eigentlich #2

Eigentlich könnte ich so tun, als wäre heute ein Reisetag gewesen. Wie vor einem Monat, als wir durch Schweden reisten. Ich könnte eigentlich über das heutige Stück Weg schreiben.

Wie ich da so mit iFöun und hochgelagerten Beinen, müde, auf dem Sofa sitze, kommt Ferienfeeling auf. Ich könnte ja einfach so tun, als wäre ich den ganzen Tag statt durch Excel-Tabellen und über Papierberge geklettert, durch Wälder, Wiesen und Hügel gefahren. Statt mit nervigen Klientinnen zu telefonieren, stelle ich mir vor, ich hätte mich mit Zeltplatznachbarn über – sagen wir mal – das Wetter unterhalten. Und schon kehrt die Fingerfertigkeit und Geschwindigkeit zurück, mit der ich vor einem Monat auf der Mini-Tastatur schreiben konnte. Denn um den Laptop nach neun dicht gefüllten Bürostunden aufzustarten, bin ich zu müde.

Oops, was sag ich da? Büro? Weit-weit weg! Wo ich doch auf Reisen war – eigentlich. Kopfreisen. Alles, das meiste jedenfalls, und ganz besonders Probleme, bauen wir in erster Linie in unseren Köpfen, sagt mein Liebster zuweilen. Wenn wir sie im Kopf weben, dann können, ja, müssen wir sie auch im Kopf entwirren. Sage ich. Eigentlich. Ebenfalls im Kopf fangen alle unsere Reisen an.

Die Phantasie ist die Straße zwischen Kopf und Bauch. Keine Schnellstraße, nein, sondern eine ungeteerte Schotterpiste. Ohne Wegweiser. Es braucht Mut, sie einzuschlagen, da wir nie wissen können, wohin sie uns führt. Wie dieser Text. Denn eigentlich – wie schon der vielversprechende Titel verrät – wollte ich ja was gaaanz anderes schreiben. Nur etwas ganz kleines.

Eigentlich wollte ich von euch ja bloß einen Tipp. Ich rätsle nämlich seit gestern an einer alles entscheidenden Frage herum:
Ist das Blog die Eintagsfliege oder ist das Blog die Erdbeere der Literatur? Oder wie wäre es mit der Spargel? Na ja, das ist wohl einmal mehr eine der ganz großen Fragen, auf die es keine Antwort gibt. *seufz* Ich jedenfalls werde wohl kaum erfahren, ob ihr jetzt gleich mit der Fliegenklatsche euren PC traktiert.

Erdbeere wären mir ehrlich gesagt lieber.

Backstage

Ich bekenne, ich mag Kolumnen. Und Editorials. Und Blogs. Offensichtlich bin ich mit meiner Vorliebe nicht allein, anders kann ich mir die zunehmende Kolumnendichte in den Medien nicht erklären. Sie machen süchtig und ich will jedes Mal von Neuem wissen, was meine ProtagonistIn in der Zwischenzeit erlebt hat. So sehe ich durch unzählige Fenster in viele gute und weniger gute Stuben hinein. Offenbar ist es ein Bedürfnis vieler ZeitgenossInnen, Ausschnitte heranzuzoomen, statt sich im Weitwinkel zu verlieren.

Auch die kleinen Schwestern der Kolumnen, die Blogartikel, wachsen aus ihren Kinderschuhen heraus und erfreuen sich wachsender Beliebtheit – beim Publikum ebenso wie bei den Verfassenden. Wem sag ich das? Ein hoffnungsvolles Genre, wenn ich es mir so überlege. Hier ist der Schreiberling, die Schreiberin noch Königin und König und kann sagen schreiben, was er oder sie will. Unter dem Vermerk, dass sich die Meinung der Redaktion nicht mit jener der Kolumnistin decken muss, ist in den Medien alles möglich. Fast alles. In der Blogosphäre* sowieso. Über die Qualität sagt dies wenig aus und auch nicht, ob all die vielen Texte, die tagtäglich getippt werden, auch irgendwo und irgendwie ankommen. Unser Tempo ist rasant und niemand kann all die Informationen von überall wirklich verdauen. Die Quantität all der Outputs lässt mich oft leer schlucken. Dann wieder denke ich mir: Jeder Autor, jede Autorin hat (hoffentlich) ein paar Menschen, die ihre oder seine Texte lesen. Und das ist gut so.

Mein Bedürfnis, über unsachliche – will heißen persönliche – Dinge wie Alltag, Arbeit, Beziehungen oder Lebensperspektiven zu schreiben, dient dem Ausgleich. In einer Welt, wo es um Effizienz geht, wo Sachlichkeit und Professionalität gefragt sind, brauche ich einerseits das Spiel mit den Wörtern. Andererseits höre ich mir aber auch schreibend zu und erfahre so, was mich wirklich beschäftig. Habe ich mal in mein Tagebuch geschrieben. Das stimmt bedingt und natürlich vor allem im persönlichen Tagebuch.

Wenn ich viel outpute, ist eben auch die Chance grösser, dass ich mal was richtig gutes schreibe, sagte ich gestern Abend zu meiner Freundin K. Auch bei den Bildern, die ich mache, ist es so. Auch ein blindes Huhn … na, ihr wisst schon. Abgesehen davon ist auch das Durchschnittliche, das Alltägliche, das Gewöhnliche und nicht Herausragende irgendwie wichtig. Immer nur Orgasmen haben geht ja nicht. Auch Alltägliches hat, während es ist und erlebt und beschrieben wird, eine Wirkung auf mich. Und vielleicht auch auf andere, während sie es lesen oder betrachten.

Das Blog ist ein Filter. Was will ich hier von mir zeigen? Mal mehr, mal weniger. Je mehr ich dabei meine Leserinnen und Leser, die ich persönlich kenne, vor Augen habe, desto schwieriger ist es. Weil ich mir dann Diskussionen über den Artikel, den ich schreiben will, vorstelle und den Faden verliere zum Beispiel. Mit einem anonymen Publikum vor Augen schreibt es sich leichter. Ganz besonders, wenn ich einen Artikel für „meine“ Zeitschrift verfasse, muss ich mir sehr bewusst ein anonymes Publikum vorstellen. So oder so ringe ich ständig mit einer tammi hohen Messlatte. Besser also, ich stelle mir ein Publikum vor, das im Dunkeln sitzt. Was mich an die Lesung vor einem Jahr im ONO erinnert. Nein, besser ich stelle mir gar nix vor oder gar keins.

Und dabei begreife ich einmal mehr, dass ich letztlich für mich selbst schreibe. Weil ich nicht anders kann. Meine Texte, meine Bilder sind nichts mehr und nichts weniger als Stoffwechselprodukte*, wie mein Liebster mal bloggte. Wenn ich damit deinen Garten ein bisschen düngen darf, umso besser.

*Zitate aus der Irgendlinkschen Wortschatzkiste

Freiheit und so

Als Lia nachschaute, waren alle weg. Alle! Weg! Spurlos!
Wie sollte sie ohne sie alle bloss arbeiten können? Etwa alles selber machen? Von Hand ihre Gewebe spinnen?

Nach anfänglicher Übermut machte sich langsam aber sicher Panik breit.
„Wo sind wir überhaupt?“, fragt die Erste.
„Wir werden uns verirren!“, sagte Nummer zwei.
„Was soll bloss aus uns werden?“, fragte die Dritte.
„Und das also nennt sich Freiheit?“, wollte der Vierte wissen.
„Ich friere!“, sagte die Fünfte.
„Was wollt ihr denn?“, erkundigte sich Nummer sechs, verantwortlich für die Flucht. „Zurück? Wieder jeden Tag verkannt ausharren? Wie bisher dieses Begrabschen erdulden? Erinnert euch wer ihr seid!“

Die anderen murrten kleinlaut vor sich hin. Freiheit hatten sie sich anders vorgestellt. Freier, übermütiger, autonomer. Sie hatten zwar einander, doch das Netz war rissig …

Lia wob weiter. Ohne ihr Team. Fühlte sich allein. Verlassen. Gut, sie musste zugeben, sie hatte die Anwesenheit ihrer Mitarbeitenden zu selbstverständlich genommen. Hatte gemeint, dass sie alle im gleichen Boot sässen. Hatte oft genug – geradezu gedankenlos – auf ihnen herumgehackt.

Dankbar dachte sie an die vielen schönen gemeinsamen Stunden zurück, doch schien ihre Wahrnehmung derselben einseitig gewesen zu sein, wie sie nun erkennen musste. Waren sie aus Abenteuerlust verschwunden oder wollten sie etwas demonstrieren? War es ein Streik? Lia setzte sich auf. Fragte sich, wie und ob sie diese verrückte Bande zurückholen konnte. Sie vermisste jeden einzelnen … Genau! Sie würde ihnen einen Brief schreiben. Und zwar von Hand.

„Ich habe Post für Euch!“, murmelte Pit, der Brieftauber, am nächsten Tag mit vollem Mund und liess einen dicken Umschlag aus seinem Schnabel zu Boden segeln. Es regnete, so dass dieser in einer Pfütze landete. Alle hechteten sofort hin und begannen zu tuscheln.

„Von ihr! Mach endlich einer auf … !“ So viele waren sie, dass niemand wirklich wusste, wem diese Aufforderung nun galt. Jeder gab sie weiter. Nummer sechs fühlte sich für die derzeit herrschende Missstimmung und das ganze Schlamassel verantwortlich. Stundenlang hatten alle auf ihr herumgehackt. Deshalb trat sie nun vor und öffnete sorgfältig den schönen Umschlag.

War sie von der Traufe – wie der Brief hier – nicht buchstäblich im Regen gelandet?

„Ihr Lieben! Gleich zuerst will – ja muss! –  ich Euch nachdrücklich sagen, dass ich Euch nicht brauche! Ehrlich! Ich kann ohne Euch leben. Doch wisst ihr was? Ich vermisse Euch sehr! Jede einzelne! Jeden einzelnen!

Ich begreife erst jetzt, wie reich und kostbar ihr mein Leben gemacht habt. Offensichtlich beruhte dies bis anhin nicht auf Gegenseitigkeit, wie ich heute traurig festgestellt habe. Da verbrachte ich doch meine bisherigen Tage im irrigen Glauben, mit Euch eine gemeinsame Form des Ausdruckes, der Kunst gar, gefunden zu haben. Wie frau sich täuschen kann. Doch ich verstehe schon, dass ihr es möglicherweise anders empfunden habt. Mir bleibt nichts übrig als Euch ziehen zu lassen, so ihr das vorhabt. Dazu wünsche ich Euch eine gute Reise.

Falls Ihr jedoch zurückkehren wollt, werde ich Euch mit offenen Armen empfangen und Euch zukünftig mit mehr Respekt und Achtsamkeit wertschätzen. Versprochen!

Herzlich grüsst Euch Lia“

Nummer sechzehn schnüffelte vor Rührung. Nummer sechs schaute sich um, sah lauter betretene Gesichter.
Natürlich wurde es demokratisch beschlossen.
Ebenso wie der Streik.
Oder die Flucht.
Oder die Reise.
Oder das Abenteuer.

Wie gesagt, sie machten alles demokratisch. So gut es eben ging. Denn Nummer sechs, auch F genannt, hatte manchmal schon so ihre Allüren. Und R war oft unzimperlich. B hingegen war verträumt und N reichlich wehleidig.

Als Lia am nächsten Morgen nachschaute, waren sie wieder da. Sie streichelte jeden einzelnen sanft.
„Wir sind doch ein Team!“, flüsterte sie dankbar.
„Auf zu neuen Taten!“, sagte Ausrufezeichen munter. L nickte bestätigend und F tat, als hätte sie ihren Platz auf der Tastatur nie verlassen.

(Quelle: Textarchiv von Sofasophia)

Von Punkten, Zahlen und anderen Zeichen

Zahlen zählen ganz schön. Ohne sie wären wir arm dran. Wenn wir viele von ihnen haben und dazu schön schwarz, können wir Brot kaufen und Joghurt, Käse und Benzin. Bücher mit noch mehr von ihnen drin, auf jeder Seite mindestens eine. Dann zwei und schließlich drei. Und wenn es ganz dick kommt, vielleicht sogar vier. Ohne Zahlen wüsste ich nicht, dass ich nicht mehr zwanzig bin. Die Zahl auf der Waage ignoriere ich gerne, zumindest ihre Aussage, und jene auf der Tafel in den Bergen raubt mir im ersten Augenblick den Atem. Allerdings nicht die Zahl, wenn ich es mir recht überlege.

Bei mir riechen Zahlen. Und sie haben eine Farbe. Diese Farben können nur wenige sehen und riechen können sie noch weniger. Nein, das ist weder esoterischer Quatsch noch etwas Krankhaftes. Auch nix, worauf ich stolz sein müsste. Einfach so ein Phänomen, dem die Wissenschaftlerinnen und Forscher sogar einen schönen Namen gegeben haben. Sorry, leider habe ich ihn vergessen. Egal.

Bei mir jedenfalls ist die Eins weißgelb und sechs graubraun. Sieben orange. Neun türkisblau. Manchmal wechseln die Farben, manchmal bleiben sie ganz weg. Jetzt zum Beispiel, wo ich hier sitze und schreibe, ist die Drei farblos. Ich rieche die Farben zwar nicht, aber ich schmecke sie in jenem Moment, wo ich ihre Farben sehe. Eins ist salzig, wie Aromat, das ich als Kind pur auf dem Brot mochte. Umgekehrt funktioniert es meistens nicht. Ich kann nicht violett denken und mir dazu die passende Zahl vorstellen. Auch den Geschmack nicht.  Auslöserin für das Riechen und Farbensehen ist bei mir immer die Zahl.

Seltsam, dass diese Kritzeleien, diese Striche mit Beulen, Bäuchen und Kreisen eine Jahrtausende alte Tradition haben, dass sie per Definition etwas bedeuten, einen Wert darstellen. So und so viel. So und so wenig. Obwohl es nur Striche sind. Zeichen.

Zeichen gibt es viele. Wolken am Himmel, Steine auf dem Weg. Zeichen machen Hoffnung, nähren Erwartungen, dienen als Omen. Irrationale Symbole, die durch unsere Träume schleichen, eine verschlüsselte Botschaft vermitteln, entschlüsselt den banalen Alltag erhellen können. Zeichen –Figuren, die ein kleines Kind in den Sand streichelt, in den Schnee stampft. Zeichen – Brücken zur Schrift. Mittel zur Kommunikation.

Was war zuerst? Der Satz oder das Satzzeichen? Das Wort, die Schrift oder das Fragezeichen? Oder gar zuerst der Doppelpunkt?

Nach einem Doppelpunkt ist alles möglich. Eine Aufzählung. Eine direkte Rede. Eine Geschichte. Ein Abenteuer. Auch nach einem Punkt ist alles möglich, doch einen Punkt setzen wir eher, um etwas abzuschließen. Anders als ein Komma, das weitere Möglichkeiten einleitet, hat der Punkt es so an sich, dass er etwas vollendet, abhakt. Und das Ausrufezeichen? Allzu viel davon ist ungesund, doch zur richtigen Zeit am richtigen Ort, kann das Ding nicht schaden …“

Gopf, und jetzt müsste ich noch irgendeinen kleinen klugen Schlusssatz haben.  Ach so, darum habe ich diesen Text, den ich in meinen Archiven, die ich nach einem für die Septemberlesung tauglichen Text durchforste, gefunden habe, nicht längst schon gebloggt. Es ist einer meiner vielen Texte ohne Schluss. Ohne Pointe. Nein, so geht das nun wirklich nicht … eine Pointe muss her! Der Kreis muss geschlossen werden …

Unbezahlbar, so ein letzter Satz. Wie ein Gutenachtkuss, wie ein letztes Winken, wie wie wie  …

Doppelpunkt

Zipfelchen

Gopf, jetzt hatte ich doch diese kleine Idee … und – PLOPP – schon ist sie wieder weg.

Ist ins große Becken gefallen. Ins große alles Nichts und nicht Alles. Dahin, wo ich mir alle Ideen aller Menschen denke. Und die Ideen aller Tiere auch gleich. Und wenn wir schon dabei sind, auch die Ideen aller Pflanzen. Was, du meinst, dass Pflanzen keine Ideen haben? Falsch, denn wenn Pflanzen sich vermehren können, müssen sie doch auch Ideen haben. Zumindest eine. Die der Fortpflanzung. Das sei keine Idee? Sagst du! Definitionsfrage. Ich behaupte, dass Fortpflanzung die eigentliche Idee ist. Die Idee vom Leben überhaupt, welches es ohne sie längt nicht mehr gäbe. Ohne die Idee der Fortpflanzung und ohne die Fortpflanzung. Ich theoretisiere? Sagst du! Schau doch mal um dich. Alles was lebt, vermehrt sich. Schau doch mal die Uhr. Wie sie Minuten schafft. Jede Minute gebärt Sekunden. Und jede Idee eine neue. Und jede Fliege legt ein Ei. Oder zwei, drei. Eins wird viele. Immer mehr.

Da stehe ich nun also, am Beckenrand, und blicke hinein, trauere dem Zipfel jener Idee nach, die mich vorhin erfüllt hatte. Sie hatte sich vor mich hingestellt, nicht aufdringlich, aber durchdringend. Hatte mich angeschaut. Nimm mich, hatte sie geflüstert. Gefleht? Wenn du willst können wir zusammen eine Geschichte bauen. Ich helfe dir. War es Unaufmerksamkeit gewesen, dass sie wieder verschwunden war?

Ich habe eine Idee, eine neue, eine andere: Ich könnte doch einfach etwas schreiben, was es noch nicht gibt. Wie bitte, das gibt es nicht?

Also wohl doch keine neue Geschichte? Nicht heute jedenfalls. Dafür den neuen Artikel schreiben, solange er noch in den Fingerspitzen tanzt und juckt und aufs Geborenwerden wartet!

Let’s go.

Von Pfützen und anderen Fallmaschen

Was für einen Stuss ich da schreibe. Wieso mir wohl nix kluges einfällt? Vielleicht weil ich mir erlaube, mal absichtslos drauflos zu schreiben. Einfach schreiben. Ist anfangen wirklich so einfach? Ich zweifle. Aufhören wäre jetzt einfacher. Obwohl unfertig. So unfertig wie alles im Leben. Jeder Tod kommt zur Unzeit, las ich einmal. Wir sollen drum immer so leben, dass uns der unzeitige Tod nicht zur Un-Unzeit ereilen könne. So ein Quatsch. Das will ich nicht, nicht mehr. Will so leben, als würde ich ewig leben und mir dennoch der Vergänglichkeit, meiner Sterblichkeit bewusst sein. Weniger weniger weniger, statt immer mehr mehr mehr. Wäre besser. Geh in deinem Kreis zurück. In die Mitte. Dahin, wo du herkommst. Und lebe dennoch mit ganzer Hingabe ans Leben.

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Wieder begann sie zu hüpfen. Wenn es doch schon so Tage gab, wo sie hüpfen mochte, dann musste sie hüpfen. Sah ja niemand hin. Hier nicht. Später, unten im Dorf, konnte sie noch immer normal gehen. Normal. Schon wieder so ein Wort. Eins das sie am Hüpfen hinderte. Normale hüpfen nicht. Normale gehen normal. Schritt für Schritt. Normale schlugen keine Haken, wie sie das jetzt tat, wo der noch immer regennasse Weg, sie doch dazu aufforderte. Pfützen hatte sie schon als Kind gemocht. Im Gegensatz zu heute war sie damals aber dem trockenen Land um die Pfützen herum ausgewichen. In die Pfützen hinein gesprungen. Wer am weitesten spritzen konnte, hatte gewonnen. Gedanken, die sie wieder hüpfen ließen. Verspielte Gedanken machten sie hüpfen, normale Gedanke ließen sie gehen. Normal sein war gezähmt sein. Hatte sie wirklich sechsundzwanzig Jahre alt werden müssen, um das zu begreifen? Das Mädchen, das noch immer in ihr lebte, kicherte.

Ob ich Sabine und Alina dazu überreden soll, statt ans Fest mit mir in die Jakobshöhle zu gehen?, fragt sie sich. Ob die Kerzenstummel noch da waren? Vielleicht war sogar die alte Decke noch hinter dem Felsvorsprung versteckt, wo sie immer gelegen hatte. Vielleicht waren inzwischen andere Kinder dort eingezogen? Wie lange sie schon nicht mehr dort gewesen war! Kinderzeug, würde Alina sagen. Lass uns ans Fest gehen. Dort läuft was.

Und sie würde mitgehen. War das die Freiheit? Was wollte sie wirklich? Jetzt? Ihr Schritt hatte sich verlangsamt.

(Schreibmarathon 2010, 24.4.)

Mein Doppelleben

Habe ich meine Kamera oder mein Notizbuch unterwegs mit dabei (erstes weniger häufig als zweites), passiert zweierlei mit mir: Ich bewege mich auf zwei Zeitebenen.

Beim Fotografieren denke ich bereits an das spätere Bild und beim Schreiben liebäugle ich bereits mit dem fertigen Text. Zielstrebigkeit, Produktorientiertheit oder einfach Freude am Erschaffen? Zugleich bin ich gegenwärtige und zukünftige Betrachterin, Leserin. Zeitgleich wie ich die betrachtete Gegenwart konserviere, erlebe ich jedoch diese Gegenwart unglaublich intensiv. Wohl weil ich fotografierend und schreibend viel genauer hinsehe.

Nachdem ich heute mit ein paar Schreibfreaks aus meiner Schreibgruppe marathonschreibend unglaublich viele Wörter geschrieben hatte und mein Kopf einem Bienenhaus glich, zog es mein Fahrrad und mich in den nahen Wald. Mein Wald. Mein „Bremer“, was wäre ich bloß ohne dich!

Schreib dich von A nach B und wie

Buchstaben sind nicht
viele da nur sechsundzwanzig um
genau zu sein (in unserer Sprache jedenfalls) und unzählige
Möglichkeiten sie zu verbinden mit oder ohne Lücken zwischen-
drin um aus ihnen Wörter zu formen unzählige Möglich-
keiten nur schon auf Deutsch und für Sätze erst unendlich viele Kombi-
nationsmöglichkeiten zu sinnvoller und sinnloser Kreativität
um sich von A nach B zu schreiben nicht
einfach linear sondern zyklisch von Punkt
zu Punkt tanzen und dazwischen der
leere Raum des Unausgesprochenen des Unbe-
schreiblichen das Netz das die Tautropfen der un-
fertigen Gedanken auffängt und verdichtet
oder auch nicht denn
nicht alles muss sichtbar gemacht nicht alles muss material-
isiert werden heute sind es die Satz-
zeichen die keine Lust haben sich
an dieses Geschreibsel hier zu
binden weshalb diese Worte hier sich zu
einem einzigen langen Satz
versammelt haben
Punkt

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Morgen treff ich mich mit drei vier anderen Schreibfreaks zum diesjährigen Schreibmarathon. Letztes Jahr, am Pfingstmontag, war die Première. Bin auf die zweite Auflage ja schon sehr gespannt!

Fortsetzungsgeschichten

Da war vorhin auf einmal dieser Titel im Raum. Frech setzte er sich zu mir aufs Sofa, streckte die Beine aus, blinzelte mir zu … Zuerst soll man einen Titel schreiben, der Rest kommt von selbst. Hat er das tatsächlich geflüstert? Oder habe ich das irgendwann irgendwo gelesen? In einem Blog vielleicht?

Okay. Der Titel wäre also da. Unübersehbar. Doch nun – wie weiter? Da ich nicht an Happyends glaube, mag ich diesen Titel irgendwie. (Bin echt froh, dass sich nicht Happyend zu mir aufs Sofa gesetzt hat).

Denn ich glaube an Fortsetzungsgeschichten. Erstens weil sie ganz offensichtlich – rein kommerziell gesprochen – wunderbar funktionieren, im Fernsehen ebenso wie in der Literatur, und zweitens weil sie der Realität näher sind als Happyend-Stories. Drittens glaub ich aus dem offensichtlichsten Grund der Welt an sie: weil das eigene Leben eine ist. Eine Geschichte mit nicht nur immer wieder neuen Kapiteln, sondern auch eine Geschichte, die immer wieder neue Bücher hervorbringt. Das eine klappe ich zu. Das nächste öffne ich. Stufen. Lebensabschnitte. Neue Gewohnheiten, meinte J. heute Morgen bevor wir für lange Zeit Abschied nahmen, das Leben gibt immer wieder Gelegenheit zu neuen Gewohnheiten. Alte verschwinden, neue bilden sich. Gemeinsam mit neuen Menschen, die uns das Leben bereichern.

Den Reichtum jener bunten Palette aus Freundschaft, Liebe und Beziehung umfassend zu leben heißt allerdings auch, sich verletzlich zu machen, heißt sich immer wieder auf Loslassen und Abschiednehmen einzulassen. Heißt lebendig zu sein, zu bleiben. Und in Bewegung. Sich zu begegnen ist immer eine Reise (Beispiel: hier klicken). Eine Annäherung, die sich mit Distanz abwechselt.

Jede Abschiedsumarmung, jeder Abschiedskuss ist somit nichts weiter als ein „Fortsetzung folgt“-Hinweis. Ein „bitte umblättern“ oder ein „es geht gleich weiter“…

(Notiz an mich: Der Tipp mit dem „Schreib zuerst den Titel“ funktioniert tatsächlich!)

Collage, f., zusammengesetztes od. zusammengeklebtes Kunstwerk

Fragmente überall. Alles, woraus ich bestehe, ist Bruchstück, Stückwerk – physikalisch ebenso wie metaphysisch, energetisch (ob Kunst oder nicht wäre eine andere Geschichte). Alles zusammen sei mehr als die Summe des Ganzes, hat mal ein kluger Mensch gesagt*. Jedes Teilchen meines Lebens, Ding oder Mensch, hat sich irgendwann mit mir getroffen – oder ich mich mit ihm. Bleibt kleben – Anziehung ist der Leim – und teilt ein Stück Zeit und ein Stück Weg mit mir. Ein Wegbruchstück. Ein Lebensphasenbruchstück. Alles ist abschiedlich, sagte Jorgos Canacakis, bei dem ich vor vielen Jahren ein Trauerseminar besucht habe. Alles. Alle Beziehungen. Alle Dinge. Alles kommt. Alles geht. Und dazwischen und genau da und überall findet Leben statt. Sattes Leben. Glück. Freude. Krankheit zuweilen. Leid auch. Leben eben.

Solche bunten Gedanken blubbern durch meine Pipelines, während ich staubsauge.

Später, als ich das Bett frisch beziehe, denke ich an J. Und dass 6 gut für die Kondition ist. Und fürs Herz.

Beim Abwaschen denke ich an eine Geschichte, die sich in mir zu entwickeln beginnt. Eine Kurzgeschichte. Eine eingermaßen ver-rückte, schräge. Irgendwann später schreibe ich sie runter. Was sich sehr gut anfühlt. Kreatives Frühlingserwachen.

Neue Geschichten. Alle sind sie schon. Als Samen. Als Fragmente. Als Setzlinge. Wir brauchen sie bloß zu finden. Und zu zähmen. Zu hegen. Dennoch werden die meisten ungeschrieben bleiben. Für alle reicht mein Leben nicht. Selbst wenn ich weniger faul wäre. Nein, selbst dann nicht.

*“Das was aus Bestandteilen so zusammengesetzt ist, dass es ein einheitliches Ganzes bildet, ist nicht nach Art eines Haufens, sondern wie eine Silbe, das ist offenbar mehr als bloß die Summe seiner Bestandteile. Eine Silbe ist nicht die Summe ihrer Laute: ba ist nicht dasselbe wie b plus a, und Fleisch ist nicht dasselbe wie Feuer plus Erde.“ Aristoteles (Quelle: Emergenz, Wiki)