Von seiner Bilderjagd bringt J. heute Abend ganz überraschend neben den knapp zweihundertfünfzig Bildern mit Berns Straßenschildern auch ein Buch mit. Die Jagd. Gebraucht und zerlesen. Von Martin Walser, einem Autoren, dem ich bisher aus dem Weg gegangen bin. Wie ich es oft bei allzu hochgelobten oder allzu runtergemachten Schreiberlingen tue. Reine Vorurteile natürlich. Nicht dass mich der Plot der Geschichte besonders reizt, aber mich spricht Walsers Sprache an. Ich mag dichte kurze Sätze, lese ein paar Abschnitte und schaue mir das Impressum an.
Das Buch, so illustriert mir J. anhand eines Bildes, hat er buchstäblich auf der Straße gefunden.
In einem Koffer. Mit der Aufforderung „zum Mitnehmen“. An der Ju….straße, sagt J.
Soweit so gut. Wenn da bloß nicht diese Widmung drin wäre und das Herz hinter dem Männernamen. Das Buch ist zudem signiert und, das Beste, die im Erscheinungsjahr des Buches, 1988, beschenkte Dame hat oben rechts auf der ersten Seite ihren Namen hingeschrieben, da sie das Buch bestimmt Freundinnen und Freunden ausgeliehen hat.
Ich nehme mein iFon zur Hand, öffne die Telefonbuch-App und gebe auf Geratewohl ihren Namen ein. Es gibt exakt eine Frau in der ganzen Schweiz, die diesen nicht mal besonders ausgefallenen Namen trägt. Und sie wohnt, wen wundert’s, an der Ju…straße.
Frage ich ihre Telefonnummer ab, erscheinen auch prompt zwei Namen. Doch nein, der zweite ist nicht jener Männername vor dem Herz in der Widmung. Ein neuer Mann.
Wer sie wohl ist, T., die ihre handsignierte Jagd einfach auf die Straße legt? Und wo hat T. damals, vor dreiundzwanzig Jahren, gelebt, gejagt, geliebt und gelesen?
Was wird mit all meinen Büchern geschehen, die in den Taschen fürs Brockenhaus bereit liegen?
Ja, ein Buch kann mehr als bloß jene eine Geschichte erzählen, die auf seine Seiten gedruckt worden ist.