Tagebuch der Klimakrise 04

6. August
Ich weiß auch nicht … diese Prognosen und diese Klima-Realität … mir fehlen die Worte.

Mein Ventilator ist aktuell mein Lieblingshaushaltgegenstand.

Soll ich jetzt wirklich noch, wie meine innere Vernuftstimme sagt, raus & mit dem Rad an die Reuss? Von wegen Bewegung und Abkühlung.

(Um im gleichen Aufwisch noch Glas zum Container zu bringen und die neuen in Folie gefassten Bücher in der Bib abzuliefern und Nachschub zu holen?)

Ist ja auch ‚nur noch‘ 29 °C draußen.

Innerer Sauhund sagt: Nein, Sofa!

+++

7. August
Die Wohnung ist dank nächtlichem Durchzug ‚nur‘ noch 23 °C und es wird heute ‚nur’ 30 °C. Zudem geht die Sonne täglich früher unter und später auf.

Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mal denken könnte: Oh, ‚nur‘ 30 °C.

Alles eine Frage erlernter Überlebensstrategien und der Relativität.

Es ist nach über 30 °C relativ kühl. Heute Nacht wars 17 °C und am Morgen noch immer 18 °C und das war soooo schön. Die Wohnung ist mal wieder runter auf 23.

Es ist ein Eiertanz mit Lüften und Zumachen und ich habe eben ne Weile mit Recherche nach zahlbaren und passenden Klimageräte verbraten. Das wird wohl eine größere Recherche brauchen. Zumal ich keine Ahnung habe, was wirklich gut funktioniert und so …

Das Schlimmste an der Hitzewelle ist für mich immer das Nicht-wissen-wie-Lange. Es ist eine viel zu lange dauernder Ausnahmezustand, der die letzten Reserven an Durchhalteenergie auffrisst und mich täglich müder macht.

Ich mache gefühlt ständig Tippfehler, brauche für alles länger, bin träger, stoße mich auch ständig wo an, bin schussliger, kann mich weniger lang fokussieren … Matschehirn.

Und dazu ständig die Reizüberlastung der Haut durch die Hitze.

Mit dem Kühlakku unter den Füßen gehts mir deutlich besser im Homeoffice. Aber das Hirn macht trotzdem immer so viele Fehlzündungen, denen ich mit Akzeptanz nicht beikomme.

Es ist ja nicht nur das Denken, da ist auch ein von einem sensorisch überreizten Hirn gesteuerter Körper.

+++

8. August
Die kühle, windige Nacht (16 °C) hat der Wohnung und mir gut getan.

Ich hoffe, der 32 °C-Tag wird sie nicht wieder allzu sehr aufheizen. Nach der Bib-Schicht will ich mit dem Rad & der eingepackten Hängematte einen ruhigen Badeplatz ansteuern.

Am Sonntag in einer Woche sind erstmals wieder kühle Tage (= 29 °C) angesagt. Schauen wir mal.

12. August
Der viertletzte ü30-Tag dieser Hitzewelle. In einer Woche werde ich mich morgens vielleicht wieder in meinen Morgenmantel kuscheln können.

Temperaturverlaufskurve in der Nordschweiz Die Kurven zeigen die Zeit vom 22. Juni bis Ende August, wobei die zweite Augusthälfte fehlt. Die täglichen und nächtlichen Mittelwerte betragen 31 und 17 °C. Die letzten kühleren Tage sind aus der Prognose meiner Wetterapp entnommen.
Temperaturverlaufskurve in der Nordschweiz Die Kurven zeigen die Zeit vom 22. Juni bis Ende August, wobei die zweite Augusthälfte fehlt. Die täglichen und nächtlichen Mittelwerte betragen 31 und 17 °C. Die letzten kühleren Tage sind aus der Prognose meiner Wetterapp entnommen.

+++

13. August

Ich glaube, persönlich war das jetzt die schlimmste aller Hitzenächte. Manchmal denke ich, dass die Nächte eigentlich noch schlimmer sind als die Tage, weil ich mich tagsüber irgendwie (theoretisch) ablenken kann, nachts aber will ich ja eigentlich ‚nur schlafen‘. Doch das ist einfach schwer, wenn die Luft trotz Rundum-Durchzug dich fast erdrückt und die Haut gefühlt brennt.

Um 2:00 waren noch immer 26 °C im Zimmer bei draußen 24 °C. Dank meiner neuen Wetterstation (endlich!) kann ich selbst messen.

Im Wohnzimmer hatte es am Abend wieder 28 °C gehabt.

Das Bild zeigt einen Wecker, eine Wetterstation mit Uhr und ein Thermometer. Die Uhren zeigen die Uhrzeiten 6:46 und 6:47 an, während die Wetterstation Temperaturen von 20,7 °C (außen) und 24,2 °C (innen) anzeigen. Die Luftfeuchtigkeit beträgt innen 39 % und außen 43 %. Oben links ist das Datum eingeblendet: 13. 8. 26
Das Bild zeigt einen Wecker, eine Wetterstation mit Uhr und ein Thermometer. Die Uhren zeigen die Uhrzeiten 6:46 und 6:47 an, während die Wetterstation Temperaturen von 20,7 °C (außen) und 24,2 °C (innen) anzeigen. Die Luftfeuchtigkeit beträgt innen 39 % und außen 43 %. Oben links ist das Datum eingeblendet: 13. 8. 26

Vielleicht jetzt einkaufen wegen Kühle und alle hilfreichen Morgenroutinen auf danach verschieben? Oder wird mir das den ganzen Tag zerschießen?

So Fragen während Tag X dieser Hitzewelle.
(Hitzewelle versus Autismusspektrum)

+++++++++++++++++

Das waren weitere Momentaufnahmen aus meinem Alltag. Für die Akten. Archiv eines Lebens am Limit.

»Die Hitze belastet auch psychisch«, titelte heute das Republik-Magazin seinen Klima-Newsletter: https://www.republik.ch/

Link zum Artikel: Zu heiß für klare Gedanken
PDF zum Artikel: Zu heiß für klare Gedanken

Über die wegbrechende Lebensqualität schrieb ich ja schon. Bis jetzt waren die Katastrophen immer anderswo, weit weg. Jetzt ist die Klimakatastrophe auch bei uns Wirklichkeit geworden. Und an der Hitze wird so viel gestorben wie schon lange nicht mehr. 

Ein winziger Teil von mir findet es gerecht, dass es nun auch uns an den Kragen geht und nicht nur immer den Menschen in all den Ländern, die der Westen schon immer ausgenutzt hat und noch immer ausnutzt.

Der anderere, größere Teil in mir möchte, dass es niemandem an den Kragen geht und dass wir alle die vielfältigen Krisen endlich gemeinsam lösen und die Geschichte der Menschheit drehen können; der Wunsch nach einer idealen Erde ist groß in mir.

Meine Fluchtorte sind Bücher und Filme.

Dazu sehne ich mich nach dem Ende dieses Ausnahmezustandes, nach Herbst, nach kühleren Tagen, nach kühleren Nächten, nach mehrheitlich tagsüber geschlossenen Fenstern, nach Ruhe, ohne immer die ganzen Außengeräusche – Baustellenverkehr und Kirchenglockenlärm – durch das einzige tagsüber auf Kipp stehende Fenster hören zu müssen.

Mir – und den Menschen, die ich im realen Leben normalerweise sehe –, ist es zu heiß für Treffen. Die Hitze zwingt mich und viele zu einem Leben in der halbwegs kühlen Wohnung (aktuell 27 °C, bei Außentemperatur auf dem Balkon im Schatten: 34 °C).

Die Ventilatoren haben viel zu tun: entweder trösten sie uns mit kühler Luft oder aber sie pusten die warme Luft abends nach draußen, damit die kühlere Luft hineinströmen kann. Wohl denen, die so ein Gerät haben.

Ich bin froh, dass ich meinen stets glühendheißen Füßen – dank Kühlakku in einem alten Kissenanzug – etwas Gutes tun kann. So geht es einigermaßen. Sich im Überlebensmodus einrichten ist die Herausforderung der Stunde. Und möglichst nichts Anstrengendes tun. (In dieser Hinsicht bin ich mir sehr meiner Privilegien bewusst.)

Tragen wir uns Sorge, uns und unseren Mitmenschen.

Tagebuch der Klimakrise 03

16. Juli
Kühle regenfrische 17-18 °C draussen. Die Wohnung das erste Mal seit langem wieder 23 °C kühl.

Noch ein heißer Tag (30 ° C), dann werden weniger heiße mit kühleren Nächten folgen. (Für wie lange wohl?)

Es tut sooo gut!

+++

24. Juli
Derweilen macht sich die nächste Hitzewelle auf den Weg in die Schweiz.
Vielleicht doch Sommerschlaf (analog zu Winterschlaf)?

+++

27. Juli
Ab morgen wieder nur noch ü30 °C-Tage und nur noch 2-3 u20 °C-Nächte. Wobei 18 °C auch schon quasitropisch ist.

+++

31. Juli
Abgesehen vom reißerischen Titel lesenswert:
»Neue absolute Hitzerekorde auf der Alpennordseite«

Die 4. Hitzewelle dieses Sommers. Erst der 3. Tag und kein Ende in Sicht …(Die erste war Ende Mai)

https://www.meteoschweiz.admin.ch/ueber-uns/meteoschweiz-blog/de/2026/07/neue-absolute-hitzerekorde-auf-der-alpennordseite.html

+++

1. August (Nationalfeiertag)
In der Nacht regnete es zum einen Fenster rein, die anderen sind zum Glück alle unter Dächern. Doch ausgerechnet gestern ist der Veloüberzug von der Sonne zerrissen. Jetzt ist der Sattel plotschnass.  Weil der Schutz nicht drauf war.
Jä nu … der trocknet wieder.

Ich hoffe, es regnet noch mehr … die Prognosen sind gruselig.

Immerhin das: Der Nationalfeiertag wurde gesamtschweizerisch ohne Feuerwerk und Augustfeuer begangen (wegen Waldbrandgefahr).

+++

2. August
Diese kurzen zwei Minuten der gefühlten Abkühlung nach der kalten Dusche. Hachz.

Gestern sind wir mit den Rädern bei lieben Menschen gewesen, 15 km hin (mittendrin ein Aarebad mit Abendpicknick), und später, als es kühle Nacht ist, wieder alles zurück, alles auf Aareradwegen. Ich liebe die Schweiz einfach für ihr Radwegenetz.

Dieses Nachtsfahren hat was. Ich glaube, das könnte meine neue Hitzewellenmedizin werden.

+++

3. August
Ich hab eben die neuen Wetterprognosen angeschaut. Mir wird ganz anders. Gestern sah es nach einer längeren ‚Unterbrechung der Hitze‘ aus, heute sieht es nach gerade mal 4 abkühlenden Nächten unter 18 °C aus. Und u30-Tage werden auch nur 4 angezeigt. Dann gehts wieder aufwärts.
Es ist so unglaublich anstrengend

Ich habe Glück, dass ich inmitten von Flüssen und Wäldern wohne. Immerhin viele Abkühlungsorte (Wasser) in der Nähe. Aber nur schon das Rausgehen ist Horror. Ich muss mich ständig kühl halten mit Venti, kühlen Tüchern, nassem Bikinioberteil …
Die Notwendigkeit, damit einen besseren Umgang zu finden, hasse ich. Es sollte nicht notwendig sein.

+++

4. August
Für die Akten:
Erste Laubbläsersichtung am 4. August! Immerhin fällt der Hitze wegen Rasenmähen weg.

Morgendliches Durchzug-Lüften als akustischer Super-GAU.

(Sind jetzt eigentlich alle durchgedreht?)

Diese 3. abendliche Radtour gestern war so genial. Diesmal wegen Hitze später und ohne Picknick. Anfängliches Fahren wie durch Haarföhnhitze, am Waldrand dann endlich ein Mü kühler. Vor dem letzten Drittel das erlösende, aaaah-auslösende Limmatbad, wo jetzt vermutlich irgendwo meine Radhandschuhe liegen. Der Rückweg schließlich im herrlich hautliebkosenden Regen.

Und den ebenfalls verloren geglaubten Schlüsselbund finden wir später in meiner Fronttasche unter dem Flickzöix.

Nasses Handtuch um zwei Kühlelemente (für Kühlboxen) wickeln, auf den Boden und – ah! – heiße Füße drauf.

Bei mir sind die Fußsohlen fast immer die schmerzhaft-heißesten Körperstellen. An den Füßen tut mir die Hitze regelrecht weh, und am Kopf. Der restliche Körper leidet auch, aber weniger im schmerzhaften Sinn, eher durch die sensorische Reizüberflutung der Haut.

Juhu, es regnete. Nur noch 27 °C in der Wohnung und 29 °C draußen. Alle Fenster auf, fast so was wie Wind gibts auch. Luftaustausch tut gut.
Vielleicht wirds heute keine Radtour, aber ein Spaziergang?
Oder Sofa? Sofa geht immer.

+++

5. August
Aus den 4 u30-Tagen und u20-Nächten ist ein einziger u30-Tag geworden und die u20-Nächte sind auch eher zufällig verstreut …

Ich mag nicht mehr.

Morgähn. Wir machen das jetzt wahr mit dem frühen Losfahren. Nach Tee/Kaffee auf die Räder Richtung Rhein. Ich nur ein Stück, der Liebste weiter Richtung Schwarzwald und nach Hause …
So lange es ‚kühl‘ ist.
Jedenfalls war es temperaturmäßig eine relativ erträgliche Nacht u20, auch wenn ich doof geschlafen habe.

Später: Noch nicht mal 12 Uhr und ich bin schon 25 km geradelt, war einkaufen und in der Bib Bücher zum Einfassen holen – ich mache das von daheim aus, weil es in der Bib so heiß ist –, habe das Bett frisch bezogen, zwei Waschmaschinen gewaschen, eine schon gehängt, die zweite gleich. Ach, und gefrühstückt hab ich zwischendurch und den Pillenvorrat für eine Woche gerichtet. Und geduscht …

Langsam kommt die Müdigkeit und ich verstehe so langsam dieses Konzept mit der Siesta in heißen Ländern.

+++++++++++++++++

Das sind ein paar Momentaufnahmen aus meinem Alltag. Für die Akten.

Wie eine so lebt, während draußen die Welt kollabiert.

Die Surrealität dieses Sommer haut mich immer wieder aus den Socken; zwischendurch fühlt es sich aber auch so an, als sei es immer schon so heiß gewesen. Doch auch das ist irgendwie unwirklich.

Mit dem Wegbrechen von ansonten in diesen Gegenden üblichen Sommertemperaturen geht nicht nur unsere Lebensqualität verloren. Ganze Perspektiven brechen weg, die Natur leidet – die Wälder, die Ernten, die Tiere, Wasser wird immer kostbarer. Die Frustration über all die jahrelang verpassten und vertanenen Gelegenheiten, politisch sinnvolle Entscheidungen zu treffen, macht mich unglaublich müde und wütend.