Tag Null – Shame on me, kollektiv.

Nach den heutigen, niederschmetternden Abstimmungsresultaten (siehe dazu meine kürzlich verfassten Artikel zur Ausschaffungsinitiative: Gegenvorschlag und Wir alle haben die Wahl) möchte ich mich am liebsten auch gleich ausschaffen. Ganz weit weg auswandern. Nicht mehr Schweizerin sein, jedenfalls.

Teil einer Gesellschaft zu sein, die eine Ausschafftungsinitiative lanciert und anschließend sogar mit einer guten Mehrheit durchbringt, ist doch einfach zum k… !

Ich schäme mich vor allen Ausländerinnen und Ausländern, die in der Schweiz leben, für meine MitschweizerInnen. Obwohl ich weiß, dass das niemandem etwas bringt. Ich hoffe sehr, dass es wieder – wie bei der letztjährigen Minarettinitiative – eine europaweite Schockreaktion geben wird und die Forderungen der Initiative schlussendlich so menschenrechteverletzend sind, dass sie nicht durchgesetzt werden können. Ich hoffe sehr, dass die Initiative an diesen nächsten Hürden scheitern wird. Wegen der ganzen Ungerechtigkeit, die in ihr steckt. Vor allem die Willkür ist es, die die Initiative so ungerecht und so unmenschlich ist.

Das ändert allerdings nichts daran, zu sehen, wie meine Mitmenschen denken. Oder jedenfalls die Mehrheit.
Wie weiter?

Dies hier habe ich fast genau vor einem Jahr, nach der Minarettinitiative-Abstimmung gebloggt: Quo vadis, Matrona Helvetia?

der vierte Preis

Wie alle wissen, die auf Europas Nah- und Fernwegen unterwegs sind, ist die Moral auf der Straße, sehr … nun ja … unterschiedlich. Die Moral? Eben habe ich dieses Wort als Synonym zum Wort Umgangsform missbraucht. Wie das in der Alltagsanwendung so üblich ist. Doch der Windows-Synonyme-Automat sagt, Moral habe eigentlich eher mit Anstand zu tun. Und mit Verantwortungsgefühl. Zweites gefällt mir. Und passt vielleicht zur erwähnten Erkenntnis, dass die Moral auf der Straße sehr unterschiedlich sei.

Verantwortungsbewusst und voraussichtig sollen wir fahren, sagte schon mein Fahrlehrer M. annodazumal. Was ich praktiziere. Das heißt: ich übe …

Aber ich schweife ab, wollte ich doch über jenen weiteren Gebrauch des Wortes Moral lamentieren, jenen wie er im Wort Moralist und Moralistin vorkommt. Was wir ja auf gar keinen Fall sein wollen. Ethisch und politisch korrekt denken, handeln, wirken und sein, ja, aber …

Woran erkennen wir denn nun, ob wir doch womöglich Moralistinnen oder Moralisten sind? Na, ganz einfach daran, ob wir uns empören, wenn jemand rücksichtlos oder riskant fährt OHNE jemanden zu gefährden. NichtmoralistInnen empören sich nämlich nur dann, wenn jemand rücksichtslos oder riskant und dabei auch andere gefährdend fährt. NichtmoralistInnen wissen, dass Nacherziehung auf der Straße nicht geht. Vergeudete Energie also, mich mit Moralfinger im Straßenverkehr zu ärgern.

Grenzfall heute: Da war dieses Brummirennen, eines von vielen beobachteten. Doch dieses hier fand direkt vor meiner Autonase statt. Zwei Niederländer wollten wissen, wessen Laster mehr drauf hat. Oder weniger Last drin. Oder weniger im Hirn. Ich weiß nicht, wie ihr es handhabt, aber ich drossle jeweils mein Tempo, wenn ich überholt werde, Moralistin ich, um den Überholweg des überholenden Wagens möglichst kurz zu halten und den Verkehrsfluss nicht zu behindern. Der Brummifahrer jedoch – jenen auf der Normalspur meine ich – tat nun nichts dergleichen. Beide fuhren erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Sprich neunzig plus. Auf einer 130km/h-Strecke wohlverstanden. Die Schlange, die sich hinter ihnen bildete, missachteten sie geflissentlich, bis irgendwann des einen Vernunft siegte. Oder der Motor murrte.

Weiterfahrend fragte ich mich, wie vielen dieser Männer und Frauen in den Lastern es Spaß macht, tagaus tagein, von Berufes wegen, Kilometer um Kilometer zu fressen? J., der auch hin und wieder für seine Firma Transporte machen muss, hasst diesen Teil seines Jobs. Wie viele Brummifahrer, die ich heute überholt habe, diesen ihren Job wohl ebenfalls hassen, den sie womöglich einst liebsten? Und, wo wir gleich dabei sind, fragte ich mich, wie viele andere Menschen sonst noch ihren Beruf hassen oder satt haben.

Ob die Typen, die mir das vor Tippfehlern strotzende Gewinn-Zertifikat, ausgestellt über Fr. 1000.—, persönlich abzuholen, geschickt haben, ihren betrügerischen Job mögen oder ihn nur des leicht verdienten Geldes wegen tun? Betrügerisch? Okay, sie bewegen sich in einer noch halb legalen Schattenwelt und ködern, wie ich im Internet schnell mal herausgefunden habe, mit reißerischen Versprechen von gemütlichen Werbefahrten, auf denen ich dann hochoffiziell die gewonnenen Fr. 1000.— in bar erhalten werde. Denn „bedauerlicherweise waren Sie leider nicht zu Hause“, als sie vor drei Wochen persönlich bei mir geklingelt hatten. Wer’s glaubt!

Im Reisebus drehen sie mir und meinen drei kostenlos mit eingeladenen Freundinnen und Freunden dann fette Kaufverträge über mehr als tausend Franken an. Wer nicht unterschreibt, wird unterwegs aus dem Bus geworfen. Immerhin nicht aus dem fahrenden, wie ich im Internet gelesen habe. Die Versuchung, der Firma einen furchtbar netten Brief samt Einzahlungsschein von mir zu schicken, ist groß. Ich würde schreiben, dass sie, wenn sie mir das Geld wirklich schenken möchten, es gerne auch so, ohne Gratisfahrt und Mittagessen für mich und meine drei Gäste, tun dürften. Kaum aussichtsreich, der Plan, und drum vergeudete Energie. Gutes Brennmaterial für J.s Ofen immerhin.

Was ich mit tausend Franken täte, müsste ich nicht lange überlegen …

Fallmaschen I

Zum einen Erinnerungen. Eintauchen in vergangene Reiseerlebnisse. Nochmals mit meinem Liebsten durch Spanien, Frankreich, Deutschland, Dänemark, Schweden und Norwegen reisen. Und natürlich auch durch die Schweiz. Unzählige Bilder sichten. Auswählen. Und die Alben meines neuen virtuellen Fotoalbums füllen. Immer und immer wieder die Sonnenstrahlen auf der Haut spüren. Wie gut sich das anfühlt. Träumen. Auch vorwärts träumen … (zur Galerie …)

Notausgang. Passt gut. Denn nach ihm suche ich im Alltag. Womit wir beim „andererseits“ wären. Die Erkenntnis, dass meine Zeit im Job nach Ende riecht und nach Aufbruch. Das Gefühl von genug. Einmal mehr begreife ich, dass ich irgendwie einfach nicht in diese Arbeitsmühle, die unserer Gesellschaft so heilig ist, rein passe. Dass mich Konventionen und Strukturen einfach nicht erfüllen und mir Energie rauben. Dass ich etwas anderes tun will. Zu merken, dass die Solidarität meiner Kolleginnen nur so weit geht, wie sie ihnen nicht weh tut. Und das tut mir weh. Ich will anders leben.

Unerfüllte Sehnsüchte. Ein Thema, das ich mit meiner Freundin U. grad in langen Mails thematisiere.

“ … sie erwachen, wenn irgendwas im außen geschieht. sie räkeln sich und fangen an, eigendynamisch zu handeln. sie zeigen uns genau, wo wir uns bisher bedeckt gehalten haben. unerfüllte sehnsüchte tun irgendwie weh und darum lernen wir irgendwann – ganz früh vielleicht schon – ihnen den mund zu verbieten oder wir sperren sie gar weg.

was ist ihr sinn? und müssen wir sie erfüllen? sind sie wichtig, damit unser leben eine dynamik, ein motiv und eine richtung bekommt? was wäre, wenn wir keine erfüllten sehnsüchte mehr hätten? wäre dies das nirvana und wir wunschlos glücklich. oder aber wären wir dann total abgestumpft und abgelöscht? ich weiß nur, dass unerfüllte wünsche, wenn ich sie zu sehr aufbausche, mein leben in eine richtung bringen, die nicht mehr lebensförderlich ist. ich denke da an a., dessen unerfüllte sehnsucht das paradies auf erde war. natürlich, diese sehnsucht haben wir bestimmt alle, alle in irgendeiner ecke unseres seins. nur: wie groß und wie stark ist sie? und darf sie größer sein, als … größer als was?

j. fragte mal irgendwo und irgendwann sinngemäß in seinem blog: wieso gewichten wir unsere innere, phantastische realität nicht ebenso schwer wie die äussere? … wie sein text weiterging, weiß ich nicht mehr. ich gebe mir, genau jetzt, zur antwort: die äußere realität ist jene, wo ich auf jene äußeren realitäten meiner mitmenschen stoße, wo ich den anderen begegnen kann. darum braucht sie wohl mein größeres augenmerk, wenn ich mich als soziales wesen betrachten und verhalten will, das im austausch mit diesen mitmenschen stehen will.

will ich das nicht, nicht mehr, kann ich mich auf meine innere realität fokussieren. möglicherweise werde ich dann von der welt außerhalb meiner selbst nicht mehr verstanden und erhalte einen dieser tollen diagnosen, die weißgekittelte menschen gerne (oder auch nicht so gerne) verteilen. item.

wie bei allem im leben suche ich mein gleichgewicht irgendwo in der mitte zu finden. da die unerfüllten wünsche, dort das wissen um die nichtideale realität, daneben träume und wünsche und erreichtes. unerreichbares auch, das vielleicht so unerreichbar nicht ist. immer alles im kontext mit den menschen, die mir lieb sind. immer im bewusstsein, dass (s)ich alles ständig verändern kann

es gab liebeserfahrungen in meinem leben, die wie kerzen waren. eine kerze gibt hell, doch sie wird kleiner und kleiner je länger sie brennt. dann gibt es liebeserfahrungen, die wie bäume sind. auch bäume nicht vergänglich, doch sie wachsen dem licht entgegen. eine solche liebe, ahne ich, ist jene zu j.. ich hoffe es. das leben, alles, ist vorläufig. und vergänglich …“ (Aus einer Mail an U., gestern, im Fieber geschrieben).

Gemurmel

Ich schlafe zurzeit seltsam. Sehr unruhig, sehr bewegt und voller Träume, die nicht hängen bleiben. Ideen verdichten sich ganz kurz zu einer Aussage und ziehen unausgesprochen weiter, ohne Fingerabdrücke und Erinnerungen zu hinterlassen. Als sei alles irgendwie flüchtig. Auch der Alltag. Vieles läuft parallel und berührt mich kaum. Flüchtig alles irgendwie. Flüchtig wohl deshalb, weil ich mich davor fürchte, eine Idee weiterzuverfolgen, sie zu verdichten und in die Materie zu holen? Was wäre wenn …?, denke ich oft. Und dass im Grunde alles Konjunktiv ist. Das meiste jedenfalls. Nicht vielen Gedanken gelingt es, materiell zu werden. Ein neues Gefäß zum Beispiel. Dann Altglas.

So gedeihen mal wieder ganz viele flüchtige und unfassbare Kopfgeschichten. Aus allem und jedem, das an mir vorbeischwebt, spinne ich Histörchen. Die im Konjunktiv bleiben natürlich. Kaum einer gelingt es, auf Papier Gestalt anzunehmen. Kaum eine schafft den Weg über meine Finger auf meine Festplatte. Nicht mal der Regenwurm im Regentopf – den es nicht gibt. Oder doch? Und wenn, was dann?

So, jetzt geh ich mein Altglas entsorgen – der Psychohygiene wegen und so … Das erdet. Einkaufen ebenfalls.

eigentlich #2

Eigentlich könnte ich so tun, als wäre heute ein Reisetag gewesen. Wie vor einem Monat, als wir durch Schweden reisten. Ich könnte eigentlich über das heutige Stück Weg schreiben.

Wie ich da so mit iFöun und hochgelagerten Beinen, müde, auf dem Sofa sitze, kommt Ferienfeeling auf. Ich könnte ja einfach so tun, als wäre ich den ganzen Tag statt durch Excel-Tabellen und über Papierberge geklettert, durch Wälder, Wiesen und Hügel gefahren. Statt mit nervigen Klientinnen zu telefonieren, stelle ich mir vor, ich hätte mich mit Zeltplatznachbarn über – sagen wir mal – das Wetter unterhalten. Und schon kehrt die Fingerfertigkeit und Geschwindigkeit zurück, mit der ich vor einem Monat auf der Mini-Tastatur schreiben konnte. Denn um den Laptop nach neun dicht gefüllten Bürostunden aufzustarten, bin ich zu müde.

Oops, was sag ich da? Büro? Weit-weit weg! Wo ich doch auf Reisen war – eigentlich. Kopfreisen. Alles, das meiste jedenfalls, und ganz besonders Probleme, bauen wir in erster Linie in unseren Köpfen, sagt mein Liebster zuweilen. Wenn wir sie im Kopf weben, dann können, ja, müssen wir sie auch im Kopf entwirren. Sage ich. Eigentlich. Ebenfalls im Kopf fangen alle unsere Reisen an.

Die Phantasie ist die Straße zwischen Kopf und Bauch. Keine Schnellstraße, nein, sondern eine ungeteerte Schotterpiste. Ohne Wegweiser. Es braucht Mut, sie einzuschlagen, da wir nie wissen können, wohin sie uns führt. Wie dieser Text. Denn eigentlich – wie schon der vielversprechende Titel verrät – wollte ich ja was gaaanz anderes schreiben. Nur etwas ganz kleines.

Eigentlich wollte ich von euch ja bloß einen Tipp. Ich rätsle nämlich seit gestern an einer alles entscheidenden Frage herum:
Ist das Blog die Eintagsfliege oder ist das Blog die Erdbeere der Literatur? Oder wie wäre es mit der Spargel? Na ja, das ist wohl einmal mehr eine der ganz großen Fragen, auf die es keine Antwort gibt. *seufz* Ich jedenfalls werde wohl kaum erfahren, ob ihr jetzt gleich mit der Fliegenklatsche euren PC traktiert.

Erdbeere wären mir ehrlich gesagt lieber.

Von Punkten, Zahlen und anderen Zeichen

Zahlen zählen ganz schön. Ohne sie wären wir arm dran. Wenn wir viele von ihnen haben und dazu schön schwarz, können wir Brot kaufen und Joghurt, Käse und Benzin. Bücher mit noch mehr von ihnen drin, auf jeder Seite mindestens eine. Dann zwei und schließlich drei. Und wenn es ganz dick kommt, vielleicht sogar vier. Ohne Zahlen wüsste ich nicht, dass ich nicht mehr zwanzig bin. Die Zahl auf der Waage ignoriere ich gerne, zumindest ihre Aussage, und jene auf der Tafel in den Bergen raubt mir im ersten Augenblick den Atem. Allerdings nicht die Zahl, wenn ich es mir recht überlege.

Bei mir riechen Zahlen. Und sie haben eine Farbe. Diese Farben können nur wenige sehen und riechen können sie noch weniger. Nein, das ist weder esoterischer Quatsch noch etwas Krankhaftes. Auch nix, worauf ich stolz sein müsste. Einfach so ein Phänomen, dem die Wissenschaftlerinnen und Forscher sogar einen schönen Namen gegeben haben. Sorry, leider habe ich ihn vergessen. Egal.

Bei mir jedenfalls ist die Eins weißgelb und sechs graubraun. Sieben orange. Neun türkisblau. Manchmal wechseln die Farben, manchmal bleiben sie ganz weg. Jetzt zum Beispiel, wo ich hier sitze und schreibe, ist die Drei farblos. Ich rieche die Farben zwar nicht, aber ich schmecke sie in jenem Moment, wo ich ihre Farben sehe. Eins ist salzig, wie Aromat, das ich als Kind pur auf dem Brot mochte. Umgekehrt funktioniert es meistens nicht. Ich kann nicht violett denken und mir dazu die passende Zahl vorstellen. Auch den Geschmack nicht.  Auslöserin für das Riechen und Farbensehen ist bei mir immer die Zahl.

Seltsam, dass diese Kritzeleien, diese Striche mit Beulen, Bäuchen und Kreisen eine Jahrtausende alte Tradition haben, dass sie per Definition etwas bedeuten, einen Wert darstellen. So und so viel. So und so wenig. Obwohl es nur Striche sind. Zeichen.

Zeichen gibt es viele. Wolken am Himmel, Steine auf dem Weg. Zeichen machen Hoffnung, nähren Erwartungen, dienen als Omen. Irrationale Symbole, die durch unsere Träume schleichen, eine verschlüsselte Botschaft vermitteln, entschlüsselt den banalen Alltag erhellen können. Zeichen –Figuren, die ein kleines Kind in den Sand streichelt, in den Schnee stampft. Zeichen – Brücken zur Schrift. Mittel zur Kommunikation.

Was war zuerst? Der Satz oder das Satzzeichen? Das Wort, die Schrift oder das Fragezeichen? Oder gar zuerst der Doppelpunkt?

Nach einem Doppelpunkt ist alles möglich. Eine Aufzählung. Eine direkte Rede. Eine Geschichte. Ein Abenteuer. Auch nach einem Punkt ist alles möglich, doch einen Punkt setzen wir eher, um etwas abzuschließen. Anders als ein Komma, das weitere Möglichkeiten einleitet, hat der Punkt es so an sich, dass er etwas vollendet, abhakt. Und das Ausrufezeichen? Allzu viel davon ist ungesund, doch zur richtigen Zeit am richtigen Ort, kann das Ding nicht schaden …“

Gopf, und jetzt müsste ich noch irgendeinen kleinen klugen Schlusssatz haben.  Ach so, darum habe ich diesen Text, den ich in meinen Archiven, die ich nach einem für die Septemberlesung tauglichen Text durchforste, gefunden habe, nicht längst schon gebloggt. Es ist einer meiner vielen Texte ohne Schluss. Ohne Pointe. Nein, so geht das nun wirklich nicht … eine Pointe muss her! Der Kreis muss geschlossen werden …

Unbezahlbar, so ein letzter Satz. Wie ein Gutenachtkuss, wie ein letztes Winken, wie wie wie  …

Doppelpunkt

Die Abweichung

Alles, was wir sind, beruht eigentlich auf einem Irrtum. Das ganze heutige Menschsein. Einem unabsichtlich geplanten Irrtum sozusagen. Gott hatte – müsst ihr wissen – vor langer Zeit, was auch immer das eigentlich ist, den vermutlich genialen Plan, die menschliche Gerade, will heißen die menschliche Evolution, genau nullkommasiebenfünf Grad entlang einer vorgängig genau ausgeklügelten und definierten Basislinie, der Linie Null, der Gottlinie, laufen zu lassen. Aber weil er beim Umsetzen dieses Planes einen ausnahmsweise übermütigen Tag hatte, nahm er es nicht so genau wie geplant. Ob das Gerücht mit dem Wein stimmt, kann ich leider nicht bestätigen. Jedenfalls sind es nachweisbare nullkommaacht Grad, die die menschliche Gerade von Linie Null abdriftet.

Natürlich fragen wir uns nun, da wir dies erfahren haben, warum die menschliche Linie denn nicht parallel zur Gottlinie verläuft. Gute Frage. Eine der vielen, auf die es keine Antworten gibt. Immerhin ist nullkommasiebenfünf daneben ist ja nicht viel. Und der Unterschied von der geplanten zur tatsächlichen Linie, also nullkommanullfünf noch weniger. Kaum der Rede wert. Doch in den paar tausend Jahren, die seither vergangen sind, wurden daraus viele Kilometer. Die besagte Abweichung vom ursprünglichen Plan, dem Paradiesplan sozusagen. Wie es heute hier wohl wäre, wenn?

Tatsache ist, dass sich diese Abweichung überall bemerkbar macht und alle sind wir seither damit beschäftigt, diese globale und persönliche Abweichung vom Plan irgendwie zu kompensieren. Alle suchen wir seither irgendwie einen Weg, dieses grausame Leben zu ertragen. Zum Beispiel lenken wir uns vom lebendigen Leben ab und spezialisieren uns aufs konsumieren. Dazu schauen wir uns Dinge wie Fußballspiele an. Beispielsweise. Oder wir gehen arbeiten. Fahren Auto. Essen. Trinken. Schlafen. Schlagen Stunden tot. Drehen Däumchen und Grillspieße. Lesen Bücher und Blogs. Schreiben Nonsens und Klugscheiß. Und schauen noch mehr Fußballspiele.

Dabei wäre alles ganz einfach, denn …

(Schlusssatz-Variante Nummer eins)
… irgendwo ist eine Schatzkiste oder etwas in der Art versteckt auf dem die Urkoordinaten der menschlichen Spezies festgehalten sind. Nullkommasiebenfünf ist nur ein Platzhalter. Den Schatz finden würde alle Probleme schlagartig lösen. Der heilige Gral?

(Schlusssatz-Variante Nummer zwei)
… nun haben wir endlich den Beweis: Gott ist nicht unfehlbar. Aber ob das Ganze überhaupt ein Fehler war? Ob Leben parallel zur Gottlinie überhaupt menschenmöglich wäre?

(Schlusssatz-Variante Nummer drei)
… Göttin wäre sowas kaum passiert. Die hätte von vornherein mindestens Nullkommaneun Grad Abweichung eingeplant oder gar nicht erst mit Geraden herumgespielt. Hyperbeln und Parabeln, Kreise und Spiralen sind einfach viel schöner.

Zipfelchen

Gopf, jetzt hatte ich doch diese kleine Idee … und – PLOPP – schon ist sie wieder weg.

Ist ins große Becken gefallen. Ins große alles Nichts und nicht Alles. Dahin, wo ich mir alle Ideen aller Menschen denke. Und die Ideen aller Tiere auch gleich. Und wenn wir schon dabei sind, auch die Ideen aller Pflanzen. Was, du meinst, dass Pflanzen keine Ideen haben? Falsch, denn wenn Pflanzen sich vermehren können, müssen sie doch auch Ideen haben. Zumindest eine. Die der Fortpflanzung. Das sei keine Idee? Sagst du! Definitionsfrage. Ich behaupte, dass Fortpflanzung die eigentliche Idee ist. Die Idee vom Leben überhaupt, welches es ohne sie längt nicht mehr gäbe. Ohne die Idee der Fortpflanzung und ohne die Fortpflanzung. Ich theoretisiere? Sagst du! Schau doch mal um dich. Alles was lebt, vermehrt sich. Schau doch mal die Uhr. Wie sie Minuten schafft. Jede Minute gebärt Sekunden. Und jede Idee eine neue. Und jede Fliege legt ein Ei. Oder zwei, drei. Eins wird viele. Immer mehr.

Da stehe ich nun also, am Beckenrand, und blicke hinein, trauere dem Zipfel jener Idee nach, die mich vorhin erfüllt hatte. Sie hatte sich vor mich hingestellt, nicht aufdringlich, aber durchdringend. Hatte mich angeschaut. Nimm mich, hatte sie geflüstert. Gefleht? Wenn du willst können wir zusammen eine Geschichte bauen. Ich helfe dir. War es Unaufmerksamkeit gewesen, dass sie wieder verschwunden war?

Ich habe eine Idee, eine neue, eine andere: Ich könnte doch einfach etwas schreiben, was es noch nicht gibt. Wie bitte, das gibt es nicht?

Also wohl doch keine neue Geschichte? Nicht heute jedenfalls. Dafür den neuen Artikel schreiben, solange er noch in den Fingerspitzen tanzt und juckt und aufs Geborenwerden wartet!

Let’s go.

Von Pfützen und anderen Fallmaschen

Was für einen Stuss ich da schreibe. Wieso mir wohl nix kluges einfällt? Vielleicht weil ich mir erlaube, mal absichtslos drauflos zu schreiben. Einfach schreiben. Ist anfangen wirklich so einfach? Ich zweifle. Aufhören wäre jetzt einfacher. Obwohl unfertig. So unfertig wie alles im Leben. Jeder Tod kommt zur Unzeit, las ich einmal. Wir sollen drum immer so leben, dass uns der unzeitige Tod nicht zur Un-Unzeit ereilen könne. So ein Quatsch. Das will ich nicht, nicht mehr. Will so leben, als würde ich ewig leben und mir dennoch der Vergänglichkeit, meiner Sterblichkeit bewusst sein. Weniger weniger weniger, statt immer mehr mehr mehr. Wäre besser. Geh in deinem Kreis zurück. In die Mitte. Dahin, wo du herkommst. Und lebe dennoch mit ganzer Hingabe ans Leben.

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Wieder begann sie zu hüpfen. Wenn es doch schon so Tage gab, wo sie hüpfen mochte, dann musste sie hüpfen. Sah ja niemand hin. Hier nicht. Später, unten im Dorf, konnte sie noch immer normal gehen. Normal. Schon wieder so ein Wort. Eins das sie am Hüpfen hinderte. Normale hüpfen nicht. Normale gehen normal. Schritt für Schritt. Normale schlugen keine Haken, wie sie das jetzt tat, wo der noch immer regennasse Weg, sie doch dazu aufforderte. Pfützen hatte sie schon als Kind gemocht. Im Gegensatz zu heute war sie damals aber dem trockenen Land um die Pfützen herum ausgewichen. In die Pfützen hinein gesprungen. Wer am weitesten spritzen konnte, hatte gewonnen. Gedanken, die sie wieder hüpfen ließen. Verspielte Gedanken machten sie hüpfen, normale Gedanke ließen sie gehen. Normal sein war gezähmt sein. Hatte sie wirklich sechsundzwanzig Jahre alt werden müssen, um das zu begreifen? Das Mädchen, das noch immer in ihr lebte, kicherte.

Ob ich Sabine und Alina dazu überreden soll, statt ans Fest mit mir in die Jakobshöhle zu gehen?, fragt sie sich. Ob die Kerzenstummel noch da waren? Vielleicht war sogar die alte Decke noch hinter dem Felsvorsprung versteckt, wo sie immer gelegen hatte. Vielleicht waren inzwischen andere Kinder dort eingezogen? Wie lange sie schon nicht mehr dort gewesen war! Kinderzeug, würde Alina sagen. Lass uns ans Fest gehen. Dort läuft was.

Und sie würde mitgehen. War das die Freiheit? Was wollte sie wirklich? Jetzt? Ihr Schritt hatte sich verlangsamt.

(Schreibmarathon 2010, 24.4.)

Rezepte gegen Längizyti

Wenn deine Gedanken ständig in die Ferne schweifen …
Wenn du zwischendurch am liebsten ganz woanders wärst …
Wenn dein Scheff/deine Scheffin schon zum dritten Mal die gleiche Frage stellt, bis du endlich merkst, dass er/sie neben dir steht, was du selbst in diesem Moment ja auch irgendwie tust …
Kurz, wenn du Längizyti nach deinem/deiner Liebsten hast … Tja, was dann?

Mein Survivalkit für alle Fälle:

Ich lese alle Bücher, die sich im Gestell stapeln, besonders jene, die ich bei ihm abgestaubt habe (Vorsatz).
Ich überarbeite endlich mein Manuskripte „Loch im Eis“ zu Ende (sehr guter Vorsatz).
Ich unternehme auch ohne ihn tolle Fotoausflüge (ziemlich guter Vorsatz).
Ich höre mir all die Musik, die wir gemeinsam mögen, an und träume dazu (bereits ansatzweise umgesetzt).

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Y0QZ_AnOZsY&feature=related]

Ich lenke mich mit Arbeit ab (unausweichlich).
Ich lege mich müßiggängerisch aufs Bett und schnuppere an seinem Ti-Shi, das ich ihm geklaut habe (immer wieder umsetzbar).
Ich gucke mir unsere Bilder an, seine und meine (Vorsatz).
Ich lese und hüte sein Blog (bereits umgesetzt und immer wieder umsetzbar).
Ich besuche oder lade all jene Leute ein, die jammern, dass ich mich rar gemacht hätte (Vorsatz).
Ich genieße die Alleinsamkeit, ohne welche Zweisamsein nur halb so schön wäre (sehrsehrsehr guter Vorsatz).

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Beipackzettel oder fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Apotheker.