oder- und unterwex

Schon bald hat J. alias Irgendlink die halbe Strecke nach Andorra geschafft. Obwohl … Es spielt keine Rolle, wann er ankommt. Er strampelt sich zurzeit glücklich durch das Südburgund und aus diesem heraus Richtung Süden. Und findet dabei wunderbare Fotosujets. Schön für ihn. Für mich auch.

Ich reise mit und teile sein Glück über dieses sein abenteuerliches Unterwegssein. Über die Bilder, Geschichten und Erfahrungen, die er sammelt und mit mir teilt. Doch da ist, ich gestehe es, auch Vermissen. Und Fernweh, ganz viel Fernweh. Zugleich besitze ich, mein Scheff dankt es mir, jenes Quäntchen Realismus, die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Job. Materie. Alltag. Büro. Hier und jetzt gut zu leben, fällt mir zuweilen nicht ganz leicht.

Mein Job ist grad sehr intensiv. Ich schaffe es immer nur, das oberste Zipfelchen meines Berges abzutragen. Vieles wie Gesuche, Anträge, Bewerbungen, die es zu bearbeiten gäbe, liegen schon seit vielen Wochen unberührt und rutschen im Stapel immer tiefer.

Es kommt zuweilen soweit, dass ich – wie heute –  sogar Arbeit nach Hause nehme. Habe allerdings zuerst, statt der Arbeit, ein Nickerchen gemacht. Und jetzt ruft der Wald. Joggen macht den Kopf frei. Und das Herz. Die Lunge ebenfalls.

Ach, und da ist ja noch der neue Artikel (Auftrag) für „meine Zeitschrift“ … Diesmal geht es um eine ganzheitliche Heilmethode, die ich am Donnerstag testen und darüber berichten werde. Abgabe Mitte Mai. Und dann? Ferien!!!

Loch

Es tat weh. Warum hatte sie es nicht gesehen, nicht bemerkt. Ein großes Saugen und Ziehen. Und Schmerz. Großer Schmerz. Großes Loch. Große Lücke. Kann, was fehlt, weh tun?

Ja, sagte er. Sehr wohl kann fehlendes wehtun. Denk bloß an den viel erwähnten Phantomschmerz nach Amputationen. Sie nickte, dachte an ihren Onkel, dessen Bein weg war. Und an die zwei Finger ihres Bruders. Nicht dass sie wirklich wusste, wie sich das anfühlte, das nicht. Und die Frage war noch immer da: Warum hatte sie dieses Loch bis jetzt nicht gesehen hatte. Sie schnappte nach Luft, doch da war nichts als Leere.

Schnitt.

Geht doch bitte zur Seite, sagte er, ich komme nicht durch. Macht Platz. Die Kühe drehten den Kopf und schauten ihn wiederkäuend an. Blieben, wo sie waren. Er zwängte sich zwischen den schwerfälligen Leibern vorbei und schloss den Viehzaun hinter sich. Warum die Viecher aber auch ausgerechnet hier grasen mussten. Der Weg war steil. Nach dem nächsten Viehzaun – draußen – setzte er sich außer Puste auf einen Felsen. Wie still es hier war! Er zog die Kamera aus der Tasche und zoomte den Hexenkreis an. So viele Fliegenpilze wie hier, hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Er würde ein paar mitnehmen. Einen nur. Aber keinen von diesem wunderschönen Hexenkreis hier. Einen der für sich stand.

Schnitt.

Sie starrte ins Loch. Gebannt. Mehr und mehr auch fasziniert. Hatten der Schmerz und das Ziehen wirklich nachgelassen oder hatte sie sich bloß daran gewöhnt? Das Sirren der Farben war, wenn möglich, eher noch stärker geworden. Schönheit und Hässlichkeit tanzten nun so schrecklich wunderbar, dass sie ihnen nicht konnte. Mit den Augen nicht, noch weniger mit den Gefühlen. Unglaublich schnell drehte sich alles. Und noch immer dieses große Fehlen. Etwas fehlte. Keine Frage. Ein Fakt. Und noch immer hatte sie nicht den blassesten Schimmer, was es sein könnte. Dieses Gefühl von Sehnsucht hatte kein Gesicht. Diesmal nicht.

Irgendwo auf einer Ebene ihres Verstandes scannte sie alle Gesichter, die alle ihr bis anhin bekannten Sehnsüchte je gehabt hatten. Keines ließ sich verknüpfen, keines roch vertraut, keines hatte auch nur im geringsten mit dem Schmerz dieser gegenwärtigen Abwesenheit zu tun, der sich nun in einer neuen Welle in ihr ausbreitete. Innen und außen.

Ich habe Angst, sagte sie, worauf er ihr seine eine Hand auf den Oberschenkel legte. Vielleicht sterben wir. Sie zitterte. Brechreiz. Schwindel. Noch immer die Farben, innen und außen. Überall. Keine Chance dieser bunten Flut, die aus dem Loch zu ihr hervorquoll, zu entkommen.

Schnitt.

Kurz bevor er den ausgewählten Pilz abschneiden wollte – seine Lunchbox hatte er extra dafür leergemacht, die Brote gegessen, die Dörrfrüchte in einen kleinen Beutel gesteckt –, beschloss er auf einmal, den Pilz da stehen zu lassen, wo er war. Mitten auf der Wiese. Und weiterzugehen.

Schnitt.

Da war was. Es zieht. Ein Loch, flüsterte sie.
Was?, fragte er schlaftrunken.
Ich glaub, ich habe bloß Durst, sagte sie, trank einen Schluck aus dem Glas, dass wie jede Nacht auf dem Nachttisch stand, drehte sich auf die andere Seite und schmiegte sich dicht an ihn.

Schnitt.

Um 7:07 klingelte der Wecker. Wie immer standen sie auf und frühstückten. Das Brot und den Käse hatte er einem Bauern abgekauft. Auf seiner gestrigen Bergtour. So gut konnte nur Käse aus den Bergen riechen.