Zweiunddreißig Jahre alt ist er. Seit Jahr und Tag lebt er von Sozialgeld. Eine Ausbildung hat er nie gemacht. Nein, zu dumm dazu ist er nicht. Von außen betrachtet ist er wohl das Inbild des sogenannten Gesellschaftschmarotzers, denn auch die Alimente für seine drei Kinder, von drei verschiedenen Müttern, kann er natürlich nicht zahlen. Er lebt einfach sein Leben. Ohne Beruf. Ohne Arbeit. Ob und dass er mit seiner Lebenszeit etwas anfangen kann, steht hier nicht zur Debatte. Von außen betrachtet ist er, wie gesagt, unnütz für die Gesellschaft.
Aber.
Wäre da bloß nicht immer die überall mitschwimmende Frage nach unser aller Nützlichkeit. Für sich, für andere, für die Welt – Hauptsache, du bist nützlich. Die Frage hängt wie ein allgegenwärtiges Damoklesschwert über uns allen; sie schwingt mit
in der Angst vor Überfremdung, die besorgte BürgerInnen auf die Straßen treibt,
in der Angst von Eltern, die ein behindertes Kind erwarten und es nicht abtreiben wollen und dem Druck der Gesellschaft kaum standhalten können,
in der Angst alter Menschen, die auf einmal nicht mehr alles selbst machen können und auf andere angewiesen sind.
Diese Angst davor, in den Augen anderer nicht mehr nützlich zu sein, ist fatal und destruktiv. Sie geht von einem Menschen- und Weltbild aus, das nach dem Ausleseverfahren funktioniert statt nach dem Solidaritätsprinzip, das besagt, dass die Schwachen von den Starken Hilfe bekommen.
Woher kommt dieser Ruf in uns nach größtmöglicher Nützlichkeit für die Gesellschaft? Ist er die Folge von Erziehung/Konditionierung oder ist er in jedem Menschen programmatisch, genetisch mit dabei? Und wie hängt dieser Ruf nach Nützlichkeit mit Empathie und Altruismus zusammen und wieso lassen wir uns/wieso lasse ich mir weismachen, dass zum Beispiel ein Bild zu malen weniger wert/nützlich/sinnvoll ist, als eine Bilanz oder Statistik zu erstellen, eine Unterrichtsstunde zu halten, ein Essen zu kochen, einen Wocheneinkauf zu erledigen? Nützlichkeit in Geld zu messen ist so absurd. Denn Nützlichkeit und Lebenswert/Lebenssinn sind keine Synonyme.
Ich habe nichts gegen und bin sehr für nützliche, sinnvolle Arbeit, die für die Gemeinschaft getan wird. Sie ist es nicht, die ich hier gemeint habe. Ich glaube, eine wachsende generelle Lebensbe- und -entwertung insbesondere von Schwachen, Alten, Behinderten, Kranken, die von einem Großteil der Gesellschaft ausgeht, zu beobachten.
Wer steuert dieses Denken und wie können wir ihm entgegenwirken?