1001. Herzgespinst

Ohne es zu merken habe ich neulich den 1000. Blogartikel des Sofasophia-Blogs geschrieben. Ein bisschen schwindlig macht mich der Gedanken ja schon, dass ich 1000 Artikel innerhalb von fünf Jahren und etwa dreieinhalb Monaten (2040 Tage um genau zu sein) geschrieben haben soll.

1000ArtikelDurchschnittlich habe ich also jeden zweiten Tag gebloggt und pro Artikel durchschnittlich 4,769 Kommentare erhalten, wenn ich meine eigenen abziehe. Wenn ich die Zeiten abziehe, in denen ich – wie jetzt – die Kommentarfunktion ausgeschaltet habe, müssten es pro Artikel mehr als 5 Kommentare sein. Ja, ein klein bisschen macht mich das froh, dankbar und … stolz (das letzte eins meiner Reizwörter).

Zahlen. Manchmal schmeicheln sie uns und unserer Eitelkeit und wir bilden uns ein, das heißt, ich bilde mir ein, dass das was ich das schreibe und schrieb, irgendwie für andere relevant sei. Nur schon irgendwie relevant zu sein klingt nach einer Wichtigkeit, die ich sowohl haben als und nicht haben will. Schrödingers Katze und Shakespeares Hamlet gleich will ich sein und nicht sein zugleich.

Wie sagen die buckligen Verwandten doch so schön, wenn Klein-Hanna den Schlüssel für ihr Eigenheim in Händen hält? Es ist „etwas“ aus ihr geworden. Eine umgangssprachliche Formel für eine erfolgreiche Karriere, die mich immer gestört hat, geschmerzt sogar. Denn so gesehen bin ich ja eigentlich nichts geworden, trotz der vielen schönen Ausbildungen. Zu wenig machte ich mir bisher aus Besitz und Titeln, aus Eigenheim und Karriere.

Wie ich vorgestern Abend mit dem Liebsten nach einem Beinah-Hitzschlag die relative Abendkühle – nur noch 29 Grad war es – genoß, sofasophierten wir wie schon so oft über die Kunst, das Menschsein, das Leben und die Fähigkeit, darin wahrhaftig zu sein. Aus den Anfangszeiten meiner Bloggerei stammt mein Text Die Echte werden, die Echte sein. Schon damals trieb mich die Sehnsucht, dass mein Tun, ob nun im Bereich von Kunst oder von Broterwerb echt, wahr, authentisch sei. In meinem Plädoyer über das Wesen der KünstlerInnenseele dachte ich vor Jahren schon über das Kunstschaffen als solches nach.

In beiden Texten erwähne ich nur am Rand, wie – respektive wovon – wir als Kunstschaffende leben können. Immer schon sah und noch immer sehe ich einen Widerspruch darin, meine Kunst auf meine Art und Weise zu schaffen, echt und wahrhaftig zu sein und das Erschaffene kommerziell zu nutzen. Ich weiß inzwischen, dass die meisten Menschen diese Art zu denken nicht nachvollziehen können.

So sprachen wir zwei also neulich über die Grenze zwischen jenen Kunsterzeugnissen − Bildern und Texten −, die unserem Innersten entspringen und jenen, die wir erschaffen, weil wir wissen, dass wir damit irgendwie erfolgreich sein und Gefallen finden werden; dass wir damit den allgemeinen Geschmack treffen und auf Resonanz stoßen werden.

Meine Fähigkeit und -bereitschaft mich einer breiten Masse anzupassen, um anerkannt oder gesehen zu werden, ist allerdings rasant geschrumpft. Einen Text so und so gestylt resp. gesellschaftscodiert zu schreiben, dies und jenes Thema zu diskutieren, weil es gerade in aller Munde ist, jene Redewendung zu verwenden, weil es alle tun … ich kann es fast nicht mehr tun. Und einfach nur schreiben, damit ich mal wieder etwas geschrieben habe? Nein, auch das geht nicht mehr. Und künstliches Aufbauschen eines Themas schon gar nicht. Keine Ahnung, wo das noch hinführen wird.

Ich fühle mich zuweilen wie ein einst feingeschliefener Stein, der sich zurückverwandelt in seine kantige, ungeschliffene Urform. Obwohl ich zugleich und dennoch das Gefühl habe, nebenbei ein bisschen weiser und ein wenig reifer geworden zu sein und es noch zu werden.

Eine Brücke will ich dennoch bauen. Eine, die Kunst und Kommerz versöhnt, will heißen: Eine Brücke, die wahrhaftige Kunst nicht per se von kommerzieller Nutzung ausschließt. Ich will an meiner Denkerei arbeiten, neubewerten. Weil: es gibt sie ja wirklich, die wahrhaftige Kunst, die auch von einer großen Menge als wahrhaftig, berührend und wertvoll erkannt und anerkannt wird. Umgekehrt ist nicht alles, was laut beworben und gehyped wird, automatisch Bullshit (obwohl ich da misstrauisch bleibe).

Fazit: Nicht immer hat der Kunstkaiser auch wirklich keine Kleider an, manchmal trägt er sogar welche und manche gar aus handgesponnener Seide.

Eitelkeit – dieses Wort muss nun doch nochmals getippt werden. Fast jede Form von Eitelkeit widert mich an, wobei mir bewusst ist, dass ich vielleicht mit Eitelkeit andere Schubladen angeschrieben habe als du. Insbesondere jene Eitelkeit meine ich, wo Talent mit der Fähigkeit, sich gut und gewinnbringend verkaufen zu können, verwechselt wird, insbesondere im Literatur- und Kunstbetrieb. Oft schon bin ich auf Buchwerbung hineingefallen und habe Bücher gekauft oder ausgeliehen, die mir als Bestseller angepriesen worden sind. Nur um enttäuscht festzustellen, dass die hochgepriesene Geschichte für meinen Geschmack viel zu viel Weichspüler und viel zu wenig Knochen am Fleisch hat.

Der Anspruch, in meinen Blogs nur noch Dinge zu publizieren, die in meinem Inneren herangewachsen sind, ist ein hoher. Selbst bei Twitter werden meine Ansprüche an mich (und an das, was ich bei anderen lesen mag) immer höher. [Klar ist letztlich die Tagesform entscheidend. Manchmal finde ich nämlich fast alles doof, kindisch, kitschig, unreif, krank, was ich dort lese (fast wie bei FB) und manchmal finde ich auf Twitter viel Weisheit, Ermutigung und herzlich Humorvolles, dass es mir nachher, nach dem Lesen, tatsächlich besser geht.] Ich vermute, es liegt nicht immer nur am Gelesenen, es liegt genauso oft an mir und meiner Stimmung und an meiner Sehnsucht. Diese Sehnsucht nach wahrer, nach wirklicher Wirklichkeit, nach Wandlung, nach Schönheit und Heilwerden.

Denn das ist es, was ich will mit meinem Leben und mit meinem Schreiben. Immer weiter gehen, die Echte werden und eben auch – selbst wenn ich damit andere vor den Kopf stoße -, keine faulen Kompromisse mehr eingehen. Weder in Sachen Brotjob noch in jenen Lebensbereichen, wo es um meine Herzensanliegen geht, wo es um den Ausdruck geht, um die Kunst, ums Schreiben. Vor allem dort nicht. Und so will ich auch in meinem 1001. Blogartikel und weiterhin über jene Themen schreiben, die mir wichtig sind.

Wenns bei dir oder dir resoniert, schön.
Wenn nicht, auch gut.

Ich danke dir, dass du da bist.

Eine Meinung zu haben

Die Sache mit der Eitelkeit habe ich nie so ganz begriffen. Vielleicht weil ich es bin? Vielleicht bin ich, ohne es je gemerkt zu haben, eitel? Nur weniger bei äußerlichen Dingen als bei Dingen, die ich erschaffe? Schreiben und Bilder kreieren. Vielleicht? Bestimmt!

Eitelkeit bremst Mut. Weil … Eitelkeit fragt: Was denken die andern. Und wenn ich das denke, tue ich womöglich nicht, was ich täte, wenn ich mich das nicht fragen würde. Oder wenn es mir nicht wichtig wäre. Dass mir noch immer so wichtig ist, was die andern über mich und meine Taten denken, stört mich.

Ich freue mich zum Beispiel über jeden einzelnen Follower bei Twitter und im Blog. Echt wahr. Ja, so eitel bin ich! Obwohl ich die Statistiken selten angucke … Ich freue mich vielleicht, weil ich mir so einbilden kann, dass das, was ich von mir gebe, irgendwie von Bedeutung sei. Für andere, meine ich, nicht nur für mich. Und dann fühle ich mich ein klein bisschen wichtiger als ich es in Wirklichkeit bin. Als ob das wichtig wäre. Das Sich-wichtig-fühlen, meine ich.

Denn in Wirklichkeit sind andere Dinge viel wichtiger. Dass sich etwas verändert auf der Welt. Dass wir näher zusammenrücken, dass wir uns solidarisieren mit Menschen, die leiden. Mit Menschen, denen Unrecht geschieht. Unabhängig von Rasse, Nation, Religion. Wie zum Beispiel diese Raumpflegerin, die ich nun schon eine ganze Weile kenne. Die von ihrem Arbeitsgeber ausgenutzt wird, aber nicht kündigen will, weil sie sonst nichts mehr hat. Außer drei pubertierende Kinder, die irgendwann keinen Strom und kein Essen mehr haben würden. Solche Unrecht meine ich, direkt vor der Haustür. Oder anderes Unrecht. Waffenhandel. Menschenhandel. Freiheitseinschränkungen. Charlie in Paris.

Meinung
Twitterpost von @wallnuss

Vielleicht darum haben wir in den letzten Jahren das Eine-Meinung-zu-allem-haben so unglaublich kultiviert? Und auch, weil es möglich geworden ist, technisch meine ich.

Ehrlich gesagt, manchmal weiß ich nicht, was für eine Meinung ich dazu haben soll, dass wir alle zu allem eine eigene Meinung haben sollen. Einerseits ist sie ja genial, diese Möglichkeit als solche. Ich meine, dass es sie gibt. Andererseits ist es verdammt verunsichernd, weil nun alle meinen – auch jene ohne Ahnung vom Thema-was-auch-immer-es-ist, Ahnung zu haben, weil sie doch auf fb oder sonstwo im Internet die Meinung von XYZ gelesen haben. Oder zumindest gehört. Doch es ist ja auch verdammt verwirrend, weil nämlich ABC gesagt hat, dass … Und sie hat ja auch irgendwie recht. Und so plappern wir nach, ohne wirkliche Ahnung und nicht wirklich mit eigener Meinung. Aber keine Meinung zu haben, geht ja auch nicht. Oderrr?

Es ist wie mit den Falten. Die bekommt man ja auch einfach, ob man nun will oder nicht. Die bei den andern, die mag ich sogar. Vor allem die Lachfalten oder die zwischen zwei Bergen, die man Täler nennt. Die Lachfalten erzählen davon, dass der Mensch viel gelacht hat. Hat er viel geweint, müsste er Rinnen haben, eigentlich, aber stattdessen bekommt er eine 20ab8ti-Schnurre*. Und das ist nicht schön. Finde ich. Ich mag diese Falten nicht. Nicht in meinem Gesicht. Nicht in meinem Leben.

Ja. Ich meine natürlich nein, vieles mag ich nicht. Aber es gibt auch vieles, das ich mag. Drauflos schreiben zum Beispiel. Ob das schon unter Eine-Meinung-haben durchgeht? Habe ich denn eine und wenn ja, wozu? 😉

Zur Écriture automatique auf jeden Fall. Es macht Spaß. Einfach drauflos hacken. Und auf einmal weißt du genau, was dich beschäftigt. Das nämlich, was deine Finger in die Tasten hauen. Und nein, das ist keine Satire, bestenfalls ein klein bisschen ironisch.

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* Wie kann ich das bloß übersetzen für meine deutschen LeserInnen? Stellt euch eine Uhr vor, die zwanzig Minuten nach acht Uhr anzeigt. Wie die Zeiger, so der Mund. Und die Falten sowieso -> so irgendwie:  🙁

Und ja, ein bisschen habe ich den Text gekämmt, so eitel bin ich nämlich.