Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn

Ich habe echt gemeint, solche Menschen seien ausgestorben!, sagte ich zu meinem Liebsten. Gestern Abend. Ich hatte mir tagsüber eine von zwei möglichen Arbeitsstellen angeschaut, die mir meine zukünftige Arbeitsgeberin, eine Stiftung im Bereich Jugendförderung, vorschlägt. Im August soll ich dort anfangen. Naiver Gedanke, das mit dem Aussterben dieser Spezies, dennoch hatte ich ihn gedacht, vielmehr gehofft, dass dem so sei.
Aussterben tun die nicht. Leider. Die wachsen nach. Wie Löwenzahn!, sagte J. pragmatisch. Nur dass Löwenzahn wenigstens schön ist.
Die Gruppe, die ich allenfalls ab August jeweils ab mittags mit betreuen soll, besteht aus neunundzwanzig Kindern zwischen acht und fünfzehn Jahren mit eher bildungsfernem und teilweisem Migrationshintergrund. In der Regelschule kamen sie nicht mit und besuchen darum entsprechende Förderklassen. Kleinklassen heißt das in der Schweiz, hieß es jedenfalls früher. Den Betreuungsteams obliegt die Nachmittagsgestaltung inklusive Aufgabenhilfe. Nicht grad mein Traumjob, doch immerhin ein Anfang.
So weit, so gut.
Wenn da nicht die Frau Generalin wäre, die der Gruppe vorsteht. Also eigentlich sind es ja zwei Frauen, wobei ich der anwesenden Kollegin nicht mal vorgestellt worden bin und von dieser nur ungefähr zwei oder drei Sätze gehört habe. Jeder Versuch, mit ihr Kontakt aufzunehmen, wurde „zufällig verunmöglicht“. Frau Generalin, um die fünfundfünfzig oder sechzig Jahre alt und ledig, wie die ringlose Hand zeigt, Frau Generalin also treibt dort nach allen Regeln der unpädagogischen Kunst ungebremst ihr Unwesen, ihre Machtspiele, und schwingt mit dem Zuckerbrot in der Hand die Peitsche mit der andern. Strubbelt den Kindern ungefragt über den Kopf oder packt sie hart am Arm um ihren Aufträgen Befehlen Nachdruck zu verleihen. Grundsatz 1: Misstrauen. Grundsatz 2: Feindbild Kind. Darum hat sie nie, aber auch wirklich nie!, einen normalen Gesprächston drauf, wenn sie mit den Kindern redet, sondern klingt immer latent fordernd, anklagend, beschimpfend, kritisierend. Schon am Telefon, als sie mir den Weg erklärte, war dieser Ton da. Dieser Ich-weiß-es-besser-Ton, den ich auf den Tod nicht ausstehen kann. Pausenlos redete sie über die Wichtigkeit von guter Kommunikation und Harmonie im Team, widersprach sich aber laufend selbst, indem sie sagte, dass jemand den Karren schließlich schmeißen müsse.
Die meisten Kids kamen um dreizehn Uhr. Zum Essen. Verteilt auf Tische mit je vier Kindern wurde das Essen ausgegeben. Erst als alle ganz still waren, war Frau Generalin zufrieden. Dann musste eins der Kinder beten – *würg-argh* – und schließlich ging die Fütterung los. Wobei die kleineren Kinder im größeren Raum nicht reden dürfen, die größeren im kleineren Raum zwar schon, doch nur leise. KZ-Stimmung, sorry, liebe Leute, aber das habe ich gedacht. Nichts von Sinnlichkeit, Lebenslust und Lachen.
Kaum wechselte Frau Generalin den Raum, ging das Geknuffe, Gekicher, Geflüster und das Augenverdrehen los. Dampf muss abgelassen werden. Muss. Physik. Sonst knallt es. Je restriktiver Erziehung ist, desto mehr staut sich ungelöstes an. Hinter der Fassade. Zugegeben, die Fassade ist nett. Auswechselbar. Unpersönlich. Lieblos.
Beim Essen nahmen ein paar Kinder Blickkontakt mit mir auf. Ich las in ihren Augen Resignation und Frustration. Sehnsucht. Leid. Mit meinen Augen, ich durfte ja nicht reden, versuchte ich Mut zu geben. Keine Ahnung, ob er angekommen ist.
Ich war vor dem Eintreffen der meisten Kinder da gewesen, hatte mir ein paar einführende Worte von Frau Generalin angehört, stehend, ohne dass sie mir etwas zu trinken angeboten hätte, und hatte ihr anschließend ein paar Fragen zu Umfeld und Netzwerk, zur Zusammenarbeit mit der Schule gestellt, weil ich dieses Betreuungssystem von der Schweiz her nicht kenne. Sie meinte nur, in jenem ähnlichen Ton übrigens, den sie auch den Kindern gegenüber drauf hatte:
Das müssen Sie gar nicht wissen. Das braucht Sie nicht zu beschäftigen. Da müssen Sie nicht drüber nachdenken. Das geht Sie nichts an. Das betrifft Sie nicht.
Weil sie mich nicht irgendwie mit einer Aufgabe betraute oder sonst wie beschäftigte, war ich durch die Räume spaziert. Ich hatte die Bilder und Basteleien – stereotype Kreativität nach Vorlage – angeschaut, denn da alle schon anwesenden Kinder gut miteinander gespielt hatten, wollte ich mich nicht aufdrängen. Möglich, dass das keinen guten Eindruck machte. Mir egal, denn ich würde eh nie mehr hierher kommen. Lieber arbeitslos als hier zu arbeiten. Jedenfalls nicht mit Frau Generalin zusammen. Bloß weg hier!
Auf dem Klo, noch vor dem Essen war das, smste ich J. mein Dilemma. Worauf er sofort. anrief.
Dann muss ich also früher hier losfahren!, sagte ich laut ins iPhone, als die Frau Generalin auf dem Hof, auf den ich zum Telefonieren ausgewichen war, an mir vorbeiging. Später, wieder drin, sagte ich zu ihr, dass mein Freund, dessen Auto ich mir heute ausgeliehen hätte, weil meins in der Reparatur sei (was wahr ist), wegen eines Notfalls das Auto brauche (Notlüge, dafür muss ich hoffentlich nicht nach Santiago pilgern :-)).
Um zwei Uhr machte ich mich vom Acker. Im Auto hätte ich heulen können. Die armen Kinder!, dachte ich ständig, was wird nur aus ihnen!? Wenn nur ich schon, nach zweieinhalb Stunden, vom Zusammensein mit dieser Frau traumatisiert bin und nachts (das wusste ich allerdings damals noch nicht) Alpträume hatte, wie viel mehr muss dieser Umgang den Kindern das Leben erschweren? Dieses dauernden Bloßgestellt- und Angemotzt-Werden? Zum K… Und doch ist das hier gewiss kein Einzelfall.
Was wäre die Welt ohne Kinderlachen und Blumen, sagte ich zu J., am Abend, als ich unseren Blumen und Tomaten beim Wachsen zuschaute. Das Schlimmste, was ein Mensch tun kann, ist Kinderlachen kaputtzumachen.
Merke:
1.) In Deutschland gibt es nicht nur nette Menschen …
2.) … aber auch!!!

0 Gedanken zu „Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn“

  1. Seltsamerweise sind es oft solche Leute, die leitende Positionen innehaben…
    Liebe D., nicht verzweifeln, die Psychotherapeuten müssen auch leben und die Kleinen sind ihre Zukunft!
    Aber ich verstehe Dich voll und ganz.
    Mein jüngster Sohn hat seine Ausbildung gerade bei einer ähnlich Strukturierten (24-jährigen!!!!!!!) durchlaufen, Anfang August ist er fertig und will schnellstmöglich dort weg. Gestern sagte er: „Weißt Du, es gibt doch diese Merkwürdigkeit der Selbstentzündung bei Menschen. DAS gehört solchen Kreaturen: von innen verbrennen!“
    Auch ich bekomme Mordgedanken, wenn ich so ein Gegenüber habe, denn das Leben könnte so schön sein ohne die Zerstörer!

  2. Es gibt nichts gutes, außer man tut es.
    Vom Konjunktiv „Was wäre die Welt ohne Kinderlachen“ wird nix.
    Auf, auf, D., ab August wird Kinderlachen repariert. Nur Mut!

  3. ihr zwei: danke!
    ja, lieber axel, lachen geht nur im präsenz. nix da konjunktiv. kinderlachen ist noch, zum glück, und blumen auch.
    liebe rosi, ich weiß, was du meinst.
    diese powergames aber auch immer!!! sind ja selbst nur menschen, die kompensieren „müssen“. leider auf kosten der schwächsten!
    ach nochwas: ihr gehört zum merksatz punkt 2!!!
    🙂

  4. Bleib bloß weg von diesem Job. Eine solche Generalin ist bei uns die Firmeninhaberin, zwei Jahre lang hab ichs ausgehalten. Montag ist mein letzter Arbeitstag. Meine Kollegen können dieselbe Entscheidung treffen, was sie in der Regel auch tun. Die Kinder in dieser Einrichtung können das nicht, aber du wirst ihnen nicht helfen können. Das Leben ist nicht fair. Mir tuts Leid um die Kinder.

  5. danke, liebe a.! ich hoffe, dass die kinder eines tages durchschauen, was da abgeht! dir wünsch ich einen heilsamen abschluss!
    herzlich d.

  6. ich habe dir gemailt und doch, wenn ich die geschichte heute noch einmal lese, gruselt es mich aufs neue… nicht hat sich geändert in unserem land? ich hatte solche generäle in meiner ausbildung zur erzieherin städnig um mcih herum, das war in den siebzigern, den frühen, dann habe ich es geschmissen, weil ich mir nicht vorstellen konnte meinen alltag ständig mit solchen leuten zu verbringen – mein mitgefühl galt den kindern, die sich nachts im bett herum warfen, einnässten (erfahrungen aus einem kinderheim) und auch sonst eher unzugänglich waren, ständig wurde bestraft, ständig gemaßregelt, das war nur grusig und dann lese ich deine geschichte – vier jahrzehnte später…
    und doch weiß ich, dass sich etwas geändert hat, dass es auch andere einrichtungen gibt, die es wirklich anders machen- so möchte ich dir empfehlen: halt ausschau nach diesen…

  7. Ach du Schreck! Was für ein erschütternder Bericht! Da kriegt man ja schon vom Lesen ’ne Gänsehaut! Wie muss dir das erst live vor Ort alles vorgekommen sein… 🙁
    Ich drück dir ganz fest die Daumen, dass dein heutiger Termin schöner und froher wird!
    Liebe Grüße,
    Andrea

  8. Das ist echt bitter … Ich drücke dir die Daumen, dass du einen besseren Job findest, indem du deine Ideale verwirklicht siehst!
    Liebe Grüße von Kati

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