Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 7: Sozialstaat Deutschland oder vom deutschen Kind und seinem Bade oder a piece and a kiss of bliss

Wie ich gestern in der letzten Yogastunde des laufenden Kurszyklus so auf meiner Matte liege, begreife ich auf einmal, dass der Lebenssinn wohl weniger in einer bestimmten Aufgabe, die es erstens zu finden, zweitens zu definieren und drittens zu lösen gilt, liegt, als darin, dass ich in mir drin begreife, dass ich Mensch werden soll. Menschlich. Keine Maschine, die bloß tut, was man ihr sagt. Menschlich, mitfühlend, denkend, verstehend, verwoben und vernetzt mit allem, was da ist, Anteil nehmend, authentisch und ja, auch reif, klar, weise, belastbar und bei sich. In Kontakt mit sich selbst. Verbunden in Liebe zu sich selbst. Dies als Ziel, als Lebenssinn zu betrachten, hat, wie ich da in der Stellung des Kindes – Garbhasana genannt – am Boden knie, auf einmal den Geschmack von Erleuchtung. Und auf einmal war mir egal, was jener Mensch neulich zu mir gesagt hat.
Kein wirklich Nahestehender, zum Glück, aber einer, um den ich nicht wirklich drum rum komme, leider. Er meinte unter anderem, ich solle halt mal von meinem hohen Ross runterkommen und halt irgendeine, die erstbeste Arbeit annehmen. Statt dem Staat auf dem Sack zu hocken. Zum einen fragte ich mich hinterher natürlich, warum er so gemein zu mir sein musste, wo er doch nicht die ganze Geschichte kennt, nur einen kleinen Ausschnitt, und selbst diesen nur als Übersetzung. Von meiner Herzsprache in seine. Einer ganz anderen übrigens, die mit meiner kaum Berührungspunkte hat und zu der es keine Wörterbücher gibt. Zum zweiten überlegte ich, ob er möglicherweise mit dieser einen Aussage recht hat. Ob ich auf dem hohen Ross sitze. Ob ich den Bodenkontakt verloren habe, sozusagen. Ob ich überheblich geworden bin, weil ich für mich selbst kämpfe. Doch muss frau tatsächlich ihre Träume und Visionen, ihr Lebenskonzept, ihr Soseinwiesieist den Ansprüchen und Anforderungen der Außenwelt – sprich Arbeitsamt, Gesellschaft, Wirtschaft – bis zum letzten Blutstropfen opfern nur um zu überleben? Ist meine Arbeitslosigkeit ein Grund zur Scham?
Diese unerträgliche Flüchtigkeit des Zuhause-Gefühls. Eine kurze Zeit in diesem Land, an diesem Ort hat es mich besucht. Unerträglich flüchtig. Unfassbar. Verduftet ist es – im doppelten Sinn. Dieser Tage ganz und gar verdunstet. Da ist nur noch pures Heimweh, blankgescheuert wie ein Handschmeichler von da, wo deine Wurzeln sind. Die Momente der gestrigen Erleuchtung – auch sie waren sehr flüchtig.
Wer den Himmel offen gesehen hat, kann hier schwer Wurzeln schlagen, habe ich vor Jahren mal aufgeschrieben. Ein Satz wie ein Kehrreim. Ein Echo, das mich aus dem Hinterhalt einholt. Immer wieder. Unvorbereitet. Den Himmel gesehen. Es wäre leichter, vermute ich, ich hätte ihn nie gesehen, nicht offen. Einfacher wäre es, das Leben hier. Hier in Deutschland. Hier auf der Erde.
Da war ich heute also auf dem Arbeitsamt. Endlich das erste Beratungsgespräch. Netter junger Mann. Pünktlich öffnet er die Türe. Er vertritt bei mir seine Kollegin, die neulich krank war, als ich meinen ersten Termin gehabt hätte. Sie seien alle am Limit. Zu viel Arbeit, zu wenig Leute. Und es würden noch mehr Stellen gestrichen, neue keine mehr bewilligt. Vielleicht schließe sogar diese Amtsstelle hier. Auch die Zentrale in P. werde geschlossen und in das Amt von K. involviert. Soundsoviele Stellen würden gestrichen.
Dann werden Sie vielleicht bald auf diesem Stuhl hier sitzen, sage ich bitter grinsend und deute auf meinen Stuhl. Ein moderner bequemer Stuhl, der so tut als ob. Als ob wir Recht auf artgerechte Haltung hätten.
Wir verstehen uns, Herr H. und ich. Er ist freundlich. Sagt, dass die Mappe mit meinen Unterlagen verschwunden sei. Sagt mehr, als er wohl dürfte. Wie die Dame neulich auf dem Arbeitsamt in P.. Da wäre alles drin gewesen, in der Mappe, mein Lebenslauf und der ganze Karsumpel. Formulare.
Das pure Chaos!, seufzt er. Wir füllen gemeinsam meine Daten in die Maske auf dem Bildschirm seines Rechners, nachdem ich ihm meinen Lebenslauf mündlich in aller Kürze erläutert habe. Er nimmt mich als Mensch wahr und das ist gut.
Später surft er nach Teilzeitstellen für mich. Ich rede von Zeitarbeit, weil ich mich mit dem Gedanken anfreunde, nächstes Jahr in die Schweiz zurückzuwandern. Was ich nicht sage, obwohl es ein Gedanke ist, der, wenn ich ehrlich bin, nie im Bereich des Unmöglichen lag. Und je mehr ich ihn denke, desto lieber wird er mir. Zumal mein Liebster mit dem Gedanken ebenfalls flirtet.
Deutschland – ein Sozialstaat? Ich muss das wohl geträumt haben. Kann mir bitte jemand die Logik dieser Rechenaufgabe hier erklären? Ich müsse, so meinte Herr H., im Härtefall (was er nicht hoffe und worauf er keineswegs dränge, aber das Recht schreibe es eben so vor), eine Stelle zwingend annehmen, selbst wenn ich bis dreißig Prozent weniger Gehalt, als ich Geld von der Arbeitslosenkasse erhalte, bekommen sollte. Wie bitte? Hohes Ross hin oder her – das kann doch nun wirklich nicht sein! Und vor allem kann es nicht funktionieren. Nein, ich nenne hier keine Zahlen. Über Geld redet man nicht. *hüstel-da-mit-klischee-sätzen-auf-kriegsfuß-stehend*
Aaaaber … da müsste ich ja Hartz IV beantragen!, sage ich. Wo bitte ist da die Logik? Wie bitte, dieses Land hat keine gesetzlich vorgegebenen existenzsichernden Minimallöhne in den einzelnen Branchen? Stattdessen zahlt es Sozialgelder in Milliardenhöhe, die nur über menschenunwürdige Wege beantragt werden können. Entschuldigung, ich bin neu hier und noch unbedarft. Das verstehe ich nun wirklich nicht! Da MUSS ja der Staat die Lecks der ach so armen Arbeitsgebenden auffangen! Auf Kosten der Steuerzahlenden.
Und das nennt sich dann sozial? Ähm hallo, wo ist hier bitte der Notausgang?
((Falls ich einen Denkfehler gemacht oder nicht alles wirklich verstanden habe oder mir jemand die irgendwie innewohnende Logik nachvollziehbar und logisch erklären kann, bitte gerne. Es hänge, sagte Herr H., immer davon ab, wer grad das Sagen habe, welche Partei grad obenauf schwimme. Er hüstelte verlegen. Wie erkläre ich einer Schweizerin unser unlogisches System? Ich sehe, wie er sich windet und mir kommt der Verdacht, dass er gewisse Dinge tatsächlich zum ersten Mal überlegt.))
Das deutsche Kind im Bade – ich bin versucht es auszuschütten. Kurzen Prozess mit ihm zu machen. Koffer packen. Fluchtgene.
Aber halt, da sind ja all die tollen Menschen, die ich im Laufe meines Lebens und der letzten neun Monate in diesem Land kennengelernt habe. So viele Menschen, die so ganz anders sind, als diese kleinbürgerlichen Gutbürgerinnen und -bürger, die mir in der letzten Zeit das Leben verdammt ungemütlich machen.
Merke: Es reicht vorerst, nur die Badewanne auszuschütten. Neues Badewasser könnte sicher nicht schaden. Und Kofferpacken reicht auch noch übermorgen.

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Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 6: gesund oder krank? Teil 2

Es ist höchste Zeit, meine Integrationsarbeit fortzusetzen, denn die Integration der nach Deutschland ausgewanderten Schweizerin – ihres Zeichen Autorin dieses Blogs – ist noch längst nicht vollendet ist.
Heute behandeln wir zum zweiten Mal das Thema „gesund und krank“ und wenden uns dem Schwerpunkt Krankschreibung zu. Was macht eine Arbeitsnehmerin, die in Deutschland erkrankt? Halt, ich frage besser andersrum, denn hier soll es ja auch – ein bisschen zumindest – um Völkerverständnis und –verständigung gehen: Was macht eine Schweizer Arbeitsnehmerin, die krank ist?
Fall a.) Ist sie so krank, dass absehbar ist, dass sie sich länger als drei Tage nicht am Arbeitsplatz zeigen kann, geht sie baldmöglichst zu ihrer Ärztin und lässt sich behandeln. Die Ärztin rät ihr nach reiflicher Untersuchung der Arbeitsstelle so und so lange fernzubleiben und sich bestmöglich zu erholen. Vielleicht verschreibt sie ihr zusätzlich das eine oder andere Medikament. Mit einem seriösen, selbst verfassten Zeugnis bescheinigt sie, dass die Patientin von dann bis dann krank ist und nicht arbeiten kann.
Fall b.) Ist die Patientin schlicht und einfach erkältet und es ist absehbar, dass sie am vierten Tag wieder arbeiten gehen kann, bleibt sie zuhause und pflegt sich gesund. Drei Tage ohne Zeugnis, während denen sie ihre Scheffin über den Heilungsprozess telefonisch auf dem Laufenden hält.
Deutsche reagieren, wenn ich das erzähle, empört. Da kann ja jeder einfach mal drei Tage krank feiern!, sagen sie. Hat was, jedenfalls ohne nähere Kenntnisse der Schweizer Gepflogenheiten. Ihr müsst wissen, dass ein Arztbesuch in der Schweiz kostet. Mindestens zehn Prozent zahlt die Patientin selbst, neunzig Prozent übernimmt die Krankenkasse – je nach Vertrag auch weniger oder (bis eine vorher definierte Höhe erreicht ist) auch gar nichts. Darum rennen Schweizerinnen nicht wegen jedem Schnupfen zur Ärztin. Positiv daran: die Ärztinnen haben so den Rücken frei für jene Patientinnen, die mehr als nur erkältet sind. Mit der Drei-Tage-krank-sein-ohne-Zeugnis-Regelung werden aber auch die Kassen geschont und die Patientinnen zu Eigenverantwortung erzogen. Diese wird – jedenfalls in meinen vertrauten Arbeitsumgebungen – ernst genommen und in der Regel gehen die Arbeitsnehmerinnen am zweiten oder dritten Tag wieder arbeiten. Pflichtbewusstsein und so. Ihr wisst schon.
Da kann ja jeder schnell mal eine Woche krank feiern!, sage ich zu meinen Liebsten, nachdem er mir erklärt hat, wie es in Deutschland läuft. Du gehst zwar bereits am ersten Tag (oder wie ich letzten Donnerstag am dritten, da ich die Regel nicht kannte) zur Ärztin, doch die Untersuchung – in meinem Fall dauerte diese ganze zwei Minuten (nach einer Dreiviertelstunde Wartezeit) – war so rudimentär, dass meine Ärztin nicht mal gemerkt hätte, wenn ich an Pest erkrankt wäre. Immerhin hat sie das von mir für die Arbeitsgeberin notwendige Vordruckformular – allerdings noch im Leerzustand – unterschrieben (wie lange soll ich Sie denn krankschreiben?) während sie der Praxisassistentin am PC etwas von viralem Infekt und die auszufüllenden Daten mitteilte.
Mit dem auf dem PC ausgefüllten Vordruck in der Tasche verlasse ich irritiert die Praxis. Ich fühle mich wie ein Stück Fleisch, am Fließband untersucht und für krank befunden. Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung heißt das Stück Papier, das ich erhalten habe. Na ja, irgendwie muss es ja heißen. Irritiert bin ich weniger vom Namen als vom Verfahren, das nicht wirklich vertrauenswürdig zu sein scheint, und ich bereue ein klein bisschen, dass ich mich nicht gleich eine Woche länger habe arbeitsunfähig  bescheinigen lassen. Aber nur ein bisschen. Pflichtbewusstsein und so. Ihr wisst schon.
Kann ich einer Ärztin trauen, die tut, was ich will? Kann eine Arbeitsgeberin, die ja weiß, wie das bei den Weißkitteln läuft, überhaupt a.)  ihren Arbeitsnehmerinnen und b.) den Ärztinnen trauen? Kann ich … na ja. Irgendwie muss es ja funktionieren … Pflichtbewusstsein und so. Ihr wisst schon.
Merke: Und die Erde dreht sich doch. Ob aus Pflichtbewusstsein oder nicht hat sie mir jedoch nicht verraten.
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Anmerkung: Mit der weiblichen Form sind selbstverständlich auch alle Männer mit gemeint. Der Einfachheit halber habe ich ausschließlich die weibliche Form verwendet.
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Ich begrüße euch herzlich zur Lektion fünf des Integrationskurses „Alltag in Deutschland“ und mache euch darauf aufmerksam, dass alle bisherigen, aktuellen und zukünftigen Kursinhalte dieser Reihe ohne jegliche Gewähr vermittelt wurden und werden. Sie beruhen auf persönlichen Erfahrungswerten. Augenzwinkern und Ironiemodus inklusive. Jegliche Risiken gehen zu Lasten der Teilnehmenden.
Eine grundsätzliche Feststellung sei mir erlaubt: Integration, so weiß ich jetzt, ist Schwerarbeit. Selbst ich, die ich von bilateralen Freizügigkeitsabkommen mit meinem „neuen“ Land profitiere und aus einem Deutschland doch recht ähnlichen Land komme, selbst ich, die ich nicht wirklich eine neue Sprache lernen muss – abgesehen vielleicht vom ß, dass es in der Schweiz nicht gibt –, stelle fest, dass das Kennenlernen einer neuen Kultur, einer neuen Geografie, geringfügig oder deutlich anderer Umgangsformen, unausgesprochenen Regeln und Verhaltenskodexen eine große Herausforderung ist. Das gesunde Maß an Anpassung muss individuell gefunden werden. Mich verlieren und mir eine fremde Haut überziehen geht nicht. Will ich auch nicht. Wie viel schwerer muss es einem Menschen fallen, in der Fremde Wurzeln zu schlagen, der unter anderen als erfreulichen Umständen hier – oder in der Schweiz – gestrandet ist?!
Kommen wir – nichtsdestotrotz – zum heutigen Thema: „Essen in deutschen Restaurants“. Okay, ich gestehe, dass ich in Wirtschaftskunde noch nicht sattelfest bin und es wohl auch nie sein werde. Das war auch in der Schweiz nicht anders, denn ich bin nicht wirklich die Auswärtsesserin. Lieber koche oder grille ich mit meinem Liebsten oder mit lieben Leuten zusammen etwas, wo ich dann auch sicher weiß, dass keine Tiere – und keine tierischen Nebenprodukte wie Gelatine – drin sind.
Während es in der Schweiz kaum mehr ein Restaurant gibt, dass nicht mindestens ein Vegimenü auf der Karte hat – auch wenn es irgendwas phantasieloses mit Käse ist, da die meisten keine Ahnung von abwechslungsreicher, genußvoller Vegikost haben –, wird hierzulande schon mal mit gerunzelter Stirn zur Kenntnis genommen, dass ich Vegi bin. Dass es Vegis gibt. So was exotisches aber auch! Immerhin nicht in unserem nahen Umfeld. Zum Glück! Dennoch musste ich mich hier schon fragen lassen, was ich denn sonst esse. Sonst? Hallo?
Willst du als Vegi in Deutschland auswärts essen, findet sich beim Italiener immer eine Vegi-Option. Das gilt weltweit. Auch indisch essen kann ich überall vegetarisch. Aber was, wenn weit und breit kein Italiener und keine Inderin kochen? Wie steht es denn mit der gutbürgerlichen Küche wie jener in der Dorfkneipe, in die Irgendlink und ich neulich nach einer Wanderung eingekehrt sind?
Schon vor dem Eintreten hatte ich beschlossen, einfach zu nehmen, was es gibt. Salat und irgendeine Beilage. Spaghetti vielleicht. Die Karte vor dem Restaurant hatte nämlich nur Fleischmenüs gelistet.
Kaum saßen wir an unserem Platz, wurden wir auch schon von der Wirtin aufs Freundlichste begrüßt und nach unseren Wünschen gefragt. Mein Liebster erkundigte sich sogleich, was sie Vegis zu bieten habe.
Was halten Sie von Schupfnudeln mit Gemüsepfanne? Steht zwar nicht auf der Karte, aber ich hätte alles im Vorrat, sagte die Dame.
Ich nicke, sage Ja, gerne! und freue mich auf ein feines Essen. J. bestellt die auf der Wanderung visualisierten Pommes und Fleisch. Und Salat.
Wir müssen nicht lange mit knurrendem Magen warten, als die Dame uns auch schon letzteren serviert. Ohne Brot, was mich befremdet.
Das ist in Deutschland so üblich, sagte J. Egal. Hauptsache es schmeckt.
Auch der Hauptgang ist sehr fein, mit Pilzen und meinen Lieblingsgemüsen. Liebevoll angerichtet sogar. Als die Rechnung kommt, schlucke ich leer. Positiv überrascht.
Für den Preis hätte in der Schweiz nur eine Person gegessen, nicht gleich zwei!, sagte ich zu J..
Merke: Ungewohntes muss nicht schlechter sein.
(verfasst am 11. Juli 11)
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Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 4: gesund oder krank? Teil 1

Über das deutsche Gesundheitswesen gäbe es viel zu erzählen. Besonders für die SchweizerInnen, die mein Blog besuchen, mag ein erster Blick hinter die Kulissen interessant sein. Doch ich warne alle Nichtdeutschen schon mal vor: Dieses Gebilde ist erstens gewöhnungsbedürftig und zweitens – jedenfalls am Anfang – scheinbar kompliziert und drittens funktioniert es meiner Erfahrung gemäß – hm, na ja, wie soll ich sagen? – nicht wirklich überzeugend.
Punkt 1: Die Praxisgebühr: Fängt ein neues Quartal an, ist beim ersten Besuch in einer Fachärztin-Praxis (gilt auch für Fachärzte, erwähne ich nun aber nicht mehr speziell) eine Gebühr fällig. Zehn Euro Praxisgebühr, die aber nicht den Halbgöttinnen in Weiß zu Gute kommt, sondern den Krankenkassen. Sie soll davor schützen, dass die Leute wegen Bagatellen in die Praxen rennen. Denn alle ärztlichen Behandlungen sind – GUTE NACHRICHT! – (ohne die in der Schweiz üblichen Selbstbehalte) kostenlos, will heißen, sie werden vollständig von den Kassen übernommen.
Darum die zehn Euro. Die sollen ein bisschen wehtun. Zehn Euro sind nämlich nicht einfach zwölf Franken, weil hier ja die Löhne nicht einfach einskommazweimal tiefer sind als in der Schweiz, sondern unvergleichlich tiefer. Die Mieten auch. Und die Lebensmittel sowieso. Aber das ist ein anderes Kursthema, das wir vielleicht in einer Nachfolgelektion behandeln werden. Back to the topic. Ich zücke also meine Krankenkassenkarte und zahle zehn Euro. Das kann nun bei der Orthopädin oder bei der Hausärztin sein. Egal. Beim ersten Besuch pro Quartal wird bezahlt und somit ist das hier für mich für dieses Quartal der Ort, wo ich für alle weiteren Besuche bei anderen Fachärztinnen eine Überweisung hole. Womit wir beim nächsten Punkt wären.
Punkt 2: Die Überweisung. Was Schweizerinnen, die das Hausarztmodell bevorzugen, praktizieren, ist hier in Deutschland der Normalfall. Für nicht Hausarztmodellvertraute wie mich, ist es schon ziemlich befremdlich (ich habe nicht wirklich den Sinn der Sache begriffen) dass ich, wenn ich zu einer anderen Fachärztin will – bleiben wir doch gleich bei der Orthopädin – wieder zu meiner erstbehandelnden Ärztin rennen muss, um dort einen von ihr unterschrieben Zettel zu erhalten, der mich legimitiert, zu ebendieser Orthopädin zu gehen. Puh.
Vorgestern hatte ich gleich zwei Termine nacheinander. Was nicht einfach zu bewerkstelligen ist, weil du eben nie weißt, wie lange du in den Wartezimmern verbringt. Womit wir bei den Wartezeiten wären (siehe Punkt 3) … Doch ich habe zum Glück auch den zweiten Termin pünktlich geschafft. Nachdem ich in der ersten Praxis anderthalb Stunden gewartet hatte, wartete ich in der zweiten exakt eine Stunde und wurde deshalb in der Mittagspause der Ärztin behandelt. Dass sich weder die erste noch die zweite Ärztin für meine lange Warterei entschuldigt hat, muss ich wohl nicht extra erwähnen? Und dass bei der Hausärztin, die meine Schilddrüsen checkte, schon jemand oben ohne auf der Behandlungsliege lag, als ich mich hinlegen wollte, verschweige ich hier wohl besser.
Punkt 3: Die Wartezeiten: In den Praxen, die ich bisher gesehen habe, gibt es vielmehr Sitzgelegenheiten als in den Schweizer Praxen, die ich kenne. Der Grund ist einfach. Sie sind fast immer besetzt. Ich verstehe das deutsche Buchungssystem nicht. Und ich gestehe, dass ich Deutschlands Gesundheitssystem, dass auf mich mindestens so krank wirkt, wie das schweizerische, ebenfalls nicht nachvollziehen kann. Es kann doch nicht funktionieren, wenn acht Leute in eine einzige Stunde gebucht werden und die Ärztinnen im Sieben Minuten-Takt (hab ich mal aufgeschnappt), Menschen heilen oder ihnen zumindest helfen sollen.
Punkt 4: Die Behandlung: Wie gesagt, sie ist sehr kurz. Ob das mit den sieben Minuten stimmt, weiß ich nicht. In der Schweiz – bei meiner goldigen Berner Hausärztin ist es jedenfalls so – dauert eine Behandlung entweder eine Viertel- oder eine halbe Stunde. Warten tust du höchstens fünf Minuten. Sind es doch einmal zehn, entschuldigt sie sich herzlich. Und dann setzest du dich hin und redest. Dann guckt sie dich an. Schaut, was du brauchst, meine Ärztin. In der Schweiz.
Und hier? Na ja, Wie geht’s?, fragt sie schon und nett ist sie auch, aber die Antwort verdampft ungehört, denn dann geht’s ruck zuck. Und schon stehst du wieder draußen und hast all deine vorher zurecht gelegten Fragen zu stellen vergessen. Wann auch? Doch wer kann es ihr verargen? Sie hat ja gar keine Zeit!
Okay, niemand will mehr Geld für die Behandlungen zahlen, logisch. Es ist ja kaum welches da im Billiglöhneland Deutschland.
Im Vergleich: Das Schweizer System mit dem Mindest-Restselbstbehalt von zehn Prozent der Kosten pro Behandlung verfolgt im Grunde den Ansatz der Selbstverantwortung. Doch in der Schweiz liegt der Hase bei der Höhe der Prämien im Pfeffer. Diese erreichen astronomische Höhen und sind nicht einfach einskommazweimal höher als jene in Deutschland. Darum sagen sich die Leute: Wenn ich schon so viel zahlen muss, will ich auch zum Arzt, pardon, zur Ärztin! Und schon geht der Schuss nach hinten los. Nein, auch nicht wirklich viel besser. Und nein, ich habe auch keine besseren Vorschläge.
Merke:
Manches ist hier einfach anders als dort, wo du herkommst. Gib dem neuen eine Chance, vor allem wenn du keine besseren Ideen hast.

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Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 3: Der Ausweis

Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 3: Der Ausweis

Fast geschafft! Schon bald habe ich das begehrte Papier. Die Bewilligung. Den Ausweis. Meine dreimonatige Touristin-Zeit geht zu Ende und ich erhalte demnächst meine für fünf Jahre gültige Aufenthaltsbewilligung. Oder heißt das Teil AusländerInnenausweis? Ein Passbild muss ich bloß noch mailen, doch dann ist gut.
Da habe ich also heute Vormittag, extra mehr als eine Stunde vor Schalterschließung um Stress zu vermeiden, das AusländerInnenamt besucht. Zum zweiten Mal. (Stammleserinnen erinnern sich womöglich noch an meinen ersten Besuch? – hier klicken). Diesmal erschien ich, wie vorgeschrieben, mit dem Vorvertrag von der neuen Arbeitsstelle und meinem Krankenversicherungsnachweis. Warten musste ich diesmal nicht. Ich stellte mich mit dem Satz vor, dass ich die Schweizerin sei, die sie das letzte Mal ausgelacht hätten. Der nette Herr meinte, da sei er leider nicht dabei gewesen und schon war das Eis gebrochen. Das erforderliche Formular war schnell ausgefüllt und schon war ich wieder draußen. Cool.
Auch auf dem Bürgerbüro – wie das Einwohnermeldeamt hierzulande heißt und wie ich inzwischen gelernt habe –, wo ich für meine neue Arbeitsstelle ein Formular bestellen musste, ging es lustig zu und her. Frau D. war richtig gut drauf und witzelte mit mir herum. Und ich mit ihr. Die Warteschlange, die mich zu Anfang abgeschreckt hatte, war, da alle anderen in Pärchenformation oder als Familiengruppe in die Büros gingen, schließlich halb so wild.
Kurz und gut: Erstaunlich positive Amtserfahrung, die ich da heute machen durfte. Gäbe es einen „Gefällt Ihnen das?“-Button für diese beiden Beamten, müsste ich diesen direkt anklicken.
Merke:
Manches ist besser als sein Ruf!
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Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 1: Einkaufen
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn
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EDIT: Nachtrag: Der Ausweis ist für SchweizerInnen unbefristet gültig, was mich sehr positiv überrascht hat. Heute, am 4. Juli,  habe ich ihn erhalten. Ein irgendwie tolles Gefühl, obwohl es doch nur ein Stück Papier ist …

Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn

Ich habe echt gemeint, solche Menschen seien ausgestorben!, sagte ich zu meinem Liebsten. Gestern Abend. Ich hatte mir tagsüber eine von zwei möglichen Arbeitsstellen angeschaut, die mir meine zukünftige Arbeitsgeberin, eine Stiftung im Bereich Jugendförderung, vorschlägt. Im August soll ich dort anfangen. Naiver Gedanke, das mit dem Aussterben dieser Spezies, dennoch hatte ich ihn gedacht, vielmehr gehofft, dass dem so sei.
Aussterben tun die nicht. Leider. Die wachsen nach. Wie Löwenzahn!, sagte J. pragmatisch. Nur dass Löwenzahn wenigstens schön ist.
Die Gruppe, die ich allenfalls ab August jeweils ab mittags mit betreuen soll, besteht aus neunundzwanzig Kindern zwischen acht und fünfzehn Jahren mit eher bildungsfernem und teilweisem Migrationshintergrund. In der Regelschule kamen sie nicht mit und besuchen darum entsprechende Förderklassen. Kleinklassen heißt das in der Schweiz, hieß es jedenfalls früher. Den Betreuungsteams obliegt die Nachmittagsgestaltung inklusive Aufgabenhilfe. Nicht grad mein Traumjob, doch immerhin ein Anfang.
So weit, so gut.
Wenn da nicht die Frau Generalin wäre, die der Gruppe vorsteht. Also eigentlich sind es ja zwei Frauen, wobei ich der anwesenden Kollegin nicht mal vorgestellt worden bin und von dieser nur ungefähr zwei oder drei Sätze gehört habe. Jeder Versuch, mit ihr Kontakt aufzunehmen, wurde „zufällig verunmöglicht“. Frau Generalin, um die fünfundfünfzig oder sechzig Jahre alt und ledig, wie die ringlose Hand zeigt, Frau Generalin also treibt dort nach allen Regeln der unpädagogischen Kunst ungebremst ihr Unwesen, ihre Machtspiele, und schwingt mit dem Zuckerbrot in der Hand die Peitsche mit der andern. Strubbelt den Kindern ungefragt über den Kopf oder packt sie hart am Arm um ihren Aufträgen Befehlen Nachdruck zu verleihen. Grundsatz 1: Misstrauen. Grundsatz 2: Feindbild Kind. Darum hat sie nie, aber auch wirklich nie!, einen normalen Gesprächston drauf, wenn sie mit den Kindern redet, sondern klingt immer latent fordernd, anklagend, beschimpfend, kritisierend. Schon am Telefon, als sie mir den Weg erklärte, war dieser Ton da. Dieser Ich-weiß-es-besser-Ton, den ich auf den Tod nicht ausstehen kann. Pausenlos redete sie über die Wichtigkeit von guter Kommunikation und Harmonie im Team, widersprach sich aber laufend selbst, indem sie sagte, dass jemand den Karren schließlich schmeißen müsse.
Die meisten Kids kamen um dreizehn Uhr. Zum Essen. Verteilt auf Tische mit je vier Kindern wurde das Essen ausgegeben. Erst als alle ganz still waren, war Frau Generalin zufrieden. Dann musste eins der Kinder beten – *würg-argh* – und schließlich ging die Fütterung los. Wobei die kleineren Kinder im größeren Raum nicht reden dürfen, die größeren im kleineren Raum zwar schon, doch nur leise. KZ-Stimmung, sorry, liebe Leute, aber das habe ich gedacht. Nichts von Sinnlichkeit, Lebenslust und Lachen.
Kaum wechselte Frau Generalin den Raum, ging das Geknuffe, Gekicher, Geflüster und das Augenverdrehen los. Dampf muss abgelassen werden. Muss. Physik. Sonst knallt es. Je restriktiver Erziehung ist, desto mehr staut sich ungelöstes an. Hinter der Fassade. Zugegeben, die Fassade ist nett. Auswechselbar. Unpersönlich. Lieblos.
Beim Essen nahmen ein paar Kinder Blickkontakt mit mir auf. Ich las in ihren Augen Resignation und Frustration. Sehnsucht. Leid. Mit meinen Augen, ich durfte ja nicht reden, versuchte ich Mut zu geben. Keine Ahnung, ob er angekommen ist.
Ich war vor dem Eintreffen der meisten Kinder da gewesen, hatte mir ein paar einführende Worte von Frau Generalin angehört, stehend, ohne dass sie mir etwas zu trinken angeboten hätte, und hatte ihr anschließend ein paar Fragen zu Umfeld und Netzwerk, zur Zusammenarbeit mit der Schule gestellt, weil ich dieses Betreuungssystem von der Schweiz her nicht kenne. Sie meinte nur, in jenem ähnlichen Ton übrigens, den sie auch den Kindern gegenüber drauf hatte:
Das müssen Sie gar nicht wissen. Das braucht Sie nicht zu beschäftigen. Da müssen Sie nicht drüber nachdenken. Das geht Sie nichts an. Das betrifft Sie nicht.
Weil sie mich nicht irgendwie mit einer Aufgabe betraute oder sonst wie beschäftigte, war ich durch die Räume spaziert. Ich hatte die Bilder und Basteleien – stereotype Kreativität nach Vorlage – angeschaut, denn da alle schon anwesenden Kinder gut miteinander gespielt hatten, wollte ich mich nicht aufdrängen. Möglich, dass das keinen guten Eindruck machte. Mir egal, denn ich würde eh nie mehr hierher kommen. Lieber arbeitslos als hier zu arbeiten. Jedenfalls nicht mit Frau Generalin zusammen. Bloß weg hier!
Auf dem Klo, noch vor dem Essen war das, smste ich J. mein Dilemma. Worauf er sofort. anrief.
Dann muss ich also früher hier losfahren!, sagte ich laut ins iPhone, als die Frau Generalin auf dem Hof, auf den ich zum Telefonieren ausgewichen war, an mir vorbeiging. Später, wieder drin, sagte ich zu ihr, dass mein Freund, dessen Auto ich mir heute ausgeliehen hätte, weil meins in der Reparatur sei (was wahr ist), wegen eines Notfalls das Auto brauche (Notlüge, dafür muss ich hoffentlich nicht nach Santiago pilgern :-)).
Um zwei Uhr machte ich mich vom Acker. Im Auto hätte ich heulen können. Die armen Kinder!, dachte ich ständig, was wird nur aus ihnen!? Wenn nur ich schon, nach zweieinhalb Stunden, vom Zusammensein mit dieser Frau traumatisiert bin und nachts (das wusste ich allerdings damals noch nicht) Alpträume hatte, wie viel mehr muss dieser Umgang den Kindern das Leben erschweren? Dieses dauernden Bloßgestellt- und Angemotzt-Werden? Zum K… Und doch ist das hier gewiss kein Einzelfall.
Was wäre die Welt ohne Kinderlachen und Blumen, sagte ich zu J., am Abend, als ich unseren Blumen und Tomaten beim Wachsen zuschaute. Das Schlimmste, was ein Mensch tun kann, ist Kinderlachen kaputtzumachen.
Merke:
1.) In Deutschland gibt es nicht nur nette Menschen …
2.) … aber auch!!!

Integrationskurs "Alltag in Deutschland" – Lektion 1: Einkaufen

Szene 1: Sofasophia schiebt ihren Einkaufswagen Richtung Kasse. Ort des Geschehens: Eine städtischen Filiale des Großverteilers mit dem A. am Anfang. Soeben verkündet die smarte Damenstimme aus dem Lautsprecher:
„Geschätzte Kunden, wir öffnen Kasse drei für Sie!“ Super!, denkt sie, schaut sich um, sieht aber nicht einen einzigen Kunden im ganzen Laden, der sich für Kasse drei interessieren könnte und reiht sich deshalb brav hinter der Kundin vor ihr ein. Denn Kundinnen hat es zuhauf. Es ist kurz nach eins. Weit und breit kein Mann. Nicht einmal ein Arbeiter ist zu sehen, der sich schnell ein Sandwich holt.
Szene 2: Sofasophia hat vor dem Getränkemarkt geparkt und sich einen Einkaufswagen geschnappt. Einen wie es sie in der Schweiz nur im Baumarkt gibt, einen mit tief gelegter Ladefläche. Einen für Bier. Gleichzeitig wie ein älterer Mann betritt sie den Laden und ist einmal mehr ob der gebotenen Fülle dieser Ladenkette überfordert. Wohin sie schaut: Bierkiste auf Bierkiste. Wasser. Süssgetränke. Fruchtsäfte. Flüssiges in jeglicher Form. Und Männer. Überall Männer. Nur Männer. Außer an der Kasse. Da sitzt eine Frau. Natürlich. Ein junger muskulöser Mann mit Tattoos an den Oberarmen – wenn wir schon Klischees bedienen, dann richtig! – geht herum, ist beim Aufladen der (Bier-)Kisten behilflich und zeigt ihr, wo das alkoholfreie Bier steht. Mit drei Kisten (öhm, ja alles Bier) fährt sie schlussendlich zur Kasse, bezahlt und geht zum Auto. Der ältere Mann, der mit ihr den Laden verlassen hat, hievt ihr die dritte Kiste in den Kofferraum. Sie ist so perplex, dass sie nicht mal sagen kann, dass sie es eigentlich selbst schafft.
Wir fassen Lektion 1 wie folgt zusammen.
Merke:
1.) In Deutschland kaufen die Frauen das Futter …
2.) … und die Männer die Getränke.
3.) In Deutschland sind Kundinnen automatisch männlich.
Wer kauft denn jetzt bei uns das Futter ein, Liebling, du oder ich?