das Buch

Von seiner Bilderjagd bringt J. heute Abend ganz überraschend neben den knapp zweihundertfünfzig Bildern mit Berns Straßenschildern auch ein Buch mit. Die Jagd. Gebraucht und zerlesen. Von Martin Walser, einem Autoren, dem ich bisher aus dem Weg gegangen bin. Wie ich es oft bei allzu hochgelobten oder allzu runtergemachten Schreiberlingen tue. Reine Vorurteile natürlich. Nicht dass mich der Plot der Geschichte besonders reizt, aber mich spricht Walsers Sprache an. Ich mag dichte kurze Sätze, lese ein paar Abschnitte und schaue mir das Impressum an.

Das Buch, so illustriert mir J. anhand eines Bildes, hat er buchstäblich auf der Straße gefunden.
In einem Koffer. Mit der Aufforderung „zum Mitnehmen“. An der Ju….straße, sagt J.

Soweit so gut. Wenn da bloß nicht diese Widmung drin wäre und das Herz hinter dem Männernamen. Das Buch ist zudem signiert und, das Beste, die im Erscheinungsjahr des Buches, 1988, beschenkte Dame hat oben rechts auf der ersten Seite ihren Namen hingeschrieben, da sie das Buch bestimmt Freundinnen und Freunden ausgeliehen hat.

Ich nehme mein iFon zur Hand, öffne die Telefonbuch-App und gebe auf Geratewohl ihren Namen ein. Es gibt exakt eine Frau in der ganzen Schweiz, die diesen nicht mal besonders ausgefallenen Namen trägt. Und sie wohnt, wen wundert’s, an der Ju…straße.

Frage ich ihre Telefonnummer ab, erscheinen auch prompt zwei Namen. Doch nein, der zweite ist nicht jener Männername vor dem Herz in der Widmung. Ein neuer Mann.

Wer sie wohl ist, T., die ihre handsignierte Jagd einfach auf die Straße legt? Und wo hat T. damals, vor dreiundzwanzig Jahren, gelebt, gejagt, geliebt und gelesen?

Was wird mit all meinen Büchern geschehen, die in den Taschen fürs Brockenhaus bereit liegen?

Ja, ein Buch kann mehr als bloß jene eine Geschichte erzählen, die auf seine Seiten gedruckt worden ist.

La cigale et la fourmi

Da war diese Fabel. Im Französisch-Lehrbuch oder in einer unserer unzähligen Klassenlektüren. Was im Grunde egal ist. Sie war auf einmal da. Seither hockt sie in meinem Hinterkopf. Eines meiner kleinen Monsterchen namens la cigale et la fourmi.

Öl auf die Mühlen meines pubertären, sich entwickelnden Gerechtigkeitsempfindens. Die tolle, begabte, begnadete Grille, die den Mut hatte, das Leben zu genießen und auf das Rackern – um der Kunst willen – verzichtete! Wie arm sie am Schluss der Geschichte dran war! Daneben die reiche Ameise, die den Sommer über Vorräte gesammelt und an die Zukunft und an den kalten Winter gedacht hatte. Inbegriff des Kapitalismus. In dieser moraltriefenden Geschichte jene Figur, die auf der richtigen Seite steht.

Noch heute identifiziere ich mich mit der Grille. Wie sie habe ich eine Affinität zu Kunst, zu Schöngeistigem, zum Denken und Spinnen, zu Literatur und Schriftstellerei, zu Ausdruck, Weben und Genuss, kurz zum gegenwärtigen Sein. Schon nach Ende meiner Ausbildungen habe ich immer nur Teilzeit gearbeitet, auf die Karriereleiter verzichtet, kaum was auf die Seite gelegt und die freie Zeit für Kreatives als meinen großen Reichtum betrachtet. Meinen Ameiseneltern und ihrem Erbe verdanke ich es wohl, dass ich nicht verarmt bin. Alle stehen wir auf der richtigen Seite.

Es gibt für jedes Problem eine Lösung!, hat mir mein Vater mit auf den Weg gegeben. Bloß nicht aufgeben.

Auch Grillen müssen leben!, denke ich.

Und wenn Grillen und Ameisen miteinander teilen, was sie haben und was sie können, besteht Hoffnung – für beide Seiten.

(Notiz an mich: Eine Ameise! Wo ist meine Ameise? Ein Königreich für eine Ameise!)

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Heute habe ich diese alternative Version aus dem Netz gefischt:

„Es war einmal eine Grille, die das Leben liebte und mit ihren Freunden viel Spaß hatte. Diese Grille war durchaus bereit, eine ihr gemäße Arbeit anzunehmen, aber es stellte sich heraus, dass keiner der vielen Arbeitsplätze, die ihr angeboten wurden, für sie zumutbar war. Die Arbeitsagentur bestätigte sie in dieser Auffassung. Mit Verachtung blickte die Grille auf eine ihr bekannte Ameise, die sich bedenkenlos von den Kapitalisten ausbeuten ließ, und dies für eine Hand voll Euros. Die Grille zog es vor, ihre Zeit den schönen Dingen des Lebens, wie Wein, Weib und Gesang, zu widmen.

Es kam der Winter und die frierende Grille berief eine Pressekonferenz ein, in der sie zu wissen verlangte, ob es mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit vereinbar sei, dass die Ameise ein großes beheiztes Haus hat und Nahrungsvorräte im Überfluss, während andere in der Kälte litten und hungerten. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen zeigte Bilder der fröstelnden Grille und in starkem Kontrast dazu Aufnahmen der Ameise in ihrem gemütlichen Heim vor einem Tisch voller Speisen. Führende Kommentatoren der Tagespresse zeigten sich schockiert über diesen krassen Gegensatz und fragten: „Wie ist es möglich, dass in einem so reichen Land so viel Armut zugelassen wird?“

Der Fall erregte landesweite Aufmerksamkeit und bald schaltete sich NEID (Nationale Einheitsgewerkschaft der Insekten Deutschlands) ein, deren Vertreter in einer populären Talkshow darauf hinwies, dass die Grille, die unübersehbar eine grüne Körperfarbe hat, das Opfer einer bisher schon immer latent vorhandenen Grünenfeindlichkeit geworden ist. Bekannte Persönlichkeiten der Popmusik gründeten die Initiative „Rock für Grün“ und alle Welt war gerührt, als ein von der britischen Königin geadelter Popstar auf einem Konzert dieser Bewegung das eigens für diesen Anlass komponierte Lied „It’s Not Easy Being Green“ anstimmte.

Sowohl Vertreter der Regierungs- als auch der Oppositionsparteien nutzten jeden öffentlichen Auftritt, um ihre Warmherzigkeit und ihr Mitgefühl zu zeigen, indem sie erklärten, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun würden, um der armen Grille ihren gerechten Anteil am allgemeinen Wohlstand zu verschaffen, dass die hartherzige Ameise es lernen müsse zu teilen und dass Einkommensunterschiede immer ein Ausdruck von Ungerechtigkeit sind.

Die Bundesregierung, der von Journalisten immer wieder vorgeworfen worden war, dass sie dieses brennende Problem aussitzen wolle, zeigte ihre Handlungsfähigkeit und legte im Bundestag ein „Gesetz zur wirtschaftlichen Gleichstellung grüner Insekten“ vor, das Ameisen mit einem Solidaritätszuschlag auf deren Einkommensteuer belegte. Dieser Gesetzesvorschlag wurde von allen Parteien des Bundestages angenommen. Von nun an lebten alle Mitglieder der Volksgemeinschaft in mitfühlender Geschwisterlichkeit und niemand störte es, dass aus unerklärlichen Gründen die Wirtschaftsleistung des Landes von Jahr zu Jahr zurückging.“

Quelle: http://www.mehr-freiheit.de/satire/solidar.html

Von wichtigen Büchern und andern Geschichten III

(Teil 1 – hier klicken)
(Teil 2 – hier klicken)

Erzähl mir ein Märchen!, sagte das Kind. Ja, es war die Stimme eines Kindes, ohne Zweifel, die unser Märchenbuch in den Ohren gekitzelt und aus dem Dämmerzustand geweckt hatte. Kaum hatte es den Satz gehört, machte sein staubtrockenes Herz einen Sprung. Einen klitzekleinen nur, denn da wo es saß, war es eng. Seine Augen richteten sich nach innen, dorthin, wo die Essenzen der Märchen lebten und blinzelten sie wach. Vibrierend öffneten diese ihre Sinne, die wir uns am besten wie Blütenknospen vorstellen, welche vom Sonnenlicht berührt werden.

Erzähl mir ein Märchen, Onkel Marcel! Biiitteee!, sagte das Kind nun wieder. Hartnäckiger diesmal.

Schritte im Raum. Sie kamen näher. Das Märchenbuch pulsierte. Die anderen Bücher drängten sich in den Vordergrund und boten sich den Händen dar, die über die Buchrücken strichen.

Da muss doch noch mein altes Märchenbuch sein. Irgendwo. Einen Moment. Aha, da! Als das Märchenbuch die Hände seines Menschen an seinem Rücken ziehen fühlte, war alles wieder da. Hellwach. Diese Hände würde es nie vergessen. Der Mann und das Kind, es war ein kleines Mädchen, hatten es sich im Sessel bequem gemacht.

Schau, aus dieses Buch hat mir meine Mama vorgelesen. Deine Oma. Jeden Abend. Das Mädchen klatschte vor Aufregung in die Hände und streichelte über das Bild auf der Vorderseite. Ein Schloss. Bäume. Ein Hirsch im Hintergrund, der seinen Blick auf das Schloss gewandt hat.

Marcel öffnete das Buch. Er blätterte sich von Seite zu Seite, atmete den Duft aus Bücherstaub und Kindheit ein und schien vergessen zu haben, dass seine Nichte auf seinem Schoss saß. Ich werde dieses Buch wieder lesen, dachte er. Wieder und wieder.

Erzähl mir ein Märchen …, bettelte das Mädchen zum dritten Mal. Und Marcel erzählte.

Von wichtigen Büchern und andern Geschichten II

(Teil 1 – hier klicken)

Woher kommst du?, fragten die andern. Wie bist du ausgerechnet hier, bei uns, gelandet? Du bist anders als wir!, meinten sie, sagten sie aber nicht. Das Märchenbuch verdrückte leise Tränen. Unsichtbar, denn Märchenbücher weinen schließlich nicht. Es sehnte sich nach den anderen Büchern, Kinder- und Jugendgeschichten, die früher Rücken an Rücken mit ihm hier gestanden hatten. Der Abschied war längst Geschichte. Von Brockenhaus war die Rede gewesen und unser Märchenbuch wusste heute nicht, ob es lieber mit den anderen gegangen wäre. Natürlich hatte es sich damals geehrt gefühlt, bleiben zu dürfen, als einziges. Warum auch immer. Naiv wie es gewesen war.

Als jedoch die Neuen nach und nach das Gestell erobert hatten, war es immer schweigsamer geworden. Und beinahe unsichtbar. Wenn sein Mensch den Raum betrat, hörte es schon gar nicht mehr hin. Früher hatte es auf seinem Nachttisch gelegen und seine Mutter hatte Abend für Abend aus ihm vorgelesen. Geschichte für Geschichte. Immer wieder von vorne. Sie waren Freunde gewesen. Fürs Leben. Hatte es gemeint. Bis es sich eines Tages im Büchergestell wiederfand. Für immer.

(Fortsetzung folgt)

Von wichtigen Büchern und andern Geschichten I

Es war einmal ein Märchenbuch. Wie alle Märchenbücher auf dieser Welt liebte es nichts mehr, als seine Geschichten mit kleinen und großen Kindern zu teilen. Es sehnte sich danach erzählt und es sehnte sich danach, gehört zu werden. Wenn etwas, das wir gerne tun, nicht getan werden kann, wird aus dieser Liebe Sehnsucht. Sehnsucht danach, wieder tun zu dürfen, wozu wir da sind. Nicht anders ging es unsrem Märchenbuch. Denn was nützte es einem Märchenbuch, da zu sein, aber nicht erzählt zu werden? Und was nützte es ihm, erzählt zu werden, doch von niemandem gehört zu werden?

Unser Märchenbuch war zuerst sehr traurig als seine Geschichten nicht mehr gefragt waren. Es war zwar da, wunderbar und zauberhaft wie alle Märchenbücher auf dieser Welt, doch niemand sah es. Das Märchenbuch lebte auf einem wunderbaren Büchergestell. Lebte mitten unter anderen Büchern, in denen jedoch keine Märchen wohnten. Die anderen Bücher erzählten Geschichten über das wirkliche Leben. Es waren wichtige Bücher. Ernsthafte Bücher. Nicht immer sehr nette Bücher, ironische auch. Hin und wieder lachten sie das Märchenbuch aus, das so gar nichts dafür konnte, dass es ein Märchenbuch war und sich in solchen Momenten dafür schämte eins zu sein. Die einen Bücher gaben mit den Dramen an, die sie zwischen ihren Buchdeckel horteten. Andere erzählten von Liebe, wieder andere von alten Zeiten. Alle waren sehr von sich überzeugt und davon, dass sie ein wichtiges Dokument dieser oder einer vergangenen Zeit seien, Es gab nichts wichtigeres, als über diese Welt zu erzählen. Das Märchen war zwar nicht gleicher Meinung, doch seine Meinung war definitiv nicht gefragt.

(Fortsetzung folgt)

am gleichen Tisch

Frau Machbar und Frau Schicksal saßen zusammen am gleichen Tisch. Wie immer am Dienstag. Gar wichtiges hatten sie zu besprechen.

Was mischst du dich aber auch immer in die Angelegenheiten der anderen ein?, fragte Frau Machbar ihre Nachbarin nicht zum ersten Mal, wohlwissend, dass die anderen ihre Frage nicht beantworten würde. Was sag ich da der andern? Die ganze Welt mischst du auf! Wenn ich etwas nicht verstehen kann, dann dich.

Und du erst?, entgegnete Frau Schicksal. Du redest den Menschen ein, dass sie alles selbst in der Hand haben. Dass sie an ihrem Wohl und Weh selbst Schuld oder von mir aus Unschuld haben. Dass sie das Geschick der ganzen Erde lenken können. Selbst Schicksal spielen. So kann das nicht mehr weitergehen.

Es klopft an die Türe. Beide stehen auf und gehen in den Flur. Frau Machbar öffnet die Türe. Draußen steht Frau Serendipität. Sie kichert verlegen.
Verzeiht, ihr beiden, meine Verspätung zu unserem Kaffeekränzchen. Ich hatte zu tun. Ganz unvorhergesehen. Ungeplant, wie immer, ihr wisst schon. Musste ein klein bisschen nachhelfen. Sie grinst. Ach übrigens, habt ihr eigentlich Großmütterchen Vorsehung heute nicht eingeladen? Sie sitzt auf der Bank unten auf dem Hof an der Sonne und klatscht fortwährend in die Hände. Genau so, genau so, flüstert sie mit strahlenden Augen.

Betreten schauen Frau Schicksal und Frau Machbar aus dem Fenster und begreifen, dass sie ihre Kollegin einmal mehr vergessen haben.

Die Frau ohne Garten

Grün und wild. Büropause-Raum und Aufenthaltsraum für warme Tage. Das war er, unser wildüberwachsener Innenhof. Doch kaum war in diesem Frühling der letzte Schnee geschmolzen, hatten die ersten Handwerker Gerüste an den Hausfassaden der umliegenden Häuser hochgezogen. Den Innenhof hatten sie verwüstet, indem sie alles, was ihnen im Weg stand, rodeten. Das eine oder andere Kraut blieb standhaft, die eine oder andere Staude ließ sich nicht auf diese Powergames ein. Noch nicht. Doch bereits war Morast, wo früher Gras gewachsen war, vom Regen mehr und mehr aufgeweicht, so dass wir nicht mehr draußen unsere Stühle aufstellen konnten. Machte eh keinen Spaß mehr, denn dazu war es draußen eh viel zu laut. Ringsum wurde geschliffen, gemalt und gehämmert, dass es einem Angst und Bange wurde und jede und jeder von uns musste ab und zu einen Anruf unterbrechen. Obwohl die Fenster und Türen geschlossen waren. Ich kann Sie nicht verstehen, einen Moment bitte!

Nachdem das Haus frischgestrichen, die Gerüste wieder entfernt und die Fensterläden samt neuen Lärmschutzfenstern montiert waren, ging es unserem wilden Chaos-Garten erst richtig an den Kragen. Wortwörtlich. Die Nachbarin mit dem Pferdeschwanz litt jeden Tag mehr. Noch im Frühling hatte sie, wider besseres Wissen, eigenmächtig neue Stauden gesetzt. Wie jedes Jahr. Da und dort hatte sie Töpfe aufgestellt und sich um die Rosen gekümmert, die sich wild an der Teppichstange hochgewunden hatten.

Nun wurde alles ausgerissen. Alle Bäume wurden gefällt. Der ganze Innenhof wurde wortwörtlich dem Erdboden gleich gemacht. Hätte eine Bombe eingeschlagen, hätte es kaum schlimmer aussehen können. Wenn schon mein Herz blutete, wie sehr muss es ihr wehgetan haben, der Frau mit dem Pferdeschwanz, die doch alles mit ihrem grünen Daumen und ihrer Hingabe gehegt und gepflegt hatte. Sie war oft draußen gewesen, ihr Anblick machte sie mir vertraut, auch wenn ich sie – bis auf die täglichen Grüße – nicht näher kennen gelernt habe. Eine zeitlose Frau. Vielleicht arbeitslos. Vielleicht ohne Aufgabe, ohne Herausforderung. Außer jener, die Umwelt, in der sie lebt, mitzugestalten. Und nun wurde alles, was ihr lieb war, dem Erdboden gleich gemacht. Erdboden? Unter der kaum einen halben Meter tiefen Erdschicht liegen Tiefgaragen. Unten ist oben. Der Erdboden ist das Dach der Garagen. Es gibt immer ein noch tiefer unten. Und ein noch weiter oben.

Auch die Oberlichter wurden erneuert und der Boden – oder das Dach? – frisch betoniert, abgedichtet, was weiß ich … Alles neu und Hauptsache Lärm schien das Motto dieser Gesamterneuerung. Letzte Woche nun kam die Gartencrew und füllte den Erdboden mit herbei gekarrter Erde auf. Wie den Sandhaufen eines Riesen. Die Erde wurde mit schweren Planierrollen plattgewalzt auf dass es dem englischen Rasen, der darauf gesät wurde, an nichts fehle.

Wir werden Schmetterlingsblumen säen!, beschlossen meine Büronachbarin A. und ich. Ja, das tun wir, nachts. Subversiver Akt. Stadtguerilla.

Heute sah ich sie wieder, die Frau mit dem Pferdeschwanz. Sie grüßte mich nicht. Nicht weil sie mich nicht sah, sondern weil sie nicht mehr hinsehen konnte. Den Kopf hatte sie zu Boden gesenkt. Waren das Tränen in ihren Augen? Dann sah sie doch auf und schaute sich um, schaute sich die neuen, akkurat gepflanzten, jungen Bäume und Designerstauden an. Ein kaum merkliches Kopfschütteln. Ungläubig. Artige Parklandschaft statt wie früher Lebensraum. Keine Biotope mehr, weder für Menschen noch für Tiere.

Die Frau mit dem Pferdeschwanz habe, sagte M. in der Pause, Rosen setzen wollen, auf eigene Kosten, auf eigene Faust. Sie habe von der Liegenschaftsverwaltung eine Kündigungsandrohung erhalten.

Multikulturelle Wäscheleine

Genau so muss der Titel lauten, beschließe ich beim Aufhängen der letzten schwarzen Socke. Und schon während ich das Treppenhaus hochsteige, steigen sich Sätze und Wörter gegenseitig auf die Schultern. Ich, ich, ich!, rufen sie und wollen alle gesehen werden. Und geschrieben. Darum starte ich subito den Laptop auf …

Doch dann verbummle meine freie Zeit mit Lesen und Surfen. Mails und Blogs. Auf einmal fällt mir unsere Wäscheleine da draußen wieder ein. Und warum ich den Laptop überhaupt eingeschaltet habe. Die Wäscheleine.

Okay, es war auch wegen der Bilder, wenn ich ehrlich bin. Unser Jubiläumsfest-Fotograf, versprach gestern, mir heute ein Bild von mir zu mailen. Die andern Bilder seien erst Ende Woche bereit. Von wegen bearbeiten und so. Echt, das Bild gefällt mir. Nein, ich zeige es euch nicht, es gefällt mir trotzdem. Meine Fotogenität hält sich – finde ich – in Grenzen. Aber der Typ – und natürlich immer wieder mein Liebster – machen es möglich, dass ich Fotos von mir angucken kann und sagen:
Doch, das fühlt sich so an, wie ich mich ungefähr fühle – kongruent irgendwie.

Ihr wisst schon: da ist doch immer dieses Außenbild – wie ich mich von außen wahrnehme. Wie ich glaube, zu wirken. Wie ich meine, dass andere mich von außen sehen. Im Grunde eigentlich sch…egal, doch wer ist schon immun gegen solche Gedanken? Sowieso ist dieses Außenbild kaum mit dem inneren Bild kongruent. Denn innendrin fühle ich mich zuweilen sehr mädchenhaft, übermütig und irgendwie einfach nicht fünfundvierzig. Nicht auf die Art fünfundvierzig, wie ich früher, jünger, von unten herauf gedacht hatte, dass sich fünfundvierzig anfühlen müsste. Von außen sehen die Leute einfach eine durchschnittliche Frau von fünfundvierzig. Eine immerhin, die sich oft aufführt als wäre sie zwanzig Jahre jünger. Oder wahlweise älter, denn dann darf frau auch wieder so tun.

Auf dem Weg zur Arbeit gedacht: Das ist mal wieder so ein Tag, an dem mir alles ein bisschen leichter fällt. Herbstmorgengoldenes Licht auf dem Radweg. Das richtige Lied im Ohr, Shuffle sei Dank. Und schon bin ich im Büro und habe Spaß an der Arbeit.

Aber ich schweife ab. Die multikulturelle Wäscheleine. In unserem Hof, zwischen meinem und den Nachbarhäusern gelegen, steht eine dieser omnipräsenten Wäscheleinegestänge, wie es sie auf Hinter- und Zwischenhöfen überall auf der Welt gibt. Bei den Stangen, die zu meinem Haus gehören, fehlen allerdings die Leinen für die Wäsche. Deshalb hängen alle Leute von allen vier Häusern ihre Wäsche an die eine Nachbarhaus-Wäscheleine.

Wen kümmert‘s? Viele sind es eh nicht, die sich diese Mühe nehmen. Darum ist es ein Novum, dass gleich drei Parteien gleichzeitig – so wie heute Nachmittag – ihre Wäsche draußen aufhängen. Verdanken tun wir es wohl dem wunderbaren Altweibersommer …

Meine Wäsche hängt nun in der Mitte. Bunte Kleider, Frottierwäsche, schwarze Slips und so weiter. Alles an bunten Klammern. Die Wäsche rechts von meiner, die erstgehängte, ist akkurater ausgerichtet als meine und nach Farben getrennt. Vor allem Weißwäsche. Leintücher, weiße Unterwäsche, Geschirrtücher aus Leinen. Sag mir, was du wäschst und ich sage dir, wer du bist. Ältere Leute vermute ich.

Egal, wir hängen alle an der gleichen Leine.

Die drittgehängte Wäsche gehört einer jungen Frau aus Osteuropa. Sie hängt synthetische Sporthosen auf. Und ebensolche Jacken. Blau. Sorry, die Klischees stammen nicht von mir. Wir grüßen uns, reden drei Sätze. Ja, es hat genug Platz, sagt sie, denn ich habe nachgefragt. Sie stammt aus dem richtigen Haus. Ich bin die Wäscheleine-Asylbewerberin und im Boot ist noch Platz.

Die gleiche Leine, drei Kulturen. Drei Generationen sogar. Ich mittendrin.

Die ganze Welt auf hundert Metern Draht vereint.

schon zwei Jahre – oder erst?

Seit zwei Jahren sei sie hier. Sie und die beiden Kinder. J.s Augen leuchten. Auch die zwei Kleinen strahlen mich an. Wunderschöne Augen haben sie. Alle vier. Glänzend. Herzlich. B., das Mädchen, das rechts neben mir sitzt, sagt, sie sei sechs und streckt mir zur Illustration sechs Finger entgegen. Sie spricht ziemlich gut deutsch. Kein Wunder, denn sie geht ja in den Kindergarten. Ihr Bruder sei dreieinhalb, klärt sie mich auf. Wieder mit Fingern. Sie, die Große, wird bald einmal die Übersetzerin der Familie sei. So ist es oft. Im Flüchtlingszentrum, wo ich früher gearbeitet hatte, waren es fast immer die Kinder gewesen, die eine Brücke zwischen ihren Eltern und dem neuen Land Schweiz mit seinen Menschen und Behörden hier schlugen. Diese Schweiz, dieser vermeintlich sichere Ort. J. und V. erzählen mir von einer Explosion, die am Vormittag in ihrer Heimat Sri Lanka zweiundsiebzig Menschen das Leben gekostet habe. Zuerst glaube ich, es sei ein Attentat gewesen.

Der Krieg ist doch vorbei …, sage ich.
Nein, kein Krieg, Chemie …,
sagt V.. Mit Gesten illustriert er einen Knall. Beine weg, Arme weg. Sein Deutsch ist weniger gut als das seiner Frau, obwohl er schon ein Jahr länger hier ist. Er studiere jetzt intensiv deutsch, bei ihr, und zeigt auf S., die links von mir sitzt. Eine unserer Deutsch-Kursleiterinnen. Auch als er mir vom Tod seines Bruders und seiner großen überall verstreuten Familie, lächelt er. Ein wenig. Sein offenes Lachen mit den leuchtendweißen Zähnen im dunklen Gesicht täuscht dennoch nicht über die leise Trauer hinweg, die von ihm ausgeht. Ob sie zurückkehren möchten, frage ich, wenn das Land wieder friedlicher geworden ist. J. zögert keinen Moment und sagt ja. Um gleich darauf zu verstummen. Sie schaut ihre zwei Kinder an, zuckt die Schultern und sagt:
Hier ist vieles besser. Gute Schulen. Neue Freunde. Der kulturelle Garten, wo ich mitmache.

S., die Kursleiterin, stammt aus dem Schwabenland. Der Liebe wegen ist sie in Bern. Wir diskutieren die Schwierigkeit, eine fremde Sprache zu erlernen. Auch ist eine Hochsprache noch lange keine Alltagssprache. Ich erinnere mich, dass ich mal bei einem Besuch in der Pfalz von einer Bekannten J.s folgendes zu hören bekam:
Ach, so klingt also schweizerdeutsch!
Na ja,
antwortete ich darauf, das ist eigentlich hochdeutsch. Höher kann ich nicht. Okay, das sagte ich zwar nicht, aber ich dachte es.

Beim Abschied küsse ich J. herzlich auf die Wangen. Ihre würdige Ausstrahlung und ihre klare Haltung machen es mir und uns leicht, sie und ihre Familie in unserem Land willkommen zu heißen. Das Privileg, in einem Land wie der Schweiz geboren worden zu sein, ich schätze es erneut und es beschäftigt mich, während ich mit dem Service-Stundenlöhner H., den wir immer mal wieder für kleine handwerkliche Aktionen anfragen, Teller abräume. Er sei Glasbläser gewesen, sagt er. Im Iran. Hier habe er noch keine Arbeit. Er möchte gerne. Und er ist geschickt. Aber hier ist er fremd. Zwar in Sicherheit, doch fremd. Was er nicht ausspricht.
Bitte ruf mich wieder an, ich helfe gerne, sagt er beim Abschied.

All die Begegnungen des gestrigen Abends – ich habe sie genossen. Auch dass an unserem Jubiläumsfest alles rund gelaufen ist, freut mich sehr. Zweimal Scherben gab es, doch die haben offenbar Glück gebracht. Die ersten kreierte ich. Eine der Blumenvasen – samt Blumen –, die ich in mein knallvolles Sternchen* tragen wollte, rutschte mir aus der Hand. Mist! Eine Leihgabe des Blumenladens.
Das macht nichts, sagte die Floristin. Das kann vorkommen. Leid tat es mir trotzdem.

Die zweiten Gläser kaputtete Kollegin G. mit ihrer Tasche, als sie am Büffet entlang schleichen wollte. Mitten im multikulturellen Märchen, das während des Apéros erzählt wurde. Genau in jenem Moment, als es im Märchen einen lauten Knall gab. Wie passend!

Beim Abschied bedanken sich alle möglichen Leute – Mitarbeitende ebenso wie Geladene – bei mir für die tolle Organisation. Mein Scheff, seine Liebste und ich sind die letzten. Wir bringen die Sachen ins Büro zurück. Aufgeräumt wird aber erst am Montag.

Danke!, sagt mein Scheff, ohne dich wäre ich verloren gewesen.
Gleichfalls!,
sage ich. Wir grinsen.

Ach ja, Grappa gab’s diesmal keinen. Nein, nicht weil ich ihn versteckt habe. Wie auch! Der Scheff hat schlicht vergessen, welchen zu kaufen. Kann vorkommen. Und dass das die einzige Panne war – neben der Scherben –, ist doch auch was!

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* Sternchen nenne ich mein japanisches Auto mit dem englischen Namen. Es heisst eben so, auf Deutsch …

Freiheit und so

Als Lia nachschaute, waren alle weg. Alle! Weg! Spurlos!
Wie sollte sie ohne sie alle bloss arbeiten können? Etwa alles selber machen? Von Hand ihre Gewebe spinnen?

Nach anfänglicher Übermut machte sich langsam aber sicher Panik breit.
„Wo sind wir überhaupt?“, fragt die Erste.
„Wir werden uns verirren!“, sagte Nummer zwei.
„Was soll bloss aus uns werden?“, fragte die Dritte.
„Und das also nennt sich Freiheit?“, wollte der Vierte wissen.
„Ich friere!“, sagte die Fünfte.
„Was wollt ihr denn?“, erkundigte sich Nummer sechs, verantwortlich für die Flucht. „Zurück? Wieder jeden Tag verkannt ausharren? Wie bisher dieses Begrabschen erdulden? Erinnert euch wer ihr seid!“

Die anderen murrten kleinlaut vor sich hin. Freiheit hatten sie sich anders vorgestellt. Freier, übermütiger, autonomer. Sie hatten zwar einander, doch das Netz war rissig …

Lia wob weiter. Ohne ihr Team. Fühlte sich allein. Verlassen. Gut, sie musste zugeben, sie hatte die Anwesenheit ihrer Mitarbeitenden zu selbstverständlich genommen. Hatte gemeint, dass sie alle im gleichen Boot sässen. Hatte oft genug – geradezu gedankenlos – auf ihnen herumgehackt.

Dankbar dachte sie an die vielen schönen gemeinsamen Stunden zurück, doch schien ihre Wahrnehmung derselben einseitig gewesen zu sein, wie sie nun erkennen musste. Waren sie aus Abenteuerlust verschwunden oder wollten sie etwas demonstrieren? War es ein Streik? Lia setzte sich auf. Fragte sich, wie und ob sie diese verrückte Bande zurückholen konnte. Sie vermisste jeden einzelnen … Genau! Sie würde ihnen einen Brief schreiben. Und zwar von Hand.

„Ich habe Post für Euch!“, murmelte Pit, der Brieftauber, am nächsten Tag mit vollem Mund und liess einen dicken Umschlag aus seinem Schnabel zu Boden segeln. Es regnete, so dass dieser in einer Pfütze landete. Alle hechteten sofort hin und begannen zu tuscheln.

„Von ihr! Mach endlich einer auf … !“ So viele waren sie, dass niemand wirklich wusste, wem diese Aufforderung nun galt. Jeder gab sie weiter. Nummer sechs fühlte sich für die derzeit herrschende Missstimmung und das ganze Schlamassel verantwortlich. Stundenlang hatten alle auf ihr herumgehackt. Deshalb trat sie nun vor und öffnete sorgfältig den schönen Umschlag.

War sie von der Traufe – wie der Brief hier – nicht buchstäblich im Regen gelandet?

„Ihr Lieben! Gleich zuerst will – ja muss! –  ich Euch nachdrücklich sagen, dass ich Euch nicht brauche! Ehrlich! Ich kann ohne Euch leben. Doch wisst ihr was? Ich vermisse Euch sehr! Jede einzelne! Jeden einzelnen!

Ich begreife erst jetzt, wie reich und kostbar ihr mein Leben gemacht habt. Offensichtlich beruhte dies bis anhin nicht auf Gegenseitigkeit, wie ich heute traurig festgestellt habe. Da verbrachte ich doch meine bisherigen Tage im irrigen Glauben, mit Euch eine gemeinsame Form des Ausdruckes, der Kunst gar, gefunden zu haben. Wie frau sich täuschen kann. Doch ich verstehe schon, dass ihr es möglicherweise anders empfunden habt. Mir bleibt nichts übrig als Euch ziehen zu lassen, so ihr das vorhabt. Dazu wünsche ich Euch eine gute Reise.

Falls Ihr jedoch zurückkehren wollt, werde ich Euch mit offenen Armen empfangen und Euch zukünftig mit mehr Respekt und Achtsamkeit wertschätzen. Versprochen!

Herzlich grüsst Euch Lia“

Nummer sechzehn schnüffelte vor Rührung. Nummer sechs schaute sich um, sah lauter betretene Gesichter.
Natürlich wurde es demokratisch beschlossen.
Ebenso wie der Streik.
Oder die Flucht.
Oder die Reise.
Oder das Abenteuer.

Wie gesagt, sie machten alles demokratisch. So gut es eben ging. Denn Nummer sechs, auch F genannt, hatte manchmal schon so ihre Allüren. Und R war oft unzimperlich. B hingegen war verträumt und N reichlich wehleidig.

Als Lia am nächsten Morgen nachschaute, waren sie wieder da. Sie streichelte jeden einzelnen sanft.
„Wir sind doch ein Team!“, flüsterte sie dankbar.
„Auf zu neuen Taten!“, sagte Ausrufezeichen munter. L nickte bestätigend und F tat, als hätte sie ihren Platz auf der Tastatur nie verlassen.

(Quelle: Textarchiv von Sofasophia)