Sie schlummern immer. Irgendwo.

Beim Frühstück stehen sie Schlange. Ich komme nicht nach, sie alle zu begrüßen. Wir sind übernächtigt, doch J. muss heute früh los. Mit Kollege T. am Feuer war es einfach zu gemütlich und die Nacht sommerlich lau. Der Müdigkeit zum Trotz sprudeln sie, die Ideen. Sie hüpfen wie Gummibälle durch die Wohnküche. Draußen regnet es. Endlich mal wieder.
Während die Spiegeleier brutzeln, tüfteln und spinnen wir und erzählen uns Geschichten, die sich als Romanvorlagen eignen. So wir denn die Muße hätten, sie zu bannen, in Worte zu fassen und zu Papier zu bringen. Später, während ich am Laptop sitze und an einer Bewerbung bastle, um mir eine weitere Tür aufzutun, sind sie weg. Alle Ideen. Alle weg. Auch Bilder auf dem iPhone kann ich heute keine bauen. Ich bin seltsam leer und unkreativ.
Irgendwann fange ich dennoch einfach zu schreiben an. Und siehe da, sie tauchen wieder auf. Ganz leise. Um sie nicht zu erschrecken und womöglich erneut in die Flucht zu schlagen – sie kommen mir vor wie Asseln, die unter dem Stein hockten, den ich soeben hochgehoben habe – lege ich den Stein vorsichtig zurück und schreibe einfach weiter. Tue, als ob ich sie nicht gesehen hätte. Meine Gedanken fließen direkt in die Finger und die kennen den Weg zu den Tasten blind. Sie tippen einfach vor sich hin, was ihnen das Herz zuflüstert. Diese Sätze hier.
Eine Bildhauerin, deren Skulpturen mich in der neulich besuchten Ausstellung sehr angesprochen haben, hätte ich gegooglet, hatte ich J. erzählt, heute Morgen beim Frühstück. Den Satz, dass sie beim Steinbearbeiten nur bloßlege, was eh schon da ist, kennt jede, die sich schon mal mit der Bildhauerei auseinandergesetzt hat. Ob ihn alle wirklich verstehen, weiß ich nicht, doch auch besagte Bildhauerin hat ebendieses Bild bemüht. So oft ich den Satz höre, spüre ich genau, was gemeint ist, und finde kein neues, besseres Bild für dieses Phänomen. Mir geht es ja beim Specksteinbearbeiten auch so. Und beim Fotobearbeiten sogar zuweilen. Die Idee, sie schlummert zuweilen, schläft vielleicht gar. Doch sie ist immer da. Irgendwo. Immer. Ihr gutes Recht.
Wem gehört sie eigentlich, die Idee?, fragte Irgendlink beim Brote schmieren. Vielleicht ist es ja der Idee völlig egal, wer sie zur Welt bringt. Hauptsache jemand nimmt sich ihrer an.
Hm, ja … Ideen sind frei,
sage ich mit vollem Mund.
Open Source-Software entspricht genau diesem Ideal, sagt J.. Die Macher stellen einfach ihr Wissen zur freien Verfügung. Sie haben keinen finanziellen Nutzen. Dieses ganze Brimborium mit Urheberrechten müsste gar nicht sein.
Wie wäre es mit einem virtuellen Raum, wo alle, die wollen, ihre Ideen einfach einstellen könnten?,
überlege ich. Ich denke an Romanideen, Plots, unfertige Bilder zum Weiterbearbeiten, alles, was sich irgendwie in Pixels umbauen lässt … Fast so wie ein Heim für verlorengegangene Tiere.
Später, während ich die Wäsche aufhänge, denke ich über ein Museum der Ideen nach. Statt das Ganze im Internet zu inszenieren, sollte es ein richtiges, ein lebendiges Museum geben. Menschen kommen und gehen und alle bringen etwas hin oder nehmen etwas mit. Ein Ideenumschlagplatz.
Ooops, das sollte ich jetzt vielleicht nicht alles öffentlich hier schreiben. Womöglich klaut mir sonst noch jemand die Idee! 🙂

Brot und Spiele

Wie ich da den Birkenhohlweg hochwandere, kann ich kaum mehr verstehen, dass ich mich zuweilen nur schwer vom Laptop loseisen kann. Doch wenn ich über den virtuellen Karten sitze und diese Abbildung der Welt da draußen betrachte, die verschiedene Kartenoptionen – Straßenkarten, Wanderkarten, Satellitenkarten – anklicke und versuche, mir vorzustellen, wie dieser Weg oder jener in Wirklichkeit aussieht und ob ich ihn bereits kenne oder bereits gelaufen bin, vergesse ich zuweilen, dass ich jetzt einfach aufstehen und loslaufen könnte.
Wie schön es in Wirklichkeit ist, das Leben, erfahre ich aber nur, wenn ich die virtuellen Sinne runter dimme und stattdessen die echten fünf Sinne öffne. Die Vögel locken mich weiter und weiter. Bereits wachsen erste Mohnblumen am Wegrand und ihre roten Köpfe lachen mir zu. Ich gehe unter Bäumen entlang und genieße jeden Schritt, der mich näher zu J. trägt. Fast fliege ich zuweilen. Dann wieder halte ich inne und mache ein Bild. Und da noch eins. Und noch eins.


Wieso nur, frage ich mich mitten in der Schönheit dieses Sonnentages, wieso nur sind wir immer so gierig auf das Hervorragende? Sei es im Facebook, wo ich zwar nicht dabei bin, worüber ich aber doch einiges mitbekommen habe, in der iPhoneArt-Community oder auch in der Blogosphäre: immer geht es darum, das vorherige zu toppen. Noch mehr! Noch besser! Wir füttern uns mit Statistiken und Kommentaren. Wir nähren unsern Selbstwert von diesen Zahlen und Worten, die im Grunde kaum etwas über die Qualität einer Begegnung aussagen.
Gebt ihnen Brot und Spiele!
Irgendwann bin ich da. Bei J.. Wie schön ankommen doch ist! Ebenso schön wie unterwegs sein.
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Bilder: iDogma-Art
Mit ProCamera fotografiert, mit Segmentix und anderen Apps weiterbearbeitet und via Laptop hochgeladen.
 

Wunderkarte Wanderkarte

Nein, nein, ich werde nicht auf einmal zur Jakobswegpilgerin! Auch jetzt nicht, wo ich mit dem Gedanken liebäugle, meinem Liebsten auf dem letzten Stück Jakobsweg seiner fünftägigen Pfälzertour entgegen zu wandern. Noch ca. fünfzehn Kilometer auf und ab trennen uns. Ein Hupf, verglichen mit den hundertfünfzig Kilometern, die er total zurückgelegt haben wird.
Die nächste Wegmarkierung ist gerade mal hundert Meter vom einsamen Gehöft entfernt. Und die ungefähre Route habe ich soeben gegooglemapt. Ausgedruckt sogar. Das iPhone ist ebenfalls instruiert, wo lang es geht und eigentlich müsste ich nur noch loslaufen. Davor noch schnell meinen Rucksack mit Wasser, Brot, Nüssen, Datteln und einem Apfel bestücken.
Liebäugeln mit etwas und etwas wirklich tun sind zweierlei. Die virtuelle Welt, in der ich mir soeben Informationen zusammengeschustert habe, gegen die reale Welt da draußen eintauschen, wo die Sonne scheint und die Vögel pfeifen: wieso ist da dieser Widerstand?
Gewohnheiten durchbrechen. Jawohl!
Auf, auf zum fröhlichen Jakobswandern … 🙂 Immerhin gehe ich auf dem ersten Teil meiner Wanderung in die verkehrte Richtung. Nicht utreia, nicht santiagowärts.
Fortsetzung folgt in diesem Theater. Live.

Des Kaisers neue Kleider

Da wollte sie eigentlich seit Stunden einen coolen Artikel schreiben. Ein bisschen satirlich sollte er sein und von der schönen, heilen, virtuellen Welt sollte er handeln. Und von Webcommunitys und Herdentierchen, die in jenen Gemeinschaften ihre Ersatzheimat fanden. Und endlich glücklich sein und vor sich hin glitzern konnten. Kurz gesagt wollte sie einen Artikel über Internetsucht und Internetgläubigkeit schreiben. Und es sollte auch ein Resümme zu einem weiteren Artikel* aus der bereits gestern erwähnten „DU“-Ausgabe werden („Digitales Leben – Reportagen aus der Parallelwelt“). Sie legte sich bereits die Worte im Kopf zurecht und sie würde auch darlegen, warum sie nicht bei Facebook dabei ist.
Was aber tut sie stattdessen? Genau! Sie surft. Sie schaut sich dies und das an. Vergisst Zeit und Materie und verschmilzt beinahe mit ihrer Tastatur. Sie lädt neue Bilder in ihre Kunst-Community hoch. Und kaum ist das letzte Bild hochgeladen, und noch nicht mal fertig beschrieben, als auch schon der erste Kommentar eintrifft. Von einem ihrer Lieblingsmitglieder. Die Mailbox bimmelt. Gleich darauf folgt der zweite und der dritte. Ach, diese Gier nach Anerkennung …
Voyerismus und Exhibitionismus brauche es, um sein (Parallel-)Leben im Internet auszubreiten, sagt Kummer im besagten Artikel. Provokativ inszeniert er, wie er – während er auf seinen Sohn wartet – ständig vom Vibrieren seines iPhones an Facebook-Updates erinnert wird. Er karikiert herrlich, was die guten Freunde laufend an Neuigkeiten hochladen. Freunde, die er zum Teil nur vom Namen her kennt, die er dennoch als Freunde geaddet** hat, weil sie entweder ihn zuerst als Freund geaddet haben oder weil sie gemeinsame Freunde haben, die sich wiederum auch gegenseitig geaddet haben. Wer dich addet, den musst du auch adden – das erste Gesetz des digitalen Networking. Natürlich nur, falls du dir einen Gewinn aus der Vernetzung erhoffst. Und wer dir ein „Gefällt mir!“ schickt, dem musst du später auch ein „Gefällt mir!“ schicken.
Schnitt.
Heute Nachmittag habe ich meinen Liebsten, der kurzfristig auf dem Pfälzer Jakobsweg unterwegs ist, als Ausstellungshüterin vertreten. Zweieinhalb Stunden habe ich in einer zur Galerie umfunktionierten Kirche verbracht, mit dem iPhone ein paar Bilder aufgenommen, diese auch gleich mit ein paar tollen Apps bearbeitet und vor Ort in meine bereits erwähnte Internet-Community hochgeladen. Keine schlechte Sache. So ein Ausstellungshüte-Job täte mir eigentlich ganz gut gefallen. Idealerweise natürlich gegen Bezahlung.
Jetzt, wieder daheim am Rechner, surfte ich durch das Universum. Ich besuchte die gemeinsame Galerie der Community, wo kaum eine Minute vergeht, ohne dass ein Bild hochgeladen wird. Ich schrieb eine Reihe von Kommentaren zu Bildern, die mir gefallen. Ab und an ertappe ich mich, dass ich auch mal einen Kommentar zu einem mittelmässigen Bild schreibe, weil mir besagte Person auch einen netten Kommentar geschrieben hat. Oder weil die eine oder andere Person kaum Kommentare bekommt. Oder ich nehme Personen in meine Favoritenliste auf, weil sie mich ebenfalls in ihre Liste aufgenommen haben. Siehe erstes Gesetz des digitalen Networking. Das ist ja auch okay, aber so werden die Grenzen schwammig.
Ich will um der Qualität willen kommentiere nicht einfach bloß, weil ich nett sein will. Irgendlink, der in der Regel weniger Kommentare zu seinen Bildern erhält als ich, obwohl ich seine Bilder besser als meine finde, sagt, wann immer ich eins seiner Bilder kommentiere, dass ich es bloß aus Mitleid getan hätte. Augenzwinkernd sagt er es, natürlich, weil es ja nicht stimmt. Doch es wirft in mir die Frage auf, warum andere meine Bilder kommentieren. Und warum ich die Bilder der anderen kommentiere. Ist ja beim Bloggen nicht anders, ach …
Mitleid ist im Kunstbereich kein guter Ratgeber. Und auch sonst nirgends.
Sonst stehe ich, sonst stehen wir auf einmal ohne Kleider da …
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* Facebook – Tom Kummer
Facebook Revisited – die Fiktion des Realen
Der Borderline-Journalist Tom Kummer löste im Jahr 2000 mit fiktiven Interviews einen Medienskandal aus. Seine Kollegen verwirklichen ihre schillernden Seiten im Internet. Facts & Fiction beim Facebook-Besuch.
** adden: zu einer Liste hinzufügen
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Des Kaisers neue Kleider:
– Märchen
– Wikipedia

Musik in Farbe oder die Verpixelung der Welt

Heut Nacht, wie ich geborgen unter dem Sternenhimmel von der Schweiz nach Hause in die Pfalz fahre und dabei, um nicht einzuschlafen, Musik höre, entsteht ein Bild in mir. Der Klangteppich des Songs, der eben läuft, löst sich in einzelne Farbpunkte auf. Wie einzelne Fäden, wenn wir an die orientalischen Teppichknüpfkunst denken. Wie einzelne Pixel, wenn wir an deren virtuelle Analogie denken. Auflösung von Musik in Farben. In Punkte. Auch meine Gedanken lösen sich auf, in Farben, in Muster, in Flächen und Formen. Ungeformte Formen irgendwie. Falls es das gibt. Null und eins sind jene Elemente, aus denen sich alles zusammensetzt Und in das sich alles wieder auflöst. Auflösung in die virtuellen Codes. Auflösung. Ein Wort, das ich mir auf der Zunge zergehen lasse, ohne es laut auszusprechen. Etwas löst sich auf. Lösung. Klarheit.
Das Jetzt von gestern, im aktuellen Moment übergroß und alles dominierend, wird klein. Ich distanziere mich. Ich bewege mich weiter. Schon ist der große Punkt ein kleiner Punkt und Prioritäten verschieben sich.
Meinen Besuch in der Schweiz, der primär der erneuten Prüfung meines inzwischen reparierten Gefährts galt, hatte ich vorgängig mit einigen Besuchen bei Freundinnen vernetzt. Nachdem ich meinen Liebsten in H. zum Zug gebracht hatte, damit er den Pfälzer Jakobsweg pilgern und darüber livebloggen kann, fuhr ich in meinem neuen, entschleunigten Tempo schweizwärts. Irgendwann würde ich ankommen, zum Prüfzentrum bei Biel fahren, die Nachprüfung bestehen und anschließend zu Freundin C. nach Bern fahren. So mein Plan. Irgendwann, um halb eins, als ich kurz vor Haguenau und seiner Autobahneinfahrt mein Sandwich knabberte, guckte ich mir das Formular erstmals genauer an. Oh Schreck, die haben ja das Nachprüfungszeitfenster nur von zehn nach eins bis fünfzehn Uhr auf! Zweieinhalb Stunden reine Fahrzeit würde ich bis Biel mindestens brauchen. Punkt fünfzehn Uhr müsste also zu schaffen sein. Dass es mit meiner Gemütsruhe vorbei war, ist logisch.
Punkt drei Uhr war ich in Biel, mitten in dieser Stadt, die ich eigentlich kaum wirklich kenne. Das Prüfzentrum in Biel-Orpund wurde nun zur berühmten Nadel im Heuhaufen der Straßennetzes. Die ich erst um Viertel nach drei endlich fand. Ich hätte das mit dem knapp zweistündigen Zeitfenster nicht gewusst, sagte ich und stieß damit am Anmeldeschalter auf Verständnis. Immerhin wurde ich zum Chef vorgelassen, doch der winkte ab.
Kommen Sie morgen Nachmittag wieder!,
sagte er.
Morgen? Aber morgen ist doch die Dreißig-Tage-Frist abgelaufen!, sagte ich. Dachte, warum ich aber auch immer alles im letzten Moment machen musste. Dachte, warum ich den Zettel nicht vorher angeschaut hatte. Dachte auch, dass ich doch morgen, Mittwochnachmittag, im Aargau mit Freundin M. abgemacht hatte.
Aber nein, morgen ist doch erst der letztmögliche Tag!, erklärte mir der Chef. Was meiner Logik zwar zuwiderlief, aber immerhin ein Türchen öffnete. Grummelnd verließ ich das Zentrum und fuhr bernwärts. Wie sollte ich das Problem bloß lösen?
Bei Freundin C. und Little-F. rief ich Freundin M. an und wir beschlossen, dass sie morgen mit mir nach Biel an die Prüfung kommen würde und wir anschließend dort gemeinsam ein Seebad oder einen Ausflug genießen würden. So könnte ich am Donnerstagvormittag nochmals C. besuchen und zu ihrer Entlastung, da sie gesundheitlich angeschlagen war, mit Little-Finn einen Spaziergang machen. Nach einem Abend und einer Übernachtung bei Freundin A.
Alles fügte sich zusammen. Bei A., mit der ich  einen gemütlichen weinseligen Abend verbracht hatte, erhielt ich beim Frühstück eine SMS von Freund K., der fragte, ob ich auf dem Rückweg bei ihm vorbeischauen möge. Wieder ein neues Puzzleteilchen. Ein neuer farbiger Punkt. Eine bunte Fläche, die zum Gesamtbild passt.
So vergeht der Tag inmitten eines wunderbar-bunten sozialen Gewebes und mir gelingt es, die einzelnen Begegnungen ganz intensiv zu genießen. Mit M.s moralischer Unterstützung schaffen wir mein Sternchen durch die Nachprüfung und treffen den Bielersee in Vorgewitterstimmung an. Stürmischer Wind, Wolken, Pappelbaumwollbällchen, die herumwirbeln. Wir parken, stürzen uns ins Strandbad und in den See (saukalt) und picknicken anschließend bis zur Sturmwarnung. Jippie, es regnet. Immerhin ganze drei Minuten bis wir im Auto sind. Auch der Sturm legt sich wieder. Nur die Parkbusse hätte nicht sein müssen. Wir hatten im Eifer des Gefechts nämlich schlicht übersehen, dass der Parkplatz kostenpflichtig ist. Hätten wir eigentlich wissen müssen. Na ja.
Später, im Café, hellt es wieder auf und schon bald ist es auch wieder so heiß wie davor. Was für ein Tag! Und schon wieder ein Abschied und bereits bin ich unterwegs zur nächsten Verabredung. K. und ich finden uns gleichzeitig am Treffpunkt ein. Gut getimt, trotz meiner kleinen Verspätung. Er lädt mich zum Essen ein und wir tauschen angeregt aus.
Wäre ich am Mittwoch rechtzeitig in Orpund gewesen, weil ich das Formular seriös gelesen und nicht so gebummelt hätte, hätte ich weder das Bad im See noch die Parkbusse noch den Sturm erlebt. Auf die Busse hätte ich allerdings gerne verzichtet, zugegeben. Und wäre ich wohl, wenn ich – wie ursprünglich geplant – M. im Aargau getroffen hätte, nochmals zu C. gefahren? Wäre ich mit Little-F. im geliebten Bremerwald spazieren gegangen? Und hätte ich mit K. so oder so oder so spontan abgemacht?
Der Fluss von Schicksal, Zufall, Augenblick, wir haben ihn nicht in der Hand. Dominosteinen gleich, löst jede Bewegung eine neue aus. Begegnungen aller Art (= Kunst?) beeinflussen uns Schritt für Schritt. Alltagsalgebra: Wenn so, dann so. Aber auch: Wenn so, wäre dann so? Logische Folgen. Möglichkeiten. Punkte.
Um halb zehn dann überquere ich müde die schweiz-französische Grenze. Heimwärts durchs Elsass rolle ich mit einem übervollem Herzen. Auch materiell bin ich überall beschenkt worden, obwohl ich zu all meinen FreundInnen mit leeren Händen gekommen bin, denn außer mich selbst hatte ich keinerlei Mitbringsel dabei.
Farben. Formen. Klänge. Müdigkeit. Dankbarkeit ist gelb. Aufgelöst in sonnengelb.

Wie das Internet unser Denken verändert

Heute Morgen in der Zeitschrift DU geniale Gedanken über unseren täglichen Umgang mit dem Internet gelesen:

Anthroplogie – Nicholas Carr
Wie das Internet unser Denken verändert
Literaturstudenten, die keine Bücher mehr lesen. Informationsstakkato, das die Kreativität blockiert. Nervenstrukturen, die sich rasch umwandeln: Der Erfolg der digitalen Technik verändert nicht nur unser Leben, sondern auch unser Gehirn. Nicholas Carr zeigt, in welche Richtung.

Hier gucken für Infos zum DU-Heft. Eine Leseprobe aus dem Buch („Wer bin ich, wenn ich online bin …“), woraus der Artikel aus dem DU-Heft zitiert worden ist, gibt es hier.
Ach, und schon bin ich mittendrin, mitten im weltweiten Netz von Links und Hyperworld. Hilfe, ich bin eine Gefangene im Netzwerk unserer Bilder-Community!, habe ich vor drei Tagen zu meinem Liebsten gesagt, spätabends, vor dem Laptop sitzend.
Internet macht zwar Multitasking, aber wir sind dabei – weil sich unser Hirn im Laufe der Zeit verändert – andere Kompetenzen zu verlieren. Urteilsvermögen zum Beispiel. Wir übernehmen auch nur so als Beispiel ungefragt Vorgaben und Strukturen, die das Internet vorgibt. Die vermeintliche Freiheit von Internet ist trügerisch. Wir sind alles Süchtige. Wir lenken uns ab. Wir verlieren Tiefgang und Konzentrationsfähigkeit. Sagt Carr. Und vieles mehr, das sehr lesenswert ist. Und zu denken gibt.

Von Schiebereglern und anderen Lebensnotwendigkeiten

Ich komme zu nichts. Das heißt eigentlich vor allem das: ich komme nicht zum bloggen. Dabei hätte ich so viele Ideen. So viele Dinge, über die ich schreiben möchte. Über das Leben zum Beispiel. Und über die Menschen.
Ihr müsst wissen: hier …, also genau da, wo die Pünktchen sind – so jedenfalls stellte ich es mir heute Morgen vor, als ich den Notizzettel, der jetzt neben mir liegt, geschrieben habe – hier wäre also ein Screenshot einer geöffneten App. Das Abbild meines iPhone-Bildschirmes, deutsch gesagt. Es würde die Mini-Schieberegler zeigen, mit denen ein Bild auf dem Display des iPhones bearbeitet werden kann. Links dunkel, rechts hell. Links keine Sättigung (sprich schwarzweiß), rechts übersättigtes Bild. Links wenig, rechts viel Kontrast. Und so weiter.
Das Bild habe ich nicht gemacht, ihr stellt es euch jetzt einfach mal vor.
Und stellt euch gleich auch die Menschen in eurem Umfeld vor. Sie alle haben Eigenschaften. Es gibt keinen Menschen ohne Eigenschaften. Nennen wir sie hier einfach mal Kontraste. Stellt euch weiter vor, dass es für jede der Eigenschaften einen Schieberegler gäbe. Links Antipathie, rechts Superempathie. Zum Beispiel. Oder Links sozialkompetent, rechts diktatorisch.
Nehmen wir mal die Generalin vom vorletzten Artikel: Ihr Schieberegler wäre beim letzten Punkt ganz rechts. Nur so als Beispiel.
So setzt sich jeder Mensch aus hunderttausendsiebenhunterdreizehn Nuancen zusammen und hier hinkt das Bild auch schon. Natürlich kann ein Mensch nicht mit Schiebereglern erfasst werden. Dennoch, um das Bild noch ein klein bisschen auszureizen, jeder Mensch hat eine absolut noch nie dagewesene Farbmischung, obwohl es doch nichts neues unter der Sonne gibt. Das Bild hat was!
Die zweite Schule übrigens, die ich gestern besucht habe, war ganz anders, als jene, die ich am letzten Donnerstag besucht habe. Die Verantwortliche war wohl ähnlich alt und auch relativ streng, doch – um unsere Regler zu zitieren – war ihre Strenge liebevoll-sensibel nicht diktatorisch. Sie nahm die Kinder ernst und ihr Umgangston war wohlwollend.
Ob ich das Bearbeiten von Bildern so mag, weil ich mir dabei die Welt nach meinem Gusto zurechtfärben und zurechtkontrastieren kann?
Apropos: Bei einer Ausstellungsausschreibung in Frankreich* zum Thema „schnelllebig“, wo ich vor ein paar Wochen Bilder einreichen konnte, habe ich offenbar überzeugt. Alle meine Bilder wurden angenommen. Eins davon wird sogar – mit neunzehn anderen – in Großformat ausgestellt. Dass Irgendlink ebenfalls im Boot ist, macht mich doppelt froh!
Ab Ausstellungsbeginn werden alle Bilder virtuell hier ausgestellt: klicken!

Leere inmitten

Panik auf dem Hühnerhof. Hahn und Hennen kreischen und gackern so laut, dass ich es sogar im Haus drin höre und hinüber renne. Gestern war es, um elf oder zwölf.
Minus ein Huhn. Das Federvieh flattert aufgeregt um ein Häufchen Federn herum, das am Boden liegt. Vermutlich ein Habicht, sagt J. und sucht den ganzen großen Hühnerhof nach weiteren Spuren ab. Er findet nichts auffälliges und die Hühner beruhigen sich allmählich.
Eine Stunde später fahren wir los. An eine Ausstellung nach Mainz. Und QQlka treffen, einen lieben Freund meines Liebsten. Auch J.s Eltern sind unterwegs. Das einsame Gehöft liegt verlassen.
Heute Morgen erfahren wir, dass drei Hühner und der Hahn fehlen. Der Fuchs war da, sagt J.s Vater.
Hätten wir doch bloß …!, sagt J. zerknirscht und auch ich fühle mich mitverantwortlich.
Hätten wir …? Was?
Schnitt.
Ein Satz klingt nach: Mut zur Leere in der Mitte des Bildes. Gehört letzten Montag an der Vernissage zu einer Ausstellung von A. B. über dessen Stil. Nicht das, was wir normalerweise tun. Üblicherweise füllen wir schleunigst die Leere. Verdrängen, was sich nicht fassen lässt.
Wie gut da ein Loch in der Mauer tut.
Schnitt.
Mut …

Bild: iDogma-Art
Mit ProCamera fotografiert, mit WordFoto weiterbearbeitet und via Laptop hochgeladen.

Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn

Ich habe echt gemeint, solche Menschen seien ausgestorben!, sagte ich zu meinem Liebsten. Gestern Abend. Ich hatte mir tagsüber eine von zwei möglichen Arbeitsstellen angeschaut, die mir meine zukünftige Arbeitsgeberin, eine Stiftung im Bereich Jugendförderung, vorschlägt. Im August soll ich dort anfangen. Naiver Gedanke, das mit dem Aussterben dieser Spezies, dennoch hatte ich ihn gedacht, vielmehr gehofft, dass dem so sei.
Aussterben tun die nicht. Leider. Die wachsen nach. Wie Löwenzahn!, sagte J. pragmatisch. Nur dass Löwenzahn wenigstens schön ist.
Die Gruppe, die ich allenfalls ab August jeweils ab mittags mit betreuen soll, besteht aus neunundzwanzig Kindern zwischen acht und fünfzehn Jahren mit eher bildungsfernem und teilweisem Migrationshintergrund. In der Regelschule kamen sie nicht mit und besuchen darum entsprechende Förderklassen. Kleinklassen heißt das in der Schweiz, hieß es jedenfalls früher. Den Betreuungsteams obliegt die Nachmittagsgestaltung inklusive Aufgabenhilfe. Nicht grad mein Traumjob, doch immerhin ein Anfang.
So weit, so gut.
Wenn da nicht die Frau Generalin wäre, die der Gruppe vorsteht. Also eigentlich sind es ja zwei Frauen, wobei ich der anwesenden Kollegin nicht mal vorgestellt worden bin und von dieser nur ungefähr zwei oder drei Sätze gehört habe. Jeder Versuch, mit ihr Kontakt aufzunehmen, wurde „zufällig verunmöglicht“. Frau Generalin, um die fünfundfünfzig oder sechzig Jahre alt und ledig, wie die ringlose Hand zeigt, Frau Generalin also treibt dort nach allen Regeln der unpädagogischen Kunst ungebremst ihr Unwesen, ihre Machtspiele, und schwingt mit dem Zuckerbrot in der Hand die Peitsche mit der andern. Strubbelt den Kindern ungefragt über den Kopf oder packt sie hart am Arm um ihren Aufträgen Befehlen Nachdruck zu verleihen. Grundsatz 1: Misstrauen. Grundsatz 2: Feindbild Kind. Darum hat sie nie, aber auch wirklich nie!, einen normalen Gesprächston drauf, wenn sie mit den Kindern redet, sondern klingt immer latent fordernd, anklagend, beschimpfend, kritisierend. Schon am Telefon, als sie mir den Weg erklärte, war dieser Ton da. Dieser Ich-weiß-es-besser-Ton, den ich auf den Tod nicht ausstehen kann. Pausenlos redete sie über die Wichtigkeit von guter Kommunikation und Harmonie im Team, widersprach sich aber laufend selbst, indem sie sagte, dass jemand den Karren schließlich schmeißen müsse.
Die meisten Kids kamen um dreizehn Uhr. Zum Essen. Verteilt auf Tische mit je vier Kindern wurde das Essen ausgegeben. Erst als alle ganz still waren, war Frau Generalin zufrieden. Dann musste eins der Kinder beten – *würg-argh* – und schließlich ging die Fütterung los. Wobei die kleineren Kinder im größeren Raum nicht reden dürfen, die größeren im kleineren Raum zwar schon, doch nur leise. KZ-Stimmung, sorry, liebe Leute, aber das habe ich gedacht. Nichts von Sinnlichkeit, Lebenslust und Lachen.
Kaum wechselte Frau Generalin den Raum, ging das Geknuffe, Gekicher, Geflüster und das Augenverdrehen los. Dampf muss abgelassen werden. Muss. Physik. Sonst knallt es. Je restriktiver Erziehung ist, desto mehr staut sich ungelöstes an. Hinter der Fassade. Zugegeben, die Fassade ist nett. Auswechselbar. Unpersönlich. Lieblos.
Beim Essen nahmen ein paar Kinder Blickkontakt mit mir auf. Ich las in ihren Augen Resignation und Frustration. Sehnsucht. Leid. Mit meinen Augen, ich durfte ja nicht reden, versuchte ich Mut zu geben. Keine Ahnung, ob er angekommen ist.
Ich war vor dem Eintreffen der meisten Kinder da gewesen, hatte mir ein paar einführende Worte von Frau Generalin angehört, stehend, ohne dass sie mir etwas zu trinken angeboten hätte, und hatte ihr anschließend ein paar Fragen zu Umfeld und Netzwerk, zur Zusammenarbeit mit der Schule gestellt, weil ich dieses Betreuungssystem von der Schweiz her nicht kenne. Sie meinte nur, in jenem ähnlichen Ton übrigens, den sie auch den Kindern gegenüber drauf hatte:
Das müssen Sie gar nicht wissen. Das braucht Sie nicht zu beschäftigen. Da müssen Sie nicht drüber nachdenken. Das geht Sie nichts an. Das betrifft Sie nicht.
Weil sie mich nicht irgendwie mit einer Aufgabe betraute oder sonst wie beschäftigte, war ich durch die Räume spaziert. Ich hatte die Bilder und Basteleien – stereotype Kreativität nach Vorlage – angeschaut, denn da alle schon anwesenden Kinder gut miteinander gespielt hatten, wollte ich mich nicht aufdrängen. Möglich, dass das keinen guten Eindruck machte. Mir egal, denn ich würde eh nie mehr hierher kommen. Lieber arbeitslos als hier zu arbeiten. Jedenfalls nicht mit Frau Generalin zusammen. Bloß weg hier!
Auf dem Klo, noch vor dem Essen war das, smste ich J. mein Dilemma. Worauf er sofort. anrief.
Dann muss ich also früher hier losfahren!, sagte ich laut ins iPhone, als die Frau Generalin auf dem Hof, auf den ich zum Telefonieren ausgewichen war, an mir vorbeiging. Später, wieder drin, sagte ich zu ihr, dass mein Freund, dessen Auto ich mir heute ausgeliehen hätte, weil meins in der Reparatur sei (was wahr ist), wegen eines Notfalls das Auto brauche (Notlüge, dafür muss ich hoffentlich nicht nach Santiago pilgern :-)).
Um zwei Uhr machte ich mich vom Acker. Im Auto hätte ich heulen können. Die armen Kinder!, dachte ich ständig, was wird nur aus ihnen!? Wenn nur ich schon, nach zweieinhalb Stunden, vom Zusammensein mit dieser Frau traumatisiert bin und nachts (das wusste ich allerdings damals noch nicht) Alpträume hatte, wie viel mehr muss dieser Umgang den Kindern das Leben erschweren? Dieses dauernden Bloßgestellt- und Angemotzt-Werden? Zum K… Und doch ist das hier gewiss kein Einzelfall.
Was wäre die Welt ohne Kinderlachen und Blumen, sagte ich zu J., am Abend, als ich unseren Blumen und Tomaten beim Wachsen zuschaute. Das Schlimmste, was ein Mensch tun kann, ist Kinderlachen kaputtzumachen.
Merke:
1.) In Deutschland gibt es nicht nur nette Menschen …
2.) … aber auch!!!