Wie ich gestern in der letzten Yogastunde des laufenden Kurszyklus so auf meiner Matte liege, begreife ich auf einmal, dass der Lebenssinn wohl weniger in einer bestimmten Aufgabe, die es erstens zu finden, zweitens zu definieren und drittens zu lösen gilt, liegt, als darin, dass ich in mir drin begreife, dass ich Mensch werden soll. Menschlich. Keine Maschine, die bloß tut, was man ihr sagt. Menschlich, mitfühlend, denkend, verstehend, verwoben und vernetzt mit allem, was da ist, Anteil nehmend, authentisch und ja, auch reif, klar, weise, belastbar und bei sich. In Kontakt mit sich selbst. Verbunden in Liebe zu sich selbst. Dies als Ziel, als Lebenssinn zu betrachten, hat, wie ich da in der Stellung des Kindes – Garbhasana genannt – am Boden knie, auf einmal den Geschmack von Erleuchtung. Und auf einmal war mir egal, was jener Mensch neulich zu mir gesagt hat.
Kein wirklich Nahestehender, zum Glück, aber einer, um den ich nicht wirklich drum rum komme, leider. Er meinte unter anderem, ich solle halt mal von meinem hohen Ross runterkommen und halt irgendeine, die erstbeste Arbeit annehmen. Statt dem Staat auf dem Sack zu hocken. Zum einen fragte ich mich hinterher natürlich, warum er so gemein zu mir sein musste, wo er doch nicht die ganze Geschichte kennt, nur einen kleinen Ausschnitt, und selbst diesen nur als Übersetzung. Von meiner Herzsprache in seine. Einer ganz anderen übrigens, die mit meiner kaum Berührungspunkte hat und zu der es keine Wörterbücher gibt. Zum zweiten überlegte ich, ob er möglicherweise mit dieser einen Aussage recht hat. Ob ich auf dem hohen Ross sitze. Ob ich den Bodenkontakt verloren habe, sozusagen. Ob ich überheblich geworden bin, weil ich für mich selbst kämpfe. Doch muss frau tatsächlich ihre Träume und Visionen, ihr Lebenskonzept, ihr Soseinwiesieist den Ansprüchen und Anforderungen der Außenwelt – sprich Arbeitsamt, Gesellschaft, Wirtschaft – bis zum letzten Blutstropfen opfern nur um zu überleben? Ist meine Arbeitslosigkeit ein Grund zur Scham?
Diese unerträgliche Flüchtigkeit des Zuhause-Gefühls. Eine kurze Zeit in diesem Land, an diesem Ort hat es mich besucht. Unerträglich flüchtig. Unfassbar. Verduftet ist es – im doppelten Sinn. Dieser Tage ganz und gar verdunstet. Da ist nur noch pures Heimweh, blankgescheuert wie ein Handschmeichler von da, wo deine Wurzeln sind. Die Momente der gestrigen Erleuchtung – auch sie waren sehr flüchtig.
Wer den Himmel offen gesehen hat, kann hier schwer Wurzeln schlagen, habe ich vor Jahren mal aufgeschrieben. Ein Satz wie ein Kehrreim. Ein Echo, das mich aus dem Hinterhalt einholt. Immer wieder. Unvorbereitet. Den Himmel gesehen. Es wäre leichter, vermute ich, ich hätte ihn nie gesehen, nicht offen. Einfacher wäre es, das Leben hier. Hier in Deutschland. Hier auf der Erde.
Da war ich heute also auf dem Arbeitsamt. Endlich das erste Beratungsgespräch. Netter junger Mann. Pünktlich öffnet er die Türe. Er vertritt bei mir seine Kollegin, die neulich krank war, als ich meinen ersten Termin gehabt hätte. Sie seien alle am Limit. Zu viel Arbeit, zu wenig Leute. Und es würden noch mehr Stellen gestrichen, neue keine mehr bewilligt. Vielleicht schließe sogar diese Amtsstelle hier. Auch die Zentrale in P. werde geschlossen und in das Amt von K. involviert. Soundsoviele Stellen würden gestrichen.
Dann werden Sie vielleicht bald auf diesem Stuhl hier sitzen, sage ich bitter grinsend und deute auf meinen Stuhl. Ein moderner bequemer Stuhl, der so tut als ob. Als ob wir Recht auf artgerechte Haltung hätten.
Wir verstehen uns, Herr H. und ich. Er ist freundlich. Sagt, dass die Mappe mit meinen Unterlagen verschwunden sei. Sagt mehr, als er wohl dürfte. Wie die Dame neulich auf dem Arbeitsamt in P.. Da wäre alles drin gewesen, in der Mappe, mein Lebenslauf und der ganze Karsumpel. Formulare.
Das pure Chaos!, seufzt er. Wir füllen gemeinsam meine Daten in die Maske auf dem Bildschirm seines Rechners, nachdem ich ihm meinen Lebenslauf mündlich in aller Kürze erläutert habe. Er nimmt mich als Mensch wahr und das ist gut.
Später surft er nach Teilzeitstellen für mich. Ich rede von Zeitarbeit, weil ich mich mit dem Gedanken anfreunde, nächstes Jahr in die Schweiz zurückzuwandern. Was ich nicht sage, obwohl es ein Gedanke ist, der, wenn ich ehrlich bin, nie im Bereich des Unmöglichen lag. Und je mehr ich ihn denke, desto lieber wird er mir. Zumal mein Liebster mit dem Gedanken ebenfalls flirtet.
Deutschland – ein Sozialstaat? Ich muss das wohl geträumt haben. Kann mir bitte jemand die Logik dieser Rechenaufgabe hier erklären? Ich müsse, so meinte Herr H., im Härtefall (was er nicht hoffe und worauf er keineswegs dränge, aber das Recht schreibe es eben so vor), eine Stelle zwingend annehmen, selbst wenn ich bis dreißig Prozent weniger Gehalt, als ich Geld von der Arbeitslosenkasse erhalte, bekommen sollte. Wie bitte? Hohes Ross hin oder her – das kann doch nun wirklich nicht sein! Und vor allem kann es nicht funktionieren. Nein, ich nenne hier keine Zahlen. Über Geld redet man nicht. *hüstel-da-mit-klischee-sätzen-auf-kriegsfuß-stehend*
Aaaaber … da müsste ich ja Hartz IV beantragen!, sage ich. Wo bitte ist da die Logik? Wie bitte, dieses Land hat keine gesetzlich vorgegebenen existenzsichernden Minimallöhne in den einzelnen Branchen? Stattdessen zahlt es Sozialgelder in Milliardenhöhe, die nur über menschenunwürdige Wege beantragt werden können. Entschuldigung, ich bin neu hier und noch unbedarft. Das verstehe ich nun wirklich nicht! Da MUSS ja der Staat die Lecks der ach so armen Arbeitsgebenden auffangen! Auf Kosten der Steuerzahlenden.
Und das nennt sich dann sozial? Ähm hallo, wo ist hier bitte der Notausgang?
((Falls ich einen Denkfehler gemacht oder nicht alles wirklich verstanden habe oder mir jemand die irgendwie innewohnende Logik nachvollziehbar und logisch erklären kann, bitte gerne. Es hänge, sagte Herr H., immer davon ab, wer grad das Sagen habe, welche Partei grad obenauf schwimme. Er hüstelte verlegen. Wie erkläre ich einer Schweizerin unser unlogisches System? Ich sehe, wie er sich windet und mir kommt der Verdacht, dass er gewisse Dinge tatsächlich zum ersten Mal überlegt.))
Das deutsche Kind im Bade – ich bin versucht es auszuschütten. Kurzen Prozess mit ihm zu machen. Koffer packen. Fluchtgene.
Aber halt, da sind ja all die tollen Menschen, die ich im Laufe meines Lebens und der letzten neun Monate in diesem Land kennengelernt habe. So viele Menschen, die so ganz anders sind, als diese kleinbürgerlichen Gutbürgerinnen und -bürger, die mir in der letzten Zeit das Leben verdammt ungemütlich machen.
Merke: Es reicht vorerst, nur die Badewanne auszuschütten. Neues Badewasser könnte sicher nicht schaden. Und Kofferpacken reicht auch noch übermorgen.
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