Was passiert mit all den Wörtern, die nicht geschrieben werden? Was mit all den Buchstaben, die sich in mir zu Wörtern verdichten, zu Sätzen verweben und nicht outgeputet werden? Die im Herz bleiben, im Kopf, im Bauch, im Hirn, im Darm oder sonst wo. Ob es so was wie Wörterverstopfung gibt und ob auch Bloggende darunter leiden können, obwohl sie doch regelmässig outputen? Und wie das wohl nichtschreibende Menschen auf die Reihe bringen? Könnte so eine Verstopfung gar der Anfang einer körperlichen, einer chronischen Krankheit sein? Oder gibt es Menschen, die sich nicht ausdrücken? Hab ich gestern Abend notiert. Am Gerzensee.

Heute beim Lesen der Notiz an eine Stelle aus „Wintergewölbe“ gedacht. Jean, die Protagonistin, spinntisiert an einem Heilpflanzen-Ratgeber für fiktive Krankheiten herum. Diese oder jene fiktive Pflanze für diese oder jene Krankheit: Beinwelltinktur dreimal einatmen, wenn der linke Zeh schmerzt, weil der Nachbar nicht gegrüsst hat. Zum Beispiel. Oder wie wäre es mit etwas, das dabei hilft, nichtausgedrückte Gedanken zu verdauen? Anne Michaels Beispiele sind viel allerdings witziger. Eine ganze Seite voll, die ich kopieren wollte. Aber vergessen habe. Womit wir beim Nachteil von Bibliotheksbüchern wären: Sie müssen termingerecht losgelassen, zurückgelassen werden. Was mir jeweils richtig weh tut. Vor allem bei jenen Büchern, die mich einige Zeit begleitet haben und die ich, wie „Wintergewölbe“, der definierten Leihfrist wegen gestern zurückbringen musste. Ich lege solche Bücher jeweils ganz schnell auf den Tisch und schaue weg, um mir den Abschied erträglicher zu machen. Schnell und schmerzlos. So wie ich alle Abschiede am liebsten hinter mich bringe.
Apropos Abschiede und Sentimentalitäten … War ja witzig! Gestern, am Gerzensee, sass ich die ganze Zeit keine zwei Meter neben einer Frau, die ich über einige Ecken, doch auch persönlich, kenne! Erst um neun, kurz bevor die Sonne im Gerzensee versank, erkannten wir uns wieder. Okay, ich war im Wasser und habe gelesen (Eveline Haslers neuestes). Also nacheinander, nicht gleichzeitig natürlich.
Wiedersehensfreude. Weisst du noch … Sogar ihre Kollegin half: Warst du nicht damals …? Ja, stimmt. Da war ich. Vor fünf Jahren. An einem Ritual. Und schon kannten wir alle einen Haufen gemeinsame Leute. Wie immer.
Jaja, diese „Weisst du noch!“ Mein Leben scheint aus zahllosen Damals!“ zu bestehen. Nur schon auf dem Weg zum Gerzensee, wenn ich durch die Dörfer fahre, steigen unzählige Erinnerungen auf. Sentimentalität. Sentiment. Sehnsucht? Wehmut? Nein, ich will, was war, nicht mehr zurück. Warum tut es dann doch so weh? Gopf.
Erinnerungen sind abgebrochene Zweige. Absichtlich oder versehentlich. Oder aus Notwendigkeit. Um Not zu wenden. Doch Abbrüche sind eben Wunden. Wie viele Zweige ich wohl schon abgebrochen habe?
Wir drei Frauen sind jedenfalls bald in der Gegenwart angelangt. Und auch diese wird irgendwann ein „Weisst-du-noch“ abgeben.
Genau.
Morgen wird heute gestern sein und heute war gestern morgen sowie gestern gestern heute war, dito morgen morgen heute sein wird.
Das Gegenteil der Wörterverstopfung ist der Wortdurchfall. Im Ernst, es gibt ihn und er hat den medizinischen Namen Logorrhoe. Hat nix mit zuvielgegessener Buchstabensuppe zu tun. Wiki meint u.a. dazu:
„Eine Logorrhoe tritt als typischer Zustand bei manischen, paranoiden und schizophrenen Krankheitsbildern sowie ängstlich-erregten Psychosen auf.“
Logoobstpation taucht hingegen im Wiki nicht auf. Muss vielleicht noch rein. Wie könnten wirs definieren?
Guet Nacht, Rébecca
guggus rébecca … was meinsch dodrzue?
Eine Logosobstipation (lateinisch ob, „zu“, „entgegen“ und stipare, „vollstopfen“, „dicht zusammendrängen“, aber auch obstipatio, „das Gedrängtsein“) ist die akute oder chronische Verstopfung des Wortverdauungsorganes. Ursachen sind krankhafte Veränderungen des Denkapparates durch Zufuhr von zuviel Information und mangelnde Flüssigkeitsnachschub (zum Beispiel Bier, ersatzweise geht auch Wasser, was eh gesünder wäre). Die Peristaltik des Wortverdauungsorgans liegt bei zu viel Input lahm. Eine weitere Form der Logosobstipation ist das obstipations-prädominante Reizwortsyndrom.
(Frei nach Wiki (> Obstipation). 🙂 )
und Jean würde jetzt dafür – wie gesagt – ein fiktives heilmittel zaubern … und für den wörterdurchfall auch gleich … tragisch, echt!
Hehe, nicht schlecht!! noch ein zu-Satz frei nach Pschyrembel Naturheilkunde:
Blähende Worte & Denkfürze meiden, bei Extremfällen strenges Denkverbot und Wortdiät für 1 Woche. Bis alles wieder frei rutscht. Und sonst ein lösendes Feigen-Zäpfli in jedes Ohr und einen Wickel aus Sennesblättern auf die Stirn.
Gegen das gefürchtete obstipations-dominante Reizwortsyndrom als Folgeerscheinung von nicht behandelnden Logoobstipationen nützt nur eine Kur von mindestens einem Jahr, am besten am Wörthersee, zur Desensibilisierung. Cave: im Akutfall kanns zu WortBrechdurchfällen kommen. Shit happens! Liebergottverschoneuns.
LG, R.