Schlagwort: SchreibSchreibe
bis bald?
Wir sind eben in Indien. So was kann schon mal dauern, werfe ich um halb neun in die gemütliche Runde. Vier meiner Freundinnen und Freunde sitzen mit J. und mir am Tisch. Abgesehen von den inzwischen unüberhörbar laut knurrenden Mägen ist die Welt in Ordnung. In bester Ordnung. Leise indische Musik im Hintergrund. Opulente bollywoodeske Dekoration. Gerüche von Kardamon, Koriander und Co.. Auch an Gesprächsstoff mangelt es uns nicht.
Eben habe ich die Geschichte von Walsers Buch, das J. am Freitag erjagt hat, zum Besten gegeben, als auch schon die wildesten Geschichten kursieren.
Wie T. wohl ist?, fragt K..
Bestimmt hat sie M., ihren damaligen Geliebten, der ihr das Buch gewidmet hat, umgebracht. Darum der neue Name unter ihrer Telefonnummer, mutmaßt A..
Hat es im Buch gar codierte Botschaften, die es zu knacken gilt?, fragt J. Zum Beispiel: Wer befreit mich endlich von M.? Der schenkt mir Jahr für Jahr neue Bücher von Walser! Hilfe!
Oder ist sie gar nicht Opfer, sondern Täterin?, sage ich.
Auf einmal sitze ich wie neben mir und lasse die Jahre Revue passieren, die ich die Menschen in dieser Runde nun schon kenne. Der Kern meiner Schreibgruppe – oder so ähnlich. Wie viele selbstgeschriebene Texte haben wir zusammen schon diskutiert? Wie viel haben wir miteinander gelernt, erlebt, gelacht und erlitten? Und wie viele Biere haben wir zusammen getrunken? Auch haben wir besser gelernt zu kritisieren und Kritik anzunehmen. Wohlwollende Kritik, die weiterbringt. Wir haben Handwerkzeug kennengelernt und es miteinander getauscht und geteilt. Wir alle haben Fortschritte gemacht. Ein Stück Lebensschule war sie, diese Runde, denn jeder eigene Text ist ein Stück meiner selbst und die Auseinandersetzung mit seinem Inhalt, seiner Struktur und seinem Stil ist eine Auseinandersetzung mit mir selbst. Ich seufze innerlich, halb wehmütig, halb dankbar. Vielleicht sind Umbrüche und Umzüge und Neuanfänge dazu da, uns zum Loslassen, zum Innehalten, zum Dankbarsein aufzufordern?
Als das Essen endlich serviert wird, wir sitzen inzwischen schon seit zwei Stunden bei Tee, Lassi, Wasser und Bier am Tisch, seufze ich wieder, diesmal laut. Genüsslich. Wir teilen aus unseren Töpfchen, probieren dies und das und genießen das Zusammensein. Auch ein paar Wisst-ihr-noch-Geschichten machen die Runde und J. wird laufend über die Geschichte und die Geschichten unserer Schreibgruppe aufgeklärt. Am Anfang … später … damals …
S. mit seinen ewigen Heimkehrer-Geschichten, die er jeweils im zu jener Zeit aktiven Forum zum besten gegeben hat und unsere Nach-den-Schreibtreffen-Resümees waren lange Zeit Tradition. Fehlen sie mir? Schwer zu sagen. Ich gehe einfach immer weiter. Vorwärts. Rückwärts. Stolpere, falle gar hin, wie vorgestern im Wald, stehe wieder auf, putze mir die Blätter von der Hose und gehe weiter.
Wann ist das letzte Mal? Das letzte Mal im Könizbergwald. Das letzte Mal im Bremgartenwald. Das letzte Mal im Quartierladen einkaufen. Das letzte Mal im Maharaja essen.
Das erste Mal lässt sich genau definieren: Dann und dort, du weißt schon, dies und das war so und so. Das letzte Mal weißt du nie. War es jetzt schon, kommt es erst?
Fehlen werden mir nur die Leute, nicht die Erinnerungen, denn die nehme ich ja mit.
Besucht uns mal, sagt J. beim Abschied.
Noch mehr neue Wörter, die das Land braucht
Wie könnten wir chnuuschte übersetzen?, fragen sich Freundin K. und ich am Samstagabend bei Gschwellti und Käse. Oder chnüüble? Wir wollen J. verständlich machen, wie reich unsere Schweizer Dialekte sind. Nein, für chnuuschte gibt es kein hochdeutsches Äquivalent. Ein pfälzisches kommt der Sache ziemlich nahe, klingt sogar ähnlich, aber ist mir leider bereits wieder entfallen.
Sprache drückt Befindlichkeit aus, Befindlichkeiten und Zeitgeister einer ganzen Gesellschaft. Laut- und Klangmalereien lassen uns ahnen, was ein Wort ausdrückt. Und da war am Freitagabend – wir hatten M. und A. zu Besuch – auf einmal diese Sprache, staufferisch, im Raum. Sie steht hinten auf dem gedruckten Bern-ist-überall-Manifest, das einige Autorinnen und Autoren, die im Verlag Der Gesunde Menschenversand publizieren, kreiert haben und ist eine der sechs Sprachen, in die das Manifest übersetzt worden ist. Eine kleine Googlesuche auf den iPhones bringt keine Antwort. Staufferisch gibt es nicht. Oder doch? Neue Sprachen braucht das Land. Neue Wörter auch.
Mein Lieblingsbruder P. erzählt heute, dass Finnisch und Ungarisch verwandt sind. Dass Ungarisch von den Finnen mitgestaltet wurde, als diese über die früheren Handelswege, die Flüsse, das ungarische Land erschlossen. Verwandtschaften, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Alle Sprachen sind Fremdsprachen, heißt es im erwähnten Manifest, und jede Sprache ist eine Brücke in die Welt.
Sprachbrücken: neue Wörter sind gefragt.
Wie nennt man doch gleich dieses Gefühl, sagt Irgendlink, es ist Samstagmorgen und wir trinken im Bett Tee und Kaffee, dieses Gefühl, du weißt schon, wenn du zu spät zur Arbeit kommst. Und auf einmal merkst du, dass du splitternackt bist …
Und wie nennt man doch gleich …
Tja, wie ich bereits sagte: Wir brauchen neue Wörter …
Luxus und so Sachen
Bevor ich mich an meine weitere Überarbeitungsarbeit am Loch im Eis mache, die ich zurzeit mit disziplinierter Konsequenz oder konsequenter Disziplin betreibe und vor Mittwoch abschließen will, fällt mir mein Blog mal wieder ein, das verwaiste. Fast verwaiste, jedenfalls.
Natürlich habe ich es nicht vergessen. Im Alltag denke ich ständig: Das blogge ich. Dies muss ich in Worte gießen. Das muss ich mir merken. Aber eben.
Die Zeit. Die Konzentration. Die Tagesform. Die Disziplin. Die Faulheit. Alles Faktoren, die je nach Verhältnis zueinander und von ihrer Position innerhalb der Gleichung dafür sorgen, dass das Produkt gleich Null ist. Ist eigentlich egal, wenn ich nicht blogge. Ja, wenn dann genau noch dieser Gedanke dazu kommt, kann nix entstehen, kann kein Gedanke Text werden.
„Meine Ideen können gar nicht alle aus meine meinem Kopf raus“, sagt Patrick Zeller. Hab ich heute in einem Interview über den vielseitigen Musiker gelesen. In der Kulturagenda vom 16. – 22.12. Das seien allerdings Luxusprobleme, fügt er gleich an.
Ja, recht hat er, denke ich. Realistisch betrachtet sind die meisten Themen, über die wir uns den Kopf zerbrechen, sogar die meisten Probleme, die wir lösen oder zumindest wälzen, eben dies: Luxusprobleme. Ihre Lösung oder Nichtlösung bedroht weder unser Leben noch unsere Gesundheit. Vielleicht bereitet das eine oder andere Unannehmlichkeiten, kleine Einschränkungen, ein bisschen Stress, Herzschmerz oder was weiß ich. Und ob ich etwas davon blogge oder nicht, geht 99,99999% der Menschheit am A… vorbei.
Ist Schreiben und Bloggen, ist Kunst und Kultur Luxus?, frage ich mich und lese weiter in der Kulturagenda. Auf der gleichen Seite finde ich einen Klartext von Thomas Beck. Es geht um die kulturelle Frühförderung.
Ich zitiere: „Erstens haben Kinder nach einem Jahr Musikunterricht einen Intelligenzquotienten, der acht bis neun Punkte höher ist als ohne Musiktraining. Zweitens: Kinder mit Musikunterricht haben ein besseres verbales Gedächtnis. Drittens: Musizierende Kinder können komplizierte Sätze besser verstehen. (…) Leistung, sagt Lutz Jäncke, sei immer ein Produkt von „Wollen mal Können mal Möglichkeit“: Ist ein Faktor gleich null, sei auch das Resultat gleich null. Kinder also, die keine Gelegenheit haben, mit Kunst in Kontakt zu kommen, sind damit von den vielfältigen positiven Sekundäreffekten ausgeschlossen. Kulturelle Bildung ist wahrlich kein „Nice to have“. Ich frage mich vielmehr, wie lange wir es uns noch leisten können, durch eine zu geringe Stimulierung kindlicher Gestaltungslust in der Schule kreative Potenziale ungenutzt zu lassen. Potenziale, die die Gesellschaft der Zukunft auf allen Ebenen so nötig hätte. Das ist die wahre Ressourcenproblematik hinter der kurzsichtigen Finanzdebatte.“ (Zitat Ende. Kursivsetzung durch mich).
Hat da wer was von Luxusproblemen gesagt?
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EDIT: Heute, es ist der 19.12. 2010, bei Luisa Francia auf salamandra.de ein ganz besonderes Plädoyer für Kunst gefunden:
„wie muss es menschen gehen, deren kindheit eingeschlossen ist in alltagsabläufe und wirklichkeitsvorstellungen, die mit dem eigenen leben absolut nichts zu tun haben! mich hat nicht widerstand befreit, sondern die konsequente treue zu meinen eigenen bildern, meinen überzeugungen, meinen wahrnehmungen. kunst hat mein leben gerettet.“
Quelle: Luisas Internettagebuch-Eintrag vom 19.12.2010 um 12:34:25
(Kursivsetzung durch mich.)
Mein Monster und ich II
Meine Schreibgruppe ist einfach toll. Ja, ich weiß, ich wiederhole mich, denn das sage ich an dieser Stelle nicht zum ersten Mal.
Gestern Abend hatte ich für einmal keinen Ausschnitt aus einem meiner Manuskripte mitgenommen, sondern meinen gestrigen Blogartikel über mein Monster und mich. Witzigerweise hatten auch alle andern für sie untypische Texte mitgenommen. A. hatte für einmal wunderbare Lyrik dabei, K. den Anfang einer sensibel verfassten Geschichte. Eine Frau auf der Suche nach mehr Leben. S. war mit dem Ausschnitt fiktiver Memoiren eines alten Mannes gekommen und H. brachte ein Märchen, eine vielschichtige Parabel mit, mit Fantasy-Touch natürlich. M. war textlos anwesend, einfach nur da, und tat uns mit seinen wohlwollendkritischen Inputs gut.
Wunderbare Texte allesamt, die mich staunen lassen über unsere Entwicklung in den letzten Jahren. Die Qualität unserer Texte ist sichtlich gestiegen und auch die Fähigkeit den eigenen Text und jene der anderen zu reflektieren.
Mich fasziniert jedes Mal, dass es immer wieder polarisierende Sequenzen gibt. Die einen mögen einen Satz wie „Der Schredder kotzt“, andere finden das Bild völlig unpassend. So werden wir Autorinnen und Autoren immer wieder auf unser eigenes Empfinden zurückgeworfen: Soll ich dies oder jenes ändern oder soll ich es lassen wie es ist?
Ich habe mir heute im Büro überlegt, den Text umzuschreiben, so wie ich das normalerweise mit den Texten tue, die ich mit meinen Schreibfreunden und –freundinnen besprochen habe. Denn das wäre ja eigentlich die Idee des Austausches – eine Qualitätsverbesserung. Dazu natürlich sich gegenseitig zu inspirieren und die Texte auf Schwachstellen abzuklopfen. Und herausfinden, was verstanden wird und wie. Auch sehen, was anders gemeint, anders verstanden wird. Wo habe ich möglicherweise die Absicht, unklar zu sein, damit die Lesenden selbst Bilder finden können?
Ich habe mich schließlich dafür entschieden, den Text nicht zu überarbeiten. Blogtexte haben es an sich, irgendwie roh zu sein. Roher als ein Roman. Damit vielleicht auch ein wenig authentischer, kantiger, unebener. Das darf sein. Bloggen ist eine neue Literaturform.
In meinem Text löste das Wort „Monster“ am meisten Diskussion aus. Müsste denn ein Monster nicht böser, fieser, schrecklicher sein als ich es hier darstelle? Gänzlich ohne jegliche guten Absichten wie mein nicht wirklich nettes, doch irgendwie mit positiven Ideen zu Werke gehendes Monster namens Dark. Darf ein Monster gute Ziele haben und hat die mein Monster?
Ich persönlich empfinde meins relativ wertfrei und gleichgültig außer dass es ein gutes Gespür für meine Ungereimtheiten hat. Und darum ist es auch sein einziges Bestreben, diese aufzudecken. ((Notiz an mich: Oder will Dark bloß, dass ich mich mitsamt meiner Ungereimtheiten akzeptiere?)) Wenn es mir seine berühmten W-Fragen stellt, dann keineswegs darum, weil es mich fertig machen will. Ich soll bloß nicht aufhören, hinzuschauen, sagt es. Und darum stellt es seine Fragen vor allem dann, wenn ich denkfaul zu werden drohe. Doch den Schmerz, der zum Hinschauen und Erinnern oft dazugehört, den macht nicht das Monster. Der Schmerz ist schon vorher dagewesen. Immer schon vielleicht und für immer. Wer weiß das schon?
Vermutlich haben also meine Schreibleute recht: Mein Monster ist nicht schrecklicher als ich und meine Abgründe und über mein Monster zu schreiben tut mir jedes Mal gut. Wozu also Angst vor dem Monster haben?
Multikulturelle Wäscheleine
Genau so muss der Titel lauten, beschließe ich beim Aufhängen der letzten schwarzen Socke. Und schon während ich das Treppenhaus hochsteige, steigen sich Sätze und Wörter gegenseitig auf die Schultern. Ich, ich, ich!, rufen sie und wollen alle gesehen werden. Und geschrieben. Darum starte ich subito den Laptop auf …
Doch dann verbummle meine freie Zeit mit Lesen und Surfen. Mails und Blogs. Auf einmal fällt mir unsere Wäscheleine da draußen wieder ein. Und warum ich den Laptop überhaupt eingeschaltet habe. Die Wäscheleine.
Okay, es war auch wegen der Bilder, wenn ich ehrlich bin. Unser Jubiläumsfest-Fotograf, versprach gestern, mir heute ein Bild von mir zu mailen. Die andern Bilder seien erst Ende Woche bereit. Von wegen bearbeiten und so. Echt, das Bild gefällt mir. Nein, ich zeige es euch nicht, es gefällt mir trotzdem. Meine Fotogenität hält sich – finde ich – in Grenzen. Aber der Typ – und natürlich immer wieder mein Liebster – machen es möglich, dass ich Fotos von mir angucken kann und sagen:
Doch, das fühlt sich so an, wie ich mich ungefähr fühle – kongruent irgendwie.
Ihr wisst schon: da ist doch immer dieses Außenbild – wie ich mich von außen wahrnehme. Wie ich glaube, zu wirken. Wie ich meine, dass andere mich von außen sehen. Im Grunde eigentlich sch…egal, doch wer ist schon immun gegen solche Gedanken? Sowieso ist dieses Außenbild kaum mit dem inneren Bild kongruent. Denn innendrin fühle ich mich zuweilen sehr mädchenhaft, übermütig und irgendwie einfach nicht fünfundvierzig. Nicht auf die Art fünfundvierzig, wie ich früher, jünger, von unten herauf gedacht hatte, dass sich fünfundvierzig anfühlen müsste. Von außen sehen die Leute einfach eine durchschnittliche Frau von fünfundvierzig. Eine immerhin, die sich oft aufführt als wäre sie zwanzig Jahre jünger. Oder wahlweise älter, denn dann darf frau auch wieder so tun.
Auf dem Weg zur Arbeit gedacht: Das ist mal wieder so ein Tag, an dem mir alles ein bisschen leichter fällt. Herbstmorgengoldenes Licht auf dem Radweg. Das richtige Lied im Ohr, Shuffle sei Dank. Und schon bin ich im Büro und habe Spaß an der Arbeit.
Aber ich schweife ab. Die multikulturelle Wäscheleine. In unserem Hof, zwischen meinem und den Nachbarhäusern gelegen, steht eine dieser omnipräsenten Wäscheleinegestänge, wie es sie auf Hinter- und Zwischenhöfen überall auf der Welt gibt. Bei den Stangen, die zu meinem Haus gehören, fehlen allerdings die Leinen für die Wäsche. Deshalb hängen alle Leute von allen vier Häusern ihre Wäsche an die eine Nachbarhaus-Wäscheleine.
Wen kümmert‘s? Viele sind es eh nicht, die sich diese Mühe nehmen. Darum ist es ein Novum, dass gleich drei Parteien gleichzeitig – so wie heute Nachmittag – ihre Wäsche draußen aufhängen. Verdanken tun wir es wohl dem wunderbaren Altweibersommer …
Meine Wäsche hängt nun in der Mitte. Bunte Kleider, Frottierwäsche, schwarze Slips und so weiter. Alles an bunten Klammern. Die Wäsche rechts von meiner, die erstgehängte, ist akkurater ausgerichtet als meine und nach Farben getrennt. Vor allem Weißwäsche. Leintücher, weiße Unterwäsche, Geschirrtücher aus Leinen. Sag mir, was du wäschst und ich sage dir, wer du bist. Ältere Leute vermute ich.
Egal, wir hängen alle an der gleichen Leine.
Die drittgehängte Wäsche gehört einer jungen Frau aus Osteuropa. Sie hängt synthetische Sporthosen auf. Und ebensolche Jacken. Blau. Sorry, die Klischees stammen nicht von mir. Wir grüßen uns, reden drei Sätze. Ja, es hat genug Platz, sagt sie, denn ich habe nachgefragt. Sie stammt aus dem richtigen Haus. Ich bin die Wäscheleine-Asylbewerberin und im Boot ist noch Platz.
Die gleiche Leine, drei Kulturen. Drei Generationen sogar. Ich mittendrin.
Die ganze Welt auf hundert Metern Draht vereint.
Wo ist das Loch im Eis?
Mein Plan war einfach. Jetzt wo ich doch endlich in mir drin wieder neuen Raum hatte, wollte ich den unverplanten Samstagabend damit verbringen, mein Manuskript „Loch im Eis“ zu überarbeiten. Will heißen, damit anfangen. Irgendlink hatte es vor ein paar Monaten gegengelesen und mit feinsäuberlicher Schrift am Rand seine Tipps und Korrekturen, Bemerkungen und Vorschläge angebracht. Außerdem hat sich ein Profi, den ich angefragt habe, angeboten, meinen Roman im Januar gegenzulesen. Doch zuvor muss ich – wie gesagt – das ganze nochmals überarbeiten. Ich würde den Text zuerst mal in Papierform lesen und mit einer anderen Farbe als mein Liebster meine eigenen Bemerkungen anbringen. So viel zu meinem Plan.
Schnell war sie gefunden, die Mappe. Die vermeintliche. „Loch im Eis“ stand auf dem Umschlag. Doch darin befand sich „nur“ das Roh-Manuskript, jener Ausdruck nach der ersten groben Korrektur. Doch wo steckt das richtige Ding, jenes mit J.s Korrekturen? Ich durchforstete alle möglichen Ecken meines Wohnzimmers, alle Möglichkeiten, wo ich normalerweise Texte ablege. Später auch die Unmöglichkeiten. Nicht wenige. All die Büchergestelle, all die Fächer, all die Nischen und Tablare. So viel Papier überall! So viele Sätze, so viele Wörter, so viele Buchstaben. Die Bücher mal ausgenommen!
Auf einmal packt mich die Aufräumwut. Nein, nicht -wut, -energie. Ich reiße alles raus, was endlich mal wieder gesichtet werden muss. Zuerst auf dem Boden später auf dem Esstisch: die guten ins Töpfchen, die schlechten in Kröpfchen. Nicht wörtlich, zum Glück. Sonst hätte ich jetzt eine Papierverstopfung. Doch einen Shredder habe ich mir gewünscht.
Keine Spur vom gesuchten Manuskript! Keine Ahnung, wo es ist. Leider hat meine Bio-Software keine Suchfunktion. Ob ich das Ding wohl bei J. liegen habe, weil ich bei ihm zuhause daran arbeiten wollte?
An meinem roten Lebensfaden bin ich innert Stunden rückwärts gebaumelt, habe mich durch die letzten zehn Jahre buchstabiert und meine eigenen Spuren gelesen. Habe gesichtet – kein Wort passt hier besser. Bilder fand ich, Notizen zuhauf, Textfragmente, Drucksachen von Kursen da und dort, Unterlagen von möglichen Ausbildungen (wo und wie wäre ich heute, wenn ich damals …?), Korrespondenz auch. Spannend, worüber ich mir vor acht Jahren Gedanken gemacht habe. Jeden Fetzen Papier, der außerhalb eines Buches in meiner Wohnung herumlag, habe ich gestern Abend in die Hand genommen. Etwa viereinhalb Stunden intensiven Eintauchen in eine Geschichte. In meine.
Spannend zu sehen, worüber ich in einem früheren Leben nachgedacht habe. Den roten Faden sehe ich deutlich, sehe meinen Kern, meine Spur, meine Essenz. Sehe, wer ich war und wer ich bin. Immer noch die gleiche und doch anders.
Ergebnis Nummer eins: Zwei fette Stapel Altpapier, die ich am liebsten Blatt für Blatt verbrennen möchte.
Ergebnis Nummer zwei: Nun hat es wieder ganz viele leere Mappen. Vorerst brauchen sie nur ein bisschen Warteraum, doch sie hungern, das spüre ich, sie hungern danach, mit neuem Zöix gefüllt zu werden. Das ich in zehn Jahren entsorgen kann.
Ergebnis Nummer drei: Halbleere Notizbücher, Makulatur, viele unbeschriebene Blätter. Auch sie lechzen gierig nach Buchstaben! Gefährliche Leere.
Das Ergebnis Nummer vier: Da sind auch ganz viele Notizen. Wörter. Sätze. Gestrandet. Angespült wie Muscheln im Sand liegen sie da. Einige mit Perlen drin, ich ahne es. Überall zwischendrin lagen sie rum.
Und jetzt? Soll ich dennoch weiterschreiben? Soll ich weiter Altpapier produzieren, das ich in zehn Jahren entsorgen werde? Damit alles schön im Kreislauf bleibt?
Eine rote Sammelmappe liegt auf meinem Schreibtisch. Mit all den vielen kleinen Buchstaben drin, den gestrandeten. Mit all den Perlen, die ich noch nicht wegwerfen wollte. Vielleicht webe ich daraus eine Wort-Collage. Ein Wörterbild aus all den Sätzen – notwendigerweise aufzuschreiben – damals, irgendwann. Bei den meisten werde ich kaum mehr wissen, was ich gemeint hatte. Dada der etwas anderen Art.
Ist nicht irgendwie auch unser Hirn so eine Art Collage?
hätte ich bloß nicht …
Manchmal kann ich einfach meinen Mund nicht halten. Kurz vor Feierabend, nach einem Tag, wo endlich ein paar stagnierte Dinge ins Fließen gekommen sind, steht mein Scheff, der ausnahmsweise vor mir das Büro verlassen will, unter der Tür. Plauderton. Dies und das.
Auf einmal ist es raus. Ich erzähle, dass ich am nächsten Dienstag mit zwei andern von meiner Schreibgruppe zur Eröffnung des neuen und ersten Berner Geschichtenladens ein paar Texte vorlesen würde. Sofort zückte er seinen Taschenkalender, da sein Palm zurzeit streikt, und kritzelt etwas hinein. Hoffentlich kann er es später nicht mehr lesen. Bei seiner Kralle durchaus möglich.
Hilfe!, dachte ich. Der wird doch wohl nicht etwa auftauchen? Hoffentlich plaudert niemand meinen Blognamen aus, sonst ist meine Tarnung dahin und ich kann nicht mehr, wie bis anhin, drauflos lästern. Na ja, dass ich blogge, hab ich ihm wohl mal erzählt. Allerdings weiß er, als Internetbanause, wohl nicht mal, was ein Blog ist. Und schon gar nicht, jedenfalls bis jetzt, unter welchem Namen ich in der virtuellen Welt herumspaziere. Gopf, das soll auch so bleiben.
Wieso gibt es bloß nicht auch im realen Leben ein paar dieser tollen Knöpfe, wie sie meine Laptoptastatur hat. Delete. Ihr wisst schon.
Während ich diese Zeilen tippe, druckt mein Epson meine Texte aus, die ich für die Lesung ausgewählt habe. Ein Sammelsurium von schrägen, witzigen, grotesken Wortgeweben. Satzgespinste. Dada hie und da. Vier neue Lipogramme gar, die mir einfach so in die Finger, will heißen in die Tasten, geplätschert sind …
Wir werden abwechselnd lesen, so ist es ausgemacht. Wird sicher witzig.
Gemurmel
Ich schlafe zurzeit seltsam. Sehr unruhig, sehr bewegt und voller Träume, die nicht hängen bleiben. Ideen verdichten sich ganz kurz zu einer Aussage und ziehen unausgesprochen weiter, ohne Fingerabdrücke und Erinnerungen zu hinterlassen. Als sei alles irgendwie flüchtig. Auch der Alltag. Vieles läuft parallel und berührt mich kaum. Flüchtig alles irgendwie. Flüchtig wohl deshalb, weil ich mich davor fürchte, eine Idee weiterzuverfolgen, sie zu verdichten und in die Materie zu holen? Was wäre wenn …?, denke ich oft. Und dass im Grunde alles Konjunktiv ist. Das meiste jedenfalls. Nicht vielen Gedanken gelingt es, materiell zu werden. Ein neues Gefäß zum Beispiel. Dann Altglas.
So gedeihen mal wieder ganz viele flüchtige und unfassbare Kopfgeschichten. Aus allem und jedem, das an mir vorbeischwebt, spinne ich Histörchen. Die im Konjunktiv bleiben natürlich. Kaum einer gelingt es, auf Papier Gestalt anzunehmen. Kaum eine schafft den Weg über meine Finger auf meine Festplatte. Nicht mal der Regenwurm im Regentopf – den es nicht gibt. Oder doch? Und wenn, was dann?
So, jetzt geh ich mein Altglas entsorgen – der Psychohygiene wegen und so … Das erdet. Einkaufen ebenfalls.
Achtung, zerbrechlich …
Manche Texte sind mir so nahe, dass ich sie niemandem zeigen will. Dennoch, eben weil sie mir so nahe und so lieb und so wichtig sind, möchte ich sie andern zeigen. Ich möchte sie lieben Menschen wie ein kleines Kätzchen in die Hände geben und sagen: Sei vorsichtig. Es ist noch ganz jung. Ich möchte sie lieben Menschen wie eine noch ungebrannte Keramikschale in die Hände legen und sagen: Sei vorsichtig. Es ist sehr zerbrechlich.
Und dann beobachten. Zuschauen wie die Hände und die Augen und die Schale und das Kätzchen miteinander klarkommen. Ob das Kätzchen auch in der Hand eines anderen Menschen schnurrt, ob die Schale sich, auch wenn andere sie berühren, gut anfühlt. Solche Texte gibt es auch in meinem Blog. Irgendwo mittendrin habe ich sie leise dazwischen geschoben, ganz unauffällig, und mit anderen, stabileren Texten, die ihnen den Rücken stärken, getarnt. Dabei den Atem angehalten und die Ohren gespitzt, ob ich irgendwo ein leises Schnurren höre.
In Gedanken an die Lesung vom 14. September zur Eröffnung des Berner Geschichtenladens 1002 kreise ich um meine Textarchive wie ein Milan. Wie ein Falke, ein Sturm, ein großer Gesang. Soll ich eher kuhle, witzige, eher ironische Texte auswählen oder eher herzberührende oder gar leicht zerbrechliche? Falls ihr übrigens einen Lieblingstext in meinem Blog habt, oder einen Tipp, was ich am 14.9. lesen könnte, schreibt mir bitte an sofasophia ((at)) lebenswertvoll.ch. Danke!
Apropos kuhl: C. meinte heute, als sie mit der Schere an meinen Haaren rumschnipselte, dass ich eine total kuhle Frau sei. Na ja, sie muss es ja wissen, aber, so fragte ich mich und sie: will ich denn kuhl sein? Eher ist es so, dass ich mir mehr Mut wünsche, unkuhl zu sein. Kuhlheit ist irgendwie, na ja, frostig, doch sie ist ein guter Schutz. Frostschutz. Eiskruste. Damit nichts wehtut. Will ich, brauch ich das?
Eher brauche ich Mut. Mut zum Fehler. Mut zum Scheitern auch. Und Mut, nicht perfekt sein zu müssen. Das würde mein Leben massiv entspannen. Deins bestimmt auch.
Heute Nacht, als ich stundenlang über meine aktuell extrem arbeitsintensive Phase im Büro nachgrübelte und ob all der ToDos der nächsten Wochen den Schlaf nicht mehr fand, sass auf einmal dieser Satz auf meinem Kopfkissen:
Die Idee. Alles ist immer zuerst Idee.
Aber klar doch, sagte ich. Nix neues.
Alles BLEIBT IMMER Idee, war der nächste Satz, der um meine Aufmerksamkeit warb. Alle da draußen sind nur verkleidete Idee. Ideen, die schön tun und wichtig spielen. Die einen Ideen nennen sich Kunst. Sie zielen auf Wirkung ab. Sie wollen gesehen werden. Oder gehört. Andere Ideen nennen sich Wirtschaft. Sie sind Ideen, die sich prostituieren. Sie verkaufen ihr Herz und ihre Niere. Andere zielen auf Ethik und Religion, wieder andere verkünden Ideologien oder servieren dir Fertiggerichte für den Kopf. Schau gut hin! Jede Idee ist nur ein Samenkorn.
Irgendwann muss ich, mit dem Notizblock auf dem Kissen, doch eingeschlafen sein. Am Morgen, als der Wecker klingelte, hoppelte das Kaninchen, das auf Irgendlinks einsamen Gehöft Asyl gesucht und gefunden hatte, durch meine Träume und versteckte sich in seinem neuen Stall.
Habe ich Glück?, fragte es mich. Habe ich Glück, dass mir J. Asyl gibt und einen Stall gebaut hat? Habe ich Glück, dass ich hier Futter bekomme und in Sicherheit bin?
Vielleicht. Bestimmt. Denn draußen, in der freien Wildbahn, hätte das Tierchen keine Chance gehabt. Bald schon wäre es von einem Mäusebussard gepackt worden. Wie ich, wie wir, in Gefangenschaft geboren, ist es unfähig da draußen zu überleben. Ein Lob den Gitterstäben der Sicherheit und den Hamsterrädern der Wirtschaft …
Hier passt als Schluss eigentlich nur ein Doppelpunkt: oder ein Semikolon;