Manche Texte sind mir so nahe, dass ich sie niemandem zeigen will. Dennoch, eben weil sie mir so nahe und so lieb und so wichtig sind, möchte ich sie andern zeigen. Ich möchte sie lieben Menschen wie ein kleines Kätzchen in die Hände geben und sagen: Sei vorsichtig. Es ist noch ganz jung. Ich möchte sie lieben Menschen wie eine noch ungebrannte Keramikschale in die Hände legen und sagen: Sei vorsichtig. Es ist sehr zerbrechlich.
Und dann beobachten. Zuschauen wie die Hände und die Augen und die Schale und das Kätzchen miteinander klarkommen. Ob das Kätzchen auch in der Hand eines anderen Menschen schnurrt, ob die Schale sich, auch wenn andere sie berühren, gut anfühlt. Solche Texte gibt es auch in meinem Blog. Irgendwo mittendrin habe ich sie leise dazwischen geschoben, ganz unauffällig, und mit anderen, stabileren Texten, die ihnen den Rücken stärken, getarnt. Dabei den Atem angehalten und die Ohren gespitzt, ob ich irgendwo ein leises Schnurren höre.
In Gedanken an die Lesung vom 14. September zur Eröffnung des Berner Geschichtenladens 1002 kreise ich um meine Textarchive wie ein Milan. Wie ein Falke, ein Sturm, ein großer Gesang. Soll ich eher kuhle, witzige, eher ironische Texte auswählen oder eher herzberührende oder gar leicht zerbrechliche? Falls ihr übrigens einen Lieblingstext in meinem Blog habt, oder einen Tipp, was ich am 14.9. lesen könnte, schreibt mir bitte an sofasophia ((at)) lebenswertvoll.ch. Danke!
Apropos kuhl: C. meinte heute, als sie mit der Schere an meinen Haaren rumschnipselte, dass ich eine total kuhle Frau sei. Na ja, sie muss es ja wissen, aber, so fragte ich mich und sie: will ich denn kuhl sein? Eher ist es so, dass ich mir mehr Mut wünsche, unkuhl zu sein. Kuhlheit ist irgendwie, na ja, frostig, doch sie ist ein guter Schutz. Frostschutz. Eiskruste. Damit nichts wehtut. Will ich, brauch ich das?
Eher brauche ich Mut. Mut zum Fehler. Mut zum Scheitern auch. Und Mut, nicht perfekt sein zu müssen. Das würde mein Leben massiv entspannen. Deins bestimmt auch.
Heute Nacht, als ich stundenlang über meine aktuell extrem arbeitsintensive Phase im Büro nachgrübelte und ob all der ToDos der nächsten Wochen den Schlaf nicht mehr fand, sass auf einmal dieser Satz auf meinem Kopfkissen:
Die Idee. Alles ist immer zuerst Idee.
Aber klar doch, sagte ich. Nix neues.
Alles BLEIBT IMMER Idee, war der nächste Satz, der um meine Aufmerksamkeit warb. Alle da draußen sind nur verkleidete Idee. Ideen, die schön tun und wichtig spielen. Die einen Ideen nennen sich Kunst. Sie zielen auf Wirkung ab. Sie wollen gesehen werden. Oder gehört. Andere Ideen nennen sich Wirtschaft. Sie sind Ideen, die sich prostituieren. Sie verkaufen ihr Herz und ihre Niere. Andere zielen auf Ethik und Religion, wieder andere verkünden Ideologien oder servieren dir Fertiggerichte für den Kopf. Schau gut hin! Jede Idee ist nur ein Samenkorn.
Irgendwann muss ich, mit dem Notizblock auf dem Kissen, doch eingeschlafen sein. Am Morgen, als der Wecker klingelte, hoppelte das Kaninchen, das auf Irgendlinks einsamen Gehöft Asyl gesucht und gefunden hatte, durch meine Träume und versteckte sich in seinem neuen Stall.
Habe ich Glück?, fragte es mich. Habe ich Glück, dass mir J. Asyl gibt und einen Stall gebaut hat? Habe ich Glück, dass ich hier Futter bekomme und in Sicherheit bin?
Vielleicht. Bestimmt. Denn draußen, in der freien Wildbahn, hätte das Tierchen keine Chance gehabt. Bald schon wäre es von einem Mäusebussard gepackt worden. Wie ich, wie wir, in Gefangenschaft geboren, ist es unfähig da draußen zu überleben. Ein Lob den Gitterstäben der Sicherheit und den Hamsterrädern der Wirtschaft …
Hier passt als Schluss eigentlich nur ein Doppelpunkt: oder ein Semikolon;
Wieder mal gut voll ist das Geschriebene. Da weiß ich kaum, worauf zunächst antworten. Zum 1. Abschnitt: das ist halt so bei Kunst: wenn man kühl daneben steht, wird es oft Unterhaltung, wenn man aber von im Innern bewegenden Dingen spricht, fühlt man sich so verletzlich. Wie sagt Monika: wer gibt hin, wer gibt auf? (lassen sie sich weiter schwächen in helle Verwirrung)