Feuerabend

Bin müde. Lang war der Tag. Die Arbeit heute fast endlos. Umso verführerischer das Kissen auf dem Bett und das Buch auf dem Nachttisch. Schreiben? Mag ich nicht mehr. Obwohl da ein paar Ideen durch die Hirnzellen purzeln. Ich lege mich ins Bett, klappe das Buch, das ich zurzeit lese schon bald zu und lösche das Licht.

Bilder tauchen auf, Szenen, Dialoge … und schon verblassen sie wieder. Ich koche den vergangenen Tag ein und lege ihn zur Seite.

Plötzlich zucke ich zusammen, erwache. Da ist wilde Musik, mitten in meinem Schlafzimmer. Mein Bett brennt. Ich reibe mir die Augen. Die Buchstaben aus meinem Roman tanzen ums Feuer und feiern mit den Seitenzahlen Vollmond. G spielt Geige und X Saxophon, während T den Takt angibt und Q querflötet. A tanzt mit der 9. Sie geben sich Mühe, sich aufeinander einzulassen. Gelingen will es allerdings nicht wirklich. Ob es an der Chemie, an Farbe und Form, liegt? A winkt der 9 zum Abschied zu und tänzelt zur 8.

Bald zieht dieses Paar alle Augen auf sich. Hier stimmt einfach alles. Auch F und die 1 scheinen sich zu mögen. Beide schimmern gelblich, F grüngelb, die 1 eher weissgelb. Ähnliches zieht ähnliches an? Gleich neben ihnen tanzen B und die 5. Auch sie geben ein harmonisches, ocker-orangefarbiges Paar ab. Die 9 ist in sich gegangen und tanzt allein, offenbar um sich auf die Musik einlassen zu können. Doch nun wagt sie sich in die Nähe von M. Schüchtern fordert sie diese zum Tanz auf. Auch M ist scheu, ihr gemeinsamer Tanz harmonisch, fragil.

Ich muss mitten während des Festes eingeschlafen sein. Am Morgen ist alles wieder ruhig. Das Feuer ist erlöscht. Alle liegen, aneinander gekuschelt, zwischen den Buchseiten. Sie schlafen den Rausch aus, während ich leise, um sie nicht aufzuwecken, aufstehe und zur Arbeit gehe.

(Quelle: Textarchiv von Sofasophia)