Jenseits von gut und böse

Sie schwitzt. Nun ja, das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Wechseljahre. Medikamente. Nur klebt die Hitze im Bett an ihr, als läge sie auf einer Gummimatte. Auf Plastik oder auf Leder. Das Leintuch ist schuld. Sie weiß es seit Tagen. Eine kleine Wut macht sich breit. Er muss doch wissen, dass sie dieses synthetische Leintuch hasst. Er muss es doch auch hassen! Es fühlt sich an wie Kreide auf Wandtafel, wenn man sich darauf bewegt. Gänsehaut der unangenehmen Art.

Sie schickt sich drein. Bestimmt sind alle andern Laken in der Wäsche. Es wird schon gehen!, sagt sie sich, und: Jetzt tu mal nicht so zimperlich. Sie schläft ja eigentlich recht gut zurzeit. Trotz der unangenehmen Unterlage. Andere haben kein Leintuch, haben noch nicht mal eine Decke. Reiss dich zusammen.

Nachts die Erkenntnis, dass sie vielleicht eine andere wäre, wenn er ein anderer wäre. Oder so: Sie wäre vielleicht weniger freundlich, wenn er nicht so liebevoll wäre − zu ihr, zu allen andern. Sie hätte ihn vielleicht längst angeschnauzt, divaesk nach einem anderen Leintuch geschrieen, wenn er nicht so ein respektvoller Mensch wäre. Es steckt ja keine böse Absicht dahinter, dass er ihr dieses Leintuch zumutet. Sie reitet auf dem Leintuch herum. Dreht sich, wendet sich. Schwitzt.

Was wäre, wenn er so wäre wie … In früheren Beziehungen hat sie sich anders verhalten. Direkter, auf eine wunde Art fordernder. Eine Art, die sie heute und hier nicht braucht. Viele Wunden sind verheilt. Oder auf gutem Heilweg zumindest. Dank ihm. Aber die Aggression, aber die Wut, sie ist noch immer da. Ob sie ein Teil ihrer selbst ist, fragt sie sich und döst wieder ein. Als sie aufwacht, klebt sie wieder schweißnaß am Laken. Der Ärger ist auch gleich da. Vielleicht sollte sie es ihm sagen? Dass es für sie nicht einfach ist. Dass sie das Leintuch nicht mag.

Er öffnet die Augen. Sie fühlt sich falsch. Die Wut über das doofe Leintuch verdirbt ihr die täglich neue Freude, neben ihm erwachen zu dürfen. Überschattet die Liebe. Dass es das Leben mit ihr so gut gemeint hat. Sie wäre heute eine andere, wenn sie ihn nicht getroffen hätte. Sie fühlt sich falsch. Der Ärger verdunkelt wie Regenwolken ihre Wahrnehmung.

Ich schwitze wie auf einer Gummimatte, sagt sie dann doch irgendwann. Dieses Leintuch ist einfach nicht so mein Ding.
Dann lass uns doch ein anderes drauftun, sagt er.
Wie jetzt? Du hast noch eins? Nicht alle in der Wäsche?
Nö, müsste noch eins da sein.
Oh, hätte ich das früher gewusst! Wie konnte ich denn ahnen, dass du freiwillig so was auf dein Bett tust.
Oh, hätte ich doch gewusst, dass du daran so leidest! Hättest du doch schon früher was gesagt!

Sie fühlt sich wie die Frau in jener kleinen alten Geschichte, die fünfundzwanzig Jahre lang das Knörzche, den Mürggu, jeden Anschnitt jedes Brotes auf den Teller ihres Mannes gelegt und schweren Herzens aufs beste Stück jedes Brotes verzichtet hat, um ihm eine Freude zu machen. Woraufhin er jeden Tag das zähe, harte, doofe Stück Brot heruntergewürgt hat, damit seine geliebte Frau es nicht essen muss.

Das Böse in ihr, es ist immer da. Das Böse? Was ist es überhaupt, dass sie immer wieder sich so leer fühlen lässt? Immer noch. Sie schämt sich, dass sie dieses Was-auch-immer noch immer nicht überwunden hat. Und jetzt? Jetzt taucht zum Bösen noch die Scham auf. Dieser Blick der andern Menschen auf sie selbst, ihr eigener Blick auf sie selbst. So klein, so groß, so übermächtig ist er zuweilen. Als würden alle an ihr nur die Schwächen sehen. Als würden die andern sie überhaupt sehen. Als wäre sie für andere überhaupt so wichtig, dass sie ihr so viel Aufmerksamkeit schenkten, dass sie über ihre Schwächen nachdachten. Sie wahrnahmen.

Die andern. Die Macht, die ich andern beimesse, denkt sie, ist immens. Viel zu viel Macht. Eigenmacht würde mir besser stehen. Wenn ich meinen Blick auf mich selbst statt mit Scham mit Liebe fülle, fühle, wird es anders. Das Bild, das ich von mir habe. Und ich selbst werde eine andere. Hinter und vor dem Spiegel.

Ja, das Böse ist immer da. Sie hat es allerdings in der Hand, wie viel Futter sie ihm hinstellt. Aushungern ist keine Alternative.