Mein Doppelleben

Habe ich meine Kamera oder mein Notizbuch unterwegs mit dabei (erstes weniger häufig als zweites), passiert zweierlei mit mir: Ich bewege mich auf zwei Zeitebenen.

Beim Fotografieren denke ich bereits an das spätere Bild und beim Schreiben liebäugle ich bereits mit dem fertigen Text. Zielstrebigkeit, Produktorientiertheit oder einfach Freude am Erschaffen? Zugleich bin ich gegenwärtige und zukünftige Betrachterin, Leserin. Zeitgleich wie ich die betrachtete Gegenwart konserviere, erlebe ich jedoch diese Gegenwart unglaublich intensiv. Wohl weil ich fotografierend und schreibend viel genauer hinsehe.

Nachdem ich heute mit ein paar Schreibfreaks aus meiner Schreibgruppe marathonschreibend unglaublich viele Wörter geschrieben hatte und mein Kopf einem Bienenhaus glich, zog es mein Fahrrad und mich in den nahen Wald. Mein Wald. Mein „Bremer“, was wäre ich bloß ohne dich!

5 Kommentare zu „Mein Doppelleben“

  1. Beim intensiven Wahrnehmen gibt es so ein Phänomen: ich will mal vom Malen reden- in einem Bild ist eine Stelle vielleicht 2×5 cm von 70×100 cm nicht schön, ich verbessere, stiere sie an, verweile an dem Punkt und vergesse darüber die ganze Fläche mit dem Ergebnis, dass etwas entstanden ist, das sich nur schwer einbinden lässt. Vielleicht einfacher- so intensiv, wie man vieles verstehen will, geht nicht so gut, weil man alles nicht so intensiv erfassen kann. Oder man kann nicht immer vom Teil aufs Ganze schließen. Man braucht das auch nicht gut heißen, was ich da geschrieben habe.

  2. ganz spannender gedanke, liebe u.!
    in vielen nativen kulturen ist perfektionismus gar verpönt. perfektes ist dem jeweiligen pantheon vorbehalten und menschliches wird, soll, darf immer unvollkommen sein. dürrenmatts gedicht „ergreife die feder“ macht genau dazu mut! (hier nachzulesen: http://www.festivalvorfuehrer.de/fliederberg/Verlag%20html-Seiten/ambition.html)
    außerdem, so ganz am rand gesagt, finde ich allzu perfekte sachen oft unheimlich und steril. mut zur lücke!
    liebgrüß, d.

  3. In Teppichen, echten, handgeknüpften, aus dem Orient, ist immer ein Fehler hineingeknüpft – eben weil das Perfekte dem Göttlichen vorbehalten ist. Hat mir mein Mann erzählt.
    Und spannend die Frage, in welcher Zeit ich mich befinde, wenn ich schreibe oder fotografiere. Mir scheint, ich gehe nie als Leserin in die Zukunft, aber als Fotobetrachterin schon. — Muss mich mal selbst genauer beobachten. — Beim Schreiben bin ich ganz im Augenblick gefangen und formuliere auch in diesem. Lese erst viel später durch, wenn alles beisammen, wenn es schon getippt ist. (Denn ich schreibe größtenteils mit der Hand. Fließt anders, besser, ursprünglicher.) Und dann – beim ersten Durchlesen, manchmal Tage später, werde ich zur Leserin – aus der Rolle komme ich aber nicht mehr weg. Das bin dann nicht mehr ich, der Text. Seltsam?
    Hm.
    Lieben Gruß, Uta

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert