Einschlafen. Später konsumieren wir Bücher und Filme. Und wenn die schlimmen Szenen kommen, halten wir uns die Augen zu und murmeln: Es ist nur ein Film, es ist nur ein Film! Von Anfang an gewöhnen wir uns daran, dass Geschichten nicht wirklich wirklich sind.

Kann es sein, dass das ein Mitgrund dafür ist, dass wir uns in Sachen Klimakatastrophe und Pandemie so passiv verhalten, weggucken, Augen und Ohren verschließen?

+++

gefreut | Zugegeben, ich lese zurzeit je länger je lieber Texte, die nicht oder nur am Rand mit der Lage der Welt zu tun habe. Siehe oben. Besonders mag ich Ausflüge in die Natur. Und ganz besonders sehr mag ich, wie Herr Buddenbohm in seinem Hamburger Schreber- aka Strebergarten über Pflanzen und Tiere schreibt. Zum Beispiel in seinen Anmerkungen zur Heckenbraunelle.

»Wenn man so sitzt und guckt, wie ich das gerade mache, dann sieht man das irgendwann, wie sie das machen und wie sich das aufteilt. Es fühlt sich sehr gut an, das verstanden zu haben. Warum auch immer, es könnte mir ja auch egal sein«, schreibt Herr Buddenbohm.

Und ich denke mir dazu, dass das vielleicht dasjenige ist, was Kinder zum Lernen antreibt: dieses Wissen-wollen-wie-alles-zusammenhängt-Ding. Also: Da mal drüber nachdenken, wie Herr B. zu sagen pflegt.

Neue Fallmaschen 69 | 2021

spinntisiert | Wenn der Liebste und ich auf dem Hof herumwuseln und etwas Handwerkliches (er)schaffen – etwas reparieren zum Beispiel –, brauchen wir Werkzeuge. Zugegeben, irgendwann habe ich aufgegeben, selbst nach den Dingen zu suchen. Sie sind eh immer wieder woanders. Nein, es ist kein Chaos, aber die Dinge wandern. Selbst Baumeister Irgendlink weiß oft nicht, wohin der Hammer diesmal gewandert ist. Und wo ist bitteschön der Pinselreiniger?

Wir spinntisieren darüber, ob die Wanderung der Dinge ein Problem ist, das einer Lösung bedarf, oder ob es gut ist, wie es ist. Ob die Suche nach dem einen notwendigen Werkzeug, welche durch eine konsequente Ordnung vermeidbar gewesen wäre, Lebenszeitverschwendung ist oder ein entschleunigendes Antidot gegen übertriebene Effizienz.

Und ist Warten denn statt Lebenszeitverlust nicht vielmehr ein unerwartetes Geschenk, frei verfügbare Zeit?

+++

geträumt | Im Traum waren wir in einer Stadt unterwegs, als Irgendlink einfiel, dass er noch etwas aus dem einen Laden brauchte. Da fielen mir auch noch einige Dinge ein, die ich brauchte und so bot ich an, für uns beide einkaufen zu gehen, während er draußen wartete. (Einkaufen, die Covid-Edition.)

Im Laden war zum Glück wenig los, so dass ich einen Angestellten fragte, wo XYZ, das Irgendlink brauchte, zu finden sei. Er zeigte es mir. Danach suchte ich meine Dinge zusammen und ging mit meinen Schätzen Richtung Kasse. An der Kasse schaute ich meine Dinge genauer an und sah, dass das für Irgendlink gekaufte Dingsi – womöglich durch mein Aufs-Band-Legen? –  kaputt war. Ich bat die Angestellte an der Kasse, mir ein anderes, nicht kaputtes zu holen, da im Regal keine weiteren Dingsis mehr gewesen waren. Also holte sie im Lager ein neues, funktionierendes Dingsi. Ein Einkuf also mit einigem Hin-und-Her.

Inzwischen hatte sich der Laden gefüllt und die Menschen standen in einer lange Schlange an. Zwar anständig und mit Abstand, doch mir war das alles furchtbar unangenehm. Nur, weil ich dieses Dingsi gekauft, nur weil Irgendlink dieses Dingsi gebraucht hatte, verloren x Menschen y Minuten Lebenszeit.

Da capo al fine.

Neue Fallmaschen 62 | 2021

dies gelesen | Frau Larapalara denkt nach über Sartres Hölle.
»Die Problematik sah er wesentlich im Blick des anderen. Denn der Blick des anderen objektiviert mich, indem er mich so sieht, wie ich bin, wie ich mich aber niemals sehen werde. Die Hölle ist die Erfahrung der Scham, die durch den Blick des anderen hervorgerufen wird, die Erfahrung des meiner Selbst als ein Für andere. Der Konflikt liegt in der eigenen Abhängigkeit von der Freiheit des anderen, mich zum Objekt zu degradieren und als Mittel für Zwecke zu benutzen, die mir nicht bekannt sind. […]
Wer jemanden fotografiert, sieht ihn so, wie er sich selber niemals sieht. Der Fotografierende erfährt etwas, was der andere von sich selbst niemals erfährt. Das Fotografieren verwandelt Menschen in Objekte, die man symbolisch besitzen kann.«
Quelle: larapalara.wordpress.com

das gedacht | Wenn ich diesen Text in meinem Blog pingbacke, ist das nicht auch irgendwie eine objektivierende und besitzergreifende oder zumindest besitzenwollende Handlung?
Wie verhält es sich mit dem Teilen von Inhalten im Internet? Wie viel Identifikation mit oder Berührtheit durch nicht von uns selbst erstelltem Inhalt braucht es, bis wir etwas teilen?

+++

dies gelesen | In Solminores neuem Blog geht es  umd das Weglaufen. Darüber, das Haus zu verlassen ohne zurückzuschauen. Ausgehend von Peter Stamms Roman Weit über das Land fragt er sich, was wäre, wenn.

das gedacht | Und – was wäre, wenn? Bei mir? Und bei dir?

Neue Fallmaschen 57 | 2021

herausgefunden | Zuerst dachte ich ja, ich finde den richtigen Autolack-Blauton, um die kleine Beule am Autochen zu kaschieren per Auge. Einfach so, in dem ich im Internet Farben angucke.

Dass es innerhalb einer Automarke sooo viele Blautöne gibt, hätte ich nicht erwartet. Pre-beulede Autos sind praktischer in der Handhabung, meinte der Liebste neulich, da spiele eine Beule mehr oder weniger keine Rolle mehr. Stimmt. Aber da mein Citrönli ansonsten ein unverbeultes Anlitz hat, soll es wieder so werden.

+++

geappt | Heute habe ich uns ein GIF gebastelt. (Mirror Lap-App und GIMP)