Einstein, der Schamane

„Unsere Gesellschaft krankt am ständigen Werten und Vergleichen! So kann sich doch niemand gesund entwickeln.  Es gibt immer solche, die besser sind als wir. Und natürlich auch Schwächere. Die einen machen dich zur Schnecke, die andere machen dich überheblich. Schau einfach nicht hin und mach dein Ding.“

Nicht, dass ich das alles nicht gewusst hätte. Zum Glück bin ich nur passive Mithörerin.

Auch die passenden Antithesen kenne ich und ich weiss sogar, dass NICHT ein phöses Unwort ist, das einem Text schadet. Na ja, eigentlich weiss ich ziemlich viel. Zum Beispiel über die deutsche Sprache. Ich weiss ziemlich viel im Vergleich zu jemandem, der keine Ahnung von Sprache hat. Und ziemlich wenig im Vergleich zu einer Literaturprofessorin.

Alles ist relativ, sagte Albert schon vor vielen Jahren, alles verhält sich irgendwie zu irgendwas. Masse zu Unmasse, Menschen zueinander und zum Nichts, Wörter zueinander und Tiere und Pflanzen ebenfalls zu irgendwem.

„Alles ist mit mir verwandt“ oder „für alle meinen Verwandten“, sagen die Lakota, wenn sie in die Schwitzhütte kriechen. „For all my relations“. Zur Erinnerung an diese tiefe Verbundenheit.

Verbindung – Relation – Verwandtschaft –Versponnenheit – in Beziehung zueinander – im Vergleich zu … – im Zusammenhang … – abhängig von …

Ohne Vergleich keine Entwicklung. Antithesen zu den ersten Sätzen. Ohne Vergleich kein Input. Vergleich ist eine Orientierungshilfe. Auch wahr? Auch wahr.

Alles beeinflusst einander. Wenn ich eine Minute früher aus dem Haus gehe, verhindere ich dadurch einen Zusammenstoss mit einem Fussgänger auf dem Fussgängerstreifen. Vielleicht. Oder einen Unfall. WENN VIELLEICHT  – die grosse Brücke in die Welt der Vergleiche.

Wenn ich …
Wenn ich die Augen zusammenkneife und alles ein bisschen unscharf und verschwommen betrachte, sehe ich nur noch dieses grosse Netz, das über allem liegt und in allem ist. Jeglicher wertende Vergleich wird müssig.
Ich bin.
Teil von allem.

gefüllter Becher

Von der Stille geweckt worden. Sonntagmorgenstille.
Viel zu früh.
Kurze Nacht.
S. und ich haben bis halb zwei gebechert. Gebechert und über das Leben sofasophiert.

Ernten wir, was wir säen? Wie? Wann? Und ist, was uns geschieht, gerecht? Karma, Krankheiten, Schicksalsschläge, Verluste, Erfolge? All die Auf- und Ab-Bewegungen des Lebens – Ebbe & Flut – was haben sie mit mir zu tun? Woher kommt Inspiration, woher Talent? Woher und vor allem wozu?

Sind wir jemandem etwas schuldig, wenn wir ein Talent haben?

Wenn ich das Leben meiner Freundin S. betrachte, denke ich, dass wir alle wenig Ahnung haben, was Glück, was Liebe, was Gerechtigkeit ist. Und was Liebe für einen Preis hat.

S. war über zwanzig Jahre glücklich mit ihrem Mann zusammen. Ich meine wirklich GLÜCKLICH. Trotz Krisen. Zwei Freaks, die ihr Leben gemeinsam woben. Sie führten eine spannende Ehe und haben zwei tolle Kids! Vor einem Jahr wurde B. von einem Bus überfahren und starb innerhalb weniger Tage. Ist es gerecht, da S. doch ihr Mass an Schönheit und Glück bereits hatte? Gibt es davon für alle gleich viel und wäre das gerecht? Ist gleich viel gerecht?

Kommt das beste noch? Wenn ja, was?  Warten oder endlich leben?

Bilder in meinem Kopf.
Schieben sich nebeneinander, hintereinander, durcheinander.
Werfen sich wie Dias übereinander an die Wand.
Farben. Gerüche. Schatten.
Unscharf.
Ungefähr.

Irgendwo in mir ist Schmerz.
Und irgendwo in mir ist Staunen, dass wir noch immer da sind, S. und ich.

so schön!

Donnerstag, 4. Juni 2009

Pfingstmontag ist Vergangenheit. Unser Schreibmarathon war genial! So was Inspirierendes habe ich schon lange nicht mehr erlebt und gemacht! Die Idee stammt aus dem Buch „Writing to the Bones“ von Natalie Goldberg, die, so viel ich weiss, neben der Schreibarbeit auch therapeutisch und schamanisch arbeitet.

Schreibmarathon – das heisst Schreibenschreibenschreiben in der Gruppe. Die erste Runde zehn Minuten lang (mit per Los gezogenem Thema oder ohne). Dann lesen alle einander ihre Schreibe vor. Ganz wichtig: Keinerlei Kommentare abgeben!!! Wieder schreiben (allenfalls unter Bezugnahme auf Themen der anderen), diesmal eine Viertelstunde. Und wieder vorlesen. Und wieder schreiben und vorlesen. Usw. Die Schreibsequenzen werden jedes Mal ein bisschen länger. Da kommt der Flow!!! Ist bisschen wie Tanzen. Geil! Vor allem, weil es auch mal schräg sein darf, das Schreiben, unperfekt. Kreativ. Lebendig.

Heute auf dem Weg zur Arbeit gedacht: Das Leben ist doch nur spannend wegen der Fallmaschen. Wir sind zwar alles Ästheten und Ästhetinnen und lieben Schönes. Doch wenn alles immer perfekt und wunderschön wäre, puh!, was wäre das Leben langweilig!

Es sind in einem Gesicht ja gerade die winzigen Asymmetrien, die es lebendig machen. Jedenfalls in den Gesichtern der anderen. Bei uns selber sollte natürlich alles schön sein, perfekt, ästhetisch.

Auf dem Weg von der Post ins Büro habe ich mir alle möglichen Menschen angeschaut. Alle wollen den äusseren Eindruck von Schönheit, Harmonie und „Ich habe das Leben im Griff“ vermitteln. Alle. Ich auch.

Und doch: Wie langweilig es wäre, wenn alles immer aufginge. Wenn wir wirklich immer alles im Griff hätten. Wenn es keine Fallmaschen gäbe. Wie schnell es mich langweilen würde, wenn ich immer die Lücke zwischen zwei Autos erwischen würde, um die Strassenseite zu wechseln. Zum Beispiel. Oder wenn mein MP3-Player immer jenes Stück anwählen würde, das ich jetzt am liebsten hören möchte. Oder immer alles so wäre, wie ich es mir wünsche. Wie ich es will. Wie ich es möchte. Falls ich das überhaupt weiss. Oft genug weiss ich ganz und gar nicht, was ich will. Dann tu ich so, als ob das, was ich gerade tue, das wäre, was ich will.

So schönen wir uns die Welt zusammen. Ohne Nachhilfe und ein bisschen die Augen zukneifen, wäre das Leben nur schwer zu ertragen. Manchmal. In genau diesen Augenblicken wünsche ich mir meine Unschuld zurück. In jeder Beziehung. IN JEDER!

Leer?

Sonntag, 31. Mai 2009

Leer (Mittag)

Sind es (wirklich nur) die Hormone, die (prä)menstruellen, die eine Frau – mich! – von glücklich in ungeniessbar verwandeln? Haben es andere einfacher? Sind Männer diesbezüglich wirklich besser dran?
Oder sind es die Feiertage? An jenen Tagen, wo Menschen sich mit ihren Liebsten zusammenrotten, haben es Singles besonders schwer. Entweder docken sie sich an ein bestehendes Set an – das so glücklich vielleicht auch gar nicht ist (doch immerhin haben sie einander und sind nicht allein)-, lassen sich einladen oder bleiben allein.
Doch genau zu diesen Zeiten fühle ich mich oft dermassen ungeniessbar, dass ich Einladungen (diesmal zwei) in den Wind schlage. L.s gestrige Absage an meine Adresse war allerdings unvorhergesehen. Ihre Tochter kam spät nachts besoffen nach Hause und brauchte Mamas Nähe. Natürlich. Dazu sind ja Mütter da.
Käme Lars eines Tages besoffen heim, wäre ich ja auch für ihn da. Nur dass ich diesen Tag nicht erleben werde. Ausserdem wäre er ja jetzt erst neun, wenn er noch leben würde – ein bisschen früh für solche Exzesse. „Wenn doch“ und „wäre“ und „hätte ich“ sind mal wieder sehr nahe Nachbarn. *seufz*
Das Viel-Zeit-haben, worauf ich mich so gefreut habe, wird mir mal wieder verdorben. Von den Hormonen. Und den Umständen. Ich Arme! Jawohl! Hm. Es ist, wie es ist.

Morgen tagt unsere Schreibgruppe zum gemeinsamen Schreibmarathon. Darauf freue ich mich total!

Und auch über die musikalischen Highlights der vergangenen Woche!

Pippo Pollina solo im ONO. À la carte. Will heissen, er servierte uns pfannenfertig jene Songs, die das Publikum bestellt hat. Genial! In den ungefähr fünfzehn Jahren, die ich Pippo nun kenne, begeistert mich immer wieder seine Bühnenpräsenz.

Neu entdeckt: www.chantemoiselle.ch Tango, Blues  und mehr … Bärndütsch!!! Musik für Herz, Seele und Füsse!

Voll (Abend)

Habe mal wieder den Bantiger heimgesucht. Bestiegen und erklommen. Die Weitsicht genossen. Das Herz gefüllt. Höhenluft geatmet. Sonne getankt. Den Wind gespürt. Bilder gehamstert – als Vorrat für kalte Tage.

… ach ja, auch mein Sternchen* hat mal wieder vollgetankt! So haben eben alle ihre Bedürfnisse.
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(*= Toyota Starlet. Aber frage bitte niemand, wie alt die vierrädrige Dame ist …).