Ich schaue auf meinen Wecker. Nullfüf-füfefüfz. Das gleichnamige Lied von Züri West erklingt. Im Kopf. Melancholische Sentimentaltät. Schlafen dürfte ich noch eine ganze Stunde. Ist ja erst nullfünf-fünfundfünfzig.
Doch ich liege schon seit einer Stunde wach. Drehe mich, wende mich, schiebe Gedanken von West nach Ost wie Vargas‘ Kommissar Adamsberg die Wolken. Und zurück von Ost nach West.
Ich lasse nahe und ferne Erlebnisse Revue passieren. Den gestrigen Abend zum Beispiel. Mein Abschiedsgeschenk fürs X, das Hilfswerk, für das wir arbeiten, sei das gewesen, hatte Kollege M. bei seiner Abschiedsumarmung gemeint. Gut möglich. Fragt sich nur, wer da wem ein Abschiedsgeschenk gemacht hat.
Es steckte unglaublich viel Zeit und Arbeit hinter diesem Event, keine Frage. Und noch mehr Herzblut. Den Bühnenpoeten PL, den Rapper KB und die Sprachkursteilnehmerin TH zusammen auf die Bühne zu holen und sie Geschichten über Sprache, Weisheit und Verständnis erzählen zu lassen ist eins, es dabei aber zu so einem wunderbar witzigen, unterhaltsamen Abend werden zu lassen, das andere. Das es gelungen ist, ist wirklich ein Geschenk. Ein Geschenk auch für mich, denn der Einsatz und die schlaflosen Nächte haben sich offensichtlich gelohnt.
Meine heutige Schlaflosigkeit gilt unter anderem meinem Rückblick auf fast drei Jahre Hilfswerkarbeit. Da ist Dankbarkeit für Gelerntes, für Erfahrungen, Begegnungen und ganz besonders für die Menschen, mit denen ich unterwegs war. Dankbarkeit und Freude. Als mir Kollegin K., die heute an meinem „Letzten“ nicht dabei sein kann, gestern Nachmittag ihr persönliches Abschiedsgeschenk überreichte, musste ich doch tatsächlich fast heulen. Ganz zu schweigen von all den Abschiedsumarmungen und -wünschen gestern Abend nach dem Event.
Mein Rückblick schließt die ganzen letzten sechs Berner Jahre ein. Die Heimat zu verlassen sei ein mutiger Schritt, meinte gestern die Scheffin meines Scheffs zu mir. Hat sie recht? Kann ich meine Heimat wirklich verlassen? Wenn ich sie in mir drin habe, ist sie doch immer dabei. Heimat ist das Schneckenhaus, das wir alle in uns tragen.
Sprache ist überall, heißt es im Manifest der Berner Spoken-Word-Gruppe „Bern ist überall“. Ja, und auch Kommunikation ist überall. Nicht-kommunizieren geht nicht. Wo Sprache ist, ist Heimat. Überall.
Zum Manifest: http://www.beatsterchi.ch/index___id=5751&l=de.html
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