Die erste der Rauhnächte heute. Immerhin doch ein Grund, mich heute ein wenig feierlich zu fühlen und mich mit den alten Sagen und Mythen auseinanderzusetzen, auch wenn ich Weihnachtsmuffelin bin. Wie wenig ich doch über die alten Geschichten im Grunde weiß! Immerhin etwas, das ich weiß. Vieles ist ahnen, spüren, wahrnehmen. Nein, nicht die Geburt eines suspekten Erlösers, ist es, die mich heute ein klein bisschen froh macht. Vielmehr ist es die Rückkehr des Lichts. Ansonsten sind diese Tage für mich schon lange eher schwierig und ich bin es längst leid, jedes Jahr langen Gesichtern erklären zu müssen, warum das für mich so ist. Wenn ich meine, mich erklären zu müssen, ist das allerdings ganz und gar mein Problem. Es ist nun mal so. Punkt.
Zeit der Rückblicke allerorten. Madame Thisis hat auf ihre ganz eigene Art ihr vergangenes Jahr gewürdigt. Pro Monat schrieb sie einen Artikel. Noch fehlt der Dezember. Auch andere BloggerInnen wie zum Beispiel Donna Cambra halten Rückschau, werten aus, was war, plaudern aus dem Nähkästchen, bereiten sich auf die rauen Nächte und die wilde Jagd vor, putzen aus und räuchern ihre Kammern. Ich lese solche persönlichen Texte sehr gerne, lieber als die überall erscheinenden Jahresrückblicke in den Zeitungen und im weltweiten Spinnennetz. Im Rückblickhalten, was mich selbst betrifft, bin ich allerdings ungeübt. Ebenso, wie ich die Züge eines Strategiespieles geschweige denn die nächsten Schritte meines Lebens nicht vorausdenken kann.
Neulich in Mainz sagte Mister Q. über einen seiner WG-Kumpel: Echt, der Mann kann jeden Menschen, der mal hier in der WG gewohnt hat, einfach in zweidrei prägnanten Sätzen zusammenfassen.
Wie wir doch das Einkochen lieben, dieses nachträgliche Schönen und Lästern des Erlebten. Wir mögen Auswertung, Konzentrat und Verdichtung. Sirup und Melasse, Suppe und Püree. Und wir lieben Schubladen, Ordnung und Abschlüsse.
Mein Fahrradrückspiegel ist zerbeult, verbogen und zerbrochen – und oft überflüssig. Zweifellos sinnvoll. Und ich liebe ihn. Seine Brüche vervielfachen die Rücksicht den Rückblick. Alles erscheint zwar ein bisschen kleiner, aber alles wird auch ein bisschen aus minim anderen Winkeln betrachtbar, da die Scherben sich beim Bruch minim verschoben haben. Verschiedene Blickwinkel haben noch nie geschadet. Außerdem bringen Scherben Glück, sagt der Volksmund. Denen, die es glauben zumindest. Darin sehe ich eine Flasche. Violett ihr Inhalt. Auf den ersten Blick zumindest. Oder türkis, wenn ich der kleinen Scherbe oben glauben soll. Dickflüssiges Innendrin. Mein Jahressirup bitte schön!
Pro Monat bekommt ihr nur ein paar Wörter oder Sätze, mehr nicht, dicht dick eingekochte Wörter allerdings. Ach, erstens meint übrigens den Januar. Zweitens den … na, ihr wisst schon, immer so weiter.
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erstens
Kälte. Traurigkeit. Seiltanz: Zweifel versus Mut. Vorstellungsgespräch mit Perspektiven. Ein bisschen Vorfreude. J.s Geburtstag. Erste Kisten werden gepackt und dabei ein paar Tränen vergossen.
zweitens
Hoffnung und Ungeduld tanzen. Trauer wabert ein bisschen und Vorfreude wächst. Der Neuanfang jenseits der Landesgrenze rückt näher. Kisten, immer mehr Kisten sind voll.
drittens
Die letzten Kisten werden gepackt. Ich arbeite meine Stellennachfolgerin ein und freue mich über sie. Unser großes, erfolgreiches PR-Event, stark von mir mitgeprägt, findet statt. Mein Abschluss in Bern. Noch mehr Tränen und zwei Herzen in mir, die heftig schlagen. Loslassen. Umzug.
viertens
Ankommen auf dem einsamen Gehöft, Stadttussilandei ich. Neuanfang. Übermut. Leere und Fülle. Ruhe. Irgendlink ganz nah. Geborgenheit.
fünftens
Euphorie. Zauber. Raum schaffen. Garten. Dürre. Gießkannen schleppen.
sechstens
Erste Risse im German Dream Of Life. Mein Geburtstag. Herzklopfen. Neue Hoffnungen. Alte und neue Kümmernisse.
siebtens
Blutige Tiefpunkte und sonnige Highlights (Schweden). Trauer und Freude tanzen engumschlungen und scheinen untrennbar.
achtens
Back home from Sweden. Die letzte Nacht vor der Rückkehr schlafen wir direkt am Strand. Neuer Anfang, neue Erfahrungen = neuer Job. Großer Schock, denn das deutsche Schulsystem und die mitgelieferte Mentalität sind mir fremder als gedacht. Theorie und Praxis sind zweierlei. Erste Erkältung.
neuntens
Überforderung. Erschöpfung. Erkältung die zweite. Die Kunstzwerge kommen ein paar Tage zu uns und stellen den Hof auf den Kopf. Wochen später unsere erste gemeinsame Ausstellung. Ich verkaufe zum ersten Mal eigene Bilder.
zehntens
Blaseninfekt. Urlaub in der Schweiz. Kündigung der Arbeit (auf meine Bitte hin). Erleichterung. Leere. Fragen. Viele Fragen und ein paar erste Initiativ-Bewerbungen.
elftens
Arbeitslosen-Papierkram. To Dos ohne Ende. Heimweh. Gute und schlechte Nachrichten. Meine Tante hört auf zu atmen. Wieder viele Fragen. Zwei meiner Manuskripte reanimieren. Noch mehr Fragen. Und noch mehr Bewerbungen.
zwölftens
Fast Forward-Knopf erträumen. Überhaupt träume ich sehr intensiv. Entscheidungen stehen an. Bewerbungen werden geschrieben. Innerer Rückzug. Eine große Entdeckung, die mir beinahe das Leben rettet – auf jeden Fall die Stimmung: Patent Ochsners nächste Platte wird eingespielt und auch diesmal wieder aufs Genialste literarisch und mit Bildern dokumentiert.(((Merci Büne!)))
(((Notiz an mich: Wenn ich das so lese, frage ich mich, warum ich überhaupt fast jeden Tag gebloggt habe, wo sich doch jeder Monat so einfach komprimieren lässt … )))