Am Anfang war die Leere. Nicht Chaos, nein, Leere. Meine Schöpfungsgeschichte fängt mit Leere an. Und mit einem weißen Malbrett.

Bisher malte ich immer in einem Rutsch, allerhöchstens in zweien. Linear malte ich mich von A nach B. Ähnlich wie ich einen Blogartikel schreibe. Ich fange an und lasse mich treiben. Manchmal zielstrebiges, manchmal überraschtwerdenwollendes Treibenlassen. Doch diesmal war alles anders.
Am Anfang war die Leere. Diesmal war da auch ein Ziel. Ein kleines zumindest. Oder vielleicht sogar zwei. Das erste: Wie fühlt es sich wohl an, wenn ich ein Bild im Voraus steuere, es gleichsam komponiere und so eine Mischung aus Plan und Zufall, ähnlich wie beim Schreiben einer Geschichte, anstrebe? Wird sich das eher kreativitätsfördernd oder eher kreativitätshemmend auswirken? Auch handwerkliches Training spielte als Schaffensaspekt eine Rolle. Das war mein zweites Ziel.
Möglicherweise schlummerte da noch ein drittes, irgendwo, denn ein Künstler hatte bei der Malaktion vor dreieinhalb Wochen in Irgendlinks Atelier-Galerie meiner kleinen Malerei ein gewisses Talent attestiert. Ein Talent, das aber noch ziellos wirke. Es sei jedoch nicht auszuschließen, dass ich da mehr draus machen könnte … *ungläubiggehüstelthab* Das dritte Ziel? Ob ich malend nun seine Aussage zu dementieren versuche? Oder zu bestätigen?
Noch nie habe ich so lange, so ausdauernd, so lust- und so hingebungsvoll an einem Bild gemalt habe, wie an diesem. Ursprünglich als simples Übungsbild gedacht, das ich – parallel zu Irgendlinks Übungsbild – in ColArt-Manier in einzelne Felder aufzuteilen gedachte, legte ich die weiße Maltafel auf den Tisch. Nein, ich werde keine Quadrate malen. Mein Leben ist nicht linear, murmelte ich vor mich hin, als ich nach dem Zirkel suchte und mich erinnerte, wie eine Spirale konstruiert wird.
Am Anfang ist der Punkt in der Leere. Der erste Punkt. Zeugung? Geburt? Kreisförmige Linien geben der Leere schon bald eine Struktur. Ein Weg führt von innen nach außen. Mit Linien, die zur Mitte führen, unterbreche ich die große Fläche, die sich, von der spiraligen Linie geführt, aus der Mitte nach außen bewegt. Oder umgekehrt?
Am Anfang die Leere. Bald schon sind da gelb, rot und blau. Dazu schwarz und weiß. Mehr braucht es nicht zum Leben. Das Alphabet jeglichen Malens.

Während ich ein paar erste Flächen, von außen nach innen arbeitend, male, wächst mein Respekt vor Kunstschaffenden. Wie viel Geduld und Knowhow es nur schon braucht, eine Fläche deckend und ohne sichtbare Pinselstriche zu malen! Die einen Farbfelder bedürfen einer zweiten Farbschicht, andere Flächen gelingen mir auf Anhieb. Eine meditative Stille macht sich in mir breit. Ich lasse mir Zeit. Ich werde ruhig und arbeite gemächlich vor mich hin. Abend für Abend. Seit Wochen schon. Immer wieder muss ich unterbrechen um all die anderen offenbar wichtigeren Dinge des Lebens zu tun. Arbeiten und so. Doch im Grunde ist das Bild zurzeit mein roter Faden.
Stück für Stück, Fläche für Fläche gestalte ich. Male mal hier, mal da, um nach dem Trocknen wieder hier weiterzumalen. Parallelen zu meinem Leben sind nicht zufällig. Auch mein Leben gleicht einem Flickenteppich. Ich reise auf meinem Bild von außen in die Mitte und wieder zurück. Ein Tanz auf der ehemals weißen Fläche. Mein Lebenstanz. Jeder Text, so las ich einst, beinhalte ein Stück Biografie, so verkappt es auch ist. Gilt auch für Bilder, stelle ich fest.
Ich male Sujets auf die grundierten Flächen. Inspiriert von inneren Eindrücken sowie Karten, Bildern oder Fotos improvisiere ich. Wie male, wie schreibe, wie lebe ich lebendig und dreidimensional?, frage ich mich und tüpfle Schatten um stilisierte Risse. Ohne Schatten bleibt alles in der Schwebe, hängt im Raum, fällt hin, wirkt unruhig, flach und blass. Wie ich da so male, begreife ich, dass ich, was immer ich tue – ob nun malend, fotografierend oder schreibend –, immer nur Illusionen erzeuge. Ich täusche das Auge, die Sinne, die Gedanken … Und ich lasse mich bereitwillig täuschen, denn alles ist Fiktion. Ver-rücktes Auge. Ver-rückte Sinne.
Ob wir uns nun eher nach Harmonie und Gleichgewicht sehnen oder nach Spannung und Provokation, was immer wir betrachten, was immer wir lesen, wir rücken es uns zurecht. Wir sehen, was wir sehen wollen. Beim Malen kneife ich oft die Augen zusammen und betrachte das eben Gemalte mit einem leicht verschwommenen Blick um die Überzeugungskraft der eben erzeugten Illusion zu testen.
Fertig? Wann ist das Bild fertig? Wann ist das Leben fertig? Jetzt, wo ich endlich alle Flächen bemalt habe, nichts Weißes mehr sichtbar ist, dass ich nicht selbst weiß gemalt habe, jetzt könnte ich aufhören. Ein bisschen wie sterben. Oder soll ich die restlichen grundierten Flächen bemalen?
Tipps und Erfahrungen gelten zwar, doch die letzte Entscheidung liegt bei mir.