Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 7: Sozialstaat Deutschland oder vom deutschen Kind und seinem Bade oder a piece and a kiss of bliss

Wie ich gestern in der letzten Yogastunde des laufenden Kurszyklus so auf meiner Matte liege, begreife ich auf einmal, dass der Lebenssinn wohl weniger in einer bestimmten Aufgabe, die es erstens zu finden, zweitens zu definieren und drittens zu lösen gilt, liegt, als darin, dass ich in mir drin begreife, dass ich Mensch werden soll. Menschlich. Keine Maschine, die bloß tut, was man ihr sagt. Menschlich, mitfühlend, denkend, verstehend, verwoben und vernetzt mit allem, was da ist, Anteil nehmend, authentisch und ja, auch reif, klar, weise, belastbar und bei sich. In Kontakt mit sich selbst. Verbunden in Liebe zu sich selbst. Dies als Ziel, als Lebenssinn zu betrachten, hat, wie ich da in der Stellung des Kindes – Garbhasana genannt – am Boden knie, auf einmal den Geschmack von Erleuchtung. Und auf einmal war mir egal, was jener Mensch neulich zu mir gesagt hat.
Kein wirklich Nahestehender, zum Glück, aber einer, um den ich nicht wirklich drum rum komme, leider. Er meinte unter anderem, ich solle halt mal von meinem hohen Ross runterkommen und halt irgendeine, die erstbeste Arbeit annehmen. Statt dem Staat auf dem Sack zu hocken. Zum einen fragte ich mich hinterher natürlich, warum er so gemein zu mir sein musste, wo er doch nicht die ganze Geschichte kennt, nur einen kleinen Ausschnitt, und selbst diesen nur als Übersetzung. Von meiner Herzsprache in seine. Einer ganz anderen übrigens, die mit meiner kaum Berührungspunkte hat und zu der es keine Wörterbücher gibt. Zum zweiten überlegte ich, ob er möglicherweise mit dieser einen Aussage recht hat. Ob ich auf dem hohen Ross sitze. Ob ich den Bodenkontakt verloren habe, sozusagen. Ob ich überheblich geworden bin, weil ich für mich selbst kämpfe. Doch muss frau tatsächlich ihre Träume und Visionen, ihr Lebenskonzept, ihr Soseinwiesieist den Ansprüchen und Anforderungen der Außenwelt – sprich Arbeitsamt, Gesellschaft, Wirtschaft – bis zum letzten Blutstropfen opfern nur um zu überleben? Ist meine Arbeitslosigkeit ein Grund zur Scham?
Diese unerträgliche Flüchtigkeit des Zuhause-Gefühls. Eine kurze Zeit in diesem Land, an diesem Ort hat es mich besucht. Unerträglich flüchtig. Unfassbar. Verduftet ist es – im doppelten Sinn. Dieser Tage ganz und gar verdunstet. Da ist nur noch pures Heimweh, blankgescheuert wie ein Handschmeichler von da, wo deine Wurzeln sind. Die Momente der gestrigen Erleuchtung – auch sie waren sehr flüchtig.
Wer den Himmel offen gesehen hat, kann hier schwer Wurzeln schlagen, habe ich vor Jahren mal aufgeschrieben. Ein Satz wie ein Kehrreim. Ein Echo, das mich aus dem Hinterhalt einholt. Immer wieder. Unvorbereitet. Den Himmel gesehen. Es wäre leichter, vermute ich, ich hätte ihn nie gesehen, nicht offen. Einfacher wäre es, das Leben hier. Hier in Deutschland. Hier auf der Erde.
Da war ich heute also auf dem Arbeitsamt. Endlich das erste Beratungsgespräch. Netter junger Mann. Pünktlich öffnet er die Türe. Er vertritt bei mir seine Kollegin, die neulich krank war, als ich meinen ersten Termin gehabt hätte. Sie seien alle am Limit. Zu viel Arbeit, zu wenig Leute. Und es würden noch mehr Stellen gestrichen, neue keine mehr bewilligt. Vielleicht schließe sogar diese Amtsstelle hier. Auch die Zentrale in P. werde geschlossen und in das Amt von K. involviert. Soundsoviele Stellen würden gestrichen.
Dann werden Sie vielleicht bald auf diesem Stuhl hier sitzen, sage ich bitter grinsend und deute auf meinen Stuhl. Ein moderner bequemer Stuhl, der so tut als ob. Als ob wir Recht auf artgerechte Haltung hätten.
Wir verstehen uns, Herr H. und ich. Er ist freundlich. Sagt, dass die Mappe mit meinen Unterlagen verschwunden sei. Sagt mehr, als er wohl dürfte. Wie die Dame neulich auf dem Arbeitsamt in P.. Da wäre alles drin gewesen, in der Mappe, mein Lebenslauf und der ganze Karsumpel. Formulare.
Das pure Chaos!, seufzt er. Wir füllen gemeinsam meine Daten in die Maske auf dem Bildschirm seines Rechners, nachdem ich ihm meinen Lebenslauf mündlich in aller Kürze erläutert habe. Er nimmt mich als Mensch wahr und das ist gut.
Später surft er nach Teilzeitstellen für mich. Ich rede von Zeitarbeit, weil ich mich mit dem Gedanken anfreunde, nächstes Jahr in die Schweiz zurückzuwandern. Was ich nicht sage, obwohl es ein Gedanke ist, der, wenn ich ehrlich bin, nie im Bereich des Unmöglichen lag. Und je mehr ich ihn denke, desto lieber wird er mir. Zumal mein Liebster mit dem Gedanken ebenfalls flirtet.
Deutschland – ein Sozialstaat? Ich muss das wohl geträumt haben. Kann mir bitte jemand die Logik dieser Rechenaufgabe hier erklären? Ich müsse, so meinte Herr H., im Härtefall (was er nicht hoffe und worauf er keineswegs dränge, aber das Recht schreibe es eben so vor), eine Stelle zwingend annehmen, selbst wenn ich bis dreißig Prozent weniger Gehalt, als ich Geld von der Arbeitslosenkasse erhalte, bekommen sollte. Wie bitte? Hohes Ross hin oder her – das kann doch nun wirklich nicht sein! Und vor allem kann es nicht funktionieren. Nein, ich nenne hier keine Zahlen. Über Geld redet man nicht. *hüstel-da-mit-klischee-sätzen-auf-kriegsfuß-stehend*
Aaaaber … da müsste ich ja Hartz IV beantragen!, sage ich. Wo bitte ist da die Logik? Wie bitte, dieses Land hat keine gesetzlich vorgegebenen existenzsichernden Minimallöhne in den einzelnen Branchen? Stattdessen zahlt es Sozialgelder in Milliardenhöhe, die nur über menschenunwürdige Wege beantragt werden können. Entschuldigung, ich bin neu hier und noch unbedarft. Das verstehe ich nun wirklich nicht! Da MUSS ja der Staat die Lecks der ach so armen Arbeitsgebenden auffangen! Auf Kosten der Steuerzahlenden.
Und das nennt sich dann sozial? Ähm hallo, wo ist hier bitte der Notausgang?
((Falls ich einen Denkfehler gemacht oder nicht alles wirklich verstanden habe oder mir jemand die irgendwie innewohnende Logik nachvollziehbar und logisch erklären kann, bitte gerne. Es hänge, sagte Herr H., immer davon ab, wer grad das Sagen habe, welche Partei grad obenauf schwimme. Er hüstelte verlegen. Wie erkläre ich einer Schweizerin unser unlogisches System? Ich sehe, wie er sich windet und mir kommt der Verdacht, dass er gewisse Dinge tatsächlich zum ersten Mal überlegt.))
Das deutsche Kind im Bade – ich bin versucht es auszuschütten. Kurzen Prozess mit ihm zu machen. Koffer packen. Fluchtgene.
Aber halt, da sind ja all die tollen Menschen, die ich im Laufe meines Lebens und der letzten neun Monate in diesem Land kennengelernt habe. So viele Menschen, die so ganz anders sind, als diese kleinbürgerlichen Gutbürgerinnen und -bürger, die mir in der letzten Zeit das Leben verdammt ungemütlich machen.
Merke: Es reicht vorerst, nur die Badewanne auszuschütten. Neues Badewasser könnte sicher nicht schaden. Und Kofferpacken reicht auch noch übermorgen.

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0 Kommentare zu „Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 7: Sozialstaat Deutschland oder vom deutschen Kind und seinem Bade oder a piece and a kiss of bliss“

  1. Grob könnte man sagen, wir leben hier in einer schon da seienden oder kommenden Diktatur des Geldes und der Angst….jedwedes „Nischendasein“ nicht erwünscht….habe gelesen, dass Arbeitslose gezwungen würden, bei der großen A-Bücherverschickdings erst mal ein unbezahltens Praktikum von zwei Wochen zu machen- so werden die im Weihnachtsgeschäft ausgenutzt- wenn sie das nicht wollen, haben sie verloren:-(
    Ja, wo sind wir?
    Ich dachte mir so was schon….
    Gruß von Sonja

    1. liebe sonja, ich dank dir für dein mitgefühl sehr. es menschelt im staat. und ich neige dazu, die schweiz zu schönen. auch da ist nicht alles perfekt. nur, das glaube ich sagen zu dürfen, humaner. ich weiß aber natürlich nicht, ob das auch eingewanderte so sehen.
      die begründung für den stellenabbau beim arbeitsamt sei mangel an fachpersonal. kein wunder, dass die abwandern. oder hats einfach keine klugen köpfe hierzulande? ob die begründung stimmt, kann ich allerdings nicht beurteilen …
      herzlich, d.

  2. Ach D. … Du hast keinen Denkfehler gemacht, das läuft wirklich so. Natürlich habe ich immer im Hinterkopf, wie gut wir es hier haben, aber ich finde, es ist auch nicht richtig, Deutschland jetzt mit wirklich Dritteweltländern zu vergleichen, immerhin hegt Deutschland ja selbst den Anspruch auf EtepeteteSozialUndSo. Aber diese eine Sache mit dem Job zwangsweise annehmen, obwohl man noch in der Arbeitslosengeld I Phase ist, das wusste ich auch nicht. Ich dachte, dieses eine Jahr darf man wirklich sich selbst umschauen, hat sozusagen den Rücken frei. Die gehen hier auch noch besser mit einem um. Zumindest ist es bei uns so, dass die Leute, wenn sie dann erst einmal in der Hartz IV Abteilung angekommen sind, dann schon doofer behandelt werden. Muss aber nicht überall so sein. Irgendwie macht mich das traurig …
    Ich fand zwei Sätze sehr schön hier, die mich irgendwie sehr sehr erreicht haben. Ich wollte sie dir nur einmal nennen:
    Wer den Himmel offen gesehen hat, kann hier schwer Wurzeln schlagen
    Dann werden Sie vielleicht bald auf diesem Stuhl hier sitzen, sage ich bitter grinsend und deute auf meinen Stuhl. Ein moderner bequemer Stuhl, der so tut als ob. Als ob wir Recht auf artgerechte Haltung hätten.

    Was ich von eurer Fliterei mit der Schweiz halte, habe ich dir ja schon gesagt. Du hast meine Mail bekommen, oder? 😀 ❤

    1. ja, liebe sherry, die mail ist da – noch in der warteschlaufe aber SEHR angekommen, danke! auch für die denkanstöße. ich kann schon selbst stellesuchen, aaaber falls ich eben ein sehr schlecht bezahltes angebot hätte, müsste ich es quasi nach artikel xyz annehmen.
      schräg finde ich einfach die dem zugrunde liegende logik … we’ll see. fortsetzung folgt.

  3. seufz… ja du Liebe, genau DAS macht uns das Leben hier manchmal so sauer, da braucht es schon einen irren dicken Trotzkopf und Verbündete, um dadurch zu kommen… bisher gelingts… toi,toi,toi… dreimal auf Holz geklopft, wenn auch nicht ohne Blessuren… aber was solls, die heilen. Verstehst du jetzt das T-Shirt von meinem Liebsten mit dem Aufdruck: Ich würd so gern ein Schweizer sein… ;o)

  4. Hmm, da ich Dich ja noch nicht so gut kenne, wollte ich fragen in welchem Bereich Du denn etwas suchst? Ich kenn dieses frustrierende Gefühl auch nur zu gut. Im Moment bin ich froh, dass ich trotz allem soviel um die Ohren habe, dass ich kaum zum Nachdenken komme.
    Die Stellen, die ich wahrscheinlich bekommen würde, wären alles unbezahlte Praktikas oder schlechtbezahlte Volontariate. Da denke ich mir schon, kein Wunder, dass es immer mehr bergab geht, wenn die Leute denken man macht ewiglang sein Studium um danach noch 2 Jahre für einen Hungerlohn, der nicht zum Leben reicht, zu arbeiten.
    Einer Freundin von mir hätte das Arbeitsamt eine Ausbildung zur Altenpflegerin bezahlt. Das scheint wohl das einzige Berufsfeld zu sein, wo man wirklich noch Leute sucht. Kein Wunder, ist der Job doch dringend notwendig, schlecht bezahlt und sehr sehr stressig. Sie hat dann dankend abgelehnt und Schulden gemacht um sich eine zweite Ausbildung zu finanzieren. Aber wenigstens hat sie jetzt einen Job und ist glücklich.
    Vom Arbeitsamt selbst halte ich nicht wirklich viel, dort wirkt alles so schwerfällig und wirkliche Hilfe und Weitervermittlung für eine gescheite Arbeit gibt es dort auch nicht. Was mich allerdings ein bisschen schockiert, ist, dass sie jetzt schon in den Arbeitsämtern Stellen abbauen. Die Arbeitslosen werden ja in Deutschland nicht wirklich weniger.

  5. @ li ssi:
    möge gelingen, was gelingen soll … ahey!
    @mietze:
    da ich verschiedene berufe gelernt habe, ist deine frage nicht so einfach zu beantworten, ich habe mich bei der arbeitssuche auf sekretärin festgelegt. da kann frau auch knapp von einem halbtagsjob leben, wenn sie so einfach lebt wie ich. hüben zwar schlechter als drüben, aber es sollte gehen. was mich immer brüskiert und zwar in der schweiz ebenso wie in deutschland, dass berufsausbildungen quasi nach nachfrage absolviert werden und nicht nach talenten. okay, die idee dahinter ist schon nachvollziehbar, aber da ist doch die berufliche unzufriedenheit schon vorprogrammiert: sprich: spätere arbeitslosigkeit. burn-outs. sinnkrisen. tja. und dass im arbeitslosenbetreuungssektor stellen abgebaut werden, ist so was von schräg. ein einziger vorteil: ich habe doch eine recht große freiheit, muss erst in zwei monaten wieder vorbei, falls ich bis dahin nix finde.
    du bist noch jung und von daher verstehe ich den sinn eines volontariats schon. aber unbezahlt arbeiten finde ich schon sehr problematisch, das gibts jetzt in der schweiz echt nur bei ehrenamtlichen jobs. selbst praktika werden entlöhnt. hm. ich hoffe, du findest deinen weg und berufliche erfüllung!

  6. Na jung bin ich auch schon lange nicht mehr! 🙂 Für den Arbeitsanfang eigentlich viel zu alt! 😉 Aber ich seh das genauso wie Du, es stört mich, dass man für alles eine Bescheinigung braucht, ein Zertifikat, das sagt, dass man irgendwas kann und sonst ist man nichts wert. Es ägert mich wirklich, weil nicht jeder Mensch die Chance hat sofort ein Superschüler zu sein, oder sich einfach anders entschieden hat und dann ist der Weg für eine höhere Ausbildung oder für eine bestimmte Richtung plötzlich wahnsinnig schwierig.
    Ich drück Dir ganz fest die Daumen, dass es klappt mit einem Job. Ich glaub Arbeit zu finden ist grad irgendwie in jedem Land in Europa sehr schwierig. Na mal schauen, wir geben einfach nicht auf 🙂 oder wir steigen von unseren hohen Rössern, höhö. (für solche Sätze könnte ich manchen Leuten echt was husten)

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