Seit zwei Jahren sei sie hier. Sie und die beiden Kinder. J.s Augen leuchten. Auch die zwei Kleinen strahlen mich an. Wunderschöne Augen haben sie. Alle vier. Glänzend. Herzlich. B., das Mädchen, das rechts neben mir sitzt, sagt, sie sei sechs und streckt mir zur Illustration sechs Finger entgegen. Sie spricht ziemlich gut deutsch. Kein Wunder, denn sie geht ja in den Kindergarten. Ihr Bruder sei dreieinhalb, klärt sie mich auf. Wieder mit Fingern. Sie, die Große, wird bald einmal die Übersetzerin der Familie sei. So ist es oft. Im Flüchtlingszentrum, wo ich früher gearbeitet hatte, waren es fast immer die Kinder gewesen, die eine Brücke zwischen ihren Eltern und dem neuen Land Schweiz mit seinen Menschen und Behörden hier schlugen. Diese Schweiz, dieser vermeintlich sichere Ort. J. und V. erzählen mir von einer Explosion, die am Vormittag in ihrer Heimat Sri Lanka zweiundsiebzig Menschen das Leben gekostet habe. Zuerst glaube ich, es sei ein Attentat gewesen.
Der Krieg ist doch vorbei …, sage ich.
Nein, kein Krieg, Chemie …, sagt V.. Mit Gesten illustriert er einen Knall. Beine weg, Arme weg. Sein Deutsch ist weniger gut als das seiner Frau, obwohl er schon ein Jahr länger hier ist. Er studiere jetzt intensiv deutsch, bei ihr, und zeigt auf S., die links von mir sitzt. Eine unserer Deutsch-Kursleiterinnen. Auch als er mir vom Tod seines Bruders und seiner großen überall verstreuten Familie, lächelt er. Ein wenig. Sein offenes Lachen mit den leuchtendweißen Zähnen im dunklen Gesicht täuscht dennoch nicht über die leise Trauer hinweg, die von ihm ausgeht. Ob sie zurückkehren möchten, frage ich, wenn das Land wieder friedlicher geworden ist. J. zögert keinen Moment und sagt ja. Um gleich darauf zu verstummen. Sie schaut ihre zwei Kinder an, zuckt die Schultern und sagt:
Hier ist vieles besser. Gute Schulen. Neue Freunde. Der kulturelle Garten, wo ich mitmache.
S., die Kursleiterin, stammt aus dem Schwabenland. Der Liebe wegen ist sie in Bern. Wir diskutieren die Schwierigkeit, eine fremde Sprache zu erlernen. Auch ist eine Hochsprache noch lange keine Alltagssprache. Ich erinnere mich, dass ich mal bei einem Besuch in der Pfalz von einer Bekannten J.s folgendes zu hören bekam:
Ach, so klingt also schweizerdeutsch!
Na ja, antwortete ich darauf, das ist eigentlich hochdeutsch. Höher kann ich nicht. Okay, das sagte ich zwar nicht, aber ich dachte es.
Beim Abschied küsse ich J. herzlich auf die Wangen. Ihre würdige Ausstrahlung und ihre klare Haltung machen es mir und uns leicht, sie und ihre Familie in unserem Land willkommen zu heißen. Das Privileg, in einem Land wie der Schweiz geboren worden zu sein, ich schätze es erneut und es beschäftigt mich, während ich mit dem Service-Stundenlöhner H., den wir immer mal wieder für kleine handwerkliche Aktionen anfragen, Teller abräume. Er sei Glasbläser gewesen, sagt er. Im Iran. Hier habe er noch keine Arbeit. Er möchte gerne. Und er ist geschickt. Aber hier ist er fremd. Zwar in Sicherheit, doch fremd. Was er nicht ausspricht.
Bitte ruf mich wieder an, ich helfe gerne, sagt er beim Abschied.
All die Begegnungen des gestrigen Abends – ich habe sie genossen. Auch dass an unserem Jubiläumsfest alles rund gelaufen ist, freut mich sehr. Zweimal Scherben gab es, doch die haben offenbar Glück gebracht. Die ersten kreierte ich. Eine der Blumenvasen – samt Blumen –, die ich in mein knallvolles Sternchen* tragen wollte, rutschte mir aus der Hand. Mist! Eine Leihgabe des Blumenladens.
Das macht nichts, sagte die Floristin. Das kann vorkommen. Leid tat es mir trotzdem.
Die zweiten Gläser kaputtete Kollegin G. mit ihrer Tasche, als sie am Büffet entlang schleichen wollte. Mitten im multikulturellen Märchen, das während des Apéros erzählt wurde. Genau in jenem Moment, als es im Märchen einen lauten Knall gab. Wie passend!
Beim Abschied bedanken sich alle möglichen Leute – Mitarbeitende ebenso wie Geladene – bei mir für die tolle Organisation. Mein Scheff, seine Liebste und ich sind die letzten. Wir bringen die Sachen ins Büro zurück. Aufgeräumt wird aber erst am Montag.
Danke!, sagt mein Scheff, ohne dich wäre ich verloren gewesen.
Gleichfalls!, sage ich. Wir grinsen.
Ach ja, Grappa gab’s diesmal keinen. Nein, nicht weil ich ihn versteckt habe. Wie auch! Der Scheff hat schlicht vergessen, welchen zu kaufen. Kann vorkommen. Und dass das die einzige Panne war – neben der Scherben –, ist doch auch was!
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* Sternchen nenne ich mein japanisches Auto mit dem englischen Namen. Es heisst eben so, auf Deutsch …