weihnachtsmuffeln

Ein Stück für zwei.

Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne eine Waldlichtung, dargestellt durch ein paar Tannenbäume in Töpfen. Sie erinnern zufällig und entfernt an jene Bäume, die es zurzeit überall zu kaufen gibt. In weißen Netzen auf Autodächer festgebunden gehören sie zum dezemberlichen Alltagsbild. Ich gehe hektisch vom rechten zum linken Bühnenrand, halte dort kurz inne, drehe mich auf dem Absatz um und peile, hektisch ausschreitend, den rechten Bühnenrand an. Dort die selbe Spitzkehre. Immer hin und immer her.

Zwischen den Bäumen erkennt das Publikum eine Person, die sich von hinten links nähert, langsam, leise, locker. Ihr Aussehen androgyn und alterslos. Das Stammpublikum kichert und seufzt. Es weiß. Nur die Stimme verrät das Geschlecht der Person, die nun in der Mitte der Bühne stehengeblieben ist und wie ein Tennistrainer dem Ball, mir mit den Augen bei meiner Wanderung folgt.

Ich stelle mich taub, hoffend, die Type, die mich früher schon heimgesucht hat und die ich seither XeNö nenne, verziehe sich wieder. Ich suche Ruhe. Dringend. Keine Chance.

Ich (in übertrieben genervtem Tonfall, weiterhin ruhelos von links nach rechts und von rechts nach links wandernd): Was willst du denn diesmal?

XeNö: Na, ich denke, es ist mal wieder Zeit für ein paar Fragen …

Ich (verdrehe die Augen): …

XeNö: Zum Beispiel wollte ich schon lange mal fragen, warum …

Ich: Warum-Fragen beantworte ich nicht, vergessen? Außerdem habe ich eh so viel um die Ohren, dass ich keine Zeit und keine Lust auf deine Fragen habe! Siehst du denn nicht, wie beschäftigt ich bin?

XeNö: Okay, schon gut. Weißt du, ich frage mich einfach, – übrigens bin ich nicht allein mit dieser Frage! – ob du nicht ein klein bisschen zu elitär bist, was deine Aversion gegen Weihnachten und den ganzen Geschenke-Rummel betrifft.

Ich: Und wenn?

XeNö: Und wenn? Du plädierst doch ständig für Toleranz, bist aber gegenüber all den Menschen, denen Weihnachten oder das Schenken etwas bedeutet, sehr intolerant. Arrogant sogar, mit Verlaub.

Ich: Und wenn?

XeNö: Oho! Dir scheint es egal zu sein, dass du gewisse Leute brüskierst? Vielleicht sogar verletzest?

Ich: Und wenn?

XeNö: Gopf. Heute bist du nicht sehr kommunikativ.

Ich: Und wenn?

XeNö: Undwenn-undwenn-undwenn! Ist dir alles egal geworden? Und jetzt bitte kein und wenn?!

Ich: Ich frage mich, mit welchem Recht du mir solche Fragen stellst. Aber da du ja nicht locker lässt, bis ich dir antworte, hör bitte gut zu: Ich feiere gerne! Ich liebe gemütliche Feste! Ich schenke gerne. Und ich zünde gerne Kerzen an. Ach, und übrigens: Ich singe auch gerne. Wenn auch nicht unbedingt Weihnachtslieder …

XeNö: Oho!

Ich: Ach und noch was: Ich liebe Sonnwende. Sie ist das, was ich am Dezember mag: Die Rückkehr des Lichts! Aber …

XeNö: Aber?

Ich: Aber!!! Aber ich feiere und schenke und entzünde Kerzen nicht und singe nicht DANN, wenn im Kalender steht, dass ich das jetzt tun soll. Ich will dann Feste feiern und schöne Sachen verschenken, wenn ich Lust dazu habe. Ich will dann Karten schreiben und Lieder singen und Kerzen anzünden, wenn ich das Bedürfnis dazu habe. Meine Freundinnen und Freunde wissen das längst. Geschenke gibt’s von mir nicht. Und dieses Jahr bleibe ich dabei.

XeNö: Keine Kompromissbereitschaft?

Ich: Nein.

XeNö: Keine Ausnahmen?

Ich: Hm, für meinen Patensohn vielleicht. Weil er noch ein Kind ist.

XeNö: Wie konsequent.

Ich: Und wenn? Du jedenfalls bekommst nichts.

XeNö: Nein?

Ich: Nein!

XeNö: Na dann. Schöne Weihnachten … (verschwindet nach hinten rechts zwischen den Tannen).

Ich (bleibe mitten auf der Bühne stehen und schaue mich erstaunt um): War das jetzt alles echt?

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