Zusammen feiern

Wenige Monate vor dem Lockdown war es gewesen, im Herbst 19, als sich einige Menschen, die sich einst über soziale Medien und Blogs kennengelernt hatten, zum Feiern, Essen und Zusammensein auf dem Einsamen Gehöft eingefunden hatten. Schön war es gewesen und wir versprachen uns, das bald zu wiederholen. In den darauf folgenden Jahren gab es einige halbherzige, pandemieüberschattete Versuche, ein neues Treffen zu organisieren, doch sie verliefen alle im Sande.

Und auf einmal ist es uns doch wieder gelungen, Menschen von damals wiederzuvereinen. Viele von damals und dazu solche, die wir primär physisch kennen, trafen sich am letzten Wochenende für ein bis drei Tage gemeinsam zum Frühlingsgenuss und Draußensein auf dem Hof des Liebsten.

Am Freitagabend kam der Vorspann, samstags und sonntags gab es die volle Dröhnung und heute Morgen nahmen wir vom letzten Besucher Abschied.

Dazwischen? Viele Gespräche, Lachen, zusammen Gemüse schnippeln, kochen, trinken, essen, grillen, Geschirr spülen, Hunde streicheln, UNO spielen, Zelte aufbauen, Schlafplätze einrichten … zusammen am Feuer sitzen und – sagte ich es schon? – viel lachen.

Gestern Abend, als wir uns hinlegten, sagte ich zum Liebsten, dass ich wirklich von ausnahmslos allen den Eindruck habe, dass sie – zumindest ein bisschen – gestärkter und heiterer den Hof verlassen haben als sie ihn betreten haben. Es war für alle Platz, für die leisen ebenso wie für die eher lauteren, für die eher jüngeren ebenso wie für die eher älteren. So soll es sein.

Danke, Frau Lakritze, Frau Rebis, Der Emil, Frau Ostseenudel und St., S. und F., lieber Kai, liebe Kazi und liebe Silvia, für euer Da-Sein.

Die folgenden Bilder hier sind nur eine kleiner Einblick, fotografiert von Irgendlink und mir; inklusive einem Gastfoto von K. Dö., das die Lagerfeuerstimmung sehr schön wiedergibt.

Mein Klopapier ist Ingwer

Aber nicht so, wie ihr denkt. Nö, nicht Klopapier, das ist zu banal. Ingwer ist mein Kryptonit sozusagen. Oder mein Anti-Kryptonit. Egal, das eine kann eh nicht sein ohne das andere. Stark nicht ohne schwach.

Was ich sagen will: Ich brauche Ingwer. Ingwer ist mein Antidot. Er geht zur Neige, reicht vielleicht noch für zwei Tage.

Was ich eigentlich sagen will: Heute werde ich einkaufen gehen müssen.

Ich gestehe, ich trage mich mit der Absicht, heute Ingwer zu hamstern, Bio-Ingwer. Meine Herz- und Nervennahrung. Und – insbesondere bei Halsweh – mein Lieblingsgetränk.

Diesen Frühling will ich versuchen, ihn selbst anzupflanzen. Für schlimme Zeiten. Ich meine für noch schlimmere Zeiten natürlich. Weil es ja immer ‘noch schlimmer‘ werden kann, denn wir sind noch längst nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. Jedenfalls was die äußeren Einschränkungen betrifft. Noch können wir unsere Wohnungen verlassen, noch wird von unseren Regierungen (D und CH zumindest) auf unsere Vernunft vertraut. Noch können wir in den Wald. (Bitte nehmt mir nie den Wald weg!)

Manchen, vielleicht sogar ganz vielen, ist das alles schon zu viel. Für manche ist das hier schon die Vorhölle. Für ‚normalen Menschen‘, die normalerweise einen Alltag mit vielen Menschen, vielen Begegnungen, viel Ablenkung – kurz: viel Input – haben, ist das hier gerade eine sehr grenzwertige Erfahrung. Für sie ist das jetzt, diese Entschleunigung, purer Horror. Sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen und drehen im Kreis. Viele halten es kaum aus.

Für Menschen, die – wie ich – gesundheitlich eh eingeschränkt sind und dieses Höhlenleben bereits Alltag nennen, ist die Übung im Eingeschränktleben auf einmal eine Ressource.

Für mich ist anderes schwierig: Ich leide am Wissen, dass es ganz vielen Menschen genau jetzt, gleichzeitig, ganz verdammt schlecht geht und ich – wie meistens – nicht wirklich viel dagegen tun kann. Oder nur in kleinen Häppchen.

Da ist gerade so viel Leid. Genau jetzt.

All die Menschen in den Flüchtlingslagern zum Beispiel, die neben ihres ganz individuellen persönlichen Leid politisch längst zu Instrumenten geworden sind.
Ja, und all die Klimaflüchtlinge überall.
All die Menschen, die in Ländern ohne unsere doch zweifellos trotz allen Spardrucks recht gute medizinische Versorgung leben.

Ich fühle dieses ganze Leid mal wieder so verdammt schwer, unerträglich schwer auf meinen Schultern. Ich ziehe es mir an wie ein Kleid, ein viel zu enges Kleid, das mir nicht gehört. Jedenfalls gehört es nicht mir allein. Es gehört uns allen und wenn wir es uns gemeinsam anziehen, dann wird es auf einmal groß und weit und passt sich an und wir können etwas tun. Vielleicht jedenfalls. Ich hoffe es.

Gehöre ich eigentlich eher zu denen, die Hilfe brauchen oder zu denen, die Hilfe geben können?, fragte ich mich gestern. Die Antwort ist in meinem Fall (jetzt und noch) ein Sowohl-als-Auch.

Auf jeden Fall täte ich mich schwerer damit, Hilfe zu erbitten, denn anzunehmen. Das war immer schon so. Und damit bin ich vermutlich nicht allein.

Seit über drei Wochen bin ich krank. Nichts Schlimmes. Immer Schluckweh. Zuweilen Fieber, aber immer nur ein wenig. Zuweilen Schnupfen, aber ohne Fließnase, die dafür oft ganz schön juckt. Hui, bin ich plötzlich pollenallergisch? Die Symptome klingen jedenfalls nicht nach Covid19, dennoch lebe ich ‚mit Abstand‘ und das schon seit über zwei Wochen, mit wenigen Ausnahmen. Termine habe ich längst alle abgesagt und ich verlagere Soziales auf Messengerdienste und Socialmedia. Videotelefonie wird schon bald die physischen Therapiegespräche ablösen.

Doch heute werde ich einkaufen gehen müssen. Wegen Ingwer. Und Bier. Und ich werde der Kassierin danken, dafür dass sie da ist. Und ich werde ihr wünschen, dass sie gesund bleiben möge.

Hoffentlich geht es meiner Lieblingskassiererin, die immer ein Lächeln auf den Lippen hat, gut, ihr und ihren Lieben auch.

Und gerade wünsche ich mir sehr, das Wünsche helfen.

Neue Wirklichkeiten

Über Sollbruchstellen nachgedacht. Denn:

»Es sind merkwürdige Zeiten, in denen alles unglaublich beschleunigt passiert aber gleichzeitig auch alles in einer unglaublichen Klarheit reduziert ist, alle Sterne brillieren, alle Sollbruchstellen brechen, es gibt sehr wenig ’dazwischen’ im Moment«,

schreibt Frau Novemberregen.

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Wo breche ich, wo brichst du?
Wo setzen wir uns neu zusammen, wenn der Sturm vorbei ist?

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Viele verhalten sich so normal, als könnten sie mit ihrem Ignorieren der Maßnahmen, die Veränderungen aufhalten.

Andererseits brauchen wir Normalität und Rituale. Nutzen wir doch die Chance, diese zu überdenken.

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Verhalte dich so, als hättest du das Virus.
Oder verhalte dich wenigstens so, als würdest du lieben. Als würdest du jemanden sehr lieben, dem das Virus voraussichtlich sehr schaden könnte.

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Fast fünf Jahre her. Irgendlink und ich hatten für eine Woche ein Häuschen in Falun gemietet. Ich flog nach Stockholm und traf ihn, der mitten in seiner Live-Kunst-Rad-Tour ans Nordkap unterwegs war, für eine kleine Auszeit in Örebro, von wo aus wir uns mit zwei Campingplatz-Zwischenstopps Richtung Falun durchschlugen, ich mit ÖV, er mit dem Radel.

Wir überlegten damals auf unseren kleinen und größeren Touren durch die schwedische Pampa, wie es wäre, wenn seine Reise statt mit Muskelkraft auf seinem Fahrrad nur in seinem Kopf stattfände. Wenn er sich mit dem Blick auf Karten und virtuellen Weltbetrachtungstools seine Reise zusammenfantasieren würde. Wenn er aus den tiefen seiner Erfahrungen schöpfen und eine Reise rein virtuell rein fiktiv erzählen würde. Täglich. Als wäre er unterwegs.

Diese Phantasie hat uns eingeholt. Diese Phantasie ist seit drei Tagen Wirklichkeit geworden. Andorra, das Irgendlink in diesen Tagen mit dem Rad hatte anpeilen wollen, ist weiter weg denn je. Die Grenzen sind geschlossen. Die äußeren Grenzen ja … vergessen wir nicht die inneren Grenzen. Kraft unserer Phantasie können wir um die Welt reisen. Oder nach Andorra. Mit Irgendlink. Täglich neu. Täglich ein bisschen weiter. Hier.

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Gestern war ich im Wald. Es waren mehr Menschen unterwegs als auch schon. Und alle in respektvollem Abstand.

Ich pflückte Bärlauch und begriff, wie alles zusammenhängt.
Obwohl es letztlich unbegreiflich ist.

(Über die Natur der Natur schrieb Ulli heute hier.)

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Leben, so gut es geht.
Es jeden Tag üben, dieses Leben.
Jeden Tag von neuem.

Wir Geschichtenerzählerinnen und -erzähler

Bereits haben Der Emil, Herr irgendlink, Ulli, Frau papiertänzerin, Britta112 und die Amazonasknallerbse zugesagt oder zumindest Interesse angemeldet, ab Januar an einem gemeinsamen Geschichtenprojekt mitzuspinnen.

Idee: Jede die und jeder der mitmachen will, erzählt bei sich im Blog (oder hier bei mir) eine Geschichte.

Inhalt: Es geht um Menschen, die eher am Rand als in der Mitte der Gesellschaft stehen. Menschen, zum Beispiel wie Nadim aus der Geschichte Trümmermusik von Zoë Beck. Menschen, von dort, von hier, von überall. Frauen. Kinder. Arme. Eingeschränkte. Ausgegrenzte.

Ziel: Wir arbeiten auf ein eBook (oder Print?) hin, dessen Erlös einem Projekt zufließen soll, das Menschen am Rand zugute kommt.

Gesucht: Mitschreiberinnen und Mitschreiber. Patinnen und Paten. Sponsorinnen und Sponsoren. Mitträgerinnen und Mitträger/Mitkoordinierende.

Bitte weitererzählen!

Die Kommentarfunktion ist immer noch offen.

Als Hashtag und/oder Buchtitel stehen zurzeit folgende Vorschläge zur Diskussion.

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Lasst uns einander Geschichten erzählen

Winterzeit ist Geschichtenzeit, dachte ich, als ich neulich Zoë Becks Geschichte Trümmermusik gelesen habe. Und dass wir uns mehr Geschichten erzählen sollten, die das Leben schrieb, dachte ich ebenfalls. Zumal neue Geschichten anfangen sich in mir zu räkeln. Zweien habe ich in der letzten Woche bereits auf die Welt geholfen. Noch fehlt der letzte Schliff.

Beim Schreiben tauchte die Idee auf, mit euch zusammen, die ihr hier mitlest, eine Art Blogaktion zu wagen. Lasst uns AntiheldInnen-Geschichten schreiben. Geschichten, in denen die Protagonistinnen und Protagonisten eher am Rand als in der Mitte der Gesellschaft stehen. Menschen, wie Nadim aus der Trümmermusik-Geschichte. Menschen, von dort, von hier, von überall.

Mitmachen können alle. Jede und jeder schreibt auf dem eigenen Blog und die Geschichten von Menschen ohne Blog poste ich gerne hier. Natürlich bin ich offen für bessere und andere Ideen.

Was meint ihr?

Wir könnten die Geschichten irgendwie miteinander verknüpfen, mit einem Hashtag und/oder einem gemeinsamen Titel. Und vielleicht wird daraus sogar ein kleines eBook (PDf, epub, mobi), dessen Erlös etwas Gutes erreichen könnte. Ganz unabhängig von Weihnachten, meine ich. MitdenkerInnen sind also herzlich willkommen.

Für einmal öffne ich die Kommentarfunktion, damit wir diskutieren können, wie wir diese Idee umsetzen könnten. Und ob ihr mit im Boot sein möchtet. Und nein, es eilt nicht. Ich denke so an Januar und die Zeit danach. Meldet euch doch trotzdem schon mal.

Ich informiere in einem späteren Artikel darüber, was beim ersten Gedankensammeln herausgekommen ist.

Und noch ein Wort. Das letzte?

Ein Wort. Und noch ein Wort. Schon sind es zehn. Doch schreibe ich nicht um der Wörter willen. Auch nicht um der Zahlen. Ich schreibe, weil ich schreiben kann. Weil die Wörter in mir hocken, auf Bänken, wie Kinder in der Umkleide vor der Turnhalle. Sie tuscheln und warten auf den Anpfiff. Nun stehen sie auf und drängen in die Halle, rennen wild durcheinander und wollen so gar nicht ruhig stehen. Wollen sich so gar nicht in Reihen stellen, wollen nicht gezählt, wollen nicht betrachtet und wollen schon gar nicht geordnet und trainiert werden. Sie wollen einfach nur sein. Manche zerfallen in ihre Einzelzeile. Buchstaben liegen herum und ich, die Turnlehrerin wider Willen, habe keine Ahnung, wie ich dieses Chaos da … ja, was … wie ich dieses Chaos, so es denn eins ist, zähmen soll? Lässt sich zähmen, was wild sein will? Kann Chaos denn etwas anderes als Chaos sein und wenn ja, wozu? War Chaos nicht der Anfang von allem, was ist? Chaos als Quelle. Chaos als Kraft. Chaos als Neuanfang? Wozu auch immer.

Da stehe ich also und betrachte die Wörter, betrachte die Buchstaben und lasse sie gewähren. Alle sind sie da. Das Wörterbuch hat sich geöffnet. Sinn kommt auf mich zu und fragt, ob er mir helfen soll. Ich schaue ihn an, klein und schmächtig ist er, trägt eine Brille und schaut mit einem Blick, der so gar nicht zu seiner geringen Größe passen will, an mir vorbei. Nein, nicht an mir vorbei. Durch mich durch. Er durchschaut mich, er weiß, dass ich wortlos bin. Ich als einzige bin die ohne Worte. Bin weder Wort noch Buchstabe. Bin einfach nur Mensch. Eine, die sich mit Wörtern verbinden, mit Wörtern verbünden will, um zu verstehen. Das ist es, was ich will. Ihr Wörter, sage ich, ich will verstehen. Ja, Sinn, du kannst mir helfen. Wenn du das denn kannst. Ich will dich und deine vielen Geschwister hier verstehen. Nein, nicht euch, aber das, wofür ihr steht. Komm doch mal her, du da. Wie heißt du denn? Schüchtern kommt sie einen Schritt näher und flüstert ihren Namen. Ich habe sie nicht verstanden. Sinn souffliert: Liebe. Das ist Liebe. Sie mag aber ihren Namen nicht. Die Menschen lachen oft über sie. Und sie mag es nicht, dass alle Menschen zu wissen glauben, wer sie ist und wofür sie steht und in Wirklichkeit ist alles ganz anders.

Wie anders?, frage ich und bereue meine Frage bereits. Sinn lächelt traurig. Liebe kann man nicht erklären, Liebe kann man nur lieben. Sie ist rot geworden, die Kleine. Ich kann mir nicht helfen, ich möchte sie einfach nur in den Arm nehmen und tue das auch. Sinn lächelt. Ja, sagt er.

dontbelieveWeisheit ist groß und hat ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und ich weiß nicht, ob sie eine Sie oder er ein Er ist. Er sagt: Lass zu. Hör damit auf, zu wollen. Zu machen, zu müssen. Ich setze mich auf den Boden. Die Wörterfamilie sammelt sich um mich. Und auf einmal sind alle ruhig und wir sind uns ganz nah.

Geschichte erzählt mir, wie es in der Welt der Wörter zugeht. Ich begreife, dass die Wörter mehr verstehen von Demokratie, von Eigenmacht und von Kameradschaft. Manche Wörter erzählen mir, wie sie missbraucht werden. Macht stehen die Tränen in den Augen. Ich war nicht immer so, so traurig, so negativ besetzt, sagt sie. Sie ist erstaunlich schön, Frau Macht. Aber erst, wenn man genau hinsieht. Ich bin ein Missbrauchsopfer, aber diese Rolle ist einfach nur zum Kotzen. Und am liebsten will ich nicht mehr leben. Oder dann möchte ich wenigstens, wie das Menschen können, in eine Art Zeugenschutzprogramm für missbrauchte Wörter eintreten und an einem neuen Ort neu anfangen. Andererseits, wenn ich weggehe, werden sich die Menschen einfach ein anderes Wort nehmen, dass sie an meiner Stelle missbrauchen können um ihre Gier auszuleben.

Gier, ein kleiner blonder Bursche, sagt, dass er amputiert worden sei. Das Neu habe man ihm weggenommen und ihn schon als Kind von seinem Bruder Neugier getrennt. Aber im Herzen drin hoffe er noch immer auf ein Umdenken. An ihm solle es nicht liegen. Er würde sich gerne deleten lassen, wenn es der Menschheit diene.

Gewaltig, ein erstaunlich drahtiger kleiner Kerl, flüstert, dass er früher ein gutes Wort gewesen sei. Aber heute – er verdreht die Augen – heute assoziieren mich viele mit Gewalt. Aber ich, sagt Gewalt, ich bin auch nicht böse. Ursprünglich stand ich für die Kraft der Erde, die sich zuweilen schüttelt, um zu zeigen, wer das letzte Wort hat.

Kleines literarisches Experiment #1 – Die Beiträge

Ihr erinnert euch? Vor einer Woche habe ich euch zu einem kleinen Experiment eingeladen? Das hier ist dabei herausgekommen:

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„Atme. Atme. Lauf. Lauf. Atme. Lauf. Vorwärts. Weg. Nicht stolpern. Nur nicht stolpern.“
Nichts anderes konnte sie denken, während sie durch den Wald hetzte. Nasse Zweige schlugen ihr ins Gesicht und gegen ihre Jacke, ihre Schuhe waren völlig durchweicht. Sie spürte nichts davon, konzentrierte sich einzig darauf, wegzukommen. Weg von dem, was passiert war.

Sie spürte, wie ihre Kräfte nachliessen. Die Anhöhe würde sie noch schaffen, doch was dann? Sie wusste nicht einmal, wo sie war. Ihr Handy steckte in Wolfs Tasche und Wolf lag tot in diesem alten Schuppen. „Nicht daran denken. Nicht jetzt.“

Wolf! Sie spürte, wie ihr Herz sich zusammenzog, wollte auf die Knie sinken, die Hände ins matschige Laub am Boden graben, sich hineinwühlen und das Entsetzen aus sich heraus schreien. Doch stattdessen rannte sie weiter. Einen Fuss vor den anderen. Nicht denken, nicht daran denken. Doch was konnte der Kopf schon gegen das Herz ausrichten? Nichts. Mit einem gequälten Aufschrei schmiss sie sich der Länge nach hin, krallte ihre Finger in den Boden, vergrub ihr Gesicht in dem Gemisch aus altem Laub, Moos und Erde.

Wie hatte sich ihr Leben innerhalb von acht Stunden so ändern können? Heute Morgen war sie noch unbeschwert aus dem Bett gesprungen und hatte sich auf die seit langem geplante Wanderung gefreut. Sie hatte ihren Rucksack aus dem Flurschrank gekramt, Brote geschmiert und sich kurz darüber geärgert, dass es nach der langen Trockenperiode ausgerechnet heute in Strömen regnete.
Wolfs Gesicht tauchte vor ihr auf. Wie er lachend in der Tür stand, um sie abzuholen. Wie er sie daran erinnerte, ihre Regenjacke einzupacken und sie sich darüber lustig gemacht hatten, dass sie am besten auch noch das Schlauchboot einpacken sollten, falls der Regen sie wegspülen würde.

Sie atmete den erdigen Geruch des Bodens ein und beruhigte sich etwas. Sand knirschte zwischen ihren Zähnen. Sie setzte sich auf, spuckte aus und wischte sich das Gesicht ab. Langsam verebbte ihre Panik und sie beschloss, zurück zu gehen.

Sehr weit war sie bei ihrer Flucht nicht gekommen und viel schneller als gedacht gelangte sie wieder an dem alten Schuppen an, in dem sich Wolf befand. Ihr Verstand weigerte sich zu akzeptieren, dass er tot sein sollte. Sie drückte einen Moment ihre kalten Finger auf ihre Augen, öffnete sie wieder und schob zögernd die Tür des alten Verschlags auf. Muffige Luft schlug ihr entgegen und sobald ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie die Schemen der zwei Männer auf dem Boden liegen.

Kein Traum.
Sie ging hinüber zu einem der Männer und drehte in um, damit sie sein Gesicht sehen konnte. Wolf. Das vertraute Gesicht, das sie seit ihrer Kindheit begleitet hatte. Es hatte Momente gegeben, da sie sich aus den Augen verloren hatten, doch sie hatten immer wieder zueinander gefunden. Wolf. Ihr Kindheitsfreund, ihr bester Kumpel, immer war er da gewesen, wenn sie ihn gebraucht hatte. Und hier lag er nun, ganz still und kalt. Vorsichtig nahm sie seinen Kopf in ihre Hände und bettete ihn auf ihre Knie. Sie schloss seine halbgeöffneten Augen und seinen Mund und drückte ihm einen zarten Kuss auf die Stirn. Etwas, das sie zu Lebzeiten nie getan hatte. Sie strich über seine Wange und bemerkte erst jetzt, dass ihre heissen Tränen auf sein Gesicht tropften, so dass es aussah, als würde er selbst weinen. Sie wiegte ihn in ihren Armen, schaukelte hin und her und flüsterte seinen Namen. Tränen und Rotz vermischten sich, und trotzig wischte sie beides mit ihrem nassen schmutzigen Ärmel weg. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und ihrer Kehle entrang sich ein Laut, wie sie ihn noch nie von sich vernommen hatte. Ein langes heisseres Schluchzen, ein gedämpfter Schrei, irgendetwas dazwischen, ein Urlaut der Trauer.

Mit zitternden Händen legte sie Wolfs Kopf auf einem kleinen Haufen Stroh ab, wischte sich erneut übers Gesicht und wandte sich der anderen Gestalt am Boden zu.

Da lag er. Sie hatte ihn getötet. Ein Mann in ihrem Alter, ungepflegt, seine Kleidung abgetragen und teilweise verschlissen.

Als sie im Schuppen Schutz vor dem Regen gesucht hatten war er aus einer dunklen Ecke auf sie gestürzt, hatte Wolfs Kopf so brutal herum gerissen, dass sein Genick brach und sich anschliessend ihr zugewandt. Als sein verwirrter Blick auf sie fiel hatte sie in völliger Panik nach dem ersten Gegenstand gegriffen, der ihr in die Hände fiel – eine alte, schmutzige Heugabel – und sie ihrem Angreifer entgegen gerammt.
Eine der Zinken hatte seinen Hals komplett durchbohrt. Das sah sie aber erst jetzt, da sie ihn genauer anschaute. Vorher war sie voller Entsetzen davon gelaufen.
Sie fasste ihn nicht an, betrachtete die Leiche nur aus der Entfernung und ohne Vorwarnung erbrach sie sich krampfhaft auf den schmutzigen Schuppenboden.

Sie fühlte sich unendlich müde. Unendlich schwer. Jede Sekunde schien ihr eine Ewigkeit zu sein. Langsam drehte sie sich zurück zu Wolf, nahm ihre restliche Kraft zusammen und zog ihr Handy aus seiner Tasche. Sie wählte den Notruf und legte das Handy auf den Boden. Sie hatte keine Kraft, mit irgendjemandem zu sprechen. Man würde sie schon finden. Dann legte sie sich neben Wolf, zog ihn in ihre Arme, schloss die Augen und wartete.

Schnipseltippse

++++++

Ein dunkler Raum, vier Beine, eine Blutlache, zwei Menschen, Sonntagabendstandbild. Sie starrt darauf. Ihre Hand hält die Fernbedienung, ihr Daumen findet das Aus. Sie schüttelt das Bild von ihrer Netzhaut. Vier Beine, eine Blutlache, zwei vermisste Menschen. Nun werden die Kommissarios wieder jagen und suchen und am Ende finden, heute ohne sie. Sie starrt noch immer auf den Schirm ohne Bild, als liesse sich ein Neu dort finden, ohne Suche, ohne Jagd, einfach so, weil sie es vermisst.

Ulli

++++++

Das Echo meiner Schritte tut weh. Jedes ­Mal, wenn meine Füße auf den Beton treff­en, explodiert etwas in meinem Kopf. Ich­ stelle mir vor, wie die Explosionen nac­h und nach alle Erinnerungen löschen, wi­e der Regen, der mir ins Gesicht peitsch­t, die entfachten Feuer in meinem Hirn l­öscht und die Asche zuverlässig wegspült­. Ich muss nur lange genug weiter laufen­, dann ist nichts mehr da, dann ist nich­ts geschehen. Dann ist die Wahrheit nich­ts als ein dunkles Loch, ein Raum, den i­ch nie betreten werde. Wenn ich immer we­iter laufen könnte, Tage lang, Nächte la­ng, würde ich schließlich an einen Punkt­ kommen, an dem sich die Zeit gabelt, un­d ich wählen kann, zwischen dem Weg zurü­ck in die Vergangenheit, oder einer Gege­nwart, in der ich nur immer weiter laufe­n kann. Vermutlich bin ich dabei, den Ve­rstand zu verlieren, aber wie gerne gäbe­ ich meinen Verstand, um wieder mit Piet­er und Mareike zusammen zu sein. Um sie ­noch einmal zu suchen, dieses Mal mit de­r Aussicht auf Erfolg.

-anonym

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Jetzt werden sie immer Vermisste bleiben. Dieser eine Satz. Fast unhörbar tauchte er auf, setzte sich in ihr fest, schwoll an. Auch das Bild, wie die beiden da auf dem Boden lagen, würde sie nie mehr loswerden. Sie hatte noch nie tote Menschen gesehen. Dass sie rannte, merkte sie erst, als ihre Lunge zu brennen anfing. Die Nacht war jung, nass und kalt. Dunkelheit, Regen und feuchte Haare verboten ihr die Sicht, aber ihre Füße kannten den Weg.

-Sofasophia

Warum ich lese

Twitterspruch_ScharfesF
Tweet von ScharfesF | Twitterspruch von @ScharfesF

Ich scrolle durch die Followerliste einer neu entdeckten Tweetse. Ein bisschen voyeuristisch ist es schon, sich all diese kleinen Profilchen anzuschauen und hinzuspüren, wessen Gedanken mich interessieren könnten.

Vor meinen geistigen Augen entsteht ein weltumspannendes friedliches Netzwerk all der twitternden, bloggenden, fb-nutzenden Menschen, mit denen ich direkt und direkt verbunden bin. Ein Netz, in dem ich auch mit drin hänge. Wie ein Spinnennetz sieht es aus in meinem Kopfkino. Viele miteinander verbundene Menschen, verbunden mit Brücken aus Wörtern, Gedanken, Erkenntnissen. Bei den Twitternden mag ich jene Menschen am liebsten, die eine Mischung aus heiligem Ernst und intelligentem Bullshit zuwege bringen. Ohne dabei doof oder dumm zu sein. Philosophisches mit Humor, mit einer Prise Ironie und Satire, die dem allzu Ernsthaften liebevoll auf die Schulter klopft: Hallo, lach mal, die Welt ist nicht nur grau.

Ich sehe dieses Netz vor mir und fühle dabei die Macht, die wir haben, wir, die wir die Welt lieben und mit unseren Texten und Gedanken dazu beitragen, dass sie nicht in Tristesse versinkt. Die Macht der Schönheit. Die Macht der Phantasie. Die Macht der Freundschaft. Die Macht der Wörter.

Gestern sagte ich zum Liebsten, wie sehr ich am liebsten all die Dinge, die ich liebe, für andere und für mich täte. Kurse geben. Andern Sachen beibringen. Andern Bilder und Geschichten schenken. Andern zeigen, wie man besser schreiben kann. Alles ohne Geld zu nehmen zu müssen. Ohne Rechnungen schreiben zu müssen. Stattdessen hätte ich Ende Monat auf meinem Konto das monatliche Bedingungslose Grundeinkommen. Und sie auch. Er ebenfalls. Wir alle. Was für eine Welt!

Jetzt werde ich doch bald fünfzig und habe noch immer die Idee, das Ideal, die Hoffnung, dass die Welt eine bessere werden kann. Und die Hoffnung ebenfalls, dass ich mit dem, was ich bin und mit dem, was ich kann und habe, eben genau dazu beitragen kann.

Jetzt würde ich gerne als Abschluss einen dieser schlauen Sätze sagen, wie das meine Lieblingstwitternde so gut können. Nein, ich muss zum Glück nicht alles können.

Schließlich braucht es auch das Publikum. Die Lesenden. Mich und dich. Heute habe ich begriffen, dass es eine dumme Ausrede ist, wenn ich sage: Ich verbringe viel zu viel Zeit mit Blogs, Twitter und fb lesen und kommentieren. Im Grunde liebe ich es nämlich, zu lesen, was andere tun, denken, erleben, erkennen, teilen, versuchen, wagen. Und da ich ja nur jenen Menschen folge, die mich ansprechen, schreibt niemand hin, wenn er aufs WC geht. Oder gefurzt hat.

Ich lese von echten Menschen, die in ihren echten Leben etwas erlebt, etwas gelesen, etwas verstanden, gedacht, gefühlt haben. Und darum teilen sie es. [Und wenn ich es nicht lese, liest es vielleicht niemand.] Darum lese ich. Ich lese, weil ich lesen will. Weil es mich interessiert. Weil es mir wichtig ist, zu verstehen, wie andere Menschen ticken. Wie andere Menschen leben und fühlen.

Und noch immer fällt mir kein kluger Schlusssatz ein. So what.

Zwiebelrituale und andere Geheimnisse

Du sitzst am Tisch und schnippelst Zwiebeln. Fast immer, wenn wir zusammen kochen, schnippelst du die Zwiebeln. Lass es uns Zwiebelritual nennen. Jetzt. Hier. Du sucht dir dazu immer das größte Schneidebrett und setzest dich zum Schnippeln hin, während ich gerne im Stehen schnipple. Ich stehe dazu am liebsten neben der Spüle. Ich mag diese Ecke. Da bin ich nahe an allem wichtigen dran: am Wasser, am Feuer. Während ich mich um das Putzen und Zerkleinern des Lauchs kümmere, stehst du bereits hinter mir, am Herd, und schaufelst die Zwiebeln in den Topf, den ich auf die Herdplatte gestellt und mit Olivenöl beträufelt habe. Auf deinem Brett liegen noch eine zerkleinerte Tomate und eine geschnippelte Paprika. Ich reiche dir mein Schneidebrett mit den Lauchstücken und bekomme es gleich wieder leer zurück um mich an die Zucchini zu machen. So jedenfalls mein Plan. Doch das halbe Weißkohlstück, das ich zum Waschen neben die Spüle gelegt habe, kapert meine Aufmerksamkeit und lässt mich die grüne Stange vergessen.
Wie klingt Krautsalat?, frage ich dich, der du hochkonzentriert das Gemüse würzst.
Lecker! Gute Idee!
Hm, ich habe aber keine Weinbeeren mehr. Was meinst du – wir könnten ja zerkleinerte Datteln reinschnippeln?
Mjam, das probieren wir. Und eine Orange, wie du neulich mal gesagt hast?
Au ja, so machen wirs!
Ähm, die Zucchini? Gell, die soll auch in die Sauce rein?

Hin und her spülen unsere Worte. Und wir mit ihnen. Wie ein Tanz, der sich, einmal gelernt, immer und überall tanzen lässt. Wir sind die Töne. Wir sind die Notenlinien. Wir sind die Instrumente. Und wir sind die, die unser Liebeslied komponieren. Ton für Ton.
Während die Spaghetti munter vor sich hin blubbern, schmeckst du bereits die Salatsauce ab – immer ist bei dir ein bisschen Honig mit im Spiel. Mehr verrate ich aber hier nicht. Auch das ein Ritual, ein Teil unseres Tanzes, denn deine Saucen sind ein Tanz für die Sinne. Und dass es als letzte gemeinsame Mahlzeit vor unsern jeweiligen räumlich-zeitlichen Trennungen meistens Spaghetti gibt, ist ebenfalls Teil unseres Küchentanzes.
Später, am Auto, der Abschied. Schon wieder. Viel zu kurz die gemeinsame Zeit. Sage ich. Seufze ich. Und bin unaussprechlich dankbar für all die schönen Augenblicke.
Heute an der Aare. Sonne im Gesicht. Glitzernder Fluss, der mit seinen Strömungen wunderbare, vergängliche Kunst schafft, die es so nie mehr geben wird. Die drei gefundenen Caches. Egal, dass wir den einen am Schluss nicht gefunden haben. Hinterher, zuhause, die heiße Schokolade.


Ich erzähle dir, wie wir als Kinder am Abend zur Milchi spaziert oder geradelt sind. Wie wir dort, in der Bauernzentrale, offene Milch kauften – noch lauwarm, frisch ab Kuh sozusagen, mit dem Litermass aus dem großen Bottich geschöpft. Oder tagsüber im Dorfladen, offen, ab Milchzapfstation. Ich sehe den Milchkessel am Radlenker baumeln. Wie oft wir wohl gestürzt sind und die Milch verschüttet haben? Die weiße Pfütze auf der Straße, von Regengüssen und Hundezungen bald weggeleckt.
Ich erzähle dir, wie unsere Mutter abends die Milch im größten Topf gekocht hat und wir Kinder sie hüten mussten. Eins der wenigen Ämtli, die wir neben dem Einkaufen zu erledigen hatten. Nicht zu früh durften wir den Herd ausschalten, aber auch nicht zu spät, natürlich nicht, sonst lief die Milch ja über. Der richtige Moment war, wenn sie schäumte und langsam stieg.
Sie leiht scho d’Schueh a, nannte ich das, und stellte mir dabei tatsächlich einen sich Schuhe anziehenden Milchtopf vor.
Überlaufen tat sie ziemlich oft, mit offenen Schuhbändeln noch, sozusagen, mitten auf den Herd. Weißer See mit schwarzen Inseln. Bei meinem Bruder tat sie es am häufigsten. Verbrannte Milch auf Herdplatte – ein Geruch nach Kindheit. Und ich sehe mich, wie ich mit einem Suppenlöffel die Milch auf dem Herd in eine Tasse schöpfe. Kostbares Gut! Täglich vearbeitete unsere Mutter die abgekochte Milch zu Natur-Joghurt, das am Morgen stichfest ins Frühstücksmüesli gelöffelt wurde. Jeden Tag verbrauchten wir drei Liter Milch. Der Liter, ich erinnere mich, kostete, als ich noch klein war, aber schon einkaufen und rechnen konnte, weniger als einen Franken. Wir bekamen nämlich immer einen goldenen Zweiräppler pro Liter zurück, wenn wir bei Herrn G. in der Milchi mit drei Franken zahlten. Später stieg der Preis. Wie bei allem. Und heute, ich gestehe es, weiß ich nicht mehr, was ein Liter Milch kostet.
Wir stehen auf dem Parkplatz neben dem Haus. Das Auto ist beladen. Letzte Worte. Letzte Küsse. Ich winke, bis die Rücklichter um die Ecke verschwunden sind. Rücklichter, die verschluckt werden, wird es immer geben. Aber auch Scheinwerfer, die auf mich zukommen. Und neue Umarmungen. Und immer wieder neue und vertraute Tanzschritte mitten in der Küche.
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Bilder:
undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung).