05:55

Ich schaue auf meinen Wecker. Nullfüf-füfefüfz. Das gleichnamige Lied von Züri West erklingt. Im Kopf. Melancholische Sentimentaltät. Schlafen dürfte ich noch eine ganze Stunde. Ist ja erst nullfünf-fünfundfünfzig.

Doch ich liege schon seit einer Stunde wach. Drehe mich, wende mich, schiebe Gedanken von West nach Ost wie Vargas‘ Kommissar Adamsberg die Wolken. Und zurück von Ost nach West.

Ich lasse nahe und ferne Erlebnisse Revue passieren. Den gestrigen Abend zum Beispiel. Mein Abschiedsgeschenk fürs X, das Hilfswerk, für das wir arbeiten, sei das gewesen, hatte Kollege M. bei seiner Abschiedsumarmung gemeint. Gut möglich. Fragt sich nur, wer da wem ein Abschiedsgeschenk gemacht hat.

Es steckte unglaublich viel Zeit und Arbeit hinter diesem Event, keine Frage. Und noch mehr Herzblut. Den Bühnenpoeten PL, den Rapper KB und die Sprachkursteilnehmerin TH zusammen auf die Bühne zu holen und sie Geschichten über Sprache, Weisheit und Verständnis erzählen zu lassen ist eins, es dabei aber zu so einem wunderbar witzigen, unterhaltsamen Abend werden zu lassen, das andere. Das es gelungen ist, ist wirklich ein Geschenk. Ein Geschenk auch für mich, denn der Einsatz und die schlaflosen Nächte haben sich offensichtlich gelohnt.

Meine heutige Schlaflosigkeit gilt unter anderem meinem Rückblick auf fast drei Jahre Hilfswerkarbeit. Da ist Dankbarkeit für Gelerntes, für Erfahrungen, Begegnungen und ganz besonders für die Menschen, mit denen ich unterwegs war. Dankbarkeit und Freude. Als mir Kollegin K., die heute an meinem „Letzten“ nicht dabei sein kann, gestern Nachmittag ihr persönliches Abschiedsgeschenk überreichte, musste ich doch tatsächlich fast heulen. Ganz zu schweigen von all den Abschiedsumarmungen und -wünschen gestern Abend nach dem Event.

Mein Rückblick schließt die ganzen letzten sechs Berner Jahre ein. Die Heimat zu verlassen sei ein mutiger Schritt, meinte gestern die Scheffin meines Scheffs zu mir. Hat sie recht? Kann ich meine Heimat wirklich verlassen? Wenn ich sie in mir drin habe, ist sie doch immer dabei. Heimat ist das Schneckenhaus, das wir alle in uns tragen.

Sprache ist überall, heißt es im Manifest der Berner Spoken-Word-Gruppe „Bern ist überall“. Ja, und auch Kommunikation ist überall. Nicht-kommunizieren geht nicht. Wo Sprache ist, ist Heimat. Überall.

Zum Manifest: http://www.beatsterchi.ch/index___id=5751&l=de.html
Abwärts scrollen.

ewig leben lieber nicht

Mir Träumen erlauben und sie erfüllen. Wer weiß schon, wie lange ich noch lebe, dachte ich als ich vor zwei Stunden über den Friedhof spazierte. Seit siebeneinhalb Jahren gehe ich hier regelmäßig vorbei. Früher häufiger. Das Grab meines Sohnes – in mitten all der anderen Kindergräber – ist mir ein tröstlicher Ort der Ruhe. Nach einem sehr arbeitsreichen, sehr anstrengenden und auch irgendwie sehr befriedigenden Arbeitstag – der am Nachmittag eine Sitzung mit einer junger Flüchtlingsfrau beinhaltete, die im hintersten Dorf inmitten der sanfthügeligen Landschaft des tiefsten Emmentals wohnt –, gönnte ich mir eine kleine friedhöfliche Auszeit. Morgen bin ich krankgeschrieben. Mein Kreislauf rotiert und kommt kaum mehr zur Ruhe. Wenn ich jetzt nicht die Bremse ziehe, weiß ich auch nicht, wie ich die nächste Woche überleben soll. Das große Event, auf das hin wir seit Monaten arbeiten, wird endlich – am Mittwoch – Wirklichkeit. Und am Tag danach feiere ich meinen Büroabschied. Zwei Tage später laden wir den Umzugswagen. Vier Tage später ist Bern Vergangenheit. Wirklichkeit dies alles? Oder nur ein paar Ideen im Kopf? Wer weiß schon, was morgen ist?

Sich Träume erlauben. Ihre Erfüllung zulassen. Angesichts des Super-GAU in Japan vielleicht die einzige Alternative zu leben, sagte Irgendlink sinngemäß. Gegenwart ist die einzige Wirklichkeit.

Auf dem Friedhof ist ein weiteres Feld erneuert worden. Wie viele Grabkreuze habe ich in den letzten siebeneinhalb Jahren verschwinden sehen? Und wieder sind viele alte Kreuze und Grabsteine entfernt und viele über zwanzig Jahre alte Gräber ausgehoben worden. Nun ist von den Menschen, die einst unter Tränen dort begraben worden sind, nichts mehr da. Selbst die Knochen wurden, gemeinsam mit vielen anderen Knochen, dem endgültigen Zerfall überlassen und werden wieder zu Erde. Nichts ist mehr da. Oder endlich alles. In homöopathischen Dosen. Im Wasser, in der Erde, wie gesagt, und in der Luft. Und in hundert Jahren sind auch meine Knochen Erde, habe auch ich mich aufgelöst. Ganz ohne SuperGAU. Nein, das meine ich nicht zynisch. Ein Fakt. Ein Trost sogar. Irgendwie. Und eine befreiende Erkenntnis

Mit ihr ging es sich auf einmal ganz locker durch die Gräberreihen. Was rackere ich mich auch ab? Eines Tages ist ja eh nichts mehr da. Von mir nicht und von niemandem mehr. Kein Stress mehr und keine Sorgen. Kein Leid und kein Schmerz. Und auch kein Lachen mehr. Kein Garnix. Wozu also sich sorgen?

Da war doch dieser Tage jenes Gespräch über ein möglichst langes Leben?
Nein, ich will nicht möglichst lange leben, aber glücklich!, hatte ich gesagt. Genau. Alle meine Lebensträume drehen sich um ein glückliches und sorgloses Sein. Zufriedenheit. Nicht in Saus und Braus muss ich leben, sondern im Frieden mit mir selbst. Dazu umgeben von Menschen, die ich mag und wo Liebe, Freundschaft und Respekt im Zentrum stehen. Außerdem jederzeit bereit zu gehen. Mir meiner Vergänglichkeit bewusst.

Ein schöner Traum. Idealistin, die ich bin, ewige.

(verfasst am 16.3., abends)

umschichten

Frühmorgens erwacht. Einschlafen geht nicht mehr. Nein, sich sorgen um die Sorgen des Tages ist müßig. Eigentlich. Doch das Kopfkino-Team kümmert sich nicht um Erkenntnisse von Vernunft und Verstand und vernebelt meinen müden Geist mit Aussagen, die im Tageslicht nicht bestehen können.

Meine größte Sorge ist zurzeit das Missverhältnis zwischen der mir verbleibenden schrumpfenden Zeit hier in Bern und der scheinbar über Nacht sich verdoppelnden Länge meiner Listen. Listige Listen (siehe Artikel vor ein paar Tagen). Schlingpflanzen. Obwohl … Die größte Sorge ist eigentlich, ob ich allem gerecht werden kann, was zu tun ist.

Und eigentlich wollte ich ja über gestern Abend schreiben. Über eine Spurensuche der etwas anderen Art. Mit meinem Lieblingsbruder habe ich auf dessen Dachboden die über zweihundertfünfzig teils mehr als hundert Jahre alten Bücher mit zumeist historischem Inhalt gesichtet. Seit zehn Jahren staubt dieses Erbe unseres Vaters vor sich hin. Zwei Archive haben gemeinsam etwa fünfzig Bücher erbeten, die es nun zu suchen und zu finden galt, damit ich sie ihnen zuschicken kann.

Wir haben geschichtet und gesichtet, uns an unsern Vater erinnert, haben uns Anekdoten erzählt und dabei für ein paar Stunden Alltagssorgen ausgeblendet.

Sorgen? Eben habe ich einem Arbeitskollegen, der heute ein letztes Mal mit mir essen wollte, per Mail abgesagt. Ich brauche eine Mittagspause allein, sonst schaff ich den Tag nicht. Die beiden langen Sitzungen … Ob ich es schaffe?

Hast duuu Sorgen!, schelte ich mich oft in den letzten Tagen. Wann immer ich an Japan denke.

wohin und woher

Part I

Wenn ich aufstehe, das zerwühlte Bett verlasse und Richtung Küche tappe, noch schlaftrunken, noch ohne Licht, noch erwachend, kann ich mir die Welt da draußen nicht vorstellen. Sie ist nicht. Es ist nur das, was ich jetzt bin. Nur ich. Ich und meine Träume, die langsam von mir abfallen. Ich und meine Visionen, meine Hoffnungen, meine Sorgen, meine Ängste.

Ich ziehe die Jalousien hoch. Sonnenstrahlen küssen den Küchentisch. Und den dort herum fläzenden Möbelprospekt, der als Beilage die Wochenzeitung eingedickt hatte. Betten. Perfekte Schlafzimmer, minimal möbliert, mit Kunstdrucken an den Wänden. Perfekt gemachte Betten, faltenlos wie die leichtbekleideten Damen, die sich darauf räkeln.

Sterile Betten, die so gar nicht nach Lust, nicht nach Liebe, nicht nach Leidenschaft aussehen.

Seltsam eigentlich, ist doch das Bett, ist doch das Schlafzimmer jener Ort, wo wir am meisten uns selbst sind. Ganz. Wild. Verträumt …

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Part II

5. Habe keinen Respekt vor der Autorität anderer, denn es gibt in jedem Fall auch Autoritäten, die gegenteiliger Ansichten sind.

Ein Satz, den ich neulich beim Blogroll-Surfen via Wildgans bei Zigeunerweib gelesen habe. Hat Betrand Russel gesagt. Unter anderem.

Nicht, dass ich den Satz so ganz unterschreiben könnte, aber die Essenz hat was. Jede Ansicht hat ihr Gegenteil – bloß: was war zuerst?

Diese Woche ergab es sich, dass ich für Internetrecherchen ein paar Mal hintereinander virtuell Zeitung gelesen habe. Wie bei Blogs lassen sich solche online-Artikel kommentieren. Und wie die guten alten Papierbriefe von Lesenden spiegeln Kommentare die Sicht der jeweiligen Gesellschaft wider. Ob es eine Durchschnittssicht ist, die da auf dem Bildschirm abrufbar ich, kann ich allerdings nicht beurteilen. Sowenig wie ich übrigens an sogenannt repräsentative Umfragen glauben kann. Sind nicht immer die eine Gesellschaftgruppen lauter und melden sich eher zu Wort als andere? Deshalb weiß ich also nicht, ob es repräsentativ ist, wenn auf einen kritischen Artikel mit eher rot-grünen Klang zur Wahl des Hardliners Amstutz in den Ständerat, vor allem braune Antwortschreibende das Wort ergreifen, den Artikelschreiber mit Wortmüll bewerfen und ihn gar einseitig nennen. Und drohen, Amstutz‘ Wahl, sei erst der Anfang gewesen … Mir stockt der Atem. Wohin gehen wir? Wir – als Gesellschaft, als einzelne?

Demokratie heißt nebeneinander leben, sich respektieren. Heißt kommunizieren, versuchen, andere Ansichten zu verstehen, heißt sich reiben ohne sich aneinander aufzureiben.

Habe zwar Respekt vor der Autorität anderer, doch denke daran, dass es immer Autoritäten gibt, die gegenteiliger Ansicht sind. Dein Respekt sei wohlwollend, aber nicht unterwürfig.
(by Sofasophia)

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Part III

Ich öffne die Haustüre. Sie ist die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, die Schleuse zwischen Innen und Außen. Fast unmerklich ziehe ich, sobald ich die Schwelle überschreite, eine Schutzhaut an. Traum, Wildheit, Geborgenheit lasse ich drinnen und betrete die kalte Welt da draußen.

Die kalte Welt?

Jede Ansicht hat ein Gegenteil.

dazwischen

Während mein Liebster grad eben an den unsichtbaren und feinen Dingen arbeitet und darüber bloggt und dabei die gedruckten Bücher anderer Bloggender erwähnt, klettere ich am Büchergestell herum und staple fixfertig gedruckte Bücher auf den Tisch. Auch ein paar handsignierte sind dabei. Bücher von Menschen, die ich persönlich kenne. Von Menschen, die den Mut hatten, ihre Manuskripte sichtbar zu machen. Von Menschen, die Verlage fanden. Von Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben …

Und wann wird DEIN Printblog erscheinen?, smste Irgendlink heute.
Wer würde den schon lesen wollen?, schrieb ich zurück.

Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Krö… , denke ich beim Sortieren der Bücher. Eine große Tasche steht hungrig für die aussortierten Bücher bereit. Bücher fürs Brocki oder für die Bücherborde meiner FreundInnen, ArbeitskollegInnen oder sonst wie Interessierten. Dazu läuft iTunes auf dem Lap. Gazpacho mal wieder, die ich vor einem Jahr rauf und runter gehört habe, bis sie mir ein wenig verleidet sind.

Wie viele Bücher ich habe! Wie viele Geschichten! Die meisten gelesen, doch auch ein ganzes Tablar ungelesene haben sich im Laufe der Jahre bei mir eingefunden. Da und dort gekauft oder geschenkt erhalten und für später aufgehoben. Wie viele Buchstaben! Eigentlich ja immer die gleichen sechsundzwanzig, bloß immer wieder anders zusammengesetzt. Zu immer wieder neuen Choreographien versammelt. Und doch ist jede Geschichte längst erzählt. Wie Wasser, das wiederkehrt. Wie Kompost, der zu Erde wird, dann Frucht und wieder Kompost. Mist. Ewiger Kreislauf. Die Gedanken ebenfalls. Und das Spinnen auch. Denken und loslassen. Schlafen und wachen. Spirale, ewige.

Doch jetzt grad bin ich die Frau fürs Grobe. Zwischendurch fließen die Tränen, wenn mir das eine oder andere in die Finger kommt. Feine Tränen, die schmerzhafte Erinnerungen wandeln helfen. Wie Regen, der den trockenen Boden wässert und neues Leben möglich macht.

Während ich Kiste um Kiste fülle und dabei Musik höre, wird mir bewusst, wie reich ich bin. Nicht die Materie meine ich. All die Geschichten, die ich in mir trage.

kurzsichtig

In der Frühstückspause mal wieder politisiert. Über Obama und dass sich Politik erst langfristig oder gar im Nachhinein als positiv oder negativ offenbart. Und schon diskutieren wir den Palästinakonflikt rauf und runter. Wir fragen uns, ob Menschen, wenn sie immer nur Krieg und Elend sehen, gar nicht anders können, als selbst irgendwie aggressiv zu werden, destruktiv zu denken und entsprechend zu handeln. Oder dass sie zumindest kaum eine Chance haben, anders zu sein, anders zu reagieren. Selbst zu agieren. (Notiz an mich: Wie war das gleich mit den Anlagen, die wir mit auf die Welt bringen? Wir haben immer die Wahl? Wirklich?)

Kollegin A. erzählte daraufhin von einer Performance, die sie miterlebt hat. Ein junger Mann aus Palästina (oder Israel?) war aufgetreten und hatte seine Saxophon-Soli mit Bombengetöse ab Tonträger untermalt. Oder hatte er vielmehr die Bombengeräusche mit seinem Saxophonspiel untermalt?

In diesem Geräuschteppich sei er groß geworden, habe er anschließend erzählt, sagt A.. Bereits als Kind habe er so sein Gehör geschult und schon von weitem gehört, wie weit weg eine Bombe entfernt war und welchem Typus sie angehörte. So wie westliche Kinder zuweilen Autos am Bremsgeräusch erkennen. Sein Wiegenlied waren die Bomber gewesen, sie hatten ihn zu seiner Musik inspiriert. Überlebensstrategie.

Das Problem vom Palästinakrieg sitzt in den Köpfen, sage ich.

Nicht nur jenes vom Palästinakrieg. Die Ursache von allen Konflikten, sagt mein Scheff.

Es geht um Recht haben, stärker sein und scheinbare, nach unserem Sinn interpretierte Gerechtigkeit durchsetzen zu wollen. Letztlich also um die leidige Angst zu kurz zu kommen. Alles im Kopf. Alles konditioniert, denke ich. Gebrannte Kinder wir alle.

Wo wären wir, wenn es keine Kriege gäbe?, frage ich. Nicht zum ersten Mal, dass ich dies denke und hier niederschreibe. Wir Hilfswerk-Mitarbeitenden müssten wohl auf Kurzarbeitszeit umstellen, wenn es auf einmal keine Kriege mehr gäbe und keine Flüchtlinge mehr an Land gespült würden.

Doch auch die vielen Reichen, die ihr Geld dank Waffenindustrie erworben haben, müssten zurückstecken, sagt Kollegin A.

Kurzsichtigkeit ist wohl die größte Falle, politisch ebenso wie zwischenmenschlich. Dumm nur, dass wir sie – kurzsichtig wie wir sind – nicht sehen können.

Ich setze mich wieder an meine PC und die Arbeit an der Datenbank, die ich bis nächsten Dienstag auf Vorderfrau bringen soll. Toller Job, juhuuu. Nur noch dreihundert Adressen muss darf ich überprüfen. Freude herrscht ;-(

Dass ich für eine Adresse mit sämtlichen vorzunehmenden oder zu überprüfenden Vernetzungen um die drei Minuten im Durchschnitt brauche, habe ich heute schwarz auf weiß berechnet.

Kurzsichtig? Tut mir leid, dass ich es zurzeit nicht schaffe, weitsichtige Texte zu weben. Ich sehe grad nur den nächsten Schritt vor mir … das muss genügen.

Fallmaschen II

Meine (Sehn-)Sucht nach schönen Erlebnissen, nach Schönheit, nach heilsamen Erfahrungen ist es, die mich immer wieder stolpern lässt. Stolpern über die Alltagshässlichkeiten. Wobei natürlich alles eine Frage der Sichtweise ist. Und der Wertung.

Ich ertappe mich, wie ich gerne an vergangenen, schönen Erlebnissen andocke. Ich baue mir ein früher erlebtes Setting neu auf, um vergangenes ins Jetzt zu transponieren. Ich sehne mich zum Beispiel an einem bestimmten Ort nach genau diesen Menschen von damals, was sich genau so und so anfühlte und mir damals so gut getan hat. Ort kann durch Musikstück oder Film oder was auch immer ersetzt werden. Nicht ganz ungefährlich, diese Illusion der Wiederholbarkeit! Damit öffne ich Enttäuschungen eins ums andere Mal Tür und Tor.

Ohne Wertung und ohne Erwartung keine Enttäuschung – eine einfache Gleichung. Am besten, ich höre also damit auf, vom Leben und anderen Menschen, Ereignissen und Orten etwas zu erwarten und fange endlich damit an, zu leben.

Leben lässt sich nicht hamstern. Lebenszeit lässt sich nicht konservieren, klauen, schenken, verschenken und festhalten.

kalte Hände

Rutscht mir ungefragt dieses neue Wort heraus, wie ich mit liebstem Irgendlink der Kälte draußen entflohen vor dem warmen Holzofen hocke. Wie wir da so beieinander sitzen, unsere kalten Hände wärmen und über die Perspektiven reden, die zuweilen die Sicht vernebeln. Schneewehen im Kopf. Zurechtschlimmen sage ich da. Schneewehen ums Herz. Blick hinaus fast unmöglich geworden. So habe ich mir mal wieder die Welt zurechtgeschlimmt. Alles weiß-grau. Einer dieser Tage eben. Ausgerechnet der erste des neuen Jahres. Eisiger Tag. Einer jener, an denen ich mir nicht vorstellen kann, dass jemals wieder Frühling wird. Wo ich zweifle, ob es je wieder ein Doch-wieder-weitergehen geben könnte. Schneewehen, wie gesagt. Und Nebel, Kälte innendrin. Zurechtsgeschlimmte Welt. Da weiß man, was man hat. Guten Abend. Immerhin.

Zurechtschönen tut da schon weniger weh.

Illusion beides. Illusion alles. Leere. Und Fülle ebenso.

Meine Biofestplatte, die voller und voller wird. Mit all dem Leerlauf und all den Überflüssen da und dort.Vielleicht werden wir deshalb je älter desto vergesslicher? All die Wörter, all die Gedanken, all die Erlebnisse, Erfahrungen, Verletzungen, Heilungen, Wunden und Glücksmomente – sie brauchen Platz. Leerraum. Knapper Raum. Defragmentieren wäre nicht schlecht. Und löschen. Oder reparieren.

Zurechtrücken statt zurechtschlimmen.

aus alt mach neu

Alles schon dagewesen. Das entjungferte neue Jahr präsentiert sich uns grau und verkatert wie wir gestern auf Geocache-Suche durch die Dörfer fahren. Überall liegt Müll. Vorwiegend Müll von Feuerwerkskörpern. In der Schweiz, so doziere ich, gibt es professionelle Feuerwerke und die werden an ausgewählten Orten inszeniert und recycelt. Oder zumindest fachgerecht entsorgt. So was wie hier – ich zeige dramatisch auf den nächsten Müllhaufen am Straßenrand – gibt es bei uns nicht. So schöne ich mir zuweilen meine Welt zurecht. Jenseits des Zaunes ist ja immer alles besser. Doch letztlich ist alles eine Frage der Perspektive.

Jahr für Jahr erliege ich der Illusion, Altlasten im alten Jahr belassen zu können. Ängste vor all dem Unabsehbaren, das auf mich wartet, zum Beispiel, Sorgen auch und all das ganze Zöix, das alt und neu auf meinem Schlauch liegt. Aber nein, kaum habe ich den unvermeidlichen Schritt ins Neue Jahr getan, ist dieser alte Müll auch schon mitgehüpft. Lässt sich denn das Ganze nicht irgendwie sinnvoll recyceln? Oder müsste das alles nicht gar zum Sondermüll?

Das ewige Hamsterrad von Werden und Vergehen. Wie Leben wohl wäre, wenn wir Zugriff zu unserer persönlichen delete-Taste hätten? Wäre ich so und hier wie jetzt? Und du? Und wäre es anders besser?

Jahresanfang auf den einsamen Gehöft …

Panorama aus dem Irgendlinkschen Küchenfenster, am 2. Januar.
Was so ein bisschen Sonne doch ausmacht?

Sonntag, Software und so

Mitternacht vorbei. Halb eins. Draußen eisige Kälte. Mein Kopf dröhnt. Auf dem Heimweg eben – zu Fuß, denn meine Freundin M. wohnt im Nachbarquartier – frage ich mich, ob zwei Einladungen am gleichen Tag nicht vielleicht ein bisschen zu viel waren. Zumal ich mich sowohl an Freundin S.s Wohnungsfest als auch bei M. neben vertrauten Gesichtern auch auf unbekannte und wenig bekannte Menschen einlassen musste. Was ich manchmal liebe und manchmal furchtbar anstrengend finde.

Wer bin ich? Heute? Bin ich noch ich und wie? Ich schaue mir von innen und zugleich irgendwie von außen zu und frage mich, was ich über mich denken würde, wenn ich mich jetzt – so – hier – heute – das erste Mal treffen würde. Nicht weil es mir sehr wichtig ist, was die andern über mich denken. Eher interessiert es mich, was ich selbst über mich denke. Sind bei mir Selbstwahrnehmung, Wunsch und Realität halbwegs deckungsgleich? Bin ich authentisch? Spiele ich eine Rolle? Verändere ich mich nicht eigentlich laufend, verhalte mich aber nach außen hin noch „alt“? Sind da nichtsynchronisierte Updates in meinem System, ist meine Software veraltet?

Könnte ich mich neu erfinden, was käme dabei heraus?

Ich sitze im Dunkeln mit dem iPhone am Wohnzimmerfenster und tippe dieses Wörter hier auf die kleine, beleuchtete Tastatur. Der Schnee erhellt die Umgebung. Nur noch ein einziges Licht brennt im Haus gegenüber und ich frage mich, ob dort drüben auch jemand über die Rolle nachdenkt, die sie oder er im eigenen und im Leben der anderen spielt. Oder eben nicht. Und ob das wohl eine Rolle spielt.

Schnitt.

Halb acht. Pervers früh für einen Sonntagmorgen. Die volle Blase hat mich geweckt. Und der Brummschädel. Dabei habe ich doch gar nicht wirklich viel getrunken. An Sonntagen vermisse ich J. am meisten. Sein leiser Atem neben meinem Ohr, wenn ich nachts zwischendurch aufwache. Seine warmen Füße an meinen Beinen oder meine kühlen an seinen. Seine Konturen unter der Decke. Ihn ein- und wieder ausatmen. Wieder einschlafen. Zusammen aufwachen. Später im Bett Kaffee und Tee trinken. Aus einzelnen Fragmenten, Traumfetzen und Ideen einen neuen Tag malen. Natürlich kann ich auch alleine spinnen und die Trennung ist zum Glück absehbar, insch’allah. Dennoch. Vermissen darf doch wohl erlaubt sein.

Zeig mir dein iPhone und ich sage dir, wer du bist!, hatte ich kurz vor dem Einschlafen gedacht. Ein Satz, der mir sofort wieder einfällt, als ich mein iPhone, noch im Halbschlaf, einschalte und prompt mit einer SMS aus Nordspanien belohnt werde.

Bei M. liegen, nach witzigen Spielrunden, auf einmal alle unsere Handys auf dem Tisch. Handys? War mal. IPhones! Vier von uns fünf Erwachsenen haben eins. Eine so große Smartphone-Dichte ist mir dann doch neu und ein klein bisschen schämte ich mich ob dieser Dekadenz. Besondern, wenn ich an jene Zeit zurückdenke, wo ich überzeugt war, mir nie ein Mobiltelefon anzuschaffen. Ich doch nicht.

Die Appauswahl sagt, wer du bist. Polizeipsychologinnen können heutzutage ihre Verbrecherprofile anhand gewählter Apps erarbeiten, geht es mir durch den Kopf. Die Apps spiegeln unsere Bedürfnisse, Sehnsüchte und Interessen. So ist die Personalifizierung von Hardware wohl einfach nur ein weiterer Schritt zum gläsernen Menschen.

Meine Apps – diverse GPS-Applikationen, Karten- und Koordinaten-Software, einige Kameras und Bildbearbeitungsprogramme, sowie Fahrpläne, Telefonbücher und Blogsoftware – sagen dir, dass ich Freude an Natur, Bildern, schnell abrufbaren Infos und natürlich am Bloggen habe. Spiele?
Nö, hab ich keine, sage ich. Ich spiele lieber in echt.

Sag mal , kennst du …?  Musst du uuunbedingt mal … Und schon fangen wir an, die Vorteile unserer Apps aufzuzählen, als sprächen wir über Kinder. Oder als wäre wir selbst wieder welche. M.s fünfzehneinhalbjährige Tochter M. und deren Freundin C. werfen sich Blicke  in der Art von „die spinnen, die Erwachsenen“ zu.

M. liest von ihrem Display Zitate ab und stellt fest, dass ihre Sammlung männerlastig ist. Und ziemlich abgelutscht. Die wenige Frauen, die sie auf die Schnelle findet, sagen ebenfalls nichtssagendes. Ob das wohl besser ist, als gar nichts zu sagen?

P. sagt nicht nichts, sondern, dass er eigentlich gehofft hatte, dass ihm das iPhone helfen werde, Zeit zu sparen.
Träum weiter, sage ich. Zeit sparen ja, nur verplemperst du die gesparte Zeit mit dem Dingsda.