Zwischen den Jahren 22-23 #1

Endlich haben wir dort, wo wir zwischen den Jahren hingefahren sind, wieder einmal ein paar Geocaches gehoben. Lange her seit den letzten Malen. Um es uns ein bisschen abwechslungsreicher zu machen, haben wir uns sogar für einen Monat ein Premium-Abo für 6.99 Euro gegönnt, denn inzwischen sind die schönsten Caches hinter einer Bezahlschranke.

Lange haben wir uns gegen diese kapitalisierende Maßnahme des doch eigentlich sehr naturnahen und versponnenen, so gar nicht gewinnorientierten Geocaching gewehrt, doch diesmal sind wir – temproär – eingeknickt.

Tupperdose mit blauem, feucht angelaufenem Deckelrand zwischen Moos und Steinen
Tupperdose mit blauem, feucht angelaufenem Deckelrand zwischen Moos und Steinen

Früher allerdings, damals, vor dreizehn Jahren, als mich der Liebste in Bern ins Cachen eingeführt hatte, war alles noch viel geheimer, komplizierter, nerdiger gewesen. Wir hatten uns noch gern gebückt und irgendwo im Dreck gebuddelt, um eine versteckte Dose mit einem Logbüchlein oder Logpapierstreifen zu finden. Wir hatten länger gesucht als heute und weniger schnell aufgegeben.

Inzwischen mögen wir ja am liebsten an Bäumen hängende Döschen, die  sich nach ein bisschen Suchen in Augenhöhe zeigen. Stehtischcacher*innen sind wir geworden, sagten wir dieser Tage zueinander, der Liebsten und ich, als wir uns dreimal überlegten, ob wir jetzt noch weiter nach einem offenbar irgendwo in Bodennähe versteckten Cache fahnden sollten. Und auf einmal sehen wir ihn, da, sieh doch! Wie konnten wir dieses Döschen, das da vor unseren Augen in der Efeuhecke baumelt, so lange übersehen?

Siebenundzwanzig neue Funde sind in den Tagen zwischen den Jahren dazugekommen. Die meisten davon in der Kategorie Mikro – also klein, kleiner oder etwa gleich groß wie eine Streichholzschachtel oder eine Filmrolle.

Niemand schaut mehr merkwürdig, wenn erwachsene Menschen sich mit Handys durchs Unterholz navigieren, an Steinmauern herumlungern oder unter Bänken tasten. Die App ist inzwischen recht genau geworden und hat die früheren GPS-Geräte abgelöst. Und Muggels, wie Nicht-Geocacher*innen genannt werden, stellen heute keine allzugroße Gefahr mehr dar. Die allgemeine Toleranz merkwürdigen Hobbies gegenüber scheint gestiegen zu sein. Obwohl es dann doch immer wieder Caches gibt, die von Uneingeweihten zerstört werden. Einen haben wir eine ganze Weile gesucht, nur um in den digitalen Logkommentaren zu eben jenem Cache ein Foto zu finden, das den kaputten Cache, auf dem Boden liegend, zeigte. Tja.

Die Vorteile? Wer sich geocachend eine vorher unbekannte Region vornimmt, kommt an Orte, an die normale Reiseführer nicht heranreichen. Oftmals werden Geocaches in Spazier- und/oder Wanderrunden ausgelegt, so dass du das eine – Wandern – aufs Angenehmste mit den andern – Geocaches finden – verbinden kannst. Und da wären wir beim einzigen mir einfallenden Nachteil. Manchmal bin ich nämlich so verpeilt mit Blick aufs Handy-Navi, dass ich fast schon vergesse, die Schönheit der Natur, durch die ich mich wandernd bewege, zu betrachten. Aber zum Glück nur manchmal.

Es hat uns beiden unglaublich gut getan, jeden Tag der letzten Woche draußen zu sein. Bei Wind und Wetter. Ein paar Bilder gibts im nachfolgenden, passwortgeschützten Blogartikel.

(Gern verrate ich euch dieses auf Anfrage.)

+++

Ach, und  was ich noch sagen wollte: Danke, dass ihr da seid. Alles Gute für das neue Jahr, das vor wenigen Tagen begonnen hat. Tut euch Gutes, achtet auf euch und eure Mitmenschen, bleibt so gesund wie irgendwie möglich und lasst euch nichts Schlimmes gefallen.
Und bleibt mir gewogen.

Fertig lesen oder gucken? Oder doch lieber nicht?

Gestern Abend wieder dieses Dilemma. Ich bin in eine Serie geraten, die ich im Grunde kaum aushalte. Dennoch muss ich wissen, wie sie ausgeht. Es sind noch fünf von acht Folgen. Etwa sechs Stunden schiere Unerträglichkeit – will ich mir das antun?

Ein Dilemma, das ich auch von mich langweilenden Büchern oder Filmen und Serien kenne. Nur dass es dort einfacher ist. Bei zu Langweiligem kann ich einfach aufhören. Mittendrin. Bei Spannendem, aber kaum Erträglichem ist das schon schwieriger.

Das Gucken oder Lesen von Geschichten muss mir Spaß machen, mich irgendwie packen und/oder mich zumindest sehr gut unterhalten, damit ich nicht abbrechen oder nicht vorwärtsspulen muss oder will. Kurz gesagt: Der Weg zur Auflösung, zum Finale einer Geschichte, muss sich für mich lohnen, dieses Erlebnis muss mich mit Qualität belohnen. Ganz so bedingungslos wie ich gern wäre, bin ich nämlich nicht.

Anfang Dezember habe ich mir zum ersten Mal in meinem Leben ein Netflix-Abo eingerichtet. Geplant ist das Ganze erstmal für einen Monat. (Falls länger, werde ich es aber in Deutschland abschließen, da es dort doch ein paar Franken respektive Euronen günstiger zu haben ist.)

Ich wusste es natürlich schon vorher: Es macht süchtig, so viele Möglichkeiten zu haben. Meine Liste der Gucken-Will-Filmen und -Serien wird immer länger. Das fühlt sich ähnlich an wie meine vielen Stapel mit den unzähligen ungelesenen Büchern. Solche Fülle macht mal glücklich mal überfordert sie mich, dann macht sie mich sogar unglücklich.

Zurück zur Serie, die ich gestern angefangen habe. Vermutlich werde ich mir die jeweiligen Zusammenfassungen am Anfang der einzelnen Teile anschauen und dann nur noch die letzte Folge gucken. So mein Plan.

Denn was mich vom Alltag ablenken soll, darf nicht zu sehr weh tun, nicht mehr jedenfalls als der Alltag. Ich muss definitiv nicht mehr jede angefangene Serie, jeden angefangenen Film oder jedes angefangene Buch unbedingt fertig lesen oder gucken, wenn es mir nicht gefällt oder mir nicht gut tut und/oder mich vom Schlafen abhält.

Ich kann mit unfertigen Geschichten leben. Es ist meine Lebens- und Freizeit, in der ich lese und Filme schaue. Und darum darf es nicht zu sehr weh tun. Und ja, ich weiß, dass das irgendwie egoistisch ist. Aber irgendwie eben auch notwendige Selbstfürsorge. Und vielleicht ist das hier gerade eine kleine Metapher für ein paar andere Dinge in meinem Leben.


Auch Herr Buddenbohm hat übrigens über das Zu-Ende-Lesen von Geschichten gebloggt.

Dezemberspaziergang

Wenn es Winter geworden ist und das erste Mal neuer Schnee fällt, der liegen bleibt, bin ich jedes mal von Neuem winterverzaubert. Obwohl ich Wintereigentlich nicht sonderlich mag und Frieren schon gar nicht. Dennoch. Und wenn dann noch die Sonne tut, was sie am besten kann, muss ich raus.

Neulich habe ich mich meiner guten alten Digitalkamera erinnert, die schon viele Jahre auf dem Buckel hat und im Alltag vom Handy der Bequemlichkeit halber abgelöst wurde. Zusammen sind wir am Sonntag also durch den Wald und über Felder gestreift und haben ein paar Bilder mitgebracht.

Ein Klick auf eins der Bilder öffnet die Galerie.

Gewidmet all jenen, die Schnee und Winter mögen, möglicherweise keinen Schnee haben und/oder aus Gründen nicht im Wald spazieren gehen können.

Momentaufnahme

Ich komme mir nicht hinterher.
Nicht mit der Erledigung all der Dinge, die auf meinen Listen stehen.
Nicht mit Agieren und Reagieren – weder persönlich, noch per Mail oder Chat, geschweige denn in den Sozialen Netzwerken.
Nicht mit all den Büchern, die ich lesen und hören will.
Nicht mit all den Filmen und Serien, die ich mir anschauen will.
Nicht mit all den Nachrichten über Katastrophen, Kriege und Menschenrechtsverletzungen, die ich begreifen will.
Nicht mit dem Verfassen eines Jahresrückblicks. (Das schon gar nicht. Wozu auch.)

Ich kann mich schlecht konzentrieren und fokussieren.
In meinem Kopf springen Hasen herum.

Draußen schneit es sei gestern, abwechselnd mit Schneeregen.
Ziemlich optimal ist das.
Es sieht hübsch aus und muss nicht weggeschippt werden.

Es ist mir zu kalt und zu nass zum Rausgehen.
Trotz der zwei Paar Wollsocken übereinander.

Es ist mir nach Winterschlaf.
Oder nach Bücher lesen und hören,
und nach Filme gucken.
Am liebsten mit Decke übern Kopf
und um mich rum.

Aber nur Input geht ja auch nicht,
irgendwo muss das Viel an Geschichten ja auch wieder raus,
das ich da verschlinge.

Wie machen das andere, die nicht schreiben?
Wie reflektieren andere, was sie denken, tun und fühlen?

Ach, und ist es das, was Kommunikation eigentlich ist:
Verdauen?

Will ich schreibenderweise mehr als nur laut zu denken?
Will ich Spuren hinterlassen?
Wenn ja, für wen und warum?
Geht es darum, irgendwem irgendetwas zu beweisen?
Geht es hier gar um Unsterblichkeit?
Mir nicht.

Lass gut sein, Sofasophia,
es ist, wie es ist.

Und sie erlaubte sich und dem Jahr einen ruhigen Abschluss.

THE END

(Oh, es ist ja noch gar nicht Silvester.)

Neues ist manchmal ganz schön anstrengend

Neulich haben wir meinen Laptop rundumerneuert. Nach einigen Querelen ist jetzt alles so, wie es soll. Und das bleibt hoffentlich so. Aber anstrengend war es. Neues fordert mich heraus. Ich hänge am Alten, am Vertrauten – und vermutlich bin ich damit nicht allein.

Das Einleben im neuen Betriebssystem auf meinem Rechner ist eigentlich fast wie das Einleben in einer neuen Wohnung. Oder in einem neuen Dorf. Oder in einem neuen Netzwerk. So ähnlich habe ich es erlebt, als ich mich – virtuell gesprochen – im dezentralen, nicht proprietären und darum unverkäuflichen Netzwerk namens Fediversum eingerichtet habe.

Ich bin im Frühling umgezogen, hatte mir allerdings bis vor Kurzem im Zwitscherhaus ein Plätzchen warm gehalten. Mit den Alteingessenen und anderen Frühlingsneulingen hatte ich es mir zwischen Frühling und Herbst schön kuschelig gemacht. Ich kam gut hinterher mit lesen, was die andern erzählten, und vor allem auch mit kommunizieren. Genau das machte für mich schließlich den größten Mehrwert aus, seit ich mich im Vogelhaus rar gemacht hatte: Diese geistreichen, spannenden, witzigen, philosophischen Gespräche da und dort, privat oder öffentlich, mit einer nach und nach organisch wachsenden neuen Blase von Menschen. Etwas, das ich früher auch mal so ähnlich auf Twitscher erlebt hatte. Doch nach und nach hatte ich aus Selbstschutzgründen dort damit begonnen, mich bedeckt zu halten ind nur noch über Allgemeines und/oder Politisches zu schreiben.

In umgekehrter Reihenfolge fing ich auf Mastodonien allmählich damit an, mich eben nicht mehr so bedeckt zu halten, sondern auch mal etwas Persönliches zu erzählen, mich wieder als Mensch zu fühlen, mich auch mal verletzlich zu zeigen … Ja, eine richtig gute Zeit war das gewesen zwischen Frühling und Herbst.

Schließlich wurde das marode Twitscherhauses doch noch an einen habgierigen Milliardär, dessen Namen ich nicht nennen mag, verkauft und ganz viele Menschen flohen deshalb ins Fediversum, um wieder so etwas wie eine neue virtuelle Heimat zu finden.

Nicht nur ich habe auf Mastodon diese Welle Neuer mit einer Art Flüchtlingswelle verglichen. In vielerlei Hinsicht verhielten sich nämlich die Flüchtenden und die Alteingessenen ähnlich wie wenn das hier eine richtige, eine physische Massenflucht gewesen wäre.

Manche Fedi-Menschen haben gelästert, einige geweint und getrauert darüber, dass jetzt die Neuen unser langsam gewachsenes Ökosystem zunichte machten. Die Neuen sollen sich doch jetzt bitte an uns anpassen, sagten viele und beschrieben, wie das gehen soll. Umgekehrt stellten die Neuen zuweilen ganz schön hohe Ansprüche. Das müsse doch jetzt bitteschön so und so funktionieren und wie geht dies und wie geht das – und viele lästerten und andere verglichen. Warum denn so und nicht so und überhaupt. Gräben taten sich zuweilen auf und es war nicht mehr ganz so kuschelig, wie ich es mich inzwischen gewöhnt war.

Und ja, klar, auch ich forderte am Anfang, dass sich doch alle bitteschön an gewisse Regeln halten sollten. Eine davon – Bilder für Sehbeeinträchtigte zu beschreiben – rufe ich immer wieder gern in Erinnerung, solange sich noch immer viele nicht daran halten.

Was ich inzwischen aus meiner Sicht sagen kann: Es ist wieder recht friedlich und freundlich geworden auf der Metaebene des Wie-geht-was? Der Umgangston ist freundlich. (Ich vermute, dass 500 Zeichen weniger Missverständnisse zulassen als 280; das ist allerdings – wie gesagt – nur eine Vermutung.)

Wie ich da und dort lesen kann, freuen sich die Neuen mit uns Mittelalten und Alten, dass es gute, konstruktive und viel weniger aggressive Diskussionen zu wichtigen Themen gibt. Ob alle Neuen glücklich sind, weiß ich natürlich nicht, aber von manchen, denen ich schon vorher auf Zwitscher, Ello und anderswo gefolgt bin, weiß ich, dass sie sich ziemlich bis sehr wohlfühlen.

Rein technisch und organisch gesprochen wächst das Fediversum vermutlich gerade viel zu schnell. Viele Server müssen von jetzt auf gleich nachgerüstet werden, sind zuweilen dennoch manchmal überlastet und darum langsam; und die Administrator*innen der einzelnen Instanzen haben gerade viel Arbeit, um die neuen Anmeldungen bewältigen zu können. Sie tun dies meist ehrenamtlich und auf Spendenbasis.

Für mich ist das Fediversum wie ein Dorf, das nun zu einer Stadt heranwächst. Vorher kannte jeder jeden, wenigstens vom Sehen, doch jetzt wird es auf einmal unübersichtlich und ein verändertes Umgehen miteinander ist notwendig geworden.

Konkret heißt das für mich, dass ich mich anders organisieren muss, um mich weiterhin wohlfühlen zu können. Ich legte mir Listen an, die so illustre Namen wie Familie (= der engste Kreis), Flauschis und News tragen. So verliere ich hoffentlich die neuen liebgewonnenen Leute nicht aus den Augen. Selten gelingt es mir, meine vollständige TL zu lesen. Und nein, das muss ich auch nicht. Ich muss nicht alles mitbekommen. Aber mich interessieren die Nachrichten meiner Lieben, darum brauche ich Listen. Aufregung brauche ich übrigens nicht mehr. Seit ich nicht mehr auf anderen SocialMedia-Plattformen agiere, bin ich viel weniger newssüchtig und – tadaaa! – ich vermisse es noch nicht einmal. (Ist wie mit Kristallzucker: Ist der erstmal aus dem Körper raus, gierst du nicht mehr danach.)

Manche Themen – Ballspieldingsis zum Beispiel – filtere ich raus. Weil ich es kann. Weil ich auf Mastodon ja einen Teil meiner Freizeit verbringe. Und in meiner Freizeit will ich keine Sportveranstaltungen kommentiert bekommen. Ich bin auf Mastodon vor allem, um zu kommunizieren. Am Anfang, nach der Großen Welle, kam ich kaum mehr hinterher, jedenfalls nicht mehr so wie vorher. Erst nach und nach kam das alte Gefühl wieder.

Und dennoch ist das Entscheidende für mich: Es darf etwas Neues entstehen! Ich lasse mich ein und verbinde das eine mit dem anderen, das Vorherige mit dem Jetzt-Zustand. Ich integriere, so gut es eben geht, das Neue und die Neuen in meinem persönlichen kleinen Fediversum. Vermutlich geht so Gesellschaft.

Um nochmals auf das Bild mit Dorf und Stadt zurück zu kommen:
Ich sehe zwei Bilder vor mir. Ein Platz mit Menschen drauf. Auf dem ersten Bild stehen zehn Menschen an ihren Lieblingsorten, auf dem zweiten stehen hundert Menschen auf ihren Plätzen auf dem Platz, jetzt ist es ein bisschen wuselig und weniger kuschelig. Die zehn Menschen vom ersten Bild stehen noch immer am gleichen Ort wie zuvor, doch ich sehe sie jetzt nicht mehr so gut wie vorher, weil die anderen neunzig eben auch noch da rumstehen. So irgendwie ist es jetzt. Und jetzt habe ich die Wahl: Ich kann mich weiterhin nur mit den zehn von vorher bekannten Menschen auszutauschen oder aber ich kann unter den neunzig anderen weitere Menschen finden, mit denen ich mich gern austauschen möchte.

Da meine Ressourcen begrenzt sind, kann ich mich mit den ersten zehn nicht mehr mit der gleichen Hingabe austauschen. Aber ich werde merke, was mir gut tut und welchen Austausch ich vertiefen will.  Auch das ist Gesellschaft. Wir leben in einer Zeit, über die in Geschichtsbüchern geschrieben werden wird. Jedenfalls, wenn die Menschheit die aktuellen Krisen und Katastrophen überlebt.

Es ist, wie es ist.
Das Neue und das Alte.
Eine sich stetig verändernde Gesellschaft.
Postkapitalismus wird von Open-Source abgelöst.
Resignation neben Hoffnung.
Zukunftsangst versus Zukunfshoffnung.

Wir hier

Wir hier – diese zwei Worte sind es, mit denen wir ausdrücken, wenn wir uns irgendwo heimisch fühlen. Es sind gute Worte irgendwie. Es sind gefährliche Worte irgendwie anders.

Mit Wir grenzen wir uns von denen ab, die nicht Wir sind. Und mit hier von denen, die woanders sind. Denn mit Wir hier meinen wir selten alle, weder alle Menschen noch alle Wesen auf dieser Erde.

Mit Wir hier stellen wir Bedingungen. Wir, die wir hier dies und das miteinander erleben, erschaffen, die wir einander auf die eine oder andere Weise nützlich sind, Beziehungen spielen lassen. Und ja, natürlich stellen wir Bedingungen. Bedingungslos? Das wäre ja noch schöner!

In den letzten Tagen ist dieses Wir-gegen-Die beinahe eskaliert. Und ich gebe zu, dass auch ich mich da und dort habe mitreißen lassen. Wir hier im Fediversum gegen die dort auf Twitter. Auch ich habe versucht, Menschen auf Twitter meine neue Heimat Fediversum schmackhaft zu machen und sie vor den bösen Worten derer, die das kleine Feine nicht zu würdigen wissen, zu beschützen. Ich weiß es ja schließlich besser, ich weiß, dass das Fediversum ein guter Ort ist, auch wenn er sich nicht auf Anhieb jeder und jedem erschließt, auch wenn zuerst ein paar Schwellchen überwunden werden müssen. Aber dann, wenn du erstmal dort bist, dann …

Ich habe mir den Mund fuselig geredet, weil ich meine Lieben aus den Fängen des proprietären, alles fressenden Monsters E. M., der Twitter gekauft hat, reißen wollte. Beste Absichten hatte ich, liebe Menschen geradezu vor dem Untergang zu retten. Dennoch schoss ich zuweilen übers Ziel hinaus. Na ja, irgendwann habe ich es zum Glück gemerkt. Und mich erinnert, denn wenn ich im Laufe meines Lebens etwas gelernt habe, dann dass sich niemand gegen seinen Willen retten lässt. Freier Wille und so.

Ich denke dieser Tage viel nach: Was genau suchen wir eigentlich in den Sozialen Medien? Tief innen. Aufmerksamkeit? Sehen und gesehen zu werden? Austausch? Nun ja, wem es um viele Klicks geht, um viel Aufmerksamkeit, um viel Publikum geht, wer seine Posts nach Gesetzen der Nützlichkeit für seine Anliegen publiziert, wird vielleicht tatsächlich im Fediversum nicht glücklich. Im Fediversum läuft nämlich alles ganz ohne Algorithmen streng chronologisch. Die neusten Posts sind ganz zuobert. Posts, die geboostet ­ – heißt: geteilt – werden, bekommen mehr Aufmerksamkeit als jene, die von den Lesenden mit einem Stern versehen werden. Der Stern heißt alles Mögliche. Zum Beispiel Das gucke ich mir später in Ruhe an oder Das berührt mich.

Die Anzahl der Sterne, die ein Post – ein Toot, ein Tröt – erhält, ist ohne Bedeutung. Hier kommt nicht der oder die mit der lautesten Stimme weiter, sondern Menschen, die über Dinge schreiben, die von vielen gelesen, gemocht und geteilt werden.

Ich gestehe, dass ich trotz bester Absichten erst beim dritten Anlauf ‚warm‘ mit Mastodon geworden bin. Angemeldet habe ich mich dort bereits vor über vier Jahren. An den Anlass des Massenexodus von Twitter zu Alternativen erinnere ich mich nur noch vage, doch ich wollte bereits damals Twitter verlassen. Auf Ello und Mastodon fand ich einen Zweit- und Drittwohnsitz. Damals konzentrierte ich mich mehr auf Ello als auf Mastodon, weil die Menschen, die ich dort fand, damals mehr zu mir passten. Auf Ello fand ich eine eher künstlerische, sprachaffine Blase, während ich auf Mastodon kaum Menschen mit ähnlichen Interessen antraf. Vermutlich, weil ich zu wenig suchte, zu wenig fragte, mich zu wenig einbrachte fand ich auf Mastodon vor allem IT-affine Techniknerds. Bestimmt hat es schon damals dort Menschen gegeben, die über Alltägliches redeten.

Die meisten Menschen, die damals mit mir Twitter verlassen wollten, sind doch wieder zurückgekehrt. Auch ich wurde wieder auf Twitter heimisch, es war wohl neben der Bloggosphäre mein längstes virtuelles Zuhause, zumal ich dort im Laufe der Jahre viele Menschen kennen und schätzen gelernt hatte – auch persönlich. Ich lebte ich einer Blase mit vielen Schnittmengen und Themen und pflege regen Austausch über Sprache, Literatur, Politik und Alltägliches.

Doch allmählich veränderte sich der Wind. Vor oder während der ersten Pandemiejahre wurde der Ton immer harscher. Ich schrieb immer weniger Persönliches, teilte dafür immer mehr Infos zu diesem oder jenem Thema. Fast unmerklich geschah das. Meine Timeline zu lesen überforderte mich längst, irgendwann hatte ich ein paar wenige Lieblingsleute in eine Liste gepackt und las Twitter nur noch innerhalb dieser Liste.

Im Frühling, als sich E. M. überlegte, Twitter zu kaufen, beschloss ich, meinen vier Jahra alten Mastodon-Zweitwohnsitz als Hauptwohnsitz zu reanimieren und Twitter zum Zweitwohnsitz zu machen. Nicht, weil es gerade alle taten und das chic war, sondern weil ich dringend etwas anderes brauchte.

Ich sehnte mich nach einem Ort, wo miteinander nicht aneinander vorbei gesprochen wurde. Nicht nur debattiert, diskutiert, geschrieen, sondern geredet, einander zugehört. Ich sehnte mich nach einem Netzwerk, nach Reden ohne Goldwaage, mit Respekt. Und mit Humor. Nach mehr Netzwerk und weniger Medium sehnte ich mich. Dass mir – von Anfang an schon – der Open Source-Gedanke hinter dem Fediversum gefiel und noch immer gefällt, muss ich wohl nicht extra erwähnen? Ich arbeite ja schon seit vielen Jahren gern mit Linux (Ubuntu) und seinen vielen Open Source-Programmen und möchte nicht mehr tauschen.

Also versuchte ich vor einem halben Jahr, mich auf Mastodon einzurichten. Technisch war bald alles klar, doch inhaltlich war ich die erste Zeit überfordert. Wem sollte ich bloß folgen? Jene, die ich vor vier Jahren abonniert hatte, waren größtenteils gar nicht mehr da. In meiner noch verbliebenen Timeline wurde hauptsächlich nerdisch gesprochen oder dann waren es Leute, die sich untereinander schon so gut kannten, dass ich mich da unmöglich einfädeln und reingrätschen konnte und wollte. Don‘t stopp a running system. Heute weiß ich: Doch, das hätte ich gedurft.

Es war eine Zeit der Unsicherheit. Ich fühlte mich so unendlich neu hier, einsam, unsichtbar. Doofe Pausenhofgefühle. Bis ich irgendwann begann, Fragen zu stellen. Und da und dort auf Posts zu reagieren. Manchmal kam etwas zurück und ich begann jenen zu folgen, deren Posts mich ansprachen. So wuchs meine Timeline und schließlich fand ich nach und nach über Hashtags (mit Themen wie Bücher, Lesen, vegan etc.) Menschen, die ich gern las und mit denen ich je länger je mehr ins Gespräch kam. Über Alltägliches ebenso wie über zutiefst Existentielles. Was ich ganz besonders mag an Mastodon: Mitten in einem Gespräch, das immer persönlicher wird, kann ich bei jedem meiner Posts entscheiden, ob es für andere oder nur für Folgende, womöglich sogar nur für die Person, mit der ich gerade spreche, sichtbar ist.

Nein, es war wirklich keine einfache Zeit. Phasenweise fühlte ich ich überhaupt nicht mehr irgendwo zugehörig. Dort nicht mehr, hier noch nicht. Aber ich wollte es. Ich wollte wirklich Teil dieses Netzwerks werden. Ich sehnte mich danach, außer meiner analogen Welt, wieder einen Ort des Austauschens zu haben, einen virtuelle Raum, wo immer jemand zum Schwatzen, Trauern oder Lachen aufgelegt ist.

Allmählich stelle ich fest, dass mein Selbstschutzpanzer, den ich mir auf Twitter zugelegt hatte, nicht mehr so dick ist, dass ich wieder weicher und vertrauensbereiter geworden bin. Ich erholte mich von den Blessuren und begann mich wieder menschlich unter Menschen zu fühlen (jaja, ich übertreibe hier ein wenig). Vielleicht darum ertrage ich Twitter je länger je schlechter. Ich ging bis vor kurzem immer nur schnell gucken, was meine Lieblingstwitternden schrieben, teilte ab und zu etwas, das mir wichtig war und gut. Kaum mehr persönliche Posts.

Im Mai habe ich innerhalb von Mastodon die Instanz gewechselt und bin nun auf einem Server, dessen Inhaber ich persönlich kenne. Das ist ein gutes Gefühl. Theoretisch hätte ich meine ganzen Follower mitnehmen können, doch ich beschloss, dort bei Null anzufangen. Natürlich bin ich manchen wieder gefolgt, doch es war dennoch ein Neuanfang, denn alle, die mir folgen wollten, mussten mich neu abonnieren. Bei Twitter wusste ich schon gar nicht mehr, wem ich warum gefolgt bin und wer mir warum. Schon wieder dieses Nützlichkeitsdenken!

Heute abonniere ich Menschen unter dem Kriterium, wer mir gut tut. Mit wem kann ich gut? Die ist mir sympathisch. Der hat einen guten Humor.

Ich gestehe mir ein, dass das hier eine Art Fluchtort ist. Hier will ich nicht in erster Linie – shameonme – über Schrecken, Krieg und Katastrophen lesen. Obwohl diese Themen hier auch vorkommen, natürlich, doch hier kann ich besser dosieren, da heikle Themen idealerweise mit einem CW (Content warning) und heikle Bilder mit einer NSFM-Marker versehen werden – wer trotzdem lesen und gucken will, kann die Texte und Bilder durch Draufklick öffnen. Wir nehmen Rücksicht auf anderem, denn wir dürfen uns schützen. Doomscrolling nützt niemandem und mitfühlen können wir auch dann, wenn wir nicht ständig über Katastrophen lesen.

Seit Twitter verkauft worden ist, ist es für mich übrigens auch eine politische Haltung und ich bin soo kurz davor, meinen Twitteraccount zu löschen. Ich entscheide selbst, wo und wie ich mich vernetze.

Wir brauchen Orte, wo wir aufatmen, wo wir Quatsch machen und lachen können. Und philosophieren. Reden miteinander. Und diesen Ort habe ich auf Mastodon gefunden. Ich teile ihn gern und wünsche mir, dass ihn andere ebenfalls finden können. Wir alle brauchen solche Orte. Je länger je mehr.

Erinnerungen

Es war etwa vier Jahre nach dem Tod meines Sohnes. Ich hatte wieder eine Arbeitsstelle gefunden, war Teil eines sehr engagierten Teams geworden, das einer Wohngruppe mit Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung einen anregenden und auf ihre persönlichen Bedürfnisse ausgerichteten Lebensraum ermöglichte. Wir begleiteten unsere Leute durch den Alltag. Wecken, Duschen, Frühstücken, in die Ateliers begleiten. Und auch am Nachmittag, wenn sie von der Arbeit zurück in die Wohngruppe kamen, waren wir für sie da. Spielen, Abendessen kochen, Lieblingsfilme gucken, Zähneputzen, Schlaflieder singen …

Mit der Nachtbetreuung wechselten wir uns ab. Kaum jemand mochte diese Nächte, die oft sehr unruhig waren. Eine Bewohnerin mussten wir jeweils nachts wecken und aufs Klo begleiten, damit sie nicht ins Bett pinkelte, während ein  Bewohner nachts selbst auf Klo tappte. Doch zuweilen fand er den Rückweg in sein Zimmer nicht und landete bei einer der Bewohnerinnen, was diese eher nicht so toll fand. Kurz: An Tiefschlaf war nicht zu denken und die Tür des Betreuer*innenzimmers musste immer einen Spalt aufbleiben, damit wir nichts verpassten.

Alle hatten wir unsere Bezugsperson, für die wir innerhalb der Gruppe ein bisschen mehr als alle anderen verantwortlich waren. Das betraf neben Familienkontakten auch Gesundheitliches, Ärztinbesuche, Kleiderkauf uns so weiter. Meine Bezugsperson war Rosa, die in Wirklichkeit anders hieß. Rosa war eine kleine Frau um die sechzig mit Downsyndrom und schrägem Humor. Wenn sie lachte, blieb kein Auge trocken.

Sie war nicht mehr so gut zu Fuß, doch alle nahmen auf ihr Schneckentempo Rücksicht, wenn wir an Sonntagen Ausflüge machten. Überhaupt: Rosa war sehr beliebt. Als sie nach und nach immer vergesslicher, immer dementer wurde, fragten die anderen Bewohner*innen, auch jene aus anderen Wohngruppen, oft nach ihr und besuchten sie. Schließlich wurde es Zeit für den Rollstuhl und damit für uns als Betreuende höchste Zeit für einen Kurs in Kinästhetik. Wie schaffe ich es, einen Menschen mit wenig Muskeltonus ohne mir den Rücken kaputt zu machen, vom Bett in den Rollstuhl zu setzen und wieder zurück? Ein hausinterner Kurs, der uns allen viel mehr als nur technische Anleitungen bot.

Rosa baute nach und nach ab, sie redete weniger, lachte weniger und erzählte, wenn sie es denn tat, oft von ihrer Mutter, die auf sie warte. Mama, ich komme!, sagte sie dann oft und dann lachte sie über das ganze Gesicht.

Eines Tages, ich hatte frei, musste sie ins Krankenhaus, wo ich sie dann am nächsten Tag besuchte. Dort sagte Rosa mir, sie wolle nach Hause. Unklar war, ob dieses Zuhause unser Heim war, wo sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hatte oder ihr Kindheitszuhause mit Mutter und Restfamilie – oder meinte sie sogar der Himmel, wo ihre Mutter auf sie wartete?

Ich besprach Rosas Anliegen mit meiner Chefin und schließlich auch mit dem Team. Waren wir in der Lage, Rosa palliativ zu begleiten – technisch ebenso wie emotional? Inzwischen war Rosa nämlich bettlägerig geworden, hatte einen Blasenkatheder und brauchte eine Dekubitusmatratze, um Liegeschäden entgegenzuwirken. Außerdem nahm sie nur noch flüssige Nahrung zu sich, alles andere verweigerte sie. Kurz: Es ging um ihre letzten Wochen. Waren wir als Team dazu bereit, als nicht ausgebildete Betreuer*innen solche intensive Körperpflege zu leisten? Ganzkörperwaschungen, Kathederwechseln, Umlagern, Füttern.

Chefin und Team waren sich einig: Ja, wir wollen das! Und so holten wir Rosa nach Hause. Da niemand von uns Erfahrung in dieser Art von Pflege hatte, brauchten wir Starthilfe. Ich meine mich zu erinnern, dass uns am Anfang eine Pflegefachfrau anleitete. Sie zeigte uns auch den Umgang mit Morphintropfen, die Rosa beim Loslassen helfen sollten – und ihre Schmerzen linderten. Irgendwann trauten wir uns diese Pflegearbeit selbst zu. Ich war hauptverantwortlich. Ich gestehe, dass ich mir im Voraus nie hätte vorstellen können, so eine körperlich nahe Betreuungs- und Pflegearbeit verrichten zu können. Und dabei keine Ekel zu empfinden. Im Gegenteil. Ich mochte diese ruhige Viertelstunde am Morgen und am Abend, die ich ausschließlich mit Rosa verbringen durfte.

Wieder lag also eins meiner ‚Kinder‘ im Sterben. Diesmal jedoch durfte ich es begleiten. Diesmal durfte ich langsam Abschied nehmen. Anders als bei meinem kleinen Sohn, der viel zu jung und viel zu krass aus dem Leben geschieden war, hatte ich hier Zeit, mich auf den nahenden Verlust einzustellen.

Es war ein Sonntagnachmittag und ich hatte frei, als mich meine Chefin anrief. Rosa sei gestorben. Sofort setzte ich mich aufs Rad und fuhr ins Heim. Meine Chefin hatte die ganze Nacht und den ganzen Tag bei Rosa verbracht. Ihr die Hand gehalten. Ihr die trockenen Lippen benetzt. Und als sie schließlich starb, das Fenster geöffnet, um ihre Seele freizulassen.

Wir weinten zusammen und ich nahm von Rosa Abschied. Auch die anderen Bewohner*innen und die anwesenden Teamleute betraten zum Abschiednehmen das Zimmer, wo Rosa leise lächelnd in ihrem Bett lag, so als würde sie schlafen.

Später kam die Bestatterin. Wir schauten uns an und sofort erinnerten wir uns. Es war die Bestatterin, die damals meinen Sohn beigesetzt hatte. Ich weiß nicht, wie viele Bestattungsunternehmen Bern damals hatte, aber es waren schon damals sehr viele. Was für ein krasser Zufall, dass meine Chefin genau diese Bestatterin ausgewählt hatte!

Die überaus sozialkompetente, freundliche Bestatterin und ich hatten damals einige Male telefoniert, uns dabei auch über Persönliches ausgetauscht und sie hatte mir nach der Beerdigung meines Sohnes versichert, noch nicht an einer schöneren dabei gewesen zu sein. Und nun standen wir uns also wieder persönlich gegenüber, denn wieder war eins meiner ‚Kinder‘ gestorben. Ein sehr berührendes Wiedersehen war das!

Ich sehe den Sarg vor mir und Rosa, wie sie hineingelegt wird. Nochmals nehme ich Abschied von ihr und ich weiß Rosa in guten Händen. Später ist fast das ganze Heim dabei, als wir sie beerdigen.

Alle, die wollen, dürfen sich in diesen Tagen etwas aus Rosas Zimmer auslesen. Die Schürze, die sie einst im Kunstatelier bedruckt hat, trage ich noch heute mit Dankbarkeit für diese kleine Frau mit dem großen Humor und der ansteckendsten Lache, die ich je gehört habe.

+++

Mit diesen geballten Erinnerungen bin ich heute Morgen aufgewacht. Keine Ahnung, was sie geweckt und ausgelöst hat. Es sind Erinnerungen, die mich jetzt, beim Aufschreiben, sehr berühren. Ein Kreis hatte sich geschlossen. Ein bisschen mehr Frieden war mir zugewachsen.

Zumutbare Rücksicht

Wir sind zwar wieder negativ, der Liebste und ich, aber beide noch nicht wirklich wieder hergestellt. Wir husten noch immer und auch die Nasen sind noch nicht frei. Und beide sind wir nach selbst kleinsten Anstrengungen k. o. und brauchen viele Pausen. Offenbar hat die Des-Liebsten-Mama Covid besser weggesteckt als wir zwei – der ImpfungseiDank, sagt sie. Sie hatte wohl eine Art Erkältung, während wir beide je mehrere Tage mit Fieber flachgelegen sind. So gesehen stimmt die viel zitierte und meiner Meinung nach höchst fragwürdige und zudem ableistische Theorie, dass Covid ja ‘nur die Alten und Behinderten’ schlimm treffe, schon mal gar nicht.

Ich konnte die Argumente von Menschen, die Covid-Schutzmaßnahmen ablehnen, von Anfang an nicht nachvollziehen. Und jetzt, nach überlebter Covid-Erkrankung, noch weniger denn je. Das wünsche ich nun wirklich niemandem. Und wir hatten ja verglichen mit anderen noch immer ziemliches Glück und sind auf dem Weg der Besserung.

Der Mensch unterscheidet sich vom Tier unter anderem durch seinen Verstand und durch seine Vernunft und obwohl ich grundsätzlich an Evolution glaube, habe ich doch mit der sozial-darwinistischen Haltung – ‘the survival of the fittest’ (‘etwas Schwund ist immer’, ‘Kollateralschaden’) – schon immer meine Mühe. Wir sind den Menschenrechten verpflichtet, wir sind ethikfähige, vernunftbegabte Wesen, wir dürfen darum solche Haltungen nicht auf uns Menschen anwenden und das Wohl der Schwächsten für die Maßnahmen-Faulheit der großen Mehrheit opfern.

Ich fühle natürlich mit allen Betreuenden und Pflegenden mit, da es für sie besonders mühsam ist, sich bei der Betreuung von Covid-Patient*innen entsprechend zu schützen, aber für alle anderen hält sich mein Mitgefühl dafür, dass sie Rücksicht auf andere nehmen sollen, in Grenzen. Meistens sind es nämlich jene Leute, die das Glück hatten, entweder selbst noch kein oder wenn dann kein schlimmes Covid gehabt zu haben und/oder niemanden zu kennen, der entweder schlimm oder gar tödlich an Covid erkrankt ist, kurz gesagt: Privilegierte! Und genau diese Menschen wollen dann die weniger Privilegierten nicht mit-schützen. Und ja: natürlich hatte sozusagen die Mehrheit Glück. Beim Hochrechnen der eigenen Erfahrungen auf das große Ganze vergessen viele Menschen die nicht privilegierte Minderheit, die nicht so viel Glück hatte.

Mich stört, dass Rücksichtnahme je länger je mehr als etwas der breiten Masse Unzumutbares gehandhabt wird. Die, die keine Rücksicht nehmen wollen, verlangen, dass auf sie und ihr Nicht-Rücksichtnehmen-Wollen Rücksicht genommen wird. Wie paradox ist das denn?

Es lässt sich nämlich, wie wir inzwischen alle wissen (könnten), vorab nicht sagen, wen es wie schlimm trifft. Und bei wem nach Covid noch etwas übrig bleibt, PostCovid, LongCovid. Ich wünsche das niemandem.

Natürlich sind wir alle pandemiemüde und die vielen Menschen, die die Maßnahmen abschaffen wollen, sind mehr und darum lauter, aber rechtfertigt das wirklich, dass darum jene, die Rücksichtnahme bräuchten, einfach ignoriert werden und noch mehr in die Isolation gedrängt werden?

Nicht alles, was gerade weltweit im Argen liegt, hat mit der Pandemie zu tun. Die Pandemie ist meiner Meinung nach ‘nur’ eins der vielen Symptome, an welchem die Menschheit als globaler Körper erkrankt ist, denn letztlich hängt, da bin ich ziemlich sicher, alles zusammen. Der Überbegriff ist ‘soziale Ungerechtigkeit’, daran hängen Klima- und Energiekatastrophe, der Ukrainekrieg, die iranische Menschenrechtsrevolution, wieder aufkommender Faschismus (Regierungen in Italien, Schweden, etc.) und was alles noch im Argen liegt.

Es ist die menschliche Gier nach immer mehr, dieses Ich-zuerst!, immer auf Kosten der Ärmsten (die Menschen und Tiere, die Natur im globalen Süden leiden am meisten an der Klimaekatastrophe, obwohl genau diese am wenigsten dazu beigetragen haben, dass es soweit gekommen ist … das ist bei fast allen Themen so.).

Wir können nicht viel an den großen Stellschrauben machen, aber wir können immerhin im Kleinen versuchen, mitfühlend und solidarisch zu sein.

Altlasten

Es hatte sich einiges angesammelt, und ich meine das sowohl metaphorisch als auch materiell, also beluden wir das Autochen und fuhren an jenem symbolträchtigen Tag, da wir beide wieder covid-negativ waren, zur Mülldeponie.

Die große Halle wird rege frequentiert, wann immer ich dort vorbeigehe. Meistens bringe ich nur Altglas und den ‘gelben Sack’ vorbei, denn wir haben bei uns im Dorf keine eigene ‘Gelber-Sack’-Sammelstelle. Da ich  meine Sackrolle habe ich hier gekauft habe, bringe ich auch meine vollen ‘gelben Säcke’ hierher. Besser fände ich es natürlich, wenn die gelben – na ja, eigentlich ja durchsichtigen – Säcke wie der Restmüll von den Gemeinden abgeholt würde, vermutlich würden mehr Menschen ihren sogenannten Hauskehricht trennen.*

In meinem Autochen versammelten sich neulich also

  • 1 uralter Laptop (ohne Festplatte)
  • 1 kaputtes Waffeleisen (unreparierbar leider)
  • 2 angeschlagene Teekrüge aus meinen Zwanzigern, die mir beim Putzen in die Hände gefallen sind
  • Verpackungsstyropor
  • 1 paar Meter alte Kabel und Ladegeräte, für Geräte und Anschlüsse, die es nicht mehr gibt
  • Pet-Flaschen (nein, kein Pfand in der Schweiz)
  • Glasflaschen (nein, kein Pfand in der Schweiz)
  • 3 Bierdosen (nein, kein Pfand in der Schweiz)
  • 1 Kartonkiste voll, plus ein Bündel Altkarton
  • 1 Bündel Altpapier (Karton und Papier wird normalerweise innerhalb der Gemeinden abgeholt, allerdings sehr selten, und ganz oft genau dann, wenn ich beim Liebsten iin Deutschland bin)

Das Glas ist schnell in die Container vor der großen Halle geworfen. Zuweilen liebe ich es ja, etwas kaputtmachen zu dürfen, ohne dass ich danach aufräumen muss. Glascontainer sind darum eine sehr tolle Erfindung.

Für die anderen Dinge brauche ich teils ein bisschen Beratung. Papier, Alu und Karton sind groß angeschrieben, doch den großen Sack für das Styropor – hierzulande Sagex genannt – sehe ich nicht auf Anhieb. Außerdem kostet das etwas.

Die Elektrogeräte und die Kabel sind kostenlos entsorgbar, da in der Schweiz beim Kauf eines Elektrogerätes eine vorgezogene Entsorgungsgebühr bereits im Preis inbegriffen ist. Ich stehe eine ganze Weile mit offfenem Mund staunend vor der gr0ßen offenen Kiste herum, in der nun auch mein alter Laptop und das alte Waffeleisen zu liegen gekommen sind. Ich flüstere ein leises Ciao. All die anderen Geräte, die da liegen: was sie wohl alles erlebt worden haben? Wer sich wohl damals – und wie sehr! –, über sie gefreut hat, als sie neu waren? Und welche Geschichten ich meinem alten Laptop in seinen Blütenzeiten wohl alles so anvertraut habe?

Und die Teekrüge, beide uralt und zerdeppert, beide schon viel zu lange nur noch im Schrank, weil ich so eine sentimentale Socke bin. Auch hier tut das Zerdeppern irgendwie gut. Etwas Altes loslassen, etwas Vergangenes abschließen.

Mit jedem Ding, das ich in einen der vorgesehen Behälter werfe, fühle ich mich ein bisschen leichter. Genau einen Franken und fünf Rappen muss ich am Schluss dafür zahlen, dass sich andere um meine Altlsten kümmern.

Und das tue ich gern.


*Für meine nicht-schweizerichen Leser*innen: In der Schweiz ist der ‘gelbe Sack’ respektive die ‘gelbe Tonne’ (recylingbarer Kunststoffmüll) noch wenig bekannt, dabei lässt sich damit richtig Geld sparen. Der Liter Recycling-Abfall kostet deutlich weniger als der Liter Rest-Müll. Was ich gut und motivierend finde. Trennen tu ich den Müll aber vor allem aus ökologischen Gründen.

Zum Beispiel:
60 Liter Hauskehricht kostet pro Sack: CHF 3.00
60 Liter Kunststoffmüll kostet pro Sack CHF 2.20