die Wahrheit über die Wahrheit Vol. 2

Teil 2

Die anderen Engel und Engelinnen waren näher gerückt und nickten zustimmend. Dass sie den Menschen irgendwie helfen wollten, war bald allen klar, doch galt es, die beste Form zu finden. Die Wahrheit konnte ja alle möglichen Gestalten annehmen. Sie konnte dem einen gasförmig, der anderen als Flüssigkeit erscheinen, mal sichtbar, mal transparent, mal nur mit geschlossenen Augen fühlbar, mal auf der Haut, mal auf der Zunge und oft genug nur im Herz drin wahrnehmbar.

Endlich einigte sich die Engelschar darauf, dass sie der Wahrheit, die sich inzwischen in ihre Runde gesetzt hatte, ein möglichst prunkvolles Aussehen verleihen wollte. Eine große leuchtende Kugel würde ihrem Inhalt am besten gerecht werden, fand die Wahrheit selber. Eine Kugel, die jenen bunten Kugeln an den Decken mancher Musik- und Tanzlokale ähnelte. Grösser noch als jene dort und grösser auch als alles, was die Menschen je gesehen hatten, würde sie – an einem zuvor bestimmten Ort und für alle zugänglich – ihre Attribute der Erkenntnis an alle nach ihr Hungernden austeilen. Sie würde glitzern und glänzen, mehr als alles, was Menschenaugen je gesehen hatten. Wer die Wahrheit sähe, würde endlich alles und für alle Zeit klar sehen.

Doch ein Problem haben wir noch!, sagte schließlich der alte Engel, der die ganze Wahrheitslawine losgetreten hatte. Wie wollen wir die Wahrheit auf die Erde bringen? Daran sind vor uns ja schon viele andere gescheitert!

Alle nickten angeregt, zustimmend oder schauten nachdenklich vor sich hin.

(Fortsetzung folgt …)

die Wahrheit über die Wahrheit Vol. I

Teil 1

Sie saßen da und schüttelten immer wieder den Kopf. Unglaublich, was sie da sahen. Was sie da sehen mussten! Ab und zu rempelten sie sich an oder runzelten die Stirnen. Sie wollten es einfach nicht verstehen. Obwohl … Natürlich konnten sie es verstehen. Gut sogar. Sie waren schließlich auch mal so gewesen. Dennoch war es krass, wie seltsam sich die Menschen da unten verhielten. Behaupteten doch tatsächlich, sie wüssten es besser. Besser als andere. Sie wüssten die Wahrheit. Sie wüssten, was wirklich zählt und was wirklich wirklich ist.

Wir müssen endlich etwas unternehmen!, sagte einer der alten weisen Engel schließlich, während er sich einmal mehr die wenigen ihm noch verbliebenen Haare raufte. Aus Angst, diese auch noch zu verlieren, musste eine Lösung gefunden werden. Wir müssen einschreiten!, sagte er ein weiteres Mal.

Was willst du tun?, fragte ein jüngerer Engel, den das Getümmel auf der Erde bisweilen amüsierte. Diese Sucht der Menschen, sich ins beste Licht zu rücken! Dieses Getue, wer besser, klüger, grösser, interessanter sei. Wer was besser wisse und besser könne. Darüber konnte doch eigentlich nur gelacht werden.

Ich habe eine Idee!, sagte eine jener weisen Engelinnen, die immer schon den Wunsch gehabt hatte, den Menschen zu ein bisschen mehr Durchblick zu verhelfen. Wir offenbaren ihnen die ganze Wahrheit!

(Fortsetzung folgt …)

die Wahrheit über die Wahrheit – Intro

EDIT: Teil 1 INTRO

Hm … oder soll ich das wohl besser auf morgen verschieben? Auf den Day After? Auf  dieses zu erwartende Wenn-ich-wieder-fitter-bin? Die Wahrheit rennt ja nicht davon. Sie versteckt sich zuweilen, tut klitzeklein, grinst über unser Bestreben, sie festhalten zu wollen oder meinen zu können und weiß selber, viel besser als wir, dass sie selbst nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

Deshalb kann sie gut bis morgen warten, meine Geschichte von der zerbrochenen Wahrheit. Heute müsst ihr mit meinem lauten Freudenseufzer vorlieb nehmen: Jippie, endlich Ferien!

Wie eine Wandererin, die sich auf die Berghütte vertröstet und ihre letzten Kräfte bis ebendort einteilt, fühlte ich mich, als ich heute um zwei endlich Feierabend machte. Endlich nach Hause. Endlich Ferien. Endlich Ende. Und ähnlich wie die Wandererin in der Berghütte war ich erst mal einfach nur eins: erschöpft … Und wie die Wandererin in der Berghütte habe ich mich inzwischen auch bereits ein klein bisschen erholt. So sehr, dass ich Euch morgen die Wahrheit über die Wahrheit erzählen werde!

Versprochen!

Störungen

Am liebsten beheben sie Störungen. Dauernd eigentlich. Immer sind sie dran, etwas zu reparieren, zu flicken, zu heilen, auf etwas zu reagieren und zu handeln … Und wenn endlich alle Störungen behoben sind und sie genießen könnten, dass alles rund läuft, sehnen sie sich nach dem nächsten Problem, das sie lösen könnten. Komische Wesen, diese Menschen!, sagte die eine Kuh zur anderen und fraß weiter, während die Milchmaschine an ihrem Euter saugte.

Dem Spatz, der an der offenen Türe gelauscht hat, ist es zu verdanken, dass sich dieses Gerüchte in Windeseile auf der ganzen Welt verbreitet und sich seither hartnäckig gehalten hat: Dass Menschen Störfälle lieben.

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Wenn ist eine Türe. Kurz vor dem Zuschlagen oder eben geöffnet. Verheißungsvoll oder bedrohlich.

weihnachtsmuffeln

Ein Stück für zwei.

Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne eine Waldlichtung, dargestellt durch ein paar Tannenbäume in Töpfen. Sie erinnern zufällig und entfernt an jene Bäume, die es zurzeit überall zu kaufen gibt. In weißen Netzen auf Autodächer festgebunden gehören sie zum dezemberlichen Alltagsbild. Ich gehe hektisch vom rechten zum linken Bühnenrand, halte dort kurz inne, drehe mich auf dem Absatz um und peile, hektisch ausschreitend, den rechten Bühnenrand an. Dort die selbe Spitzkehre. Immer hin und immer her.

Zwischen den Bäumen erkennt das Publikum eine Person, die sich von hinten links nähert, langsam, leise, locker. Ihr Aussehen androgyn und alterslos. Das Stammpublikum kichert und seufzt. Es weiß. Nur die Stimme verrät das Geschlecht der Person, die nun in der Mitte der Bühne stehengeblieben ist und wie ein Tennistrainer dem Ball, mir mit den Augen bei meiner Wanderung folgt.

Ich stelle mich taub, hoffend, die Type, die mich früher schon heimgesucht hat und die ich seither XeNö nenne, verziehe sich wieder. Ich suche Ruhe. Dringend. Keine Chance.

Ich (in übertrieben genervtem Tonfall, weiterhin ruhelos von links nach rechts und von rechts nach links wandernd): Was willst du denn diesmal?

XeNö: Na, ich denke, es ist mal wieder Zeit für ein paar Fragen …

Ich (verdrehe die Augen): …

XeNö: Zum Beispiel wollte ich schon lange mal fragen, warum …

Ich: Warum-Fragen beantworte ich nicht, vergessen? Außerdem habe ich eh so viel um die Ohren, dass ich keine Zeit und keine Lust auf deine Fragen habe! Siehst du denn nicht, wie beschäftigt ich bin?

XeNö: Okay, schon gut. Weißt du, ich frage mich einfach, – übrigens bin ich nicht allein mit dieser Frage! – ob du nicht ein klein bisschen zu elitär bist, was deine Aversion gegen Weihnachten und den ganzen Geschenke-Rummel betrifft.

Ich: Und wenn?

XeNö: Und wenn? Du plädierst doch ständig für Toleranz, bist aber gegenüber all den Menschen, denen Weihnachten oder das Schenken etwas bedeutet, sehr intolerant. Arrogant sogar, mit Verlaub.

Ich: Und wenn?

XeNö: Oho! Dir scheint es egal zu sein, dass du gewisse Leute brüskierst? Vielleicht sogar verletzest?

Ich: Und wenn?

XeNö: Gopf. Heute bist du nicht sehr kommunikativ.

Ich: Und wenn?

XeNö: Undwenn-undwenn-undwenn! Ist dir alles egal geworden? Und jetzt bitte kein und wenn?!

Ich: Ich frage mich, mit welchem Recht du mir solche Fragen stellst. Aber da du ja nicht locker lässt, bis ich dir antworte, hör bitte gut zu: Ich feiere gerne! Ich liebe gemütliche Feste! Ich schenke gerne. Und ich zünde gerne Kerzen an. Ach, und übrigens: Ich singe auch gerne. Wenn auch nicht unbedingt Weihnachtslieder …

XeNö: Oho!

Ich: Ach und noch was: Ich liebe Sonnwende. Sie ist das, was ich am Dezember mag: Die Rückkehr des Lichts! Aber …

XeNö: Aber?

Ich: Aber!!! Aber ich feiere und schenke und entzünde Kerzen nicht und singe nicht DANN, wenn im Kalender steht, dass ich das jetzt tun soll. Ich will dann Feste feiern und schöne Sachen verschenken, wenn ich Lust dazu habe. Ich will dann Karten schreiben und Lieder singen und Kerzen anzünden, wenn ich das Bedürfnis dazu habe. Meine Freundinnen und Freunde wissen das längst. Geschenke gibt’s von mir nicht. Und dieses Jahr bleibe ich dabei.

XeNö: Keine Kompromissbereitschaft?

Ich: Nein.

XeNö: Keine Ausnahmen?

Ich: Hm, für meinen Patensohn vielleicht. Weil er noch ein Kind ist.

XeNö: Wie konsequent.

Ich: Und wenn? Du jedenfalls bekommst nichts.

XeNö: Nein?

Ich: Nein!

XeNö: Na dann. Schöne Weihnachten … (verschwindet nach hinten rechts zwischen den Tannen).

Ich (bleibe mitten auf der Bühne stehen und schaue mich erstaunt um): War das jetzt alles echt?

der Leseabend

Ein Stück für zwei.

Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne ein gemütliches Sofa, daneben eine Leselampe. Auf dem Sofa ich. Lesend. Ganz offensichtlich darauf aus, den Abend genüsslich und vor allem ungestört zu verbringen.

Von hinten links nähert sich eine Person, langsam, leise, locker. Ihr Aussehen androgyn und alterslos. Stammlesende erinnern sich? Nur die Stimme verrät ihr Geschlecht. Doch ganz eindeutig ist auch das nicht. Der Eindringling hüstelt – Warnung oder Ankündigung? – und bleibt ein paar Schritte neben mir stehen. Schaut mir zu.

Ich stelle mich taub, hoffend, die Type, die mich früher schon heimgesucht hat und die ich seither XeNö nenne, verziehe sich wieder und lasse mich in Ruhe. Keine Chance.

Ich (in übertrieben genervtem Tonfall): Was willst du diesmal?

XeNö: Och. Nur mal wieder ein paar Fragen stellen …

Ich (verdrehe die Augen): …

XeNö: Zum Beispiel wollte ich schon lange mal fragen, warum …

Ich: Warum-Fragen beantworte ich keine. Heute jedenfalls nicht.

XeNö: Ach, nun tu nicht gleich so zickig!

Ich (verdrehe die Augen in die andere Richtung): Ich bin zickig, wann ich will. Außerdem ist das bloß deine Definition!

XeNö: Okay. Dann frag ich anders: Du bist doch ziemlich gebildet?

Ich (weiß nicht, ob es eine rein rhetorische Frage war und ob ich mich geschmeichelt fühlen soll): …

XeNö: Warum also arbeitest du sowas?

Ich (runzle die Stirn): So was?

XeNö: Na, so was eben … unter deinem Niveau!

Ich: Sag mal, spinnst du, oder was? Erstens geht es dich einen feuchten Dreck an, was ich arbeite, zweitens empfinde ich deine Definition von Niveau arrogant und drittens …

XeNö: … langsam, langsam!

Ich:

XeNö: Ich meine ja nur … du hast doch alle möglichen Ausbildungen und Kompetenzen! Hast heilerisch und therapeutisch, sozial- und heilpädagogisch gearbeitet. Und unterrichtet. Außerdem kannst du massieren. Und jetzt? Sitzest du in einem Büro fest!

Ich: Und?

XeNö: Jetzt verbringst du deine Zeit mit Protokollen, Kreditoren und Buchhaltung, mit Computerproblemen und Öffentlichkeitsarbeit. Nimmst das Telefon ab, das du nicht magst, und holst tagtäglich deinen Mitarbeitenden irgendwelche Kartoffeln aus der Glut. Verbrennst dir die Finger dabei …

Ich: Hm.

XeNö (leise, kaum hörbar): Warum?

Ich (seufze): Vermutlich habe ich die Illusion verloren, ich könne die ganze Welt retten. Womöglich auch einfach deshalb, weil ich nicht mehr glaube, wirklich zu wissen, wie die Welt richtig zu sein hat. Und weil ich sie nicht dorthin schieben muss. Vielleicht bin ich resigniert? Oder vielleicht vertraue ich dem Leben einfach mehr? Dass sich Dinge auch ohne mich lösen, zum Beispiel.

XeNö: Und darum machst du einen Job wie diesen? Wo du mit dem Leid der ganzen Welt konfrontiert bist? Ist das nicht irgendwie hirnrissig?

Ich: Nicht hirnrissiger als ein anderer Job. Er ist nicht besser und nicht schlechter als jeder andere. So what? Außerdem macht dieser Job meistens Spaß. Und mein Team ist echt toll. Ich mag die Leute. Da zählen menschliche Werte. Das zählt!

XeNö: Wenn du meinst?

Ich: Ja, ich meine! Dazu habe ich – zumindest theoretisch – genug Freizeit für alle jene Dinge, die ich auch noch gerne mache. Schreiben zum Beispiel. Oder lesen.

XeNö: Und das genügt dir?

Ich: Ja. Das genügt mir. Jetzt.

XeNö: Okay, dann lasse ich dich weiterlesen. Schönen Abend noch. (Verschwindet vorne rechts und winkt mir zu) … und auf Wiedersehen!

Ich (lasse mich in die Kissen meines Sofas fallen): War das jetzt alles echt?

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

In eigener Sache und ganz in echt: Ich habe eben beschlossen, den Wochenmitter-Lyrik- und Literatur-Zyklus hiermit ganz formlos zu beenden. Einfach so.

geliebter Feind

Anklopfen tat es nie. Jedenfalls nie so, dass sie es hörte. Vielleicht, weil sie hoffte, sich verhört zu haben. Oder dass, wenn sie nicht öffnete, es wieder ging. Von alleine. Das wäre ja zu schön, hatte aber bisher noch nie funktioniert. Auf Ignoranz reagierte es schlicht und einfach nie, es ignorierte sie und verschaffte sich leise Einlass. Wie ein Einbrecher.

Wie es bei ihr vorgehen musste, wusste es nach all den vielen Jahren ihrer ambivalenten Beziehung genau. Es kannte ihre Achillesferse. Es kannte die Fragen, die es stellen musste, um ihr den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Um die Wollmäuse darunter ans Licht zu bringen. Und um ihr all die kleinen und großen Milben, die sie unabsichtlich beherbergt, zu zeigen. Es kannte sie wohl besser als alle anderen. Vielleicht gar besser als sie selber. Nicht ohne Grund war es schließlich zu ihrem Persönlichen Monster ernannt worden.

Es hatte sogar einen Namen. Dark Mirror. Kurz Dark. Zugegeben, in der letzten Zeit war es fast ein bisschen langweilig mit ihr und in ihrem Leben geworden. Will heißen, sie hatte ihre Hausaufgaben gemacht und kümmerte sich schon ganz gut um sich selber. Doch jetzt war es offenbar wieder einmal soweit. In der letzten Zeit war sie schneller als ein TGV durchs Leben gerast. Da ein ‚Ja, klar, mach ich doch gerne für dich!‘, dort ein zusätzlicher Job. Dazu dauernd mit Freundinnen und Freunden unterwegs. Kaum je eine freie Minute bloß für sich selber. Die gute alte Tante Unentbehrlichkeit hatte Dark deshalb wachgerüttelt.
Hey, du, dein Typ ist gefragt, hatte sie ihm zugeraunt. Sie tut ES wieder!

Dark hatte sich gestreckt und gereckt, ein bisschen mit dem stachligen Schwanz den Boden abgeklopft und sich auf die Brust getrommelt. Angeklopft hatte es nicht. Was auch nicht nötig war, denn bei ihr stand mal wieder alles offen.
Wann wird sie es wohl lernen?, fragte es sich. Wann lernt sie endlich sich zu schützen? Und dass sie zuallererst gut zu sich selber schauen soll? Dass sie den anderen nur wirklich helfen kann, wenn es ihr selber gut geht?

Nichts Böses ahnend reihte sie indessen Tag an Tag. Ging zur Arbeit. Traf sich mit Freundinnen und Freunden. Konsumierte, was es zu konsumieren gab. Erfüllte da einen Job, erbrachte dort einen Freundschaftsdienst. Wie gut sich das Leben zurzeit anfühlte! Alles lief rund. Wenn sie nur nicht ständig so müde gewesen wäre. Am liebsten hätte sie sich hin und wieder einfach zurückgezogen! Hätte gern da und dort einfach mal nein gesagt: Nein, such jemanden andern. Ich mag nicht. Doch das konnte sich doch nicht tun! Die anderen brauchten sie doch!

Ha! Hier schoss Dark seinen ersten Pfeil ab und traf mitten in die linke Ferse. Die anderen brauchen dich doch überhaupt nicht!, gab es zu Bedenken. Das bildest du dir nur ein. Die anderen schaffen es auch ohne dich! Sie schluckte schwer.
Oh. Vielleicht ist ja, was ich tue, gar nicht so wichtig!
Genau!, bestätigte Dark.
Was tue ich denn hier überhaupt, wenn das, was ich tue, nicht wichtig ist?, seufzte sie.

Dark nahm ihre kleine Seele bei der Hand und führte sie zu den offenen Löchern. Die Deckel hatte es in weiser Voraussicht bereits zuvor weggeschoben. Schwarz, dunkel und glanzlos war, was sie sah und es blubberte aus der Tiefe und dampfte ein bisschen. Obwohl sie nicht wirklich etwas sah, denn alles war so dunkel als hätte sie die Augen geschlossen. Im Mittelpunkt ihrer selbst angelangt, konnte sie nur riechen und fühlen. Und sie spürte die warme Luft. Schlangen gleich wanden sich schwarze Dinger in ihre Richtung. Sie nahm deren Bewegung in der Luft wahr. Hände wuchsen aus den Dingern hervor und packten ihr Herz. Drückten ein wenig zu. Und dann noch ein bisschen mehr. Sie japste nach Luft. Der Schmerz ließ ihre Augen überlaufen. In ihr drin jagten sich Bilder. Sequenzen aus ihrem Leben. Sequenzen, wo sie am Boden gelegen hatte. Wo sie kaum mehr die Kraft gehabt hatte, sich aufzurappeln. Lauter solche lauten Bilder, eins nach dem anderen, immer schneller. Tränen tropften in die offenen Löcher. Die Tentakel zogen sie mit sich in die Tiefe. Sie gab sich dem Strudel hin, in den sie geraten war. Eine Wahl hatte sie nicht.

Wieder ganz unten!, dachte sie, am Grund angelangt. Nein, denken ging nicht mehr. Fühlen war alles. Alles nur noch fühlen. Sie konnte nur warten, bis es vorüber war. Immerhin das wusste sie noch von ihren früheren Besuchen am dunklen See. Hinterher konnte sie sich jeweils kaum mehr an Details erinnern. Zumal die für ihre reale Umgebung sichtbare Person da oben wie immer funktionierte und niemand sie zu vermissen schien.

Ganz allmählich und außerhalb der Zeit wurde sie ganz ruhig. Wie lange sie sich diese Ruhe nicht mehr gegönnt hatte! Wie gut es tat, bei sich zu sein. Diese herrliche Langsamkeit. Dieses Stille. Der Druck der klammernden Hände hatte nachgelassen. Es tat nicht mehr weh. Das Atem ging wieder leichter. Endlich stieß sie sich am Grund ab und stieg an die Oberfläche.

Ich bin noch immer da!, sagte sie, als sie den ersten Atemzug tat. Leise noch. Um meinetwillen bin ich da. Das ist wichtig genug. Das reicht!, sagte sie. Ich mag mich! Nun klang ihre Stimme bereits ein bisschen kräftiger. Und ich will hinfort gut zu mir schauen! Sie jubelte. Ihr Herz tat einen kleinen Sprung und richtete sich in seinem Nest neu aus.
Na, endlich!, sagte Dark, das auf sie gewartet hatte. Komm.
Es griff nach ihrer Hand und führte sie nach Hause.

Neuanfang II

1  > hier!

2

Dass sein Vater kein Kontrollfreak war, machte das Ganze sehr einfach. Meinte er. Bis er eines Tages aus der Schule kam und seinen Vater am Küchentisch über den monatlichen Zahlungen brütend vorfand.

Sag mal, sagte dieser, sag mal, hast du von meinem Konto Geld abgehoben? Mir fehlen fünfhundert Franken. Zuerst hatte Janus gelogen. Doch lügen war schwieriger als klauen. Allmählich kam sein Vater auch hinter die Geschichte mit dem gestohlenen Fahrrad, das Janus weiterverkauft hatte. Ein paar Puzzleteilchen waren ihm eben früher schon aufgefallen. Sie waren einfach nicht aufgegangen. Blöd war sein Vater ja nicht!

Scheiße, wieso mache ich das überhaupt?, hatte Janus sich immer wieder gefragt. Eine Antwort darauf fand er keine, war dennoch irgendwie froh, als das Ganze ans Licht kam. Und das, obwohl einige Folgen alles andere als angenehm gewesen waren. Immerhin war seine Mutter, die mehr als fünfhundert Kilometer entfernt lebte, sofort angereist.

Viele Gespräche zu dritt. Beschlüsse, die gefasst wurden. Ein Vertrag, dass er das geklaute Geld abarbeiten müsse, wurde aufgesetzt und von allen unterschrieben. Es gehe darum, die Verantwortung für sein Tun zu übernehmen, sagten die Eltern. Na ja, irgendwie hatte er es genossen, zu sehen, wie die beiden sich um ihn sorgten. Fast wie früher. Immer wieder hatten sie gefragt, was er denn vermisst habe. Was er jetzt von ihnen brauche. Was er von ihnen gebraucht hätte. Seine Ma hatte gesagt, wie leid ihr das alles tue. Und sein Vater hatte sogar geweint.

Waren am ganzen Chaos denn seine Eltern Schuld? Klar, sie waren manchmal ganz schön schwierig. Vielleicht das Alter. Außerdem war sein Vater oft einfach nur peinlich. Gezofft hatten sie in der letzten Zeit oft. Seit er in der Oberstufe war, hatten die Zankereien zugenommen. Seit sein Vater angefangen hatte, mehr darauf zu achten, ob Janus seine Haushaltpflichten auch wirklich erledigte. Seit sein Vater strenger war. Na ja. Noch immer kein Kontrollfreak zwar, aber eben doch strenger als früher.

Früher war es einfacher gewesen. Zum Beispiel damals, als Pa mit Jana zusammen gewesen war. Eine richtige Familie waren sie gewesen. Jedenfalls übers Wochenende. Sara hatte damals noch zuhause gewohnt und mit Jana hatten sie immer über alles reden können. Über alles. Sie hatte Sara und ihn ernst genommen. Na ja, reden konnten sie natürlich auch jetzt noch zusammen. Theoretisch zumindest.

Sie hatten oft etwas zusammen unternommen, zu dritt oder zu viert. Hatten viel gespielt. Waren Snowboarden und Ski fahren gegangen. Im Sommer baden. Im See oder in der Aare. Hatten viel zusammen gelacht. Und wenn Jana etwas von ihm gefordert hatte, war es immer sehr einfach gewesen, es zu tun. Sie hatte ihm immer alles genau erklärt und alles war ganz logisch gewesen. Zwar hatte sie ihn oft herausgefordert und auch mal bestraft, doch hatte sie ihn eben einfach verstanden. Anders als Pa. Schließlich hatte sie Janus vor drei Jahren gefragt, ob sie seine neue Patentante sein dürfe. Statt seiner abgetauchten. Klar, hatte er gesagt. Ja, gerne. Und sich mächtig gefreut.

Seine Welt war eine Weile stehen geblieben, als Jana sich von Pa getrennt hatte. Wem hätte er sagen können, wie komisch sich das Nachhause-Kommen nun anfühlte? Zwar sah er Jana hin und wieder und sie unternahmen zusammen Dinge, die beiden Spaß machten, doch es war einfach nicht mehr das gleiche.

Mit Janas Nachfolgerin Daniela hatte Janus sich nie wirklich verstanden. Die war sehr streng gewesen, vor allem hatte sie wenig Humor – jedenfalls da, wo es ihn, Janus, betraf. Außerdem hatte Janus damals bereits die Oberstufe besucht und sich in der Freizeit meistens mit seinen Kumpels getroffen, so konnten sie sich gut aus dem Weg gehen. Ihm konnte es sowieso egal sein, mit wem sein Vater rummachte. Daniela war denn auch bereits wieder abgetaucht.

Zum Glück war die neue Klasse so cool. Einige seiner alten Mittelstufe-Klassenkameradinnen und -kameraden waren auch hier, die meisten kannte er bloß vom Sehen. Nein, auch sie waren keine Engel, doch es war nicht zu übersehen, dass die Lehrerin sie alle mochte. Und umgekehrt.

So machten Lernen und Schule Spaß. Und das Leben auch. Wie hatte er das bloß vergessen können!

Neuanfang I

1

Mann, was für ein Unterschied! Ich wusste ja gar nicht, dass Schule so Spaß machen kann!, dachte Janus. Er schrieb sich die Aufgabe von der Tafel in sein Notizheft ab und setzte sich bequemer hin. Die Kleingruppe, mit der er zusammen arbeiten würde, hatte sich in der hinteren Ecke links versammelt. Er kannte noch nicht alle, denn er war ja erst seit zwei Wochen in dieser Klasse. Seine alte war aufgelöst worden. Seit mehr als einem Jahr, genauer seit sein Klassenlehrer krankgeschrieben und beurlaubt worden war, hatten sich die Zustände zusehends verschlechtert.

Mit jeder neuen Stellvertretung war die Stimmung in der Klasse ein paar Grad mehr gesunken. Am Schluss war es kaum mehr möglich gewesen, dem Unterricht zu folgen. Nein, auch er war kein Engel gewesen, im Gegenteil. Mit seiner Verweigerung und mit seiner Schlampigkeit hatte er es den Lehrkräften auch nicht eben leicht gemacht. Er war verschiedentlich ermahnt worden, zumal auch seine Leistungen zu wünschen übrig ließen. Wann hatte es eigentlich angefangen, dass ihm alles aus dem Ruder lief? Im Frühling irgendwann? Damit, dass sein Kumpel ihn zum Mitrauchen hinter dem Schulhaus überredet hatte? Er, der Rauchen eigentlich Scheiße fand, hatte sich nicht getraut, nein zu sagen. Doch er war immerhin schon fast vierzehn. Und alles andere als ein Weichei. Wider Erwarten hatte ihm die Zigarette sogar geschmeckt. Das Zeug, das sein Vater rauchte, roch nur halb so gut. Riechen und selber rauchen war offenbar ein großer Unterschied. Außerdem war es cool, einen Glimmstängel in der Hand zu halten. Irgendwie.

Ein paar Wochen später hatte ein anderer Kumpel, der auch ab und zu mit ihm und Tino hinter dem Schulhaus geraucht hatte, eine Hanfblüte mitgebracht. Sie beschlossen, sich nach der Schule auf der Halfpipe-Anlage zu treffen. Auch daraus war bald einmal eine Gewohnheit geworden. Freitagnachmittags auf der Halfpipe. Natürlich hatte Severin mit der Zeit Geld gewollt. Woher er das Gras hatte, wussten sie nicht. Janus wohnte seit zwei Jahren in einer Männer-WG. Sein alleine erziehenden Vater hatte das ehemalige Zimmer von Janus‘ Schwester Sara, die vor zwei Jahren zuhause ausgezogen war, an Manuel untervermietet. Und Manuel kiffte. Es müsste doch nicht so schwierig sein, hin und wieder ein bisschen von dessen Zeug abzuzweigen? Immerhin war Manuel ja tagsüber auf Arbeit.

Wie das mit dem Klauen gekommen war, wusste Janus nicht mehr genau. Zuerst da ein bisschen Hasch, dann dort ein wenig Geld. Schließlich lag die ec-Karte seines Vaters rum und da er wusste, wie der Code lautete, zog er eines Tages ein paar Hunderter.

(Fortsetzung folgt > hier!)