„… das Schreckliche, das einer Seele durch Schönheit angetan werden kann … „
Ein Satz, der mich nach Luft schnappen lässt. „Wintergewölbe“ von Anne Michaels hat mich nach einem längeren Unterbruch nun endlich doch gepackt hat. Dieser dreihundertfünfzig Seiten dicke Roman erzählt von Heimat und Heimatlosigkeit, vom Verpflanztwerden, von der Illusion von Liebe und jener Liebe, die so schön ist, dass sie unerträglich wird. Von Harmonie auch. Und deren Gegenteil. Kein Easyreading, dieses Buch, sondern eins, das meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht, das mich innehalte heisst, Sätze wieder und wieder kauen lässt, um sie ein klein bisschen leichter verdauen zu können.
Gestern, vor dem Einschlafen, gedacht: „Wer einmal jene unfassbare jenseitige Schönheit erlebt, gesehen, geahnt, an ihr geschnüffelt, sie gerochen, geschmeckt, ertastet, gespürt hat, wer einmal den Himmel und den letzten Vorhang offen gesehen hat, für diesen Menschen ist alles, was danach kommt, ein Abklatsch, eine Imitation, eine Irritation. Die Ansprüche sind hinterher unfassbar. Nichts und niemand kann sie erfüllen. Dieser Mensch weiss nun nicht, ob er sich darüber freuen soll, dass er sie gesehen hat, diese absolute Schönheit, oder sie verfluchen und sich wünschen, er hätte damals weg gesehen. Und er weiss nicht, wie er inmitten dieser Unvollkommenheit leben kann.“
Heute, beim Lesen meiner gestrigen Notiz ahne ich: Dieser Mensch bin ich – dieser Mensch sind wir alle. Wir alle haben sie gesehen. Irgendwann. Irgendwo. Und da, in uns, ist sie noch immer. Deshalb die Sehnsucht. Deshalb die Unzufriedenheit …
Mein Weg, damit zu leben, ist es, mich mit der Unvollkommenheit zu versöhnen. Ohne dabei die Augen vor der Schönheit in und um mich zu verschliessen.
Du Liebe
Deine mystisch anmutenden Zeilen. Schön, wie du das thematisierst. Die erschnüffelte jenseitige Schönheit… wir kennen sie alle. Die polare Spannung auszuhalten, auf die unser irdisches Leben aufgebaut, aufgespannt ist. Und trotzdem sich in der Einheit zu wissen, in die das alles eingebettet ist. Was hiesst hier Unvollkommenheit? Roshi Suzuki sagte einmal: die wahre Vollkommenhait liegt in der Unvollkommenheit. Peng. Da war ich auf dem Boden. 😉
Schön, in deinen Zeilen so viel Grundsätzliches, Menschliches zu lesen. *wiedererkenn* Da sind wir in der Tiefe, in der Essenz doch alle verbunden… in aller Schönheit.
Herzlich, Rébecca
@rébecca
sich wiedererkennen – das ist es. ist dies nicht die grundmotivation für jegliches kulturschaffen? im erwähnten buch gehts unter anderem um vergangenheitsbewältiung. drittes reich und so. selbst in mitten der grössten verzweiflung wurden bücher gelesen und instrumente gespielt, wurden bilder gemalt sowie geschichten und lieder gedichtet. das berührt mich jedesmal von neuem!
erkennen wir uns wohl vor allem im tragischen wieder? oder wird tragisches eher festgehalten und geteilt? geteiltes leid halbiert sich ja, heisst es.
lg, s.