heimat-los

Sie sind ihre Heimat los geworden, die Ausgewanderten. Kein leichtes Los. Sie haben ihre Heimat, so sie denn eine hatten, losgelassen. Oder wollen genau das nicht. Oder üben es noch. Oder sind kleben geblieben – irgendwo zwischen den Grenzen, die nur im Kopf bestehen. Und jetzt sind sie da, wo irgendetwas besser sein muss. Irgendetwas muss hier besser sein, sonst wären sie dort geblieben, wo sie vorher waren. Ob Flüchtlinge oder Liebende – wer auswandert, nimmt das Los auf sich, Heimat gegen kaum Bekanntes zu tauschen. Ein nicht immer ganz freiwilliger Tausch von Bekanntem gegen Ahnungen. Von Vertrautem gegen Erwartungen. Unscharfe Ränder des Bildes im Herz. Farben, die changieren, unklar sind sie zuweilen, dann wieder, je nach Blickwinkel, so scharf, dass sie blenden und blinzeln lassen. Blinzeln, um gleich wieder hinzuschauen. Wahrnehmen gegen Widerstände. So viel Gegenteiliges, so viel Vergleich.
Ob das Gewählte besser ist, zeigt sich erst, wenn Zeit vergangen ist. Wenn gelebt wurde. Wenn die kleinen Wurzeln in der neuen Erde ausschlagen und neue Verästelungen bilden. Wenn die tägliche Bahn der Sonne allmählich vertraut ist. Wenn das heurige Laub zusammengerecht ist. Wenn die alten Blätter neuen Knospen Platz geschaffen haben. Leere Äste an leeren Bäumen künden von Heimweh. Und doch sind es auch die Bäume, die Heimweh heilen. Sie fragen nicht nach Nationalitäten. Dafür schenken sie Gelassenheit, wenn du sie lässt. Und sie machen Mut, dem neuen Boden zu vertrauen.
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Wie wir da, es ist Freitagabend spät, tanzend durch den Raum und die Zeit schweben, bin ich überall zuhause. Nicht mehr heimatlos. Zufällig bin ich in der Schweiz und die Stimmen um mich herum klingen vertraut. Die Musik auch. Eine Sprache, die nicht übersetzt werden muss. Alles vertraut.
Am Samstagnachmittag am Zürichsee, bei J.s Cousin und dessen Familie, unterhalten wir uns in drei Sprachen, ich zumindest. Mit dem fünf Wochen alten Little-D. plaudere ich Schweizerdeutsch und er versteht. Seine weisen Augen ruhen in meinen und erzählen von drüben. Von früher. Von bald. Erzählen von Ewigkeit und Jetzt. Mit C. und J. reden wir hochdeutsch, zuweilen auch französisch, C.s Muttersprache. Als schließlich spontan in der Schweiz wohnende, französische Freunde an der Türe klingeln und an den Kaffeetisch mit eingeladen werden, babeln wir dreisprachig, da Mösiö C. noch nicht so gut deutsch kann. Nur Little-D. versteht noch alles, scheint mir. Fremdsprachen kennt er keine. Er hört die Worte, die Sprachen der Herzen.
Wenn ich keine Worte finde, weder gesprochene noch unaussprechliche, fühle ich mich fremd. Hier nicht, zum Glück, und auch dort nicht. Nein, nicht fremd, aber heimatlos. Hier wie dort. Ja, sogar dort, in der Schweiz, trotz meines tollen FreundInnennetzes, weil ich dort kein Zuhause mehr habe. Und hier, im neuen Land, weil meine Wurzeln noch nicht verwachsen sind. Es braucht Zeit, sagen die Weisen. Und Geduld. Kein leichtes Los, doch, zumindest in meinem Fall, ein selbstgewähltes.
Und letztlich, auch das sagen die Weisen, ist meine Heimat überall. Hier wie dort. Und sie war und ist schon da. Immer. In mir.