Kopfkino I

Mein Tag war seltsam. Marathonsitzung am Morgen. Sehr intensiv. Anschließend eine weitere, kleine Sitzung. Zu dritt. Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit. Nach der Mittagspause tausend Dinge gleichzeitig, die über meinen Tisch kriechen, hetzen, rollen, poltern. Unter anderem „durfte“ ich an die hundert fotokopierte Artikel über unser Hilfswerk sichten, die uns der schweizerische Presse-Recherchedienst auf Wunsch und kostenlos zugestellt hat. Für ein Projekt im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Die Zeit vor ungefähr dreißig Jahren betreffend. Die RechercheurInnen haben sich nicht nur auf unser Hilfswerk, sondern auch auf alle anderen konzentriert. Was die Sichtung nicht eben vereinfachte.

Zum Glück gibt es Schlagzeilen!, dachte ich mehr als einmal. Dennoch blieb ich am einen oder andern Text hängen. Einer hat mich ganz besonders berührt, denn „Ein Tag im Leben von …“-Artikel habe ich immer schon gerne gelesen. In diesem hier erzählte ein Hilfswerk-Mitarbeiter dem Journi der Zeitung XY, wie er zuweilen frühmorgens aufwache und nicht mehr einschlafen könne, weil er an all die Kinder denken müsse, die er in Simbabwe, auf den Philippinen, in Werweissschonwo gesehen hat. Dass er dann an seine Kinder im Zimmer nebenan denke und dankbar sei. Aber dass seine Zeit nicht reiche, all das zu tun, was getan werden müsste. Leben im Konjunktiv.

Helfersyndrom, na klar, und dennoch … Mir ist der Text unter die Haut. Manchmal vergesse ich im Alltag, bei der Arbeit am kleinen, am Detail, am Ausschnitt, den ich von hier aus sehe, den ganzen Rest. Den Rest des großen Bildes da draußen. Nein, kein Moralingesülze … es ist einfach dieses Bewusstsein von Mitverantwortung und Solidarität, das ich zuweilen ausblende. Vielleicht sogar ausblenden muss. Um mich zu schützen (da wo es andere nicht können). Oder ist es gar Resignation, die mich so nüchtern macht? Übersättigung, obwohl ich ja kaum Zeitung lese?

Zuhause auf dem Sofa empfand ich meine eigenen Sorgen – die unerwartet hohe Steuerrate zum Beispiel, die bis Mitte Oktober bezahlt werden soll und die mich frühmorgens nicht wieder hat einschlafen lassen – ziemlich banal …