Grenzgänge

Die Zeit ist wie ein teures Lebensmittel, hat U. heute kommentiert. Eine Minute mit Schmerzen beim Zahnarzt ist länger als eine Minute am abendlichen Feuer. Zeit – so relativ und unfassbar. Eine halbe Stunde liebevolles Kochen in der neuen Küche, die schon fast fertig eingerichtet ist, ist um Längen köstlicher als eine halbe Stunde Abkratzen von Window-Color-Bildern, die mir meine Vermieterin gut meinend überlassen hat. Damit ich selbst entscheiden könne, ob ich sie behalten oder eben entfernen wolle.
Jeder Ton, den wir hier auf Erden erzeugen, setzt sich ins Unendliche im Universum fort, zitiert Freundin U. im Kommentar zu meinem gestrigen Artikel. Alles, was wir sagen, wird gehört. Jede Aktion erzeugt eine Reaktion. Während ich an den Fensterbildern rum mache, agiere, mich abreagiere, sende ich allerdings nicht sehr schöne Wellen ins Universum, muss ich gestehen. Denn die erwähnten Fensterbilder lassen sich leider, trotz Hilfe eines Putzmittels, nur mit brachialer Gewalt – will heißen durch intensivstes Kratzen mit dem Glaskeramikspachtel – entfernen. Ich spintisierte dabei über meinen Raum. Meinen neuen Wohnraum. Lebensraum. Lebenstraumtraum.
Landnahme. Wie wird ein Raum zu meinem Raum? Wie kann ich meinen Raum – ob gemietet oder gekauft ist für die persönliche Mentalität vermutlich zweitrangig – bewahren, im Wissen, dass ich überall nur Gast bin. Hier wie dort. Besucherin.
Und wieso muss ich mich bloß so ärgern über die Klebkraft dieser Fensterbilder? Je mehr ich mich ärgere, desto fester scheinen sie zu kleben. Hat mein Ärger mit der dabei verrinnenden Zeit zu tun, die mich reut? Mit meinen müden Füßen, die sich seit Tagen kaum mehr zu erholen scheinen? Oder weil ich lieber Kisten auspacken als farbverschmierte Fenster putzen würde? Ein Kopfproblem, sagt Irgendlink.
Die Zeit ist wie ein Lebensmittel. Wie wahr. Ein teures Gut.
Inseln schaffen. Wie die kleine Siesta im neuen Schlafzimmer mit den Dachfenstern, nachdem Irgendlink und ich mir einen wunderbaren großen Arbeitsplatz direkt unter einem dieser Dachfenster kreiert haben. Eine neue, größere Tischplatte und schon bin ich glücklich und sehe mich hier sitzen und an meinen Texten weben.
Mein (T)Raum: Wahren. Teilen. Bewahren. Grenzen weiten. Grenzen hüten. Ich bleibe dran.

0 Kommentare zu „Grenzgänge“

  1. Es gibt einen Spray gegen solche Aufkleber, den ich benutzt habe, um eine von Irgendlink für Fotos benutzte Stellwand wieder frei zu bekommen. Er stinkt, aber er wirkt. Lieb Grüß U.

  2. too late 🙂
    stinken und wirken … eine kombination, die es auch sonst oft gibt.
    dem rücken gehts bisschen besser, irgendlink hat mich massiert. heute treten wir langsamer (in die pedalen dafür).
    liebgrüß, d.

  3. ach und seufz… ich möchte auch sooo gerne neue Räume betreten, und nicht nur innerlich… aber… aber… aber
    ja du Liebe, grenzen bewahren… und Grenzen sich langsam ausdehnen lassen, so wie du es gerade brauchst
    eine herzlichste Umärmelung

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